Angst, Unsicherheit, Trinken und Ficken

von Grey Hutton

Oscar Lebeck ist 19 Jahre alt und hat letztes Jahr sein Abi gemacht. Er ist in Hamburg geboren, lebt jetzt in Berlin und macht Fotos von seinen Freunden, wie sie in exzessiven Momenten der Freude, Angst und beim Trinken erwachsen werden. The Future is Unwritten zeigt die Freude der Jugend, aber auch deren Ängste und Unsicherheiten. Egal ob es ums Kämpfen oder Ficken geht, es ist erfrischend, diesen Lebensabschnitt so geschickt mit den Augen von jemandem repräsentiert zu bekommen, der diese Erfahrung sogar selber erlebt hat und noch mitten drinsteckt.
Oscar hat schon im Museum für Zeitgenössische Kunst in Tokyo ausgestellt, und zur Zeit läuft im Hotel Bogota in Berlin eine Show von ihm. Obwohl er selber gerade durch Nepal tingelt, habe ich es geschafft, ihm ein paar Fragen zu stellen.

VICE: Seit wann machst du jetzt schon Fotos?
Oscar Lebeck: Ich glaube, den ersten Film, den ich belichtet habe, war mit acht oder neun. Damals habe ich mit einer Einwegkamera die Kühe meines Nachbarn in Frankreich fotografiert.

Obwohl du so jung bist, zeigen deine Bilder echtes Verständnis für deine Objekte. Warum ist das so?   
Ich versuche, den Leuten als Mensch zu begegnen und als Fotograf, der ihnen etwas nehmen will. Ich will miterleben, mitwirken und Teil haben. Es gibt dann aber auch Situationen, wo man die Kamera lieber liegen lässt, weil man selbst empfindet, dass dies ein unpassender Moment ist, obwohl es sich vielleicht vom Bild her lohnen würde.

Wie finden es deine Freunde, dass intime Momente von ihnen dokumentiert und auf der ganzen Welt gezeigt werden?
Wenn man viel Zeit mit bestimmten Leuten verbringt, dann entsteht eine Nähe, in der man Vertrauen fast. Es gibt Situationen, da helfen Fotos, sich zu erinnern. In dem Augenblick, wo ich den Leuten ins Gesicht Blitze, sind sie natürlich genervt. Wenn sie aber später die Bilder sehen, sind sie auf eine gewisse Weise dankbar. Dankbar für eine Erinnerung, die sonst verloren gegangen wäre.

Junge Leute, die Spaß haben, werden bei VICE oft behandelt. Wenn du für VICE fotografieren könntest, was wäre das?
Die letzten Tage habe ich in Kathmandu, Nepal, verbracht. Auf einer Brache, wo sonst die Leute Cricket spielen, habe ich eine Gruppe von Jugendlichen aus den USA und Neuseeland beobachtet, die eine Art Missionierungsshow veranstaltet haben. Sie haben von Jesus und Gott geredet und das mit Tanz und Musik unterlegt. Sie kamen von der Organisation „Youth With a Mission“. Ich habe dann die Heilversuche fotografiert, was wirklich eigenartig ausschaute. Sie legten alle ihre Hände auf einen Nepalesen, der Schmerzen in der Hüfte hatte. Nach zehn Minuten Jesusgerede fragten sie ihn, ob die Schmerzen weg sind. Er meinte daraufhin „Nein“, und sie fingen von vorne an, bis der Typ so genervt war, dass er schließlich meinte, er sei geheilt. Ich fand diese Gruppierung sehr spannend und würde gerne mehr Aktionen wie diese dokumentieren. Wobei man dann wahrscheinlich selber eine Gehirnwäsche verabreicht  bekommt.

Welche Geschichte verbirgt sich hinter dem Typen, der auf den Boden sabbert?
Das war auf einen Geburtstag in einem kleinen Kaff in Brandenburg. Es lief in einer Scheune laut Musik. Ich weiß leider nicht mehr, welcher Song, aber dieser Song brachte ihn zum Kniefall, woraufhin er sich einfach fallen ließ. Es handelt sich um einen Typen, der sich ohne etwas zu trinken oder Ähnliches in völlige Ekstase begeben kann.

Hast du das Gefühl, dass junge Leute wegen ihrer ungewissen Zukunft beunruhigt sind?
In einem bestimmten Alter kommt man an einen Punkt, wo man wegweisende Entscheidungen treffen muss, was für manche leichter und für mache weniger leicht ist. Es bleibt immer ein gewisser Teil Vernunft im Resthirn. Das Ungewisse ist eine Herausforderung. Die Unsicherheit kann aber auch Freude bringen.

Was steht als nächstes an?
Ich werde die nächste Zeit in Asien verbringen und kucken, was auf mich zukommt. Ich finde es interessant, Leute zu finden und zu fotografieren, die in meinem Alter sind, jedoch anders aufwachsen. Ich genieße die Zeit, in der ich mich frei bewegen kann und jedem beliebigen Weg folgen kann.

Nun, es wird interessant sein zu beobachten, wie deine fotografische Technik sich entwickelt, wenn du anfängst, Fotografie zu studieren. Was glaubst du, in welche Richtung wird sie gehen?
Ich probiere zur Zeit viel aus. Ob es schwarz-weiß, Farbe oder verschiedene Formate sind. Wichtig ist eigentlich nur, dass man eine eigene Bildsprache findet. Ich glaube, das Studium hilft dabei, diese zu festigen. Es kann natürlich auch sein, dass man jenen freien Blick verliert, den man vorher hatte. Mit der Bildsprache ist es vielleicht wie mit einem Edelstein. Man muss ihn erst schleifen, damit er zum wertvollen Diamanten wird.

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