©2014 VICE Media LLC

    The VICE Channels

      Weihnachtsshopping für eure genderverwirrten Blagen

      December 18, 2012

      Von Sophia Giesecke

      Freie Autorin

      Juhu, bald ist Weihnachten. Nicht mehr viel Zeit also, um sein hart erarbeitetes Geld für sinnlosen Schrott auszugeben und den Kram der Verwandtschaft in den Rachen zu schmeißen. Besonders die Kleinsten erwarten immer, reich beschenkt zu werden, das Leben als Kind ist schließlich beschissen genug.

      Aber was genau schenken? Das Angebot an Spielzeugen ist unübersichtlich, riesig und  auch extrem lukrativ. Der Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels (BVS) gibt sich zuversichtlich und geht von einem Umsatz von 2,7 Mrd. Euro im Jahr 2012 aus.
      Um einen Überblick über das aktuelle Warenangebot zu bekommen, klickte ich mich durch den Onlineshop des Markführers für Spielwaren in Deutschland, auf der Suche nach dem perfekten Spielzeug.

      Wie in so vielen Onlineshops sind die Produkte in Kategorieren eingeteilt. Diese können noch genauer gefiltert werden, um die Suchergebnisse einzugrenzen. So gibt es die Filter „Jungen“, „Mädchen“ und „Unisex“. In der Kategorie „Forschen und Entdecken“ fehlt der Filter für Mädchen allerdings komplett. Andersrum ist es in der Kategorie „Emotion Pets“. Hier gibt es keinen Filter für Jungen, denn Jungen bauen keine emotionale Beziehung zu Tieren auf, sie erlegen sie. Ich bin gespannt, wann das Actionset „Robbenklopper“ auf den Markt kommen wird. Aber diese Einteilung ist keinesfalls ein Phänomen dieses einen Onlineshops, sondern hat sich in den letzten 20 Jahren weltweit durchgesetzt.
      Es ist doch wirklich erstaunlich, dass Spielzeuge für Jungen und Mädchen so strikt getrennt werden. Teilweise geht diese Trennung so sehr ins Absurde, dass ich mich fragen muss, ob das wirklich ernst gemeint ist und wer sich diesen Quatsch eigentlich ausdenkt:

      Jungen und Mädchen können nicht die gleichen Stifte benutzen. Wieso, das weiß kein Mensch.

      Generell fällt auf, dass Spielzeug für Jungen immer einen schaffenden Prozess beinhaltet, indem etwas gebaut, zusammengesetzt oder erfunden werden muss. Nicht selten um es danach gleich wieder in einer kriegerischen Aktion zu zerstören. Es gibt Waffen, Feuer, Gewehre, Soldaten, dunkle Mächte und Gefahren.
      Mädchen hingegen dürfen malen, sich schminken, basteln, Kindererziehung lernen und natürlich kochen, den Haushalt führen und sich um flauschige Haustiere kümmern. Die Welt der Mädchen ist rosa, lila oder türkis, sie glitzert und funkelt und alles ist weich und rund und soft.

      Hier ein paar leider sehr ernst gemeinte Spielsachen, welche ich in diesem Jahr ganz sicher nicht schenken werde:

       

      Lustige Ferien auf dem Bauernhof vs. die Ork-Schmiede. Während Mädchen lernen, wie man sich um ein Tier kümmert und den eigenen Bauernhof in Schuss hält, schmelzen Jungs Metall und bereiten sich auf einen „dunklen Krieg“ vor, in welchem der knuffige Ponyhof wahrscheinlich dem Erdboden gleich gemacht wird. Juhu.

      HAHAHA! Damit die kleine Mia und der kleine Finn lernen, wo im Haushalt ihr Platz ist, gibt es diese wundervollen Miniaturen der Erwachsenenwelt. Total überholte Klischees und die Genderkompetenzen aus den 50er-Jahren gibt es gratis dazu. Nachdem Mia dem Finn das Mittagessen gekocht hat, kann dieser ihr den Spielzeugofen reparieren, da sie ihn natürlich kaputt gemacht hat. Frauen und Technik. Is klar, kennt man ja. Eine Werkbank für Mädchen gibt es nicht. Nicht mal in Rosa.

      Die Welt der Puppen ist rosa, glitzert und tut in den Augen weh. Es werden Babypuppen angeboten, die kotzen können, und Barbies, die so aussehen, als würden sie ihre Fake-Plastik-Cupcakes erbrechen, um nicht fett zu werden. Das Bild von Frauen und Weiblichkeit, welches durch Puppen an die jungen Mädchen—denn diese sind hier ganz explizit Zielgruppe—weitergegeben wird, ist gespickt mit sexistischen Schönheitsidealen und der Vorstellung, dass sich Mädchen nur für Care-Arbeit (Erziehung und Versorgen von Kindern und der ganzen Familie) und ihr Aussehen interessieren (sollten). Und die Karriere? Gibt es natürlich, Teilzeit als Erzieherin, Tierärztin oder Prinzessin. Mehr muss auch nicht sein, schließlich ist der Ehemann ja ein Astronaut, der gerade einen Ork erlegt hat und jetzt in seinem selbstgebauten Jet um die Welt fliegt und alles repariert, was ihm zwischen die Finger kommt.
      Es gibt keine Puppen für Jungen. Nur Actionfiguren. Mit Waffen.

      Auch Computer- und Konsolenspiele werden nicht geschlechtsneutral vermarktet.
      Für Jungs gibt es Fußball, Krieg, Abenteuer und Strategiespiele. Für Mädchen stehen Mode, Freundschaft, Fitness, Flauschbälle und Zeichnen zur Auswahl.

      Besonders deutlich wird das absurde Marketing der Geschlechtertrennung bei einem der weltweit erfolgreichsten Spielzeugunternehmen: LEGO. 2012 brachte LEGO die neue Produktserie LEGO Friends auf den Markt, um, wie sie sagen, den besonderen Ansprüchen von Mädchen gerecht zu werden. Vier Jahre Forschung und Millionen Dollar wurden investiert.
      Und das ist dabei rausgekommen:

      Wahnsinn. Krass. Mega. Hammer. LEGO kreierte neben seinem Themenkomplex LEGO CITY eine neue Stadt Namens Heartlake City, in der alles pink und pastell und ganz und gar zum Kotzen ist. Es gibt ein Café, einen Bauernhof, ein Traumhaus. Der Prozess des Schaffens gerät komplett aus dem Fokus und wird gar nicht erwähnt. Es wird lediglich gezeigt, wie blonde Mädchen mit den fertig aufgebauten Welten spielen.
      LEGO war ursprünglich ein fantastisches Produkt, welches die Kreativität und den Erfindungsgeist aller Kinder förderte.

      War
      .

      Doch Mitte der 80er Jahr wurde LEGO mit Hilfe von Zack dem LEGOmaniac ausschließlich für Jungen vermarktet und Mädchen somit ausgeschlossen, fördert das Spielen mit LEGO doch nicht nur mathematisches Denken, sondern regt die Kinder auch dazu an, Dinge zu entwerfen und zu bauen. Skills, welche Mädchen ganz und gar abgesprochen werden. Die LEGO-Kits wurden zunehmend kriegerischer, technischer und brutaler.

      Wer glaubt, dass LEGO mit der getrennten Vermarktung seiner Produkte für Mädchen und Jungen nur die angeborenen natürlichen Interessen der Kinder bedienen, der irrt. Werbung und Marketing haben diese unterschiedlichen Interessen produziert und gefestigt. Unsere ach so natürlichen Talente und Interessen sind gesellschaftlich konstruiert und ein Ergebnis der Kultur, in der wir leben.

      Dabei ist es gar nicht so unmöglich, Kindern eine Welt voller Spiele zu bieten, die ohne diese strickte Trennung der Geschlechter auskommt.
      Das Londoner Kaufhaus Harrods eröffnete vor Kurzem seine genderneutrale Spielzeugabeilung „Toy Kingdom“. Anstatt die Spielsachen wie gewohnt nach Geschlechtern zu trennen und diese Trennung durch die Gestaltung der Räume sichtbar zu machen, sind die Räumlichkeiten neutral gehalten und die Spielsachen nicht nach Spielzeug für Jungen oder Mädchen getrennt aufgebaut. Und ein schwedischer Spielzeugladen hat einen genderneutralen Katalog herausgebracht.

      Jetzt bitte noch weibliche oder geschlechtsneutrale Puppen und Figuren entwickeln, die zur Abwechslung mal Anwältin, Astronautin oder Politikerin sind und nicht nur die Ehefrau, Mutter oder Freundin.
      Danke.


      EMPFOHLENE ARTIKEL

       

      The Vice Guide to Girls
      Ein A-bis-Z von, für und über Mädchen.
      10 Stunden Twilight und der Wunsch zu sterben
      Gleichberechtigung am Arsch. In Deutschland verdienen Frauen nach wie vor 21,6 % weniger als ihre Penisträger-Kollegen, das sind im Laufe eines ganzen Berufslebens bei durchschnittlichem Einkommen rund 450.000 Euro.
      Keine Lesben mehr
      Heterosexuelles Paar. Homosexuelles Paar. Transgender-Paar. Blah, blah, blah. Hier lieben sich zwei Menschen und sind aufrichtig glücklich.

       

      -

      Themen: Gender, Kinder, Weihnachten, Spielzeug

      Kommentare