Tech

Social Eating auf Twitch: Mukbang funktioniert in der westlichen Welt nicht

Der neue Twitch-Kanal hat beim südkoreanischen Phänomen Mukbang abgeguckt - doch natürlich wird das Ganze bis zum Erbrechen übertrieben.
7.7.16
Screenshot: YouTube

Das Streaming-Portal für Videospiele Twitch hat vergangene Woche eine neue Kategorie namens „Social Eating" eingeführt. Wahrscheinlich rechnete man mit einem ähnlichen Erfolg wie bei dem südkoreanischen YouTube-Phänomen Mukbang.

Dabei verschlingen Menschen riesige Mengen an Essen, und Millionen Zuschauer sehen zu. Abgesehen von den übertrieben lauten Kau- und Schluckgeräuschen ist nichts besonders Ekliges daran—es wird halt gegessen, mehr nicht. Manche meinen, dass sich einsame Koreaner dadurch etwas weniger alleine fühlen, weil es sich so anfühlt, als würden sie ihre Mahlzeit mit einem Freund einnehmen. Andere sagen, dass Leute, die gerade auf Diät sind, so wenigstens indirekt leckeres Essen genießen können. Eigentlich ist es doch eine ganz nette Sache—doch wir Westler schaffen es natürlich mal wieder, aus aus einer eher harmlosen Idee etwas wirklich Ekliges zu machen.

Anzeige

Das allererste Video, über das ich auf Twitchs neuem Kanal stolperte, war dann das folgende. Darin ist ein Typ zu sehen, der praktisch direkt in die Kamera kotzt. Wenn ihr also einen empfindlichen Magen habt, tut euch das nicht an. Ich habe selbst einige Minuten gebraucht, um meinen Magen danach wieder in den Griff zu bekommen. Ich zog mir mir also 30 Minuten lang die Essenskünste von Nutzer whereiswaldoalejandro rein, der zu Obituarys Death-Metal-Song „Chopped in Half" alles in sich hineinstopfte, was seine Zuschauer ihm per Kommentar schrieben. Er musste sich schließlich in die Schüssel, die vor ihm stand, übergeben und sah so aus, als würde er gleich ohnmächtig werden—und das alles für ganze zwölf Zuschauer. Gerüchten zufolge soll ein anderer Typ auf Twitch sogar Kacke gegessen haben, einen Beweis in Form eines Videos habe ich dafür aber bislang noch nicht gefunden.

WARNUNG: IN DIESEM VIDEO WIRD GEREIHERT UND ES IST ECHT EKLIG!

Es überrascht nicht wirklich, dass Twitch bereits einen eigenen

FAQ-Teil fürs Social Eating

erstellt hat, in dem erläutert wird, was erlaubt und was verboten ist. Logischerweise soll man mit seinen Zuschauern interagieren und sowohl sich selbst als auch sein Essen während des Streams zeigen. Es sind aber die Dinge, die verboten werden, die uns einen besseren Überblick darüber verschaffen, wozu die Twitch-Betreiber ihre Nutzer in der Lage halten. Ob es nun um „Essen geht, das nicht wirklich für den menschlichen Verzehr bestimmt" ist, wie beispielsweise „Tierfutter, giftige Substanzen, Körperflüssigkeiten und Abfall"—all diese Verbote finden sich tatsächlich so auf der Liste wieder. Es ist ebenfalls untersagt, auf „eine Weise zu essen, die andere absichtlich ekeln, schockieren oder verletzen soll."

Bild: whereiswaldoalejandro

Außerdem darf man vor der Kamera nicht überwiegend nur Alkohol trinken. In Anlehnung an die Klischees, die es über Gamer nunmal so gibt, ist auch der überwiegende Konsum von „Junk Food wie beispielsweise Süßigkeiten, Gewürzen oder Energy-Food" verboten. Man darf zudem nicht an „Essens-Wettbewerben teilnehmen, die den Austausch von Geld, Waren oder Dienstleistungen beinhalten"—doch wie in den Streams zu sehen ist, hält das die Twitch-Zuschauer nicht davon ab, ihren Lieblings-Social-Eatern kleine Geldbeträge zu spenden.

Social Eating ist größtenteils einfach nur langweilig. Und schlimmer noch, es ist irgendwie auch ziemlich traurig. Man schaue sich beispielsweise in dem Video oben den schwedischen Twitch-Streamer Forsenlol an, der mit seinen Zuschauern spricht und chattet, während er vor seinem Computer einen Wrap isst. Es ist ein witziger Stream, aber so wie er dasitzt, erinnert er mich ein bisschen zu sehr an mich selbst. Wie oft esse ich vor dem PC, weil ich einfach zu wenig Zeit für ein richtiges Mittagessen habe? Und wenn ich schon bei Forsenlol dieses Gefühl habe, dann stellt euch mal vor, wie es mir geht, wenn ich dem Streamer mit dem passenden Namen „OverweightGamer" dabei zusehe, wie er sich „Reis, Bohnen und Hühnchen, dieses puertoricanische Essen" reinschaufelt. Am liebsten würde ich rausstürmen und so lange vor alledem wegrennen, bis die Kilos purzeln.

Der neue Social Eating Kanal hat gelinde gesagt also noch einen langen Weg vor sich. Jetzt gerade gibt es nur sechs aktive Streams, und bei den meisten liegen die Zuschauerzahlen im niedrigen zweistelligen Bereich. Das beliebteste Video ist das von EXBC mit dem Titel „Chicken & Feet with Teenage Sister Heosu3", und ich habe aufgegeben, mitzuzählen, wie viele Hühnchenkeulen sie schon gegessen haben. Ich kann nicht viel länger als ein paar Sekunden hinschauen, ohne dass mir selbst ein bisschen schlecht wird.

Bild: OverweightGamer

Wie ich bereits erwähnt habe, ist eine der gängigen Theorien in den Kommentarspalten der Mukbang-Videos die, dass viele Zuschauer es genießen, bei den sündhaft kalorienreichen Fressattacken zuzuschauen, weil sie selbst gerade Diät machen und zumindest dabei zusehen wollen, wie die Streamer das genießen, was sie sich selbst verweigern. In der westlichen Welt und vor allem in der Gaming Community—und somit auch auf Twitch—sind solche ausschweifenden Mahlzeiten aber nichts allzu Außergewöhnliches. Vielleicht erfreut sich das Phänomen auch deswegen bei uns nicht annähernd der gleichen Beliebtheit wie in Asien.

Twitchs Social Eating Kanal ist für uns eher wie eine Art Spiegel. Und in den meisten Fällen wird uns nicht gefallen, was wir darin zu sehen bekommen.