Dieser CSU-Politiker will Cannabis legalisieren – als einziger in seiner Partei

Wie kommt man als Konservativer zu dieser Haltung, was sagt Markus Söder dazu und haben Bayern ein besonderes Verhältnis zu Marihuana? Das haben wir Hans Theiss gefragt.

Alles zur Cannabis-Legalisierung

Im letzten Aufbäumen gegen die Cannabis-Legalisierung ist die CSU so etwas wie die bayerische Eliteeinheit der Union. Nirgendwo sonst wehren sich Politikerinnen und Politiker stärker gegen eine Reform der deutschen Drogenpolitik. Die letzten beiden Bundesdrogenbeauftragten – beide Verfechterinnen des Cannabis-Verbots – kamen aus der CSU. Und Parteichef Markus Söder sagte zum Thema: "Wir als CSU sind strikt gegen eine Freigabe von Cannabis."

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Deshalb war es erstaunlich, als der Münchner CSU-Stadtrat und Kardiologe Hans Theiss vergangene Woche öffentlich das Gegenteil vertrat. In einem Facebook-Post forderte er, Cannabis zu legalisieren. Er schrieb: "Die schizophrenen Zeiten sollten vorbei sein, in denen in Bierzeltreden der kiffende Dorfasoziale beschworen wird und Tausende Zeltbesucher mit vollen Maßkrügen in der Hand johlen sollen." 

Diesen Mann, der sich gegen die Haltung von so ziemlich allen stellt, die in seiner Partei Einfluss haben, wollten wir unbedingt kennenlernen. Und wir wollten wissen, warum sich die meisten Menschen in der CSU noch immer so vehement gegen die Legalisierung von Cannabis wehren.

VICE: Herr Theiss, wie kommt man als CSU-Politiker dazu, Cannabis legalisieren zu wollen? 
Hans Theiss:
Die Frage beschäftigt mich schon seit Jahren, weil ich einen politischen, aber auch einen medizinischen Blick darauf habe. Und sie ist in diesem Jahr akut geworden, weil die Ampel in Berlin die Gesetzeslage nun ändern möchte und sich für eine Legalisierung ausgesprochen hat. Deshalb sehe ich jetzt auch den richtigen Zeitpunkt gekommen, um mich zu äußern.

Welche Argumente für die Legalisierung haben Sie besonders überzeugt? 
Zum einen geht es mir um Gleichbehandlung. Aus medizinischer Sicht sehe ich keine substantiellen Unterschiede zwischen Alkohol und Cannabis, die nahelegen würden, das Eine zu erlauben und das Andere zu verbieten. Natürlich sind manche Wirkmechanismen und Nebenwirkungen verschieden. Aber insgesamt spielen beide Substanzen für mich in der gleichen Liga. Es gibt Cannabis-Befürworter, die selbst das bestreiten und sagen, dass Cannabis nicht so schlimm wie Alkohol ist. Aber ich würde es als in etwa gleich betrachten und dann wäre es auch logisch, es gleich zu behandeln. Als Arzt würde ich vor beidem warnen, aber es auch in die Entscheidungsgewalt von Erwachsenen legen, es zu konsumieren. 


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Einen großen Unterschied, auf den Sie in ihrem Facebook-Post eingegangen sind, gibt es: An den Folgen von Alkoholkonsum sterben in Deutschland jährlich etwa 60.000 Menschen, durch Tabak etwa 100.000. Bei Cannabis weiß man von keinen Todesfällen.
Das würde ich so nicht bestätigen. Ich bin kein Toxikologe oder medizinischer Cannabis-Experte, da ich aus der Kardiologie komme. Trotzdem habe ich mich natürlich informiert: Auch wenn ich keine eindeutigen Zahlen gefunden habe, würde es mich sehr wundern, wenn noch nie jemand im Cannabisrausch ums Leben gekommen ist, etwa durch einen Unfall oder eine massive Intoxikation. Dass es diese statistischen Unterschiede gibt, könnte zum einen an der Zahl der Konsumenten liegen, aber auch an der entsprechenden Erfassung. Wenn man nach einer Legalisierung die Zahlen von Konsumenten offiziell erheben kann, müsste man sie dem gegenüberstellen.

Welche Bedingungen würden Sie an eine Legalisierung stellen?
Man sollte sie unbedingt wissenschaftlich begleiten. Man muss beobachten, ob sich da unter Umständen massivste Intoxikationen ergeben, die man so vielleicht nicht kommen sieht. Dann muss man sich auch vorbehalten, dagegen zu regulieren. Und man sollte an Schulen Aufklärungskampagnen machen. Es darf bei jungen Menschen nicht der Eindruck entstehen: Jetzt ist es legal, so schlimm kann es ja nicht sein. Mit über 18 Jahren muss das jeder selber wissen. Aber ich würde Aufklärungskampagnen intensivieren und das gilt für Alkohol gleichermaßen. 

Haben Sie auch mal anders über das Thema gedacht? 
Ich sehe das schon länger so und hatte keinen wirklichen turning point, an dem ich komplett umgedacht hätte. Es war nur in der politischen Diskussion nie so präsent, dass ich mich offiziell hätte äußern müssen. 

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Stehen Sie mit dieser Haltung in Ihrer Partei alleine da?
Offiziell haben sich bisher, glaube ich, nicht viele geäußert. Zumindest nicht viele Amts- und Mandatsträger. Ich bin nicht sicher, ob ich vielleicht sogar der Erste bin. An der Basis wird das sicherlich differenzierter diskutiert. Auf Ebene der Landtagsabgeordneten oder gar auf Ministerebene dürfte die Haltung im Augenblick aber ziemlich einhellig sein.

Und diese Haltung lautet, wir sind gegen eine Cannabis-Legalisierung?
Genau. Ob diese Haltung fortbesteht, wird man sehen müssen. An der Basis wird das so und so gesehen. Da gibt es nicht wenige, die das Cannabis-Verbot sehr wohl unterstützen. Ich kenne aber auch eine ganze Reihe von Leuten, die das ähnlich sehen wie ich, ohne da jetzt Zahlen nennen zu können. 

Haben die Bayern ein besonderes Verhältnis zu Cannabis?
Grundsätzlich verfolgt man in Bayern schon eine relativ starke Rechtsstaatspolitik und geht Dingen, die als illegal eingestuft werden, vielleicht etwas konsequenter nach, als das in anderen Bundesländern der Fall ist. Dass die bayerische Bevölkerung als solche ein anderes Verhältnis zum Cannabis im Guten wie im Schlechten haben soll als andere Bundesländer, kann ich mir nicht vorstellen. 

Welchen Argumenten gegen die Legalisierung können auch Sie etwas abgewinnen? 
Für mich ist noch unklar, ob Jugendliche die Legalisierung als eine Verharmlosung auffassen werden. Wie gesagt: Ich sehe Alkoholkonsum bei Jugendlichen genauso kritisch. Die interessante Frage wird aber sein, ob eine neue gesetzliche Einstufung von Cannabis bei Jugendlichen einen Run auf diese Droge auslöst oder ob sie die vielleicht ohnehin schon konsumiert haben und die Zahlen gleich bleiben. Das ist für mich der wundeste Punkt. Ich bin aber skeptisch, ob Cannabis wegen der Substanz selbst oder mehr wegen der Illegalität eine Einstiegsdroge in harte Drogen sein kann, wie immer wieder angeführt wird.

Die Einstiegsdrogen-These gilt wissenschaftlich als widerlegt.
Ich glaube, dass Cannabis genauso Einstiegsdroge ist wie Alkohol. Ich denke aber auch, dass der Schritt in die Illegalität der Punkt ist. Jemand, der sich eine Substanz illegal beschaffen muss, gerät unter Umständen auch leichter an andere illegale Stoffe. Aber auch da bin ich gespannt, ob es Daten geben wird, die in eine andere Richtung zeigen. Man wird es wissen, wenn man es legalisiert hat. Wenn Cannabis zwei oder drei Jahre legal in Deutschland erhältlich war, muss man sich die Erkrankungen und Todesfälle bei anderen Drogen anschauen. Wenn sie gleich bleiben, dürfte die Einstiegsdrogen-These wirklich auch in der Realität widerlegt sein. Wenn sich etwas verändert hat, wird man schauen müssen, wie man damit umgeht. Aber das kann man nicht vorhersagen.

Hat Ihr Facebook-Post innerhalb der CSU ein Beben ausgelöst und hat sich Markus Söder schon bei Ihnen beschwert?
Er hat sich nicht bei mir gemeldet. Bis jetzt habe ich auch kein Beben vernommen. Ich bin natürlich angesprochen worden, teilweise auch mit einem gewissen Schmunzeln.

Womit könnte man Legalisierungsskeptiker in Ihrer Partei überzeugen?
Ich bin gespannt auf den Gesetzentwurf im Herbst. Da ist wichtig, ob man alles freigibt oder gestuft vorgeht und unterschiedliche Stärken von Cannabis-Produkten erlaubt. Der zweite Punkt ist, welche Aufklärungskampagnen geplant sind und wie die wissenschaftliche Begleitung aussieht. Außerdem sollte man sich einen Zeitpunkt setzen – zum Beispiel nach drei Jahren –, an dem man das Ganze evaluiert und sich entscheidet, ob man das dauerhaft so umsetzen möchte. Wenn in Notaufnahmen ein komplettes Chaos ausbricht – was ich nicht glaube, aber auch nicht weiß –, dann muss man sich schon fragen, ob es der richtige Schritt war.

Wenn man die Legalisierung als einen ersten Schritt, als eine Testphase betrachtet, könnte ich mir vorstellen, dass der eine oder andere in der CSU sagt: OK, gucken wir uns das mal an. Es wird trotzdem Hardliner geben, die sagen, nie und nimmer und keinen Millimeter. Aber es gibt sicher auch einige, die hin- und hergerissen sind und sagen: Gut finde ich Cannabis zwar nicht, aber vielleicht ist die Realität doch nicht so schlimm wie befürchtet.

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