Auf der Art Basel gab ich der Kunst eine letzte Chance

von Glen Coco

Vor einer Weile habe ich einen Artikel darüber geschrieben, dass ich Kunst einfach nicht verstehe. Ich wagte es zu behaupten, dass es eventuell ein bisschen bescheuert ist, für ein Neon-Schild, auf dem „my cunt is wet with fear“ steht, 100.000 Dollar auszugeben. Viele Leute haben es gelesen und viele stimmten, was das betrifft, nicht mit mir überein und wurden wirklich, wirklich wütend, und ich gab der Kunst eine weitere Chance. Nachdem ich mir das Feedback der Leser durchgelesen hatte, kam mir der Gedanke, vielleicht ein bisschen zu hart mit meinem Urteil gewesen zu sein, und ich beschloss, der Kunst EINE ALLERLETZTE CHANCE zu gewähren. 

Ich machte mich also auf den Weg zur Art Basel Miami. Gesetzt den Fall, dass du in der Kunstszene nicht so bewandert bist: Art Basel ist die weltweit wichtigste Kunstmesse. Und ein Ableger findet eben auch in Miami statt. Kunstgalerien aus aller Herren Länder kommen in einem riesigen Messezentrum zusammen und präsentieren ihre besten Werke (siehe Bild oben), feiern zusammen und so weiter.

Das Erste, was mir auffiel, während ich durch die Hauptausstellung schlenderte, war der IRRSINNIG hohe Anteil an einfarbig bemalten Leinwänden. 

Ich meine, ich versteh' das schon. Es „lässt in uns die Frage danach aufkommen, was Kunst WIRKLICH ist“ oder so ein Scheiß. Was vermutlich irgendwie interessant war, damals, als vor 100 Jahren zum ersten Mal jemand auf die Idee gekommen ist. Aber müssen wir das wirklich immer noch machen? Es gibt doch mittlerweile einen Konsens darüber, was Kunst ist.

Was mir einfach nicht in den Kopf will: Wer zum Teufel kauft dieses Zeug? Ist das wirklich 20.000 wert? Klar, nichts ist wirklich so viel wert, wie du dafür bezahlen musst—so funktioniert die Welt nun mal. Wie zum Beispiel der Computer, auf dem ich das hier gerade schreibe. Den Hersteller kostet er wahrscheinlich gerade mal 1/50 von dem, was ich dafür bezahlt habe. Aber verdammt, ich bitte euch. Ein schwarzes Viereck, das genau so viel kostet wie eine komplette Schule in der Dritten Welt? 

Ich weiß, der Spruch „sich ins Fäustchen lachen“ ist ziemlich ausgelutscht, aber ich schätze, du würdest auch zumindest leise kichern, wenn du der Typ wärest, der die Miete für ein ganzes Jahr verdient, indem er eine 30-Euro-Leinwand schwarz anmalt. 

Und wie entscheidet ein Künstler überhaupt darüber, was er mit seinem Leben anfängt? Es ist genau so, wie wenn man Singer/Songwriter wird. Du wirst der Welt nichts Neues schenken?

Ich vermute mal, es ist das Blair Witch-Syndrom—man sieht, wie eine andere Person mit etwas, das man auch hätte machen können, einen Haufen Geld scheffelt, was dazu führt, dass man kurzeitig den Verstand verliert.

Vielleicht ist es genau das, was die Kunstwelt ausmacht: So wie die Technologiebranche fast gänzlich aus Leuten besteht, die sich wünschen, sie wären Mark Zuckerberg gewesen, besteht die Kunstwelt aus Leuten, die permanent deprimiert sind, weil sie die absolut naheliegende Idee eines Anderen nicht zuerst hatten. 

Wie zum Beispiel Tracey Emin, die einen Haufen Geld mit komplett dämlichen Statements in Neon-Leuchtschrift gemacht hat. Mittlerweile ist das eine eigene Kunstrichtung. Das, was du hier oben siehst, sind nur vier Beispiele von den über 1.000.000, die ich auf der Art Basel gesehen habe, die tiefgreifende Statements einfach zu künstlerischen 3D-Objekten gemacht haben, um sie für mehr Geld zu verkaufen, als ich in einem ganzen Jahr verdiene.

Seltsamerweise wird Pharrell von den Menschen in Miami tatsächlich ernst genommen. Ich habe ihn bei ein paar Shows gesehen und er wurde nicht aus dem Gebäude gelacht. Er hielt sogar eine Rede über Design, die ich unglücklicherweise verpasst habe. Ich sage unglücklicherweise, weil ich mir sicher bin, dass er Großartiges zu sagen hatte. Es heißt Kanye wäre dazu gestoßen, und sie hätten gemeinsam über moderne Ästhetik debattiert, hahahahaha. Wir reden hier vom selben Kerl, der einst von allen „Skateboard P.“ genannt werden wollte, oder irre ich mich? Der Typ, der auf dem Dach eines Polizeiautos „gereimt“ hat? Ich bilde mir das doch nicht ein? Und heutzutage gibt es tatsächlich Menschen, die dafür zahlen, seine Meinung zum Thema Design zu hören? Verstehe.

Zu den meisten Exponaten gab es keine Begleitbroschüre, die die „Bedeutung“ der Kunstwerke erklärt hätte, was schade ist, da ich mich, um ehrlich zu sein, die meiste Zeit über ziemlich gelangweilt habe, und Geschwafel von Leuten über die Bedeutung von Kunst zu lesen, macht normalerweise wenigstens ein lahmes Kunstwerk zu einem echten Lacher. 

Wie etwa das hier: Eine Frau, die in einem dunklen Raum liegt, während irgendein bescheuertes Lied über Megaupload läuft, was als „monolithische Struktur“, die eine „archaische Reliquie aus der Zeit, bevor es das Internet gab, repräsentiert“ und sie „tatsächlich (und metaphorisch) in der Realität einfängt“ beschrieben wurde. Den einzigen möglichen Weg, sich aus dieser ungemütlichen Realität zu befreien, lieferte die Künstlerin selbst, indem sie die Anleitung zum „richtigen Seelenupload ins Internet“ sang. 

Was das ganze von „Irgendeine Alte, die umgeben von einem Haufen Mist auf dem Boden liegt“ in „Irgendeine Alte, die sich ein paar Tage freinimmt, um in einer Galerie rumzuliegen und zu versuchen, ihre sinnfreien Ansichten über das Internet zu verbreiten“ verwandelt. 

ich werde das Gefühl nicht los, aufgrund der vielen fehlenden Beschreibungen viel zu viel irrsinnig witzigen Scheiß verpasst zu haben. Es gab da so viel Zeugs, von dem ich zu gerne die Rechtfertigungsversuche der Künstler gehört hätte. Wie hier zum Beispiel: Ein Zigarette rauchender Puppenkopf aus Plastik, mit Unterwäsche darauf, auf einem MacBook.  

Da wir gerade dabei sind: Denkst du, Künstler überlegen sich eine Aussage, die sie gerne machen wollen und verarbeiten das Ganze anschließend in einem Kunstwerk? Oder glaubst du, sie überlegen sich die Aussage im Nachhinein? Wie hier: ein missgestalteter Teller auf der „mother fucker“ steht. Die Begründung des Künstlers lautete folgendermaßen: 

„Rainer Ganahl stellt seine persönliche Sicht auf Lucio Fontana, einen der am meisten respektieren Künstler des 20. Jahrhunderts, vor. Die berühmten, aufgeschlitzten Leinwände werfen, obwohl sie offensichtlich Spuren von Gewalt beinhalten, nichtsdestotrotz große idealistische Fragen auf. Rainer Ganahl behält dabei nur den regressiven und sadistischen Aspekt der Gestik bei. Durch Ganahls rohen und dreckigen Stil wirken Fontanas Werke ungeheuerlich.“

Glaubst du, er ist eines Tages aufgewacht, hatte diesen ganzen Mist im Kopf und hat sich dann daran gemacht, einen Weg zu finden, seine Botschaft der Welt zu verkünden? Oder glaubst du eher, es ist wie ich bei meinen Kunstunterrichtprojekten damals nach dem Motto „Ich will einen Stiftehalter machen, mit Marvin dem Marsmenschen darauf“ vorgegangen, um dann im Nachhinein ein riesiges Projekt drum herum zu machen und so zu tun, als ob er es entwickelt hätte und so?

Es ist wie mit spirituellen Medien und Hellsehern. Ich bin mir nie wirklich sicher, ob sie sich ihrer Lügen bewusst oder einfach nur psychisch krank sind und tatsächlich an den Scheiß glauben, den sie den Leuten erzählen. Wenn Künstler mitlachen und wissen, dass sie kacke sind, und das, was sie tun, total lächerlich ist, dann finde ich das irgendwie großartig. 

Wie in etwa, wenn der Typ, der für das hier verantwortlich ist, eines Tages zusammen mit ein paar Kumpels stoned gewesen wäre und etwas gesagt hätte wie „Glaubst du, ich schaffe es, eine Vagina an eine Wand zu hängen und zehn Riesen dafür zu bekommen? Das wäre so krank.“ Er wäre mein Held. 

„HAHAHAHA, du wirst es nicht glauben, aber erinnerst du dich an das Bild, das ich gemacht habe? Das eine, mit dem beschissenen, aufgesprühten Schnörkeln? Irgend so ein Idiot hat es tatsächlich gekauft! Die nächste Runde geht auf mich“ 

Der Ausstellungsraum kostet hier übrigens 50.000 Dollar. FÜNFZIGTAUSEND! Kannst du dir vorstellen, wie peinlich es wäre, in der Haut eines der Galeristen zu stecken, die hier den ganzen Tag rumsitzen und diese Art von Kunst zeigen? Nur falls das nicht klar sein sollte, das hier sind ein paar leere Bananenkisten und ein paar Lampen, und das war die GESAMTE Arbeit irgendeiner Zürcher Galerie. 

Und mit den 50.000 sind lediglich die Kosten des Ausstellungsraums gedeckt. Wer weiß, wie teuer es war, die Installation und die Mitarbeiter von Zürich nach Miami zu fliegen? Und dann darfst du für eine Woche jeden lieben langen Tag vor diesem Stück Scheiße sitzen und dich von Menschen angaffen lassen, die ganz genau wissen, dass du Zigtausende Dollar dafür ausgegeben hast, um hier zu sein? Brutal. 

Ich frage mich, ob mein Trip zur Art Basel womöglich dazu geführt hat, dass ich Kunst sogar noch mehr verachte. Denn allein die Tatsache, dass es sich dabei um eine Fachmesse handelt, zeigt, welch unmenschlich große Mengen an Geld in das Ganze fließt. Jedes mal, wenn ich etwas sah, das mir gefiel oder das ich als witzig empfand, musste ich an das viele Geld und die Zeit, die hineingesteckt wurde, denken. Das hat mich deprimiert. 

Was die Leute auf der Art Basel außerdem machen, ist, riesige, exklusive Partys zu veranstalten, bei denen Künstler mit anderen Künstlern abhängen können.

Vermutlich werden die meisten von euch nie zu einer solchen Party eingeladen werden, also lasst mich davon erzählen: 

Es beginnt mit einer Menschenschlange, wie bei so ziemlich jeder anderen Party auch. Mit dem Unterschied, dass diese Schlange nur aus Leuten besteht, die auf einer Gästeliste stehen, und jeder der Wartenden von sich glaubt, die wichtigste Person der Welt zu sein. 

Dieses Bild entstand auf einer Party, bei der auch Demi Moore und Martha Stewart auftauchten. Wir mussten knapp 30 Minuten lang anstehen und die Leute VERLOREN DEN VERSTAND. Ein Mädchen verglich ihre Situation mit Auschwitz und eine andere schrie rum, sie würde das Hotel verklagen, sollte sie von irgendeinem Insekt gebissen werden. Irgendwann entschlossen sich die Leute, einen auf Braveheart zu machen und reinzupreschen, komme, was wolle, so wie diese Rentner hier, die durch die Wildnis rannten, als wäre der Predator hinter ihnen her. 

Ich hoffe, dass ich nicht eines Tages, wenn ich so alt bin wie dieser Typ, durchs Gebüsch klettern werde, weil ich mich für zu wichtig halte, um Zehn Minuten zu warten. :(

Im Innern ist es so ziemlich wie auf jeder anderen Party auch, abgesehen davon, dass die Musik wirklich leise und die Getränke umsonst sind, und dass irgendwie niemand Spaß zu haben scheint.

Es gibt auch haufenweise berühmte Leute, die man nicht wirklich kennt. Wie diese beiden hier. Unzählige Leute wollten sie fotografieren, weshalb ich annehme, dass es sich bei den beiden um JEMANDEN handelt. Kann mir einer in den Kommentaren verraten, wer die beiden sind? Die Farbe ihrer Haut und ihre Kleidung lässt mich vermuten, dass sie zu den Real Housewives gehören. 

Viele der Partygäste sahen so aus. Als ich diese Mädchen um ein Foto bat, sagte sie kein Wort, schenkte mir stattdessen ein kaum wahrnehmbares Nicken, durchbohrte mich mit stählernem Blick, machte diese Pose und zog anschließend mit einer Fresse von dannen, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. 

Wann haben wirklich, wirklich ernsthafte Menschen damit angefangen, sich bescheuert anzuziehen? Wie kommt man auf die Idee, sich zu einer Party anzuziehen wie eine fröhliche Glatzen-Barbie und sich dann so aufzuführen, als hätte die versammelte Mannschaft gerade deinen Welpen getötet? Man sollte sie festnehmen und wegen falscher Versprechungen verklagen!  

Diesen Kerl auch. Er ist angezogen wie eine Ein-Mann-Party, aber er zieht die ernsteste Fresse, die innerhalb seiner körperlichen Möglichkeiten liegt. Könnt ihr euch vorstellen, dass eine alte Frau im Bus neben diesem Typen sitzen muss? Sie würde denken, er sei der Knaller, eine Unterhaltung mit ihm anfangen und das Ganze würde damit enden, dass er total durchdreht.

Und das ist, im Großen und Ganzen, die Grundessenz der Art Basel. Sie bringt der Stadt Miami eine Milliarde Dollar ein. Huh.

Zusammenfassend:

 


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