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      HIV ist schachmatt, aber nicht getötet

      March 4, 2013

      Von Sven Job


      Holger Wicht von der der Deutschen AIDS-Hilfe

      Amerikanischen Forschern ist es gelungen, das HI-Virus bei einem neugeborenen Baby quasi auszuradieren. Wenn man sich die Internetgemeinde anschaut, dann sind die Meinungen hier zweigeteilt. „Auch wenn noch unbekannt ist WIE es gelungen ist, den HI-Virus zu besiegen - Wir wissen nun, dass wir es können“ sagt der User „besserewelt“ in einem Nachrichtenforum. „Ein bißchen Optimismus würde uns mal ganz gut tun“, meint „Schalhevet“ in einem andern Forum und auch der Twitterer „JohnRene85“ spricht von „Ein[em] Funken Hoffnung“. Doch besonders in der Twittersphäre bleiben manche skeptisch und „Gastrobo" bringt es auf den Punkt: „Bei n=1 und ohne Veröffentlichung sollte man nicht von einer Sensation reden, oder?" „Celsus" auf der Website der taz kommentiert: „Leider sind Zweifel angebracht. [...] So ganz im Hinterkopf habe ich doch noch ein anderes Forschungsergebnis, bei dem die Antikörper sich bei der mutterunabhängigen Körperabwehr später erst bildeten. Und leider ist auch für das Kind demnach noch keine Entwarnung zu geben."

      Andere gehen noch weiter. „hashemliveloirah“ schreibt: „Ich weiß nicht, ob Persaud das tatsächlich gesagt hat. Falls ja, sollte man ihn [sic] sofort vor die Tür setzen.“ Ein anderer User setzt noch einen drauf: „Das ganze ist unverantwortliches Blabla von geltungssüchtigen Ärzten.“

      Jeden Tag werden irgendwo auf der Welt Babys bei der Geburt mit HIV infiziert, weil die eigene Mutter das Virus bereits in sich trägt. So das Leben zu beginnen, ist eine schreckliche Sache. Es ist ein Fehlstart ins Leben, der besonders im Afrika südlich der Sahara viele Leben kostet. Aber AIDS ist genauso ein globales Phänomen, und die Behandlung war bis jetzt nur eine, die den Ausbruch der Krankheit und den Tod hinauszögern konnte—eine Heilung gab es bis jetzt nicht (sieht man vom „Berliner Patienten“ ab, der vor vier Jahren mit einer Radikaltherapie behandelt wurde, aber hier gibt es inzwischen Zweifel, dass der Patient wirklich geheilt wurde).

      US-Mediziner sind sich jetzt ziemlich sicher, eine Methode gefunden zu haben. Das Problem dabei: Sie wissen nicht, was genau das Baby geheilt hat. Gleichzeitig sind aber die Medien schon ganz aus dem Häuschen, wo vielleicht Skepsis angebracht wäre. Wir wollten von Holger Wicht von der Deutschen AIDS-Hilfe wissen, ob das der Durchbruch in der AIDS-Forschung ist, von dem die Menschheit schon lange träumt.

      VICE: US-Mediziner sagen, sie hätten nach eigenen Angaben erstmals ein bei der Geburt mit HIV infiziertes Kind praktisch geheilt. Der HI-Virus wurde bei dem Baby zurückgedrängt, bis es mit gängigen Verfahren nicht mehr nachweisbar war. Ganz verschwunden ist der Erreger der Krankheit damit aber nicht. Dürfen wir da überhaupt von einer Heilung sprechen?
      Holger Wicht: Wir denken ja. Wir wissen natürlich nicht, ob es so bleibt, wie es ist, aber die Chancen stehen gut: Das Kind ist viele Monaten in einem stabilen Zustand geblieben, HIV vermehrt sich also nicht mehr im Körper, obwohl keine Medikamente mehr gegeben werden. Bei anderen HIV-Positiven würde das passieren, aber nicht in diesem Fall. Das ist schon eine kleine Sensation. Deswegen sprechen die Forscher von einer „funktionellen" Heilung. 

      Was ist bei dieser funktionellen" Heilung passiert?
      HIV ist durch die Therapie nicht komplett aus dem Körper entfernt worden, aber das Virus ist sozusagen schach matt gesetzt—es kann sich nicht mehr vermehren beziehungsweise das Immunsystem hindert es daran.

      Kann das Virus nicht doch zurückkommen?
      Es gibt keine absolute Sicherheit, aber es spricht vieles dafür, dass das nicht passiert. Dank der ungewöhnlich frühen Behandlung schreitet die Infektion offenbar nicht mehr voran. Je länger das nicht passiert, desto unwahrscheinlicher, dass es doch noch dazu kommt. Wenn ein infizierter Mensch Medikamente nimmt, dann hemmen diese normalerweise die Vermehrung des Virus und verhindern damit das Fortschreiten der Erkrankung bis hin zu Aids. Bei dem Fall mit dem Baby haben sich nach Interpretation der Forscher die Erreger gar nicht erst in bestimmten Körperzellen festsetzen können, wo das Virus normalerweise „gespeichert“ wird. So konnte es sich von dort aus nicht wieder im Körper ausbreiten, als die Medikamente abgesetzt wurden. 

      Ist das ein großer Erfolg im Kampf gegen Aids?
      Es ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung, aber es sind noch viele Schritte notwendig. Wir wissen nicht, wann es soweit sein wird.

      Ist es eine Spontanheilung, ein medizinisches Wunder?
      Es ist keine Spontanheilung und auch kein Wunder, aber eine kleine medizinische Sensation. Die Ärzte haben vorhandene Medikamente eingesetzt, aber die Situation war ungewöhnlich: Das Baby hatte sich gerade erst infiziert (wahrscheinlich bei der Geburt) und die Ärzte konnten sofort therapieren. Bekannte Medikamente haben eine ungewöhnliche Wirkung erzielt, weil sie so früh gegeben werden konnten. 

      Hätten die Ärzte nicht warten sollen, bevor sie so eine Sensationsmeldung" rausgeben?
      Auf keinen Fall. Der Effekt ist offenbar nachgewiesen und gut beschrieben. Das ist etwas, was die Welt wissen muss. Es kommt natürlich darauf an, den Fall jetzt richtig einzuschätzen und weiter zu forschen. Dafür muss gerade auch Deutschland seine Anstrenungen verstärken—der deutsche Beitrag zur HIV-Forschung ist bislang viel zu gering.

      Ist praktisch geheilt" gar nicht richtig geheilt"?
      Der Virus ist nicht komplett aus dem Körper verschwunden, kommt aber nicht mehr zum Zug.In der Welt der Forschung wird das auch als Heilung bezeichnet—als „funktionelle" Heilung.

      Wie geht es jetzt weiter, kann die Forschung daran ansetzen?
      Diese Methode ist zunächst nichts für alle, die schon HIV-positiv sind, weil in diesem Fall die Medikamente eben sehr schnell nach der Infektion gegeben worden sind. Wer sich infiziert, erfährt das ja normalerweise erst deutlich später. Jetzt müssen wir schauen—wie kann man diese Effekte auch auf anderen Wegen erreichen. Mit einem neuen Medikament, das die Virenspeicher im Körper leeren sollte,gab es jetzt allerdings einen kleinen Rückschlag. Das wirkt leider nicht so gut, wie man gehofft hatte.

      Sind Sie optimistisch, was den Kampf gegen AIDS betrifft?
      Es wird immer wahrscheinlicher, dass in absehbarer Zeit ein Mittel zur Heilung der HIV-Infektion zur Verfügung steht. Es hat viele Fortschritte in kurzer Zeit gegeben—aber es kann trotzdem noch lange dauern.  Wir müssen jetzt die Forschung intensivieren, ohne in der Prävention nachzulassen!

       


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      Themen: AIDS, HIV, Medizin, Sven Job, Holger Wicht, Forschung, Arzt

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