Über den politischen Aschermittwoch denkt besser keiner nach

von Theresia Enzensberger

Es ist immer schmerzhaft, Politikern dabei zuzusehen, wie sie versuchen, witzig zu sein. Deshalb ist der politische Aschermittwoch hauptsächlich eine Übung in Fremdscham. Aber Volksbespaßung muss sein, vor allem im Wahljahr 2013. Passend zum Niveau der Veranstaltung stritten sich die SPD und die CSU schon im Vorfeld darum, wer wohl mit den meisten Besuchern aufwarten könne. 

Phoenix führte den Zuschauer zu den Veranstaltungsorten der verschiedenen Parteien. Da sah man zum Beispiel Sahra Wagenknecht bei den Linken, mit den zum großen Teil unheimlich aussehenden Wählern. Und man hörte den Kommentator bei den Grünen anmerken, hier gehe es etwas „bürgerlicher“ zu. Dann geht es endlich nach Passau zu der CSU. Denkt man. Aber nein, der unvermeidliche Papst funkt dazwischen. Während der Live- Übertragung seiner letzten Generalaudienz bekommt der geneigte Zuschauer aus gegebenem Anlass noch einen 45- Minütigen Crashkurs in Sachen Katholizismus.

Dann darf Edmund Stoiber endlich. Der ist extra aus Brüssel gekommen, wo er jetzt Leiter einer EU- Arbeitsgruppe zum Bürokratieabbau ist, was ihn endgültig zum König der unfreiwilligen Komik macht. Aufgrund eines Films über Franz Josef Strauß, der uns Zuschauern Gott- oder Papst- sei dank erspart geblieben ist, lobt Stoiber Strauß’ „Sachkompetenz“ (Stoiber hat dieses Wort bekanntermaßen sehr gerne) und ergeht sich in zärtlichen Erinnerungen an „den Franz Josef“, der einmal eine „ISCHE“ hatte. Wie bitte? Ach so, er hatte eine Entzündung am Ischias.

Nun gut. Nach ein paar Flachwitzen über die „Aschermittwoch-Importe“ der anderen Parteien, bei denen er vom gestelzten Hochbayerisch in einen breiteren Dialekt verfällt, wird das Tagesgeschehen abgehandelt. Papst, Stääähhht of Union, Euro, Asien, Steuererhöhungen, alles dabei. Dabei fährt Stoiber brav Parteilinie, spart aber mit Witzen so sehr, dass das Publikum im Saal vor lauter Langeweile nach einiger Zeit dieselbe Miene macht, wie die Herren in Rom vorher.

„Der Aschermittwoch ist keine Folklore“ hat er am Anfang seiner Rede noch gesagt. Da hat er aber etwas falsch verstanden. Er überzieht 20 Minuten und beendet seine Rede schließlich mit einer Kritik an der politischen Apathie. Aha! Der Zuschauer, der in der Pause vom Kommentator befragt wird, ist enttäuscht. „Früher, da war’s hier besser. Da waren die Reden knackig und kurz“. 

Horst Seehofer gibt sich große Mühe, das Ruder herumzureißen. Im Gegensatz zu Stoiber hat Seehofer allerdings verstanden, wie man sich beim bayerischen am besten anbiedert: Berlin-Bashing! Der Witz vom „Flughafen-Manager Wowereit“ wird nie alt. Außerdem ist das die perfekte Überleitung zum Länderfinanzausgleich, gegen den Bayern klagt.

Die anderen Schenkelklopfer werden gerecht auf die SPD und die Grünen verteilt. Es wimmelt von haarsträubenden Metaphern, er redet von Maibäumen in der Wüste, von Füchsen und Ziegen. Er zitiert Helmut Schmidt und brüstet sich dabei, seine Quellen immer anzugeben. „Mir kann kein Zettel aberkannt werden“

Eins ist klar zu erkennen, Seehofer richtet sich an die bayerische Basis der CSU, schmeichelt der Agrarwirtschaft und den Müttern, die brav zuhause bleiben, und sagt schließlich: „Wir brauchen keine Leute, die ständig nachdenken“. Wie jetzt, in Bayern denkt keiner nach? Da kommt endlich wieder Stimmung auf. Anstandshalber redet er auch noch ein bisschen über Europa, aber er will ja in Bayern wiedergewählt werden. Also sagt er zum Abschluss noch: „Hier soll jeder nach seiner Façon glücklich werden“. 

Vielleicht hätte er da mal seine Quellen überprüfen sollen, das hat nämlich Friedrich II. gesagt, derselbe Saupreuß, von dem auch das hier stammt: „Bayern ist das fruchtbarste Land Deutschlands, und das mit dem geringsten Geist ... es ist das irdische Paradies, bewohnt von wilden Tieren.“ 


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