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      „Wenn ich eine Frau wäre, wäre ich Beauty-Blogger“—LeFloid im Interview

      Von Lisa Ludwig

      Editor-in-Chief Broadly Deutschland

      October 7, 2014

      Alle Fotos: Jermain Raffington

      Über 2 Millionen Abonnenten auf YouTube, mehrere homoerotische Fanfictions und geifernde Teenager-Mädchen, wohin man auch geht—es muss ziemlich geil sein, in der Haut von Florian Mundt zu stecken. Während abseits der Videoplattform nur wenige seinen Namen kennen dürften, hat sich der Berliner unter dem dem Pseudonym LeFloid vor allem durch sein regelmäßiges Nachrichtenformat LeNews zu einem der größten Internetphänomene Deutschlands gemausert. Was konkret das bedeutet? Wenn der Berliner wollte, könnte er mithilfe seiner Fans die halbe Bundesrepublik an sich zu reißen—oder zumindest Berlin-Friedrichshain. Den Bezirk, in dem wir uns nach Monaten der Kontaktaufnahme endlich auf ein Glas Gurkenlimonade getroffen haben. Befreit von seinem ehemaligen YouTube-Netzwerk Mediakraft hat ein entspannter LeFloid uns erklärt, wie das eigentlich so ist, wenn man das Idol einer ganzen Teenie-Generation ist, warum er sich mit seinem Projekt 301+ das alte YouTube zurückwünscht und wie viel Geld man wirklich mit einem der meistgesehenen YouTube-Kanäle Deutschlands verdienen kann.

      VICE: Du scheinst es gar nicht so gerne zu haben, dass man dich als „YouTube-Star“ bezeichnet.
      LeFloid: Die Bezeichnung „Star“ ist ja eine Begrifflichkeit, die dir von anderen zugeschrieben wird. Du wachst ja nicht auf, stellst dich vor den Spiegel und sagst dir: So, heute bin ich mal Star, morgen wieder nicht. Wenn eine breite Masse dich dazu auserkoren hat und dich womöglich auch noch die dritte Zeitung so nennt, dann kannst du dir das nicht wirklich aussuchen. Das sind Namen und Titel, die dir andere aufdrücken. Es gibt aber Wege und Möglichkeiten, einer breiten Masse zu vermitteln, dass das eben nicht so ein Riesen-Olymp ist. 

      Man muss auch vergleichen, wie man sich als YouTuber in Berlin bewegen kann und wie man es in Köln tut. Das ist ein wahnsinniger Unterschied. Wenn ich hier in Berlin aus der S-Bahn steige, dann interessiert das keine Sau. Wenn ich in Köln mit dem Regio ankomme und irgendjemand hat das irgendwie über Twitter mitbekommen, stehen da 50 Leute und kreischen. Es ist schon eine völlig anders hochgezogene Kultur in dieser Stadt. Das ist wirklich richtig anstrengend geworden. Es ist natürlich auch ein grundsätzlicher Unterschied, ob du einem 15-Jährigen begegnest, oder einem 25-Jährigen. Aber in Köln ist glaube ich sogar der Community-Altersschnitt einfach niedriger. Hoffentlich schreibt da mal jemand eine Bachelorarbeit drüber.

      Was erwarten die sich dann von dir?
      Die wollen einen immer umarmen, was ich am Anfang recht befremdlich fand. Irgendwann habe ich aber resigniert und gedacht ‚OK …’, wenn das so in ist unter euch. Da sagt man ja auch nicht nein. Es gibt sowieso einen Unterschied zwischen einem Schauspieler und einem YouTuber, der sich eben über seine Community definiert. Dass sich jemand nicht traut, einen YouTuber anzusprechen, wird wegen der Augenhöhe, auf der man sich befindet, nur sehr selten passieren.

      Ist das einer der Gründe dafür, dass du sehr sparsam mit privaten Informationen umgehst?
      Ja, da bin ich auch wirklich froh. Ich habe es tatsächlich geschafft, dass mich von Studio71 jemand anruft und mich fragt, ob er mir bei WhatsApp kurz einen 15-Sekunden-Clip schicken kann, weil meine Freundin darin zu sehen ist. Die fragen mich dann, ob das so für mich OK ist, weil die Leute wissen, dass ich bei so etwas echt sauer werden kann—wie auch, wenn zum Beispiel Presseabteilungen Urlaubsfotos von meinem privaten Facebook-Account klauen.

      Du hast in einem Interview gesagt, dass du niemals ins Fernsehen möchtest.
      Ich habe keine Lust, für ein Format zu arbeiten, was ein reines Konsumgut darstellt—ohne die Möglichkeit, irgendeinen Eingriff oder eine vernünftige Interaktion mit Zuschauern zu haben. Wenn jemandem bei mir etwas nicht gepasst hat, kann er das direkt in die Kommentare schreiben. Wenn mir bei der Tagesschau was nicht gepasst hat, muss ich einen Leserbrief verfassen, oder wie? Wow! Ich finde diese Einbahnstraßen-Medien alle furchtbar langweilig.

      Wie viel Vor- und Nachbereitung steckt in so einer LeNews-Folge?
      Im Prinzip komplette eineinhalb Tage. Von der Themen-Sondierung mit den ganzen Infos, die ich auch von meinen Followern und Abonnenten bekomme, bis zum Herausfiltern, was davon wirklich relevant ist—für meine Zuschauer, aber vor allem auch für mich selbst. Dann muss man natürlich Quellen abchecken und aus drei, vier Sachen die Schnittmenge bilden.

      Ich habe mich heute morgen, weil ich einfach sehr früh wach war, dabei ertappt, dass ich nach langer Zeit mal wieder ein Skript geschrieben habe. Ich hatte ein paar Themen, bei denen ich es einfach ein bisschen anders machen wollte—noch weiter weg von 14-Jährigen und hin zu deutlich erwachsener, aggressiverer kommentatorischer Aufarbeitung. Ich arbeite normalerweise komplett ohne Skript und nur mit drei, vier Stichpunkten, die meistens nur im Schnitt eine Rolle spielen. Heute hatte ich aber tierischen Spaß daran, mal wieder was zu schreiben.

      Die Wenigsten haben eine Vorstellung davon, was den Gesamtaufwand angeht. Die Leute sind auch immer wahnsinnig erstaunt, wenn man sagt, dass es vier bis sechs Stunden dauert, so ein Video zu schneiden. Wenn du keinen guten Tag hast, auch gerne länger. Ich glaube auch, dass es die Wenigsten wirklich interessiert. Wenn mal eine Woche lang kein Video kommt, kommt direkt „Ich habe dich nicht abonniert, damit hier nichts passiert!“, wo ich mir wirklich denke: Moment. Du zahlst doch für keinen Service. Ich habe dir doch nie irgendetwas verkauft, worauf du jetzt einen Anspruch hast. Das denken aber viele, das schwingt immer mal so mit.

      Von YouTube direkt bekommt man nur Geld, wenn man seine Videos monetarisiert und die Leute auch auf die Werbung klicken, oder?
      Es gibt einen gewissen Satz, diesen 1000er Kontaktpreis—allein für die Impressionen. Wenn du vor deinem Video so eine Pre-Roll hast, bekommst du nur Geld, wenn der Clip zu 70 bis 80 Prozent durchläuft. Der Werbekunde muss auch nichts zahlen, wenn sein Video geskippt wird. Die Views sind im Endeffekt die Währung, allerdings darf man nicht davon ausgehen, dass jemand, der eine Million Views hat, auch eine Millionen Euro kriegt. Da spricht man nicht umsonst von Komma-Cent-Beträgen im Tausender-Bereich.

      Dieses neue 301+ Projekt von dir und einigen anderen YouTubern klingt für mich so ein bisschen, als ständet ihr mit YouTube-Promotion in seiner jetzigen Form auf Kriegsfuß und würdet die Szene ändern wollen.
      Wir sind einfach Leute, die eines Besseren belehrt wurden. Wir haben in jahrelanger Arbeit festgestellt, dass Netzwerke ihren ursprünglichen Netzwerk-Gedanken in Gänze verloren haben. Das heißt nicht, dass niemand davon profitieren kann, in einem Netzwerk zu sein, darum geht es nicht. Jeder, der sich von einem Netzwerk vertreten lässt, bei dem es super passt und wo er nicht über den Tisch gezogen wird—das ist alles überhaupt kein Thema. Trotzdem sollte man sich darauf konzentrieren, was ein Netzwerk eigentlich ist, was gegenseitige Unterstützung eigentlich heißt und dass man bei einem Problem eben nicht eine E-Mail an irgendeinen Praktikanten schreiben muss und … Ach egal.

      Du bist also nicht mehr bei Mediakraft?
      Doch, leider noch, aber meine Kündigungsfrist läuft schon.

      Kannst du mir erklären, wie genau bei solchen Netzwerken gearbeitet wird?
      Netzwerke sind im Ursprünglichen mal diejenigen gewesen, die gesagt haben: Wir bringen euch zusammen und bieten euch einen Pool—beispielsweise auch an Sound- und Videoclips—aus dem ihr schöpfen könnt. Im Prinzip sollten sie eine Spielwiese für kreativen Austausch sein. Bei mir war es im Endeffekt irgendwann so weit, dass ich erkannt habe, dass ein Netzwerk nicht mehr als ein hart gewinnorientiertes Unternehmen ist, das auch nicht mal zwangsweise daran interessiert ist, die kleinen YouTuber zu unterstützen und zu promoten, sondern die Großen noch größer zu pumpen was mediale Aufmerksamkeit betrifft, um den eigenen Netzwerk-Wert zu erhöhen. Studio71 hat Gronkh und Mediakraft hat Y-Titty und das wird immer ein Schwanzvergleich bleiben. Schade eigentlich.

      Wenn man Abonnentenzahlen im Millionenbereich hat, wird man dann häufig von Unternehmen angesprochen, die dir Schuhe schenken, damit du sie in deinem Video platzierst?
      Das kommt vor, aber eher selten. Wenn du eine gewisse Reichweite hast, hast du natürlich eine wahnsinnige Werbewirksamkeit. Da spielen dann aber zwei Dinge eine Rolle: Kannst du das mit dir vereinbaren und denkst du auch mal über den Wert deiner Werbewirksamkeit nach? Ich würde davon abraten, Schuhe in die Kamera zu halten, nur weil du sie dann behalten darfst. Es ist einfach langfristig kein gutes Geschäftsmodell, nur mit geschenkten Sachen zu arbeiten. Die kannst du nicht essen. Ich habe aber ehrlich keine Ahnung, warum ich davon bisher verhältnismäßig verschont geblieben bin.

      Das ist wahrscheinlich noch mal anders, wenn man Beauty-Blogger ist.
      Das sowieso. Wenn ich eine Frau wäre, wäre ich Beauty-Blogger! Alter, aber hallo. Ich würde noch irgendetwas Cooles nebenbei machen, aber ich hätte auf jeden Fall einen Beauty-Channel. Davon gibt es ja auch Gute und nicht so Gute und ich glaube, dass gerade die nicht so Guten die eierlegende Wollmilchsau sind. Die, die sich wirklich nur darauf spezialisiert haben, Produkt xy in die Kamera zu halten. Klick, auf, Produkt riecht gut, es fühlt sich toll an, wupp, nächstes Video. Das ist doch der Hammer. Das ist eine halbe Stunde Produktionsaufwand. Voll geil. Wenn ich ein wahnsinnig hübsches Mädchen wäre, würde ich das auch machen.

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      Themen: LeFloid, youtube, LeNews, Florian Mundt, youtuber, Mediakraft, Gronkh, Y-Titty, interview, Kultur, Deutschland

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