In der Unterwelt mit Patrick Mohr

von Tim Neugebauer

Die Stufen führen hinab in die Katakomben. Aber statt Kellermuff riecht es nach frischem Lavendel. Dunkel ist es, Licht schummert farbig. Aus unsichtbaren Lautsprechern dringt Lärm: eine Collage aus Geräuschen des Kellers. Schritte, Schläge, Pfeifen, Schleifen. Das erste Modell scheint eher Frau zu sein als Mann, ist weiß geschminkt am ganzen Körper, mit einem Zopf, der vom Hinterkopf ins Gesicht fällt. Rote Fischaugen, barfuß. 

Mit der Schau seiner Kollektion für Herbst/Winter 13/14 bleibt Patrick Mohr in der zweiten Saison dem großen Zelt der Fashion Week fern. Stattdessen lädt er in einen Industriekeller in der Michaelkirchstraße: „Hier gibt es nicht dieses ,Wir sind wichtig und erste Reihe' und so. Die Leute kommen rein und jeder ist gleich. Egal ob ein Obdachloser oder eine Christiane Arp. Die schauen sich das unten einfach an, keiner ist wichtiger als der andere.“ 

Gleichstellung ist wichtig für Mohr. Aber auch, sich von allen anderen abzusetzen—das ist im Zelt unmöglich. 

Was zuerst auffällt ist, das Publikum ist nicht das gleiche wie auf den anderen Events der Fashion Week. Keine langen Chiffon-Röcke, keine Schlapphüte. „Ich mach hier gerade Business“, sagt Patrick über seinen Umzug nach Berlin. Die Türsteher bitten die Gäste, sich 10 Minuten zu gedulden, bevor es los geht. Die Leute rauchen wie vor einem Club. 

Natürlich ist auch diese Kollektion geschlechtlos—Teil von Mohrs Konzept. Ob Frau oder Mann ist den Entwürfen ziemlich egal. Umwickelt ist das Wesen mit materialgemixter Geometrie, ein ärmelloser Overall mit kurzem Bein. Lila Töne und blau, die einzigen Farben der Kollektion. Schwarz dominiert.

„Alles kommt von Herzen“, sagt Patrick Mohr. „Was in mir vorgeht, wie ich mich fühle. Schwarz, klar, düster—die Klamotten die du gesehen hast, ich habe so was noch nie gezeigt. Das bin ich im Moment.“ 

In der Tat zeigt Patrick vieles, was man von ihm noch nicht kannte. Natürlich sind Symmetrie und geometrische Formen dem Münchner weiterhin wichtig. Wer so viele Dreiecke auf seiner Haut trägt, ein wiederkehrendes Symbol bei ihm, kann sich verständlicherweise nur schwierig davon verabschieden. Aber das muss er auch nicht, schließlich ist es ein Konzept, das aufgeht und genug Spielraum bietet. Sich eben das zu Nutze zu machen, hat Patrick mittlerweile gelernt. Jedes (zumindest fast jedes) Teil dieser Kollektion beweist das. 

Leder macht alles wertiger. An schweren Winterjacken setzt Patrick Elemente von Spitze ein. Das nimmt die Härte und lässt sie weniger massiv wirken. Die Kollektion mag nicht groß sein: lediglich drei Models tragen Outfits, an vier weiteren Stellen des Gewölbes sind Jacken und Mäntel installiert. Aber gerade in Anbetracht der Entwicklung, die Patrick über die letzten Saisons durchlaufen hat, sollte der Umfang nicht an erster Stelle stehen. 

Patrick denkt zurück: „Ich hatte ja damals schon die Show mit den Glatzen und Bärten. Und für mich ist das jetzt praktisch andockend—eine Weiterentwicklung für die Zukunft.“ Damals musste er sich die Kritik anhören, mit dem Konzept der Show über mangelnde Ideen hinwegzutäuschen. Die Stücke der Kollektion waren teilweise bis zur Untragbarkeit reduziert (Key-Piece: einfarbigen Slips). Das ist vergessen. Das Konzept hingegen noch weiter gesponnen, die Entwürfe heute unendlich reifer. 

Patrick selbst ist sichtlich begeistert von seinem Werk. Immer wieder schleppt er Freunde hinab in die Katakomben, turnt herum, zupft hängende Mäntel zurecht, erklärt den massiven Aufwand, der in der Präsentation steckt. Und überzeugt. Endlich erwachsen.

 


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