Nie wieder Fashion Week! (Zumindest für mich!)

von Luke Atcheson

Nachdem ich neulich auf der Glööckler-Show einige wichtige Lektionen der Modewelt gelernt habe, fühlte ich mich nun für das Rampenlicht des Fashion-Zeltes am Brandenburger Tor bereit. Dieses Mal wählte ich auch die passende Garderobe. Gleich als ich den Laden betrat, entfaltete der pinkfarbene Anzug seine ganze Magie. Denn ich war sofort auf Du und Du mit den Stars! Dieser war zwar nur ein Reality-TV-Star, aber was soll's.



Dieser Typ ist ein echter Showman. Er lächelte und winkte, sang und tanzte. Luftküsse und Zoolander-Gesten gab es auch. Warum bei einer Pose bleiben, wenn man sie alle zeigen kann? Dennoch fühlte sich während dieses Vorführung niemand dazu berufen, ihn mit einer leeren Sektflasche zu erschlagen. Das nenne ich mal ein Zeichen echter Celebrity-Klasse.

Sobald ich den ersten Drink in der Hand hielt, prasselten die Fotoanfragen auf mich ein. Allein dieser Typ bat mich ganze dreimal um ein Bild. Der Schlüssel zum Erfolg schien ein lächerliches Aussehen zu sein. Aber vielleicht lachten sie mir ja ins Gesicht und machten sich später im Netz über mich lustig. Doch wer würde so etwas tun? Das werden nur die Zeit und die Blogs über die am besten/schlechtesten gekleideten Leute zeigen.

Die gesamte Berlin Fashion Week wurde von Mercedes-Benz gesponsert. Das klingt logisch. Sie möchten eben mit Schönheit und Eleganz in Verbindung gebracht werden. Ihr billiges Plastikpferd neben dem Sportwagen war jedoch eher seltsam.



Die haben mich gebeten, den Hintern des Pferdes (aka den Motorraum) zu unterzeichnen. Das tat ich dann auch, kurz bevor ich mich ins Getümmel stürzte.

Da waren einige Fashionista-Azubis. Neureiche aus der Provinz, die für ein Glitzer-Wochenende in die Hauptstadt kamen. Und abgesehen von dem Fuchsschwanz und dem Halstuch waren die Typen eigentlich wirklich nett. Gebt ihnen einfach noch ein paar Jahre ...



Fashion-Blogger sind ein wichtiger Teil der Besucher. Bewaffnet mit Spiegelreflexkameras und MacBooks bewachten sie die wenigen vorhandenen Sitzplätze. Und ich glaube auch, herausgefunden zu haben warum. So ziemlich jeder, der einen Tumblr-Account hat, kann eine Karte für eine der billigeren Shows (beginnen um 10 Uhr) ergattern. Nach der Show darf jeder, solange er mag, in dem Bereich mit den Freigetränken abhängen. Sobald du aber rausgehst, wird das Ticket ungültig. Daher lassen sich Blogger früh auf einem Sessel nieder und bleiben wie Kletten dran hängen. 

Natürlich waren auch viele Schmarotzer da. Nicht-Mode-Menschen, die sich von den bunten Blasen hypnotisieren ließen.



Essen umsonst gab es leider nicht. Und die, die bereit waren, etwas zu kaufen, hatten die unglamouröse Wahl zwischen Currywurst und Laugenbrezel.

Die Schickeria mit Extra-Pässen für die obere Etage hatte selbstverständlich einen Überfluss an Werbegeschenken. Lange ist es her, dass ein Käseigel als Höhepunkt der Kultiviertheit angesehen wurde. Als ich unten an der Treppe zum VIP-Bereich stand, erhaschte ich einen Blick auf die Zukunft des Finger Foods. Große Schinken-Blöcke (Schulter vielleicht) wurden mit einem Lächeln und frisch geschnitten angeboten. Und stellt euch vor, es gab sogar Sushi auf Cocktailspießen.



Es verwirrt mich auf diesen Events immer wieder, dass die Leute mit dem meisten Geld am wenigsten bezahlen müssen. Dennoch haben die VIPs genug Bares für ihre pelzgefütterten Mäntel, die dann in einer separaten Garderobe von nicht nur ein oder zwei, sondern gleich VIER Stewardessen beschützt werden. Gerade als ich dachte, ich würde diese Welt ein wenig verstehen!

Die Show des Münchner Designer Marcel Ostertag hieß „Meet me in Scotland darling“. Die einzige schottische Verbindung, die ich jedoch finden konnte, war die Dudelsackmusik. Die Klamotten waren schön und glitzernd, überrascht hat mich aber Folgendes: Kennt ihr das Gefühl, wenn man als Teenager an einer Gruppe cooler Kids vorbeigeht und beobachtet wird, so dass man auf einmal (ach du Scheiße!) vergisst, wie man überhaupt geht. Genauso sind alle Models gelaufen. Wie Bügelbretter mit Scheiße in der Hose, die über den Laufsteg schlurfen. Zugegeben, Druck steht da auf der Tagesordnung, aber wenn das das einzige ist, was man machen muss, hätte ich schon mit mehr Finesse gerechnet.



Wie es in vielen Lebenslagen üblich hat sich die Hälfte des Publikums dazu entschlossen, die Show mittels Smartphone, Kamera, Tablet-Computer, oder was auch immer, und nicht mit altmodischen Augen zu verfolgen. Es scheint, als ob die Netzhaut so was von out ist.



Bis dahin hatte ich mich in meinem pinken Anzug ein wenig wie eine Hauptattraktion gefühlt. Zumindest bis Marcel Ostertag in einem seiner eigenen Outfits erschien. Alle sind ausgeflippt! Und mir wurde ganz klar von einem bärtigen Kerl in High Heels die Schau gestohlen (nicht zum ersten Mal in dieser Woche). Lustigerweise überquerte er den Laufsteg mit einer anmutigen Haltung.



Als ich das Hauptzelt verließ, zog mein bescheuertes Outfit noch mehr Aufmerksamkeit auf sich. Hier suche ich nach dem Etikett meines Anzugs, um der Frau die Frage nach der Marke zu beantworten. Diese Leute, die ohne Einladung vor dem Zelt stehen, müssen die Modewelt wirklich lieben. Sie warten dort stundenlang bei Minustemperaturen, nur um einen kleinen Vorgeschmack des Glitzers und Glamours zu bekommen. Diese ganze Fashion-Week-Erfahrung hinterließ bei mir nur eine Frage: Wo ist ihr Sushi auf Cocktailspießen?

Fotos von Katrin Ingwersen. 


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