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Warum es so verdammt lange dauerte, bis Frauen in der Schweiz abstimmen durften

Und wofür junge Schweizer Feministinnen wie bei aktivistin.ch heute kämpfen.

Alle Fotos zur Verfügung gestellt von der Gosteli Stiftung

In keinem Land dieser Erde besteht das Stimm- und Wahlrecht für Frauen seit Staatsgründung. Die Legitimität dieses Menschenrechts wird in einigen Regionen bis heute angezweifelt. Diesem Missstand konnte sich auch die Schweiz lange nicht entziehen. Als drittletzte Nation in Europa, nach Portugal 1976 und Liechtenstein 1984, wurden den Schweizerinnen am 07. Februar 1971 ihre vollen Bürgerrechte zugestanden, wobei sich die effektive Einführung bekanntlich erst 1991 auch im letzten Kanton Appenzell Innerrhoden durchsetzen konnte. Die Gründe sind vielfältig. Ein träges politisches System, gepaart mit traditioneller Bürgerlichkeit zog wie eine Handbremse am Fortschritt. Noch heute scheinen die gleichen Faktoren, ökonomische und soziale Nachteile für Frauen zu begünstigen.

Geistige Umnachtung durch den Kantönligeist

In einem Land wie der Schweiz, wo für Verfassungsänderungen die Bevölkerungsmehrheit ihre Zustimmung geben muss, hatte die Einführung des Frauenstimmrechts von Anfang an schlechte Karten. Schweizerische Frauenorganisationen überwiesen bereits 1868 erste Petitionen an das Parlament. Das männliche "Nein" kam dann auch gleich postwendend. Über Jahrzehnte wurden solche Vorstösse abgeschmettert. Mal wurde die Ablehnung mit der Einhaltung des "Gewohnheitsrechts" begründet, mal wurden in der Bevölkerung Ängste vom drohenden Zerfall der gewohnten Familienstrukturen geschürt. Dass sich während dieser Zeit auch viele Frauen vehement gegen ihr Stimmrecht gewehrt haben, ist bemerkenswert. 

Plakate zu Abstimmungen zum Frauenstimmrecht

"Konservative und traditionelle Werte erhalten sich noch heute durch das Selbstbild vieler Schweizerinnen und Schweizer", erklärt das feministische Kollektiv aktivistin.ch auf Nachfrage von VICE. "Ein in der bergischen Idylle lebendes, tapferes, arbeitsames, naturverbundenes, vielfältiges Volk wurde und wird durch diese Werte stark internalisiert. Dazu werden die Entwicklung von progressiven Ideen und der gemeinsame Kampf für eine Sache durch die Geographie der Schweiz erschwert." Die Schweiz habe nie eine grossflächig organisierte Studierendenbewegung oder Arbeitendenbewegung hervorgebracht, wie es in anderen Ländern immer wieder zu beobachten war. "Auch steht der ausgeprägte Regionalpatriotismus der Durchsetzung von modernen Ideen im Weg. So ein bisschen nach dem Motto: Die können das ja machen, wenn die wollen. Bei uns wissen wir, und nur wir, wie es am besten geht", erklärt das Kollektiv weiter.

Frauen setzen sich durch

Viele Frauen überliessen damals bereitwillig die politischen Entscheidungen ihren Ehemännern. Das liegt für  Theres Blöchlinger, Gründerin des feministischen Frauenkalenders fembit.ch und Ärztin für Frauenheilkunde, auch daran, wie man erzogen wird: "Das Unterbewusstsein in uns Menschen ist sehr stark. Eine Prägung aus dem Elternhaus hält sich lange und kann oft nur durch gründliche Selbstreflexion überwunden werden." Theres Blöchlinger, die zur Zeit der Einführung des Frauenstimmrechtes in Bern Medizin studierte, erinnert sich: "Ich und meine Kommilitoninnen waren zwar nicht aktiv am politischen Kampf beteiligt, wir haben die Abstimmung 1971 aber wach verfolgt." Klar definierte Geschlechterrollen boten für Frauen, ausser das Mutter- und Hausfrauendasein, nicht viele Optionen. "Zum Glück kam ich aus einem aufgeklärten Umfeld", so Blöchlinger. "Ich erlebte bereits als Zwölfjährige, wie meine berufstätige Mutter und meine beiden unverheirateten Tanten bei der ersten Abstimmung zum Frauenstimmrecht 1959 angeregt diskutierten."

Nachdem sich Frauen ihre politischen Rechte über 100 Jahre hart erkämpft haben, begannen feministische Organisationen und Gruppierungen nach 1971, die alten patriarchalischen Strukturen umzuwälzen. Wichtige Ziele, wie das Recht auf Abtreibung, wurden erreicht und es etablierte sich ein radikaleres Verständnis von Feminismus. 

Mehrere Hunderttausend Frauen streikten 1991 einen Tag lang, um für mehr Gleichberechtigung einzustehen

Was während der 80er-Bewegung in autonomen Frauengruppen gipfelte, scheint in den letzten Jahren allerdings wieder eher bürgerliche Töne anzuschlagen. In einer repräsentativen Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach in Auftrag von Bild der Frau gaben 2013 64 Prozent der deutschen Männer an, dass Frauen und Männer schon genug gleichberechtigt seien. 28 Prozent waren sogar überzeugt, dass wir es mit der Gleichberechtigung übertreiben. Geschlechterforscher Denis Hänzi von der Technischen Universität Darmstadt geht gemäss 20 Minuten davon aus, dass sich in der Schweiz ein ähnliches Bild zeigen dürfte. Er beobachtet ein "Revival traditioneller, recht konformer Weltanschauungen" bei Männern und Frauen. Ähnlich sieht das auch aktivistin.ch: "Heutzutage gibt es Frauen, die sich vom Feminismus distanzieren und der Meinung sind, sie hätten ja bereits die gleichen Rechte wie die Männer und können somit alles genauso erreichen wie diese. Meistens sind das gebildete Frauen in guten Positionen, die oft die eigenen Privilegien wenig bis gar nicht hinterfragen. Zudem gibt es jene, die denken, der Feminismus wolle ihnen verbieten, traditionelle Mutter und Hausfrau zu sein." 

Diese Wohlstandsblase Schweiz – weit entfernt von der Realität draussen in der Welt – scheint nach Meinung von aktivistin.ch die Gemüter nachhaltig zu sedieren. Hinzu kommt, dass Feminismus oft immer noch als etwas Negatives, gar Störendes empfunden wird. Aktivistin.ch ist aber optimistisch: "Zum Glück gibt es viele junge Frauen, die uns schreiben und mitmachen wollen. Sie sind an einem Aufleben von feministischen Gedanken interessiert und möchten diese in konkreten Aktionen umsetzen."

Das Ziel in weiter Ferne

Seit 1971 haben sich Schweizer Gesetze schrittweise zu Gunsten der Frauen verändert. Trotzdem können noch heute erhebliche Defizite in der Geschlechtergleichstellung nicht geleugnet werden. Als eines der grössten Probleme sieht Theres Blöchlinger die anhaltende Lohndiskriminierung. Dabei steht für sie vor allem im Vordergrund, dass der Care-Ökonomie, der (oft) unbezahlten Haus- und Pflegearbeit,  in unserer Volkswirtschaft keinen Wert beigemessen wird. "Es ist egal, ob Pflegedienste in Lohnarbeit oder unentgeltlich in der Familie verrichtet werden. Unser Steuerrecht sieht für sie keine Begünstigung vor und die Löhne in diesen Berufen sind tief." Da diese für eine gut funktionierende Gesellschaft notwendigen Tätigkeiten mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, trügen auch sie alleine diese Last. Gemäss bundesamtlicher Statistik von 2013 liegt die durchschnittliche Anzahl Stunden unbezahlter Arbeit von Frauen bei 30.5 in der Woche. Das ist im Vergleich zu den Männern mit wöchentlichen 18.6 Stunden fast doppelt so viel.  Auch aktivistin.ch sieht hier Handlungsbedarf: "Sehr viel mehr unbezahlte Arbeit wird von Frauen gemacht. Und zwar selbstverständlich aus Liebe zu ihren Mitmenschen. Flexiblere Arbeitszeitmodelle für Männer und generell eine Verkürzung der Arbeitszeit  könnten helfen."


Abgesehen von ökonomischen Mängeln hat sich für das Kollektiv von aktivistin.ch auch im sozialen Bereich nicht viel getan: "Stereotypen, wie Frau und Mann zu sein haben, halten sich hartnäckig. Frauen werden immer noch häufig auf ihr Äusseres reduziert", so ihre Feststellung. "Wir sollen schön sein, uns aber nicht im Zug schminken oder zu kurze Röcke tragen. Wir sollen dem Mann gefallen, der wiederum stark, intelligent und hart zu sein hat. Das wird von der Berichterstattung in den Medien stark mitgetragen, wenn zum Beispiel über den Kleidergeschmack, die Affären oder Dekolletés von Frauen, die etwas erreicht oder geleistet haben, berichtet wird."

Es reicht noch nicht

Die Annahme des Frauenstimmrechts am 7. Februar 1971 ist eines der wichtigsten politischen Ereignisse in der Schweiz und wirft gleichzeitig viele Fragen auf. Ist es ein Armutszeugnis für die Schweiz, dass sie bis vor nicht einmal fünf Jahrzehnten der Hälfte ihrer Bürgerinnen ihre Menschenrechte verwehrte? Obwohl die Situation für Frauen in der Schweiz im internationalen Vergleich nicht so schlecht ist, existiert eine spürbare Lethargie, bestehende Probleme anzugehen. Sind wir vom Wohlstand geblendet und möchten einfach in Ruhe weiter unsere Brötchen backen? "Die Schweiz ist im Moment sehr konservativ geprägt. Auch wenn sie auf der technischen Ebene recht fortschrittlich ist, weil auch unglaublich viel Geld dafür vorhanden ist. Auf der sozialen und gesellschaftlichen Ebene findet aber eher eine individualistische und rückwärts orientierte Bewegung statt", findet aktivistin.ch abschliessende Worte.

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