Gehört dieser Sommer den linksextremen Terroristen Europas?

von Henry Langston

Terrorismus wird generell ja eher mit al-Qaida assoziiert, die gelegentlich mal Flugzeuge in Häuser fliegen lassen; vielleicht denkst du aber auch an japanische Sektierer, deren Lebensziel es ist, Sarin-Gas in der U-Bahn zu versprühen. Aber würdest du sofort an eine Bande linksradikaler Typen denken, die ihre Mopeds vor dem Haus eines leitenden Nuklearingenieurs quietschend abbremsen, um ihm gnadenlos ins Knie zu schießen? Ich eigentlich nicht. Oder zumindest bis jetzt nicht.

Die Schießerei fand am 7. Mai diesen Jahres in Genua, Italien, statt. Die Verantwortung für das Attentat übernahm (mittels eines Briefs an eine Tageszeitung) eine Gruppe namens Olga Nucleus, die zur Informal Anarchist Federation (IAF) gehört. Das Opfer, Roberto Adinolfi, war der Generaldirektor einer Nuklearenergiefirma im Besitz der Finmeccanica, einem der größten und erfolgreichsten italienischen Technologie- und Militärkonzerne.

Die IAF schrieb in ihrem Brief, dass sie Adinolfi als Ziel wählte, da er, bevor Nuklearenergie in Verruf gebracht wurde, einer der Hauptakteure gewesen sei, die die Atomenergie in Italien wieder einführen wollten. Die Wissenschaft habe sich demnach selbst verraten, mit der Konsequenz der „Selbstzerstörung und totalen Versklavung“. Die IAF ist der Überzeugung, es sei nur eine Frage der Zeit bis auch in Europa (mit über 187 Atomkraftwerken) eine nukleare Katastrophe wie in Fukushima passiere. Sie verstehen ihre Attacke als einen Wegbereiter zu einer atomkraftfreien Ära.

Adinolfi war vielleicht ein einfaches Ziel, aber sie warnen, dass dieser Anschlag nur der Beginn gewesen sei. Finmeccanica soll zum Ziel weiterer Anschläge werden; einen für jeden der inhaftierten Anarchisten der griechischen Mitglieder der Conspiracy of Fire Nuclei.

Dieses Attentat war vielleicht das eindrücklichste seiner Art, zumindest für die heutige Generation, aber Europa blickt auf eine lange Geschichte linksterroristischer Anschlagsgruppen zurück, die Staat und Wirtschaft mit Waffengewalt bekämpften. In den 1970er und 80er Jahren, waren es in Italien die Roten Brigaden und in Deutschland die RAF, die eine Reihe von Bombenanschlägen und Mordanschläge gegen ihre Regierungen (ach wegen der NATO-Präsenz im eigenen Land) ausführten. Bis zum Kollaps der UdSSR, die die Gruppen finanziell und ideologisch unterstützte, waren sie in der Lage Angst und Schrecken zu verbreiten. Erst mit dem Ende des Kalten Krieges kam der linksradikale Terrorismus in Europa zur Ruhe. An dessen Stelle trat religiös-motivierter Terrorismus. Jedoch hat linker Terrorismus in Griechenland nie ganz aufgehört.

In den letzten 40 Jahre, ziemlich genau seitdem die griechische Junta protestierende Studenten 1973 brutal massakrierte, haben linksgerichtete Revolutionsgruppen, wie die des 17. November, Anschläge gegen den griechischen Staat sowie NATO und CIA-Einrichtungen verübt. Die Gewalt kühlte in der Mitte der Nullerjahre etwas ab, als Griechenland wie der Rest Europas einen wirtschaftlichen Boom erlebte. Jedoch hielt der nicht sehr lange an, wie wir wissen. Dazu kam 2008 die Ermordung des 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos durch die Polizei. Seitdem kann bei linken Gruppen wieder eine Radikalisierung festgestellt werden. Eine dieser Gruppen ist die eben erwähnte Conspiracy of Fire Nuclei, die der Öffentlichkeit bekannt ist, weil sie 2010 versuchte, die Präsidenten Frankreichs und Italiens 2010 mittels Briefbomben auszuschalten.

Die Situation in Griechenland hat sich nicht verbessert. Die prekäre wirtschaftliche Lage bestimmt das alltägliche Leben. Sozialleistungen des Staates werden weiter eingeschränkt. Die Regierung wurde zwei mal vom IWF gerettet und die Griechen durften kennenlernen, was es heißt mit 18% Arbeitslosigkeit, massiven Steuererhöhungen, Lohnkürzungen und einem Anstieg der Kriminalität zu leben. Ziemlich erfreulich, findest du nicht? Ich schätze, es ist ein Ausdruck von Lebensfreude Bombenattentate zu verüben und in den Straßen zu randalieren.

Am 1. April diesen Jahres platzierte eine bis dato unbekannte Gruppe als Warnung eine Bombe bestehend aus einem Gaskanister und zwei Litern Benzin in der Athener Metro. Die Gruppe nennt sich anscheinend „Bewegung des 12. Februar“, der Tag, an dem mehrere Gebäude angezündet wurden, um gegen die Austerität zu protestieren. Die Gruppe war dieses Mal noch nett genug die Bombe nicht hochgehen zu lassen. Neun Tage später wurde jedoch das Ministerium für Reform des Öffentlichen Sektors, verantwortlich für die Entlassung von 150.000 Staatsangestellten, mit einer Bombe völlig zerstört.

Am 8. April setzte eine deutsche Gruppierung, namens Kommando Lambros Foundas, eine Reihe Autos vor dem Gebäude der Deutschen Telekom in Berlin in Brand, um Solidarität mit den Griechen zu zeigen. Ihr Statement lautete: „Vor nur wenigen Tagen schoss sich ein Rentner inmitten des Syntagmaplatzes in Athen in den Kopf, weil er seine Schulden nicht mehr zahlen konnte und keinen anderen Ausweg als Selbstmord sah. Seit dem Beginn der Krise haben mehr als 1.500 Menschen in Griechenland Selbstmord begangen. Unternehmen wie die Deutsche Telekom sind dafür mit verantwortlich.“ Die Tatsache, dass Kommando Labros Foundas sich dafür entschieden hat, auf die Notlage der griechischen Kameraden hinzuweisen, ist ein weiterer Hinweise für das Wiedererstarken eines organisierten, militanten und geeinten linksradikalen Terrorismus in Europa.

Die ergebnislosen Wahlen Anfang Mai in Griechenland zeigten deutlich wachsenden Zuspruch für links- und rechtsextreme Parteien. So blieben auch die Koalitionsgespräche erfolglos und Neuwahlen wurden für den 17. Juni angesetzt. Es steht außer Frage, dass dieser Mangel an Führung weiter in die Krise treibt und der Aufstieg der neofaschistischen Partei „Goldene Morgenröte“ weist deutlich auf das Machtvakuum innerhalb der griechischen Gesellschaft hin. Wenn du herausfinden möchtest, ob der nächste Schritt ein Anstieg von Bombenanschlägen und eine Rückkehr zu politisch motivierten Mordattentaten ist, dann rate ich dir diesen Sommer einen billigen Urlaub in Athen zu machen.

„Na und?“, denkst du dir vielleicht jetzt, „Italien und Griechenland stecken in einer weitaus schlimmeren wirtschaftlichen und sozialen Situation als z.B. England und dort werden wir keine Anschläge dieser Art sehen.“ Nun, da täuscht du dich etwas. Am 22. Mai setzte sich der britische Ableger der IAF das Eisenbahnsignalnetz in Bristol zum Ziel und übernahm mit folgendem Statement auf der Indymediaseite Bristols die Verantwortung für die Anschläge: „Wir haben uns diese Orte gezielt ausgesucht, um Angestellte des Verteidigungsministeriums sowie der Militärkonzerne Raytheon/Thales/HP/QuinetiQ etc. im Business Park nahe des Filton Abbey Wood Bahnhofs zu behindern.“

Ebenso wie ihre italienischen Kollegen, will die Gruppe weiterhin zuschlagen. Dieser erste Angriff habe nur als Sprungbrett gedient, um einen „urbanen low-intensity Krieg“ zu starten. Demnach werden „Infrastrukturen aus Finanz-, Gerichts-, Kommunikations- und Transportwesen sowie das Militär weiterhin Ziele sein“. Das stellt schon ein anderes Niveau dar, als eine Bahnlinie in Bristol.

Die Olympischen Sommerspiele zählen such zu ihren Anschlagszielen. Seltsamerweise lösen diese bei ihnen keine patriotischen Gefühle aus. „Wir sind ‚unpatriotisch’ und empfinden die Olympischen Spiele, mit der daraus resultierenden Zurschaustellung von Wohlstand (während so viele hier damit kämpfen, sich und ihre Familie überhaupt ernähren zu können) und dem erstarkenden Polizeistaat, als beleidigend. Wir haben keine Hemmungen Guerillatechniken anzuwenden, um das nationale Image zu beschädigen und die Wirtschaft lahmzulegen. Denn wir wollen keine reichen Touristen – wir wollen ganz einfach Bürgerkrieg.“

Es ist unklar, was sie mit „Bürgerkrieg“ meinen. Doch die Frage ist, ob wir hier gerade die Wiedergeburt linksextremer Milizen in Europa beobachten können. Das Klima ist momentan sicherlich genau das richtige: eine andauernde, den Kontinent erfassende Finanzkrise, politische Gleichgültigkeit, unbeliebte Kriege, Umweltkatastrophen und der Aufstieg rechtspopulistischer Faschistengruppen, die Frauen im Fernsehen verhauen. Wenn es die linken Terrorgruppen schaffen, ihren öffentlichen Zuspruch zu festigen und wenn sie darauf achten, sich nicht wie die Baader-Meinhof Gruppe oder die Roten Brigaden zu isolieren, dann haben diese Verrückten vielleicht tatsächlich eine Chance.

Intern scheinen sie schon volle Solidarität füreinander zu haben. Sobald irgendwo in Europa ein Anschlag verübt oder ein Anarchist verhaftet wird, trifft sich irgendwo anders in Europa sofort ein Haufen deprimierter Linker und denkt darüber nach, wie sie entweder ihre Bewunderung oder ihre Trauer ausdrücken können. Vielleicht ist die ursprüngliche Vision der Eurozone von einem glücklich geeinten Europa, das sich gegenseitig unterstützt doch nicht so weit hergeholt?

 


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