Glitzer, Bier und falsche Perlen – so demonstriert Berlin gegen Ivanka Trump
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Glitzer, Bier und falsche Perlen – so demonstriert Berlin gegen Ivanka Trump

Im Rahmen des Frauengipfels in Berlin erschien Ivanka Trump als Ehrengast zu einer Gala der Deutschen Bank – für alle, die nicht eingeladen waren, gab es von The Coalition Berlin ein schillerndes Alternativprogramm.
28.4.17

Auf der bekannten Prachtstraße Unter den Linden im Herzen von Berlin hat sich am Dienstag eine Gruppe von Berlinern mit falschen Pelzmänteln und Perlenketten versammelt, um Brecht zu zitieren und zu Deutschrap zu tanzen – soweit also ein ganz normaler Abend in der Hauptstadt, wären da nicht die vielen Polizisten. Die glitzernde Menge versammelte sich direkt vor der Deutsche Bank Kunsthalle, um gegen die W20-Gala zu demonstrieren, zu der Ivanka Trump als Ehrengast erwartet wurde. Als das Blitzlichtgewitter der Paparazzi vor der Ausstellungshalle losging – ein sicheres Zeichen, dass die sogenannte First Daughter eingetroffen war – begann die Menge lauthals zu singen: "Your feminism's fake, you only care how much you make!" (auf deutsch: "Dein Feminismus ist falsch! Dir ist nur wichtig, wie viel du verdienst!")

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Ivanka Trump wurde von Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Deutschland eingeladen, um am Wirtschaftsgipfel der Frauen teilzunehmen. Doch ihr erster Auftritt im Rahmen einer Podiumsdiskussion ging nicht reibungslos über die Bühne. Als Ivanka versuchte, den unverhohlenen Sexismus ihres Vaters zu verteidigen, begann die Menge zu buhen und zu zischen. The Coalition Berlin, die die alternative "Gala für alle" vor der Kunsthalle organisiert haben, stimmt den Besuchern der Konferenz voll und ganz zu. Coalition ist eine diverse Gruppe von englischsprachigen Zuwanderern und Deutschen, die den gesellschaftlichen Rechtsruck und Trumps Wahlsieg mit Sorge betrachten und die Koordination von Veranstaltungen unterstützen, die sich gegen das internationale Wiederaufleben von Faschismus und Rassismus einsetzen. Hierzu zählen sie auch Ivankas Nebenrolle als Vorzeigefeministin, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn es der Regierung von Trump gerade passt.

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"Diese ganze Heuchelei ist unfassbar", sagt Aimee Male von The Coalition. "[Sie] stellt sich hin und sagt: 'Ich bin eine Unternehmerin. Ich kümmere mich um Frauen und möchte, dass Frauen mehr Kontrolle über ihre Leben bekommen.' Schön, aber wie bist du so reich geworden? Durch Ausbeuterbetriebe, die ihren Näherinnen nur 99 Cent zahlen!"

Ivankas Modelinie geriet schon des Öfteren in die Kritik – von Enthüllungen über die Ausbeutung und Misshandlung der chinesischen Näherinnen, die ihre Kleidung herstellen, über die Boykott-Aktion #GrabYourWallet bis hin zu der amerikanischen Kaufhaus- und Versandhauskette Nordstrom, die ihre Produkte aus dem Sortiment nahm. Die Marke ist inzwischen so sehr in Verruf geraten, dass ein Discounter sogar angefangen hat, ihre Kleider umzuetikettieren und mit dem Label "Adrienne Vittadini" auszuzeichnen.

Alle Fotos: Anastasia Muna

Ivanka mag zwar bestritten haben, dass sie in Deutschland war, um ihre Marke zu bewerben, doch sie war auf alle Fälle hier, um die Politik ihres Vaters zu verteidigen, dessen Bilanz über seinen Einsatz für die Rechte der Frau einem Trauerspiel gleicht. Experten warnen bereits davor, dass die Ausweitung von Trumps "Global Gag Rule" Millionen von Frauen weltweit das Leben kosten könnte, während sein Beschluss, Planned Parenthood die Förderung zu entziehen, die Gesundheit amerikanischer Frauen in Gefahr zu bringen droht. Darüber hinaus fürchten amerikanische Ureinwohnerinnen wegen Trump und dem Bau der Dakota-Access-Pipeline ihr Land zu verlieren und während die Zahl der Hassverbechen in den USA immer weiter zunimmt, bangen zahlreiche Immigrantinnen wegen Trumps "Muslim Ban" um ihre Zukunft. Derweil hat die amerikanische Zeitschrift Foreign Policy geheime Dokumente veröffentlicht, die zeigen, dass Trump plant, die Finanzierung einer staatlichen Behörde zu streichen, die daran arbeitet, Frauenrechte weltweit auszubauen. Doch wie sollen Frauen erfolgreich sein, wenn sie keinen Zugang zu einer sicheren Gesundheitsversorgung, sauberem Wasser oder – wie im Falle von transsexuellen Frauen – öffentlichen Toiletten haben? Wo war Ivanka, als diese Frauen Hilfe gebraucht hätten?

Die Tsootsies bei ihrem Auftritt auf der Gala Für Alle.

"Die Situation ist ziemlich ungemütlich", sagt Male. "Was es noch schlimmer macht, ist die Tatsache, dass sie von Angela Merkel persönlich eingeladen wurde, am W20-Gipfel teilzunehmen." Obwohl es unzählige Memes gibt, die die offensichtliche Aversion der Kanzlerin gegen Ivanka bei ihrem Staatsbesuch in den Vereinigten Staaten zeigen, wurde die First Daughter zu einer internationalen Veranstaltung eingeladen, auf der darüber diskutiert wurde, wie man Frauen aus der Armut helfen kann. "Wir glauben, dass [die Teilnehmer der Podiumsdiskussion] nicht die richtigen Vertreter waren, um arbeitende Frauen oder generell den Kampf der Frauenbewegung zu repräsentieren. Wenn man sich ansieht, wer zu der Veranstaltung eingeladen war und dann einen Blick auf die restliche Bevölkerung wirft, stellt man schnell fest, dass die Veranstaltung nicht repräsentativ war."

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Genauso wütend sind die Demonstranten der "Gala für alle" auf den Gastgeber der Abendveranstaltung: die Deutsche Bank. "Nicht nur, dass sie Trumps Bank sind, sie haben auch die Wirtschaftskrise von 2008 mit zu verantworten und haben Geringverdienern faule Kredite verkauft, die dadurch ihr Haus verloren haben", sagt Male. "Außerdem gehört die Bank zu den drittrangigen Geldgebern der Dakota-Access-Pipeline und hat sich bisher von keiner Beteiligung distanziert. Gleichzeitig sagen sie, dass sie sich für die Umwelt einsetzen – diese Doppelzüngigkeit ist kaum zu ertragen. Und jetzt veranstalten sie auch noch eine feministische Gala. Das ist lächerlich. Sie tun so, als würden sie sich für die Rechte der Frauen einsetzen, doch alles, was sie tun, ist, ihnen zu schaden."

Auf der Straße vor der Gala des W20-Gipfels wird es mit der Zeit ziemlich frisch, doch die Demonstranten halten sich mit dem Deutschrap-Trio Die Tsootsies und der Musik von Godmother warm. Alle Bands, die hier auftreten, äußern sich lautstark gegen die selbstgefälligen Forderungen pseudofeministischer Unternehmen. "Diese ganze Konferenz dient nur dazu, die Ein-Prozent-Gesellschaft schönzureden", erklärt mir Joey Hansom von Godmother. "Ich finde, dass es mehr Frauen in Macht- und Führungspositionen geben sollte – in der Politik, in der Wirtschaft und im Schlafzimmer –, aber wir brauchen eine Führungsriege, die alle Menschen – und damit auch alle Frauen – unterstützt und nicht nur die reichen Weißen."

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Wo wir schon von weißen, reichen Frauen sprechen: Während die Menschen in der Ausstellungshalle der Deutschen Bank neben ihren Bodyguards lachend an den makellosen weißen Tischen sitzen, singen die Demonstranten draußen weiter: "Ivanka, Ivanka, we don't really wantcha!" ["Ivanka, Ivanka, wir wollen dich hier nicht!"] Doch während ich mich in der glitzernden Menge aus falschen Pelzen und Pappbechern voll Bier umsehe, überkommt mich das sichere Gefühl, dass ich nirgendwo lieber wäre.