Von Schnitzelmorden und anderen Geschmacklosigkeiten

von Selim Pekin Güngör

Auch wenn Stahl, Sturm und Heer weitere Anträge zur Verzögerung oder gar die Einstellung des NSU-Prozesses fordern, wird heute endlich der erste Angeklagte zu den sogenannten Dönermorden aussagen.

Ach sorry, Dönermorde soll man nicht mehr sagen, war ja mal Unwort des Jahres. Rhetorik hin oder her, ich frage mich, als sogenannter Deutscher mit Migrationshintergrund: Was wäre gewesen, wenn eine türkische Terrorzelle in der Türkei 13 Jahre lang Banken ausgeraubt, Bomben gelegt und neun Deutsche ermordet hätte? Das wären dann wohl die sogenannten „Schnitzelmorde“? Da wäre der Name aber Programm.

In der Türkei leben mittlerweile etwa 70.000 Deutsche; darunter 3. Generation NS-Flüchtlinge, 2. Generation DDR-Flüchtlinge und 1. Generation Klima-Flüchtlinge. Die meisten Deutschen, mit denen ich geredet habe, fühlen sich dort zu Hause. Da ist alles vorhanden, was es auch in Deutschland gibt. Deutsche Bäcker, deutsche Zeitungen und deutsche Schulen. Inklusive Sonne, die vom Himmel knallt und einem dabei prächtig aus dem Arsch scheint. Der feuchte Traum von Thilo Sarrazins Parallelgesellschaft lebt an der türkischen Riviera und trägt Sandalen mit Tennissocken. 


Deutsche, die in der Türkei leben, lassen es sich beim Feiern gut gehen. 

Hier gibt es deutsche Gastronomen, Immobilienmakler und jede Menge Rentner. Man bleibt gerne unter sich. Gäbe es in dieser Kommune eine Mordserie, wie sie gerade in Deutschland passiert ist, dann frage ich mich, wie würden türkische Presse und Polizei reagieren? Wie wäre es dann gewesen, wenn es in der Türkei mit ähnlichen Behauptungen abgelaufen wäre:

Die deutsche Ehefrau muss es gewesen sein, weil der Familienvater seine Frau betrügt, oder die deutsche Immobilienmafia ist daran schuld. Natürlich. Immer diese Deutschen.

Die Deutschen wollen sich einfach nicht integrieren in der Türkei. Mit ihren Schnitzelbuden und ihren Oktoberfesten. Der deutsche Pfarrer in Antalya wolle sich sogar in die lokale Politik einmischen. Mit seinen deutsch-türkischen Freundschaftklubs. Und dann wollten die auch noch Sitzplätze für ihre Medien bei dem Prozess um die ermordeten Deutschen. Was kommt als Nächstes—deutsche Richter in Ankara? Dabei wollten die Türken den Deutschen doch nur die Scherben ihrer jahrelangen Integrationspolitik vor die Tür kehren. Das alte Spiel von WIR und DIE. Spalten statt Versöhnen, das ist die Devise. 


Erfolgreicher, deutscher Immobilienmogul, der in der Türkei wohnt

Währenddessen hätte man hier in Deutschland aber einen ganz anderen Tenor eingestimmt. Ich sage nur Rostock-Lichtenhagen und Solingen. Es hätte nicht lange gedauert, bis die türkischen Medien das Wort Schnitzelmorde erfunden und versucht hätten, den „tiefen“ deutschen Staat zu beschuldigen. 

Und es wäre weitergegangen: Das Innenministerium hätte sich irgendwann eingeschaltet, versucht, die Deutschen in der Türkei zu beruhigen und zur Vernunft zu bringen. Sie sollen doch bitte mit der türkischen Polizei kooperieren. 

Die war gerade schwer damit beschäftigt, sich als Currywurstverkäufer getarnt in der deutschen Gemeinde verdeckt zu ermitteln. Aber zum Glück haben wir ja Medien wie Politically Incorrect in Deutschland, die hätten uns ja schon seit Jahren gewarnt. Hätte, hätte, Herrentoilette. Jetzt haben wir den Salat, beziehungsweise die Schnitzelmorde. Und die sind verdammt schlecht verdaubar.

So einen Schnitzelmord muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Das hat doch fast schon was Folklorisches an sich. Einfach mal eine ganze ethnische Gruppe auf ein Imbissgericht reduzieren, ein paar Pommes dazu und sich mit dem ganzen linguistischen Ketchup distanzieren. Es ist ja schließlich eine deutsche Angelegenheit, das mit den Schnitzeln. 


Die Deutschen fühlen sich wohl in ihrer neuen Heimat. 

War ja klar, dass das für die türkische Presse ein gefundenes Fressen geworden wäre. Auch wenn man beim Gedanken daran ein wenig aufstoßen muss. So ein Schnitzel liegt halt schon ziemlich quer im Magen (ein Döner allerdings nicht weniger). Der bittere Beigeschmack an der ganzen Polemik kommt aber vielmehr daher, dass durch dieses diskriminierende Wort ein rassistisches Motiv in der Mordserie übersehen werden konnte. Besonders wenn das rechte Auge eh schon etwas verschwommen sieht. Spalten statt Versöhnen, das ist die Devise.

Ich kann nur hoffen, dass so ein Prozess fair abläuft und jeder für seine Schuld zur Verantwortung gezogen wird. Sonst würden hier in Deutschland am Ende echt noch die Moscheen brennen.

 

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