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      Forscher beweisen: Cannabis ist das sicherste Medikament der Welt

      Von Matern Boeselager

      Redakteur

      Februar 25, 2014
      Aus der Kolumne 'Jeden Tag 4/20'

      Foto: Mark | FlickrCC BY 2.0

      Nachdem vor knapp zwei Wochen der Fall einer Engländerin Schlagzeilen machte, deren Tod zwei Ärzte fälschlicherweise auf das Rauchen eines Joints zurückgeführt hatten, hat Deutschland nun seine eigene Enthüllung: Gerichtsmediziner der Uniklinik Düsseldorf wollen die weltweit ersten Todesfälle nachgewiesen haben, die durch Cannabis-Konsum ausgelöst wurden.

      Dr. Benno Hartung, einer der Autoren der Studie, erklärte im Interview mit der Bild („Totgekifft!”): „Wir haben seit 2001 Fälle gesammelt. Bei zwei Fällen konnten wir nun jede andere Todesursache komplett ausschließen. Die beiden Männer starben an Herzrhythmusstörungen, die durch den Cannabis-Wirkstoff THC ausgelöst wurden.“

      Das ist tatsächlich eine ziemliche Neuigkeit, weil es bis jetzt noch nie gelungen ist, einen durch Cannabis verursachten Todesfall nachzuweisen. Die amerikanische Drogenaufsichtsbehörde (DEA) hatte Ende der 80er verzweifelt versucht, Versuchstiere mit Cannabis umzubringen, um einen LD-50-Wert (die für 50% der Testpersonen tödliche Dosis) für die Droge zu ermitteln. Das Ergebnis: Es ist physikalisch unmöglich. Aus dem Bericht der DEA:

      „Eine Reihe von Forschern hat erfolglos versucht, den LD-50-Wert für Marihuana anhand von Versuchstieren festzustellen. Vereinfacht gesagt konnten die Forscher den Tieren nicht genug Marihuana geben, um ihren Tod herbeizuführen.

      Gegenwärtig wird geschätzt, dass der LD-50-Wert von Marihuana um 1:20.000 oder 1:40.000 liegt. Für Laien bedeutet das, dass ein Raucher 20.000 oder 40.000 mal soviel Marihuana konsumieren müsste wie in einer Marihuana-Zigarette enthalten ist, um den Tod herbeizuführen… ein Raucher müsste theoretisch an die 1.500 Pfund Marihuana innerhalb von 15 Minuten konsumieren, um eine tödliche Reaktion hervorzurufen.“

      Zum Vergleich: Der LD-50-Wert von Acetylsalicylsäure, der in Aspirin enthaltene Wirkstoff, liegt bei 1:20. Für die überwältigende Mehrheit aller verschreibungspflichtigen Medikamente liegt der Wert bei 1:10, oft noch niedriger. Das bedeutet im Klartext, dass Acetylsalicylsäure theoretisch mindestens eintausendmal tödlicher ist als Cannabis.

      Die Entdeckung der deutschen Gerichtsmediziner bestätigt diese Einschätzung: Wenn man ihrer Recherche Glauben schenken darf, haben sie weltweit die ersten Todesfälle durch Cannabiskonsum nachgewiesen. Der Einleitung der Studie kann man entnehmen, dass allein im Jahr 2009 schätzungsweise zwischen 125 und 203 Millionen Menschen mindestens einmal Cannabis konsumiert haben. Selbst wenn die beiden Todesfälle also durch Cannabis verursacht worden wären, würde Cannabis damit zum sichersten Medikament aller Zeiten.

      Die Ansicht teilt auch der Cannabis-Experte Dr. Grotenhermen. „Wenn man über jedes Medikament sagen könnte, nachdem man es jahrzehntelang verwendet hat, ‚wir haben jetzt die ersten beiden Todesfälle ausgewiesen’, dann sollte man eigentlich total begeistert sein“, erklärt der Experte. „Das werden Sie bei kaum einem Medikament finden.“

      Der Kurier vom Mittwoch: das ist nicht die Meldung.

      Bis jetzt scheinen die Medien eher begeistert, dass sie endlich echte Todesfälle haben, anhand derer sie das Kraut verteufeln können. Die Bild triumphiert, dass man Marihuana jetzt nicht mehr „beschönigend“ weiche Drogen nennen kann. Schließlich gibt es jetzt zwei Todesfälle! Noch mal zurück zu Acetylsalicylsäure: Ärzte schätzen, dass der Wirkstoff in Deutschland jedes Jahr „zwischen 1.000 und 5.000“ Todesfälle verursacht. Abgesehen vom Tod kann es „Geschwüre und Blutungen im Magen oder Darm“, Asthmaanfälle und Nierenschäden hervorrufen. Cannabis hat keine einzige dieser Nebenwirkungen.

      „Es ist eine sehr sichere Substanz, das wird auch durch diese Todesfälle nicht verändert“, erklärt Dr. Grotenhermen. Obwohl der Arzt dem Befund der Kollegen aus Düsseldorf skeptisch gegenübersteht—„Meistens findet man bei plötzlichem Herztod keine Ursache, und wenn man jetzt bei Betroffenen THC findet, dann sagt das ja über die Ursache nichts aus“—, will er trotzdem nicht ausschließen, dass Cannabis Gefahren bergen kann.

      „Cannabis wird sehr häufig verwendet, und deswegen kann es auch mit sehr seltenen Ereignissen im Zusammenhang stehen“, sagt er. „Das ist möglich, weil es kardiovaskuläre Wirkungen hat—es kann aber auch eine Koinzidenz sein.“

      „Es ist niemandem zu raten, mit Herzerkrankungen Cannabis zu verwenden, und auch niemandem mit einer Schizophrenie“, fährt Grotenhermen fort. „Das ändert aber grundsätzlich nichts an der großen Sicherheit und überraschend guten Verträglichkeit der Substanz. Und das wird ja durch die Studie noch mal bestätigt.“

      Der DEA-Bericht macht das noch deutlicher:

      „Aus strikt medizinischer Sicht ist Marihuana weit sicherer als die meisten Lebensmittel, die wir normalerweise zu uns nehmen. Zum Beispiel kann das Essen von zehn rohen Kartoffeln eine giftige Reaktion auslösen. Im Vergleich ist es physikalisch unmöglich, genug Marihuana zu essen, um den Tod herbeizuführen. In seiner natürlichen Form ist Marihuana eine der sichersten Heilsubstanzen, die der Menschheit bekannt sind.“

      RICHTIGSTELLUNG: Mittlerweile hat sich der Hersteller von Aspirin, Bayer, bei uns gemeldet, um ein paar Dinge klarzustellen. Vor allem wollen sie uns „darauf hinweisen, dass sich die Bestimmung der mittleren letalen Dosis (LD 50) auf den Wirkstoff Acetylsalicylsäure bezieht. Die Verwendung des Markenamens Aspirin als Synonym für diesen in vielen Arzneimitteln verschiedener Hersteller enthaltenen Wirkstoff ist auch vor diesem Hintergrund unpräzise und nicht gerechtfertigt.“

      Ausserdem: „Zu einer schweren, potentiell tödlichen Überdosierung des Wirkstoffs Acetylsalicylsäure kann es erst ab 500 mg/kgKG Acetylsalicylsäure kommen. Eine unbeabsichtigte schwere Überdosierung mit dem Arzneimittel Aspirin ist aufgrund der dafür erforderlichen hohen Mengen überaus unwahrscheinlich – eine 67 kg schwere Person müsste hierfür 33,5 g (entspricht 67 Tabletten a 500 mg) einnehmen.“

      „Generell ist Aspirin seit 115 Jahren auf dem Markt und eines der am längsten erforschten Arzneimittel unserer Zeit, das sich millionenfach bewährt. So steht der Aspirin-Wirkstoff beispielsweise seit über dreißig Jahren auf der „Liste der unentbehrlichen Arzneimittel“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO).“ Also nochmal: der Artikel hatte nicht den Zweck, Aspirin als gefährlich darzustellen, sondern die Ungefährlichkeit von Cannabis im Vergleich zu einem sehr vertrauten und breit genutzten Medikament hervorzuheben. Auch ich nehme gerne Aspirin, vor allem Sonntagmorgens. 

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      Themen: Kiffen, cannabis, Benno Hartung, Todesfall, Legalize it

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