Augmented Reality

#HYPERCYBEREALISM​: Wir müssen uns selbst neu begreifen, meint IOKOI

Videopremiere und Interview über Fingerspitzengeburten und Körpermodulationen mit der Schweizer Produzentin.
19.4.16

„Es ist, als werden wir aus unseren Fingerspitzen heraus geboren—immer in der Lage, uns selbst mit nichts weiter als einem Klick zu formen."

Wir leben in digitalen Zeiten. Zeiten, in denen wir nicht nur ein Teil des virtuellen Raums—beispielsweise des Internets oder sozialer Medien—sind, sondern dieser Raum auch ein Teil von uns. Die Schweizer Produzentin IOKOI setzt genau da an. Ihre Arbeiten drücken die Möglichkeiten zur Selbstmodulation und Manipulation aus, die sich uns heute bieten. Nicht umsonst heißt ihre neue EP body/head, zu deren Titelsong du dir am Artikelende auch erstmals das ziemlich gelungene Video angucken kannst.

Das Werk erscheint dann am 6. Mai beim Zürcher Label -OUS, dessen Mitgründerin IOKOI ist. Trotz des engen Netzwerks vor Ort ist sie vor einiger Zeit aus der Stadt ins italienische Mailand verzogen, wo sie nochmals mit neuen Bilderwelten konfrontierten wurde. Im Interview mit ihr ging es deshalb nicht nur um #HYPERCYBEREALISM, Musik und das neue Selbst, sondern auch um die alternative Szene von Mailand. Wie wir lernen mussten, handelt es sich dabei nämlich nicht nur um eine reine Modestadt.

IOKOI, deine neue EP heißt body/head. Wie würdest du die Balance von Körper und Kopf im digitalen Zeitalter beschreiben?
Ich glaube, dass sich das Verhältnis der beiden umgekehrt hat, oder zumindest die Wahrnehmung davon. Manchmal fühlt es sich so an, als ob Kopf und Körper sehr voneinander abgekoppelt sind—und das in Zeiten, in denen Verbindungen wichtiger und verschränkter werden.

Was heißt das im Detail?
Was ich beobachte, ist, dass sich Leute immer statischer in Räumen bewegen. Wir wirken bisweilen wie paralysiert anderen gegenüber—im virtuellen Raum sind wir hingegen so direkt und mutig, selbst beim ersten Aufeinandertreffen. Da übersetzen wir unsere Gedanken dann in Bewegungen, aber eben nur durch unsere Fingerspitzen. Im physikalischen Raum handelt es sich jedoch nur um eine Mikrobewegung. Und selbst wenn der Vorsatz ein großer ist, kann es doch auch nur bei einem virtuellen Ansatz bleiben, der nie zu einem physischen wird.

Sind wir also alle unausgeglichen?
Nein. Ich glaube vielmehr, dass es eine Sache der Balance persönlicher Bedürfnisse ist. Jeder hat eine individuelle Wahrnehmung des eigenen „Selbst" zwischen dem physikalischen und dem virtuellen Raum. Mir ist aufgefallen, wie die Menschen sich mehr über ihren Kopf und weniger über ihren Körper wahrnehmen, während sie anscheinend dessen Funktionen vergessen—mitsamt der vielfältigen Subebenen einer physischen Kommunikation.

Sowohl in deinem neuen Video als auch auf dem Cover deiner EP und bei deinen Konzerten fügst du deinem Äußeren weitere Schichten hinzu; sei es als Textur, sei es visuell. Was steckt hinter diesen Körpermodulationen?
Es war mir schon immer wichtig, einen Gedanken oder eine Empfindung durch verschiedene Schichten hindurch zu kommunizieren. Ich will eine Erscheinung schaffen. Da ist Musik oft nur ein Teil von vielen. Ich sehe mich selbst nicht als Sängerin, obwohl meine Stimme wohl das Werkzeug ist, mit dem ich am vertrautesten bin. Hinzukommt, dass ich manchmal ins Dunkle zurücktreten muss, weil meine Arbeit nicht von mir handelt. Sie ist eher ein Teil von mir—eine Übersetzung meiner Gefühle, Beobachtungen und Eindrücke, die an einem Tag wirklich sein können, am nächsten aber verschwunden sind oder sich verändert haben.

Sollten wir deiner Meinung nach Smartphones und andere Gadgets sowie unsere Online-Identitäten als Fortsetzungen unserer Körper ansehen? Du selbst taggst IOKOI mit #HYPERCYBEREALISM.
Absolut, genau so sollten wir sie begreifen. #HYPERCYBEREALISM beschreibt die heutige Wahrnehmung einer Erweiterten Realität, die mit unserer physikalischen Wirklichkeit verschmilzt.
Meistens besitzen wir im einen virtuellen Raum, den wir durch Projektionen unserer „Selbst" in Beschlag nehmen, einen erweiterten Blick der Wirklichkeit. Dafür riskieren wir, die Verbindung zu unserer körperlichen Persona zu verlieren; manche zum Teil, einige sogar vollständig. Es ist, als würde unser tägliches Leben im virtuellen Raum noch intensiver erlebbar sein. Weil wir uns dort viel freier bewegen können und ohne Filter sein dürfen, wer wir sein wollen. Es ist für uns einfacher, uns nach unseren Wunschvorstellungen neu zu erfinden oder zu gestalten. Die scheinbare Anonymität macht uns das Leben im virtuellen Raum viel leichter. Es ist, als werden wir aus unseren Fingerspitzen heraus geboren—immer in der Lage, uns selbst mit nichts weiter als einem Klick zu formen.
Wie man nun die Balance für die Nutzung dieser Werkzeuge findet, ohne sich komplett darin zu verlieren, ist eine andere Frage.

Glaubst du wir werden ein neues Zeitalter der Selbstmodulation erleben?
Leben wir nicht bereits in einer solchen Zeit?

Okay, Punkt für dich. Wenn ich dir die erste Frage nochmals stellen würde, dieses Mal nur übertragen auf Visuals/Musik bei IOKOI, wie lautet dann deine Antwort?
Visuals haben mit den Musikvideos an Bedeutung für die Musik gewonnen und diese ist mit dem Aufstieg, der Evolution und dem Zugang von bzw. zu neuen Technologien weiter gewachsen. Trotzdem obliegt die Balance von Visuals und Musik der Vision jedes einzelnen Künstlers und der Art und Weise, wie er oder sie mit den verschiedenen Kanälen und Medien, die heutige Technologien anbieten, arbeiten will. Für mich gibt es da kein „allgemeines Verhältnis", aber ich glaube daran, dass Bildebenen sehr wichtige Werkzeuge für die Verbreitung von Musik und Ideen sind. In meiner Arbeit haben beide das gleiche Gewicht und, da würde sogar ich noch weiter gehen: Sie sollten nicht voneinander getrennt werden.

Wie seid du und dein Label, -OUS, zusammengekommen und wie seid ihr schließlich auf Tour durch China gelandet?
Meine erste Veröffentlichung als 7", die Single „Growing Young", kam noch bei damaligen Freunden von mir auf dem Zürcher Label Hula Honeys raus. Vor einem Jahr sprachen wir dann darüber, etwas Neues zu beginnen, gemeinsam, um all das noch weiter zu drehen und bekannt zu machen. Damals stand ich mit einem Fuß schon in Mailand. So wurde -OUS geboren und ich bin nicht nur eine Künstlerin, die dort veröffentlicht, sondern Mitgründerin des Labels.
Die China-Tour wurde wiederum vom IOIC, dem Institute for Incoherent Cinematography Zurich, initiiert. Ich habe damals live Stummfilme begleitet und zwar einen Monat lang in Peking, Shanghai und Hongkong—zusammen mit 15 Schweizer und fünf chinesischen Musikern. Eine unglaubliche Erfahrung, die ein echtes Glück für mich war!

Was hat dich zur Musik gebracht?
Eine rote Plastikgeige von Fisher Price. Das war meine erste Liebesbeziehung zur Musik und ich erinnere mich noch sehr lebhaft an sie.

Ich war selbst noch nie in Mailand, aber mir haben viele Leute gesagt, dass es eine sehr modische, wenngleich auch sehr oberflächliche Stadt ist. Hat das irgendeinen Einfluss auf deine Kunst und Musik?
Als ich das erste Mal nach Mailand gezogen war mein erster Eindruck genau dieser: modisch und oberflächlich. Ich mochte die Stadt nicht wirklich. Aber schon damals passierten inspirierende Sachen, man musste nur hartnäckiger nach ihnen suchen. Deshalb entschloss ich mich, zu bleiben. Es stellte sich heraus, dass Mailand sich immerzu bewegt und verändert! Es gibt hier viele interessante und innovative subkulturelle Räume und Gemeinschaften. Sie werden immer größer und bekommen mittlerweile auch jenseits der italienischen Grenzen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Nur um mal ein paar zu nennen: MACAO, S/V/N, TERRAFORMA, BUKA. Labels wie Presto?!, Hundebiss oder Haunter Records bringen genauso wie Kulturorte wie O' und SOTTO la Sacrestia allerhand frische und inspirierende Energien nach Mailand.
Ich würde also sagen, dass sowohl das Oberflächliche als auch das Tiefergehende, Informierte meine Arbeit beeinflussen. Bei einer Sache bin ich mir sicher: Mailand ist heute ein Schmelztiegel—und das zu fühlen und ein Teil davon zu sein, ist sehr inspirierend.

_Regie: MOUTH / DoP: Matteo Zoppis / VFX: Naro Watanabe_

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