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Noisey

Wir lüften das Geheimnis um Stitches, dem Rapper hinter „Brick In Yo Face“

Wo kommt der Typ plötzlich her und warum hat er eine AK-47 im Gesicht?
20.5.14

Was Durchbruchsingles angeht, ist Stitches „Brick In Yo Face“ wohl beispiellos. Der Beat schnauft und schlingert unnachgiebig durch den Track wie ein Güterzug mit Godzilla hinter dem Steuer, während Stitches immer wieder und wieder bellt „I LOVE SELLIN’ BLOW!!!“—wie ein paar Sirenen, die versuchen Odysseus mit der Aussicht auf einen Berg aus Koks auf ihre Insel zu locken. Das Video dagegen ist fast schon erschreckend konventionell, beinahe komisch. Mit der Statur eines Linebackers gibt Stitches an sich schon eine beeindruckende Figur ab, was aber noch mal gesteigert wird, wenn er mit Maschinengewehren vor einem Dealerhaus steht und sich die Seele aus dem Leib brüllt, während seine Gangstercrew ihm den Rücken stärkt. Seine Lyrics werden mit Einstellungen komplimentiert, die Stitches dabei zeigen, wie er Pakete mit weißem Puder gegen Säcke mit Cash eintauscht, sowie einem Typen mit Hellraisermaske, der den Schnee wie ein Äffchen in einem leeren Raum verteilt, als ob dort die nächste Winterolympiade stattfinden würde. Die Kombination von Video und Track lässt dich mit einem Gefühl zurück, als ob dir gerade jemand mit einer AK-47 ins Gesicht geschossen hätte. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass Stitches eine AK-47 auf sein Gesicht tätowiert hat.

„Ich habe das Tattoo, weil es meine Lieblingswaffe ist“, sagt mir Stitches kurz und knapp am Telefon, als ob, sich ein Maschinengewehr auf den rechten Wangenknochen tätowieren zu lassen, die normalste Sache auf der Welt wäre. „Ich habe es mir stechen lassen, als ich 16 war.“ Diese pragmatische Einstellung nach dem Motto A-weil-B zieht sich durch alles, was Stitches von sich gibt. Als ich ihn danach frage, wie das Video viral gegangen ist, sagt er mir: „Ich habe das schon ein paar Wochen vor der Veröffentlichung geplant. Ich wusste, dass es groß werden wird.“

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Ich unterhalte mich mit Stitches, weil ich genau wie ein großer Teil des rapkonsumierenden Internets mehr über ihn erfahren will. Obwohl er in der Vergangenheit schon ein paar Interviews gegeben hat, hat er bislang wenig von sich preis gegeben—vielleicht auch, um sich nicht selber zu belasten—aber vielleicht hat auch einfach noch niemand die richtigen Fragen gestellt. Der Mangel an Infos gepaart mit dem Gefühl, dass Stitches Auftreten schon etwas zu perfekt für einen beiläufigen Interneterfolg ist, lässt einen mit dem Gefühl zurück, dass an der ganzen Story vielleicht doch etwas faul ist. Wo zur Hölle kommt der Typ eigentlich plötzlich her? Wie konnte er so schnell so groß werden?

Obwohl es vielleicht den Anschein hat, dass „Brick In Yo Face“ aus dem Nichts kam, ist Stitches schon einige Zeit in der Miami Rapszene und dem Internet unterwegs. „Dirty Game“ und „Love For My Haters“ sind seine ersten Tracks, die im Netz veröffentlicht wurden. Sie erschienen neben Songs von anderen Indyrappern wie  K Camp und Young Dolph auf der The Wire Mixtape-Compilation, die am 10. Januar diesen Jahres veröffentlicht wurde. Soweit mir bekannt ist, erschien „Brick in Yo Face“ zum ersten Mal auf einer Compilation mit dem Namen Rise of the Indy, wenn auch unter dem Titel „Brock on Yo Plate“. DJ Cinemax ist der Kopf hinter beiden Tapes.

Bevor Stitches Stitches war, war er Lil Phill, ein drogendealender Teenager und Gelegenheitsrapper, der in Miami lebte. Wenn man sich seinen alten Twitteraccount anschaut, erfährt man, dass seine alte Single „Ridin’“ um die 88.000 Plays auf YouTube erreicht hat. Der Song ist zwar inzwischen von YouTube gelöscht, aber hier könnt ihr euch eine Version des Tracks zusammen mit einer anderen Single namens „Rollin’“ anhören.

Stitches erzählt mir, dass er auf sich alleine gestellt ist, seit er 14 ist. „Ich habe Probleme in der Schule bekommen, weil ich den Schulleiter in seinem Büro ausgeknockt habe. Ich wurde dafür verhaftet und von da an war ich auf mich selber gestellt, ich habe viel Scheiße gebaut. Innerhalb von zwei Wochen hatte ich meine eigene Hütte und fing an, zu ticken und so Zeug.“

„Er stemmt Eisen, seit ich ihn kenne“, sagt mir sein Kumpel M. Deniro den ich über Twitter kontaktiert habe. „Nicht nur so ein paar Kilo sondern richtige Gewichte. Das macht er, seit er 14 ist.“

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Das mit den drastischen Gesichtstätowierungen geschah, als er 16 war, erzählt mir Stitches. Er war es leid, dass die Leute ihn immer verpfiffen. „Als ich jünger war, war ich ständig im Knast“, erzählt er. „Die haben mich nie dranbekommen, weil ich es selber verbockt hatte. Ich kam immer wegen irgendjemand anderes in den Knast. Ich musste einfach mal ein Statement machen, damit die Leute endlich wissen, was Sache ist.“

M. Deniro sagt es etwas direkter: „Wir geben uns nicht mit Verrätern ab. [Stitches] ist ein wirklich netter Typ, aber du willst ihn definitiv nicht zum Feind haben.“

Zum 25. Mai wurde der Name „Stitches“ als Markenzeichen im Bereich “entertainment rendered by a musical act” eingetragen. Außerdem wurde am 9. Mai eine Verlagsgesellschaft mit dem Namen TMI Publishing LLC registriert (Stitches Crew nennt sich TMI, „Too Much Ink“). Als ich ihn nach der ganzen Trademarkgeschichte frage, antwortet er mir ehrlich: „Mir gehört jetzt der Name ‚Stitches’. Wenn du ihn also auf ein T-Shirt druckst, kann ich dich verklagen.“

Am 25. April wurde das Mixtape No Snitching Is My Statement releast. Der Host war DJ Ace. „Er hat mich auf Instagram angequatscht, so nach dem Motto ‚Aye, let’s rock together’“, erzählt mir Ace am Telefon. „Normalerweise nehme ich 5.500 Dollar von Rappern, aber das hier habe ich für 2.500 gemacht.“ Ace macht Mixtapes mit Waka Flocka und Alley Boy, aber ist dazu auch noch Flockas DJ. Diese Verbindung erklärt vielleicht auch, warum Stitches in einem Interview mit Complex großspurig Collabos mit 808 Mafia und Southside angekündigt hat, zwei Producern, die zu Flockas Crew gehören.

Das Eintragen des eigenen Namens als Marke, ein gut produziertes Video mit hohem Viralpotential und das Connecten mit Industriegrößen über Instagram scheint schon überaus gerissen für einen Typen, der eine Kalaschnikow ins Gesicht tätowiert hat. Auf der anderen Seite klingt es aber nach DIY in Reinform. Wir leben in einer Zeit, in der jeder mit jedem über Social Media netzwerken kann, sie davon überzeugen kann, mit ihnen ein Mixtape zu machen, und ein abgefahrenes Video veröffentlichen kann, das ihm einen Namen macht—alles ohne fremde Hilfe. Wenn es sich bei Stitches um ein paar Kellerpunks handeln würde, die das Internet dazu nutzen würde, um ein paar Artikel bei Pitchfork zu bekommen, anstelle eines zutätowierten Typen mit breiten Schultern und Maschinengewehren in seinem Gesicht, der versucht, genug virale Berühmtheit abzubekommen, um einen Plattenvertrag zu landen, würden wir von alledem wohl nichts hinterfragen. Er ist aber genau so einer und durch sein extrem auffälliges Auftreten stempeln ihn die Leute als Konstrukt der Musikindustrie ab, anstelle ihn als schlauen, jungen Menschen, mit harter Vergangenheit zu sehen, der versucht, das Beste aus sich zu mache. „Ich habe die ganze Scheiße hier alleine gemacht, Alter“, sagt er zu mir. „Mir hat niemand geholfen. Weder meine Mutter, noch mein Vater, niemand.“

Wer ist Stitches also? Stitches ist ganz einfach nur ein Typ.