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Die große Neonazi-Umfrage

Weil Deutschland offensichtlich sein Neonazi-Problem alles andere als in den Griff bekommt, hier unsere große Neonazi-Umfrage. Eher nicht repräsentativ, aber dafür auch nicht pc.
4.6.12

Weil Deutschland offensichtlich sein Neonazi-Problem alles andere als in den Griff bekommt, hier unsere große Neonazi-Umfrage. Eher nicht repräsentativ, aber dafür auch nicht pc. Hier sind die Lösungsansätze unserer Experten.

Marcus Staiger

„Das gute Gewissen des deutschen Rap“

Manuel Möglich

Manuel Möglich fährt durch Deutschland, um die Themen zu suchen, von denen deine Großmutter lieber nichts wissen möchte.

Ayzit Bostan

Ayzit Bostan ist unsere Lieblings-Münchner-Modedesignerin. Abgesehen davon ist sie auch noch Kostümbildnerin, DJ und Filmemacherin.

Maxim (K.I.Z.)

Ob mit seinen Kollegen von K.I.Z. oder mit der Partei DIE PARTEI, der Berliner setzt sich gerne mit seiner Umwelt auseinander, wenn auch lieber unterschwellig oder verpackt in „Sexismus“ und Ironie.

David Wnendt

Mit seinem Film Kriegerin brachte David Wnendt das Mädchen mit dem Baseballschläger und den Nazi-Tattoos von der Straße auf die Kino-Leinwand.

Bernd Wagner (EXIT)

Der Kriminalist und Rechtsextremismusexperte Bernd Wagner hat zusammen mit dem ehemaligen Neonazi Ingo Hasselbach die Organisation Exit gegründet hat, um Aussteigern aus der Neonazi-Szene auf ihrem Weg zu helfen.

Jilet Ayse

Die YouTube-Persönlichkeit ist türkische Immigrantin, trägt Creolen, Trainingsanzüge und spricht muttersprachlich den Alda-Slang.

Patrick Gensing

Journalist Patrick Gensing wird von den Öffentlich-Rechtlichen gerne als Experte für Internet und Neonazis gebucht.

Blastik Haifa, DJ bei Berlin Meschugge

Seit ein paar Wochen lebt Blastik Haifa in Berlin, wo er zusammen mit der Meschugge Crew eine extrem unkoschere jüdische Party veranstaltet.

Jilet Ayse
Während Sarrazins Thesen für andere nur Humbug sind, hat Jilet Ayse sie kurzer Hand zu ihren Lebenszielen erklärt. Die YouTube-Persönlichkeit ist türkische Immigrantin, trägt Creolen, Trainingsanzüge und spricht muttersprachlich den Alda-Slang. Gespielt wird sie von Schauspielerin und Sozialpädagogin Idil Baydar, die sich damit gegen die einer Türkin zugeschriebenen Rollen wehren will.

Du hast an einer Schule gearbeitet. Gibt es institutionellen Rassismus gegenüber deinen Schülern und wie äußert sich das?
Also als Lehrerin arbeite ich nicht, aber ja, ich habe an Schulen als schulfremder Mitarbeiter im Bereich der Integrationsbegleitung gearbeitet, an einer Kreuzberger Grundschule und im MSA-Vorbereitungsprogramm der Rütli-Schule, über die Stiftung „Ein Quadratkilometer Bildung“. Aber nun zu deiner eigentlichen Frage, wobei mir wichtig ist, dass jeder wirklich versteht, um was es sich bei institutionellem Rassismus handelt :

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Im Macpherson-Report wird institutioneller Rassismus definiert als das „kollektive Versagen einer Organisation, angemessene und professionelle Dienstleistungen für Personen wegen ihrer Hautfarbe, Kultur oder ethnischen Herkunft anzubieten. Dies kann in Entwicklungen gesehen oder festgestellt werden. Abwertende Einstellungen und Handlungsweisen tragen zur Diskriminierung und der Benachteiligung Angehöriger ethnischer Minderheiten bei. Dies erfolgt unwissentlich durch Vorurteile, Ignoranz, Gedankenlosigkeit und rassistische Stereotypisierungen Diskriminierungen können nicht nur unbeabsichtigt und unbewusst, sondern auch durch bewusste, wissentliche Ausgrenzungen, Vorurteile und Ignoranz erfolgen. Das kollektive Versagen erfolgt nicht WEGEN der ‚Hautfarbe‘, ‚Kultur‘ oder ‚ethnischen Herkunft‘, sondern aufgrund der Konstruktion und Abwertung von Gruppen und den damit verbundenen Handlungen.“ [Macpherson-Report 1999]
Von diesem Standpunkt ausgehend kann ich von meinen Erfahrungen berichten und sagen: JA, es gibt institutionellen Rassismus, ganz besonders an Schulen mit hohem Anteil von Nicht-Blutsdeutschen und er äußert sich in der Wahrnehmung derer (Defizitärer Blick) und somit kommt es zu eklatanten Bewertungsfehlern, betreffend die Leistungen eines ausländischen Schülers.
So hatte ich z.B. eine Schülerin in der 5. Klasse, die mit einem Notendurchschnitt von 2,0 auf eine Gesamtschule empfohlen wurde, weil man davon ausging, dass sie aufgrund ihrer Sozialisation (Herkunft) keine Chance hätte, sich auf einem Gymnasium zurechtzufinden. Das sei viel zu schwer.
Ich bin fast nach hinten übergekippt, als ich das gehört habe, und habe weiter nachgefragt, ob das denn überall so sei und mir wurde gesagt, dass es nun einmal bei der Vergabe der Empfehlungen von der Grund- zur Oberschule nicht auf den Notendurchschnitt ankommt, sondern von der Herkunft abhängig ist und es im Eigentlichen schichtenspezifisch beurteilt wird, wer auf welches Bildungsniveau empfohlen wird.
2004 arbeitete ich ehrenamtlich in einem Jugendclub (Öntekölltöröll) in Schöneberg, der 2006 wegrationalisiert wurde. Bei der Auseinandersetzung mit den zuständigen Abgeordneten wurde mir auf meine Frage, was denn jetzt mit den Jugendlichen (es waren zu 98% türkische und arabische Jugendliche) passieren soll und welche Vorstellung der Senat hätte, die Kids zu fördern. Besonders, was ihre Bildung und Ausbildung betrifft, bekam ich die Antwort, dass in Deutschland die Bildung nun einmal pränatal beginnt.
Ich habe recht umfangreiche Erfahrungswerte sammeln können und in den Annalen meiner Erinnerungen tummelt sich noch so manche Schauergeschichte über institutionellen Rassismus. Auch mir hat man eine Hauptschulempfehlung gegeben. Ich habe dann aber mein Abitur mit 32 nachgeholt und erfolgreich abgeschlossen. Du sprichst in deinen Videos auch über Rassismus von Türken. Wie genau sieht der aus?
Der sieht genauso dämlich aus wie deutscher Rassismus. Soll heißen, dass er derselben Struktur folgt. Die Türken haben keinen spezielleren Rassismus als jedes andere Volk auch. Die Argumentationslogik ist und bleibt die gleiche. Selbst die Inhalte sind zum Verwechseln ähnlich. Es zeichnet sich im Besonderen durch eine krass dualistische Denkweise und eine unerbittliche Starrheit des Denkens aus. Ein wirklich gutes Erklärungsmodel ist für mich Studies in Prejudice, in der Rassismus eine Folge der Erkrankung des autoritären Charakters ist. Die Beobachtungen finde ich bis jetzt am treffendsten. Kannst du dein Verhältnis zu deinem Alter Ego Jilet Ayse beschreiben?
Mein Verhältnis zu ihr ist mittlerweile ein Gutes. Sie ist alles, was ich nicht sein will und auch bin. Für mich persönlich ist sie der Teil von mir, der verdrängt im Schatten liegt, weil er unbequem und politisch komplett unkorrekt ist, aber sehr treffend Gegebenheiten reflektieren kann. Für mich ist Jilet Ayse eine großartige Möglichkeit, Frieden mit Dingen zu finden, die mir sonst keine Ruhe lassen. Insofern bin ich über ihre Existenz sehr dankbar. Jetzt mal angenommen, du müsstest dir keine Gedanken darüber machen, wie pc oder konstruktiv du rüberkommst, was wären deine Top-3-Strategien, um ein für alle Mal mit dem deutschen Neonazi-Problem fertig zu werden? 1. Strategie: Medikamente … hahahahahhahaha. 2. Strategie: Sie mit internationalen Neonazis alleine lassen und … 3. Strategie: bis zum Ende durchtherapieren.

Mehr über die rechten Abgründe in Deutschland könnt ihr am Mittwochabend bei Die Welt von Vice im Rahmen des zdf.kultur-Themenabends „Kopf der Woche: Neonazi" sehen.

Patrick Gensing
Journalist Patrick Gensing wird von den Öffentlich-Rechtlichen gerne als Experte für Internet und Neonazis gebucht. Seinen Watchblog, den NPD-Blog, hat er inzwischen offline genommen, was aber nicht bedeutet, dass er die Lage nicht mehr aufmerksam beobachtet und sich in seinen Veröffentlichungen mit dem Thema beschäftigt.

Waren Sie überrascht, als die NSU-Morde bekannt wurden?
Jein. Die mörderischen Fantasien von Neonazis und ihren ideologischen Vorfahren sind ja nicht neu. Aber dass die Sicherheitsbehörden tatsächlich so dermaßen versagen, das hatte ich mir einfach nicht vorstellen können.
 
Wie weit ist extremes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen, bzw. war es denn überhaupt mal weg?
Es ist nicht dort angekommen, sondern es entwickelt sich dort. Neonazis fliegen nicht vom Mond ein, sondern sie sind unter uns aufgewachsen und sozialisiert worden. Wer kennt keinen ehemaligen Schulfreund oder Bekannten, der rassistische Witze erzählt hat? Neonazis sind ein extremer Ausdruck der vorhandenen Ressentiments und Vorurteile, die durch die Gesellschaft schwirren.
 
Gehen die Medien richtig mit Extremismus um?
„Die“ Medien gibt es nicht, die Unterschiede sind gewaltig. Einige Zeitungen berichten seit Jahren kontinuierlich und möglichst unaufgeregt über Neonazis und, noch wichtiger, die Ideologie dahinter. Andere Blätter springen nur auf das Thema an, wenn es Auflage verspricht. Insgesamt konzentrieren sich die meisten Medien nach dem Bekanntwerden des NSU-Terrors aber viel zu stark auf das Versagen der Sicherheitsbehörden, die als Pannen verniedlicht werden; die Frage, warum Politik, Medien, Polizei nicht auf die Idee gekommen sind, dass eine Mordserie an Migranten in Deutschland einen rassistischen Hintergrund haben könnte, wird weitestgehend ausgeklammert. Gegen Rassismus helfen aber keine Verbunddateien und noch mehr Kompetenzen für Sicherheitsbehörden. Jetzt mal angenommen, Sie müssten sich keine Gedanken darüber machen, wie pc oder konstruktiv Sie rüberkommen, was wären Ihre Top-3-Strategien, um ein für alle Mal mit dem deutschen Neonazi-Problem fertig zu werden?
Sorry, aber diese Frage finde ich etwas schräg, weil sie impliziert, es gäbe einfache Lösungen, die ich aus Gründen der politischen Korrektheit nicht äußern würde. Das ist aber nicht der Fall, daher weiß ich nicht, was ich hier antworten soll. Ich kann aber sagen, was ich mir wünschte:
 
Endlich konsequent gegen NS-Propaganda vorgehen, auf allen Ebenen. Die Verherrlichung der NS-Zeit ist in Deutschland verboten, aus gutem Grund. Warum muss die Polizei Neonazis, die mit Transparenten wie „Nationaler Sozialismus“ aufmarschieren wollen, die Straßen freiprügeln? Schon die Nazis hatten getönt, sie bedienten sich am „Waffenarsenal“ der Demokratie, um diese abzuschaffen. Heute missbrauchen Neonazis erneut die Freiheit, um diese abzuschaffen. Glücklicherweise sind organisierte Rechtsextreme politisch weitestgehend bedeutungslos. Aber sie sind eine reale Gefahr für alle Menschen, die nicht in das völkische Weltbild passen.

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Mehr über die rechten Abgründe in Deutschland könnt ihr am Mittwochabend bei Die Welt von Vice im Rahmen des zdf.kultur-Themenabends „Kopf der Woche: Neonazi" sehen.

Blastik Haifa, DJ bei Berlin Meschugge
Blastik Haifa stammt (überraschenderweise) aus Haifa, der drittgrößten Stadt Israels. Abgesehen davon, dass er schon länger HipHop-Events macht, gründete er auch noch ein Künstlerkollektiv. Seit ein paar Wochen lebt er in Berlin, wo er zusammen mit der Meschugge Crew eine extrem unkoschere jüdische Party veranstaltet.

Wie fühlst du dich, wenn du von Neonazi-Aktivitäten, wie z.B. den NSU-Morden, hörst? Ändert das deinen Eindruck, den du von Deutschland hast?
Seitdem ich hier bin, höre ich Geschichten von Nazis und ihren Taten. Was mich überrascht, ist aber eher, dass das außerhalb Deutschlands nicht so bekannt ist. In Israel glauben die meisten, dass Rassismus in Deutschland kein Thema mehr ist. Denn die einzigen Deutschen, die sie treffen, sind süße, linke Ehrenamtliche, die kommen, um für NGOs zu arbeiten. Aber es gibt noch eine andere Seite: Der linke Flügel ist in Berlin teilweise so extrem ausgeprägt, dass Leute mich für Kriegsverbrechen beschuldigen, nur weil ich Israeli bin. Es scheint „cool“ zu werden, zu sagen, dass man zwar keine Juden hasst, aber Israelis dafür um so mehr.
 
Du kannst vielleicht nur über Berlin reden, aber glaubst du, dass junge Leute das Problem Rassismus und Intoleranz hier ernst genug nehmen? Was glaubst du, ist für junge Leute so ansprechend an Nazi-Gruppen?
Ich glaube, in Berlin gibt es generell nicht so viele Nazis wie an anderen Orten in Deutschland. Aber wenn du mich fragst, dann gibt es hier ein riesiges Problem der Intoleranz. Die Leute sagen dir nicht, dass sie Fremde hassen, aber du kannst es spüren, wenn du dunkle Haut hast. Wenn ich in einer Kneipe sitze, werde ich die ganze Zeit angestarrt. Sie denken wahrscheinlich, ich bin Araber. Das Lustige ist, dass ich mich in Vierteln wie Neukölln wohler fühle … denn dort schaut mich keiner an. Ein anderes Problem sind die steigenden Mietpreise. Viele beschuldigen Ausländer dafür (Touristen oder Leute, die neu nach Berlin kommen), aber ich glaube, das ist falsch. Sie wollen einfach nur jemanden hassen und es ist eben einfacher, jemanden zu beschuldigen, der vor dir steht. Aber tatsächlich etwas ändern sollte die Stadtregierung. Denn die kann Preise durch Regulierung unten halten. Jetzt mal angenommen, du müsstest dir keine Gedanken darüber machen, wie pc oder konstruktiv du rüberkommst, was wären deine Top-3-Strategien, um ein für alle Mal mit dem deutschen Neonazi-Problem fertig zu werden?
Einem Nationalisten könnte seine falsche Sichtweise klargemacht werden, indem ihm gezeigt wird, wie viel Gutes ausländische Mitbürger für sein Land leisten. Es wäre z.B. möglich, ihm klarzumachen, dass es in Deutschland zu wenig Nachwuchs gibt, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Wenn ausländische Arbeiter Kinder kriegen, helfen sie, die Wirtschaft in Takt zu halten. Aber wenn jemand schlicht ein Rassist ist, dann ist das viel schwieriger, und um das zu lösen, braucht es länger. Ein wichtiges Mittel ist aufklärende Erziehung und Bildung. Ich denke, die deutsche Regierung geht hier den richtigen Weg, aber manchmal ist das Erziehungssystem nicht stark genug, um gegen die Erziehung der Eltern anzukommen.

Maxim (K.I.Z.)
Zu den besonderen Fähigkeiten von Maxim gehören rappen, nachdenken und böse gucken. Ob mit seinen Kollegen von K.I.Z. oder mit der Partei DIE PARTEI, der Berliner setzt sich gerne mit seiner Umwelt auseinander, wenn auch lieber unterschwellig oder verpackt in „Sexismus“ und Ironie.

Was wäre deine Reaktion, wenn du rechte Skins oder Neonazis im Publikum entdecken würdest? Ist so etwas schon vorgekommen?
Ich würde mich freuen, endlich politisch genug zu sein, um dann auch den Verfassungsschutz im Publikum zu haben. In der deutschen Rap-Szene wurde hin und wieder mit Deutschtümelei kokettiert. Was hältst du persönlich von „künstlerischen“ Äußerungen dieser Art, die sich in einer Grauzone zwischen Ästhetisierung, politischem Bewusstsein und Marketingstunt abspielen?
Ich finde die Fragen alle dumm. Du setzt ja voraus, dass man, weil man ein paar fesche Uniformen, einen Schnauzer und dieses verdammt markante Logo sieht, plötzlich Bock hat, Inder durchs Dorf zu scheuchen! Das ist bekloppt. Diesen komischen Robotermenschen gibt es nicht. Ein Nazi denkt sich was bei dem, was er tut. Der hat bestimmte Prinzipien und Ziele. Die sollte man sich ankucken. Dann würde man z.B. darauf kommen, dass der Herr Nazi sich die Idee von In- und Ausländern nicht alleine ausgedacht hat. In der Integrationsdebatte hat man doch gesehen, dass jeder Idiot eine tolle Meinung dazu hat, was integriert bedeutet, also wie „deutsch“ und „undeutsch“ voneinander abzugrenzen seien. Welche Möglichkeiten hat man als Musiker, ohne erhobenen Zeigefinger auf das Thema hinzuweisen? Kann das funktionieren, wenn—wie bei euch—Ironie im Spiel ist?
Du meinst einen coolen „Antirassismus-Rap“? Mit so einem Quatsch will ich nix zu tun haben. Jetzt mal angenommen, du müsstest dir keine Gedanken darüber machen, wie pc oder konstruktiv du rüberkommst, was wären deine Top-3-Strategien, um ein für alle Mal mit dem deutschen Neonazi-Problem fertig zu werden?
Also, die Nazis haben ja was gegen Ausländer, Kommunisten, Behinderte und so … Dann schmeißt die doch einfach alle aus’m Land!!! Dann haben die Nazis keine Gegner mehr und lösen sich von selbst auf!!! Zack! Damit rechnen die nie!!! Meine anderen 999 Strategien zur Bekämpfung eures Nazi-Problems verrate ich euch nicht. Das müsst ihr schon selber hinkriegen.

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Mehr über die rechten Abgründe in Deutschland könnt ihr am Mittwochabend bei Die Welt von Vice im Rahmen des zdf.kultur-Themenabends „Kopf der Woche: Neonazi" sehen.

David Wnendt
Mit seinem Film Kriegerin brachte David Wnendt das Mädchen mit dem Baseballschläger und den Nazi-Tattoos von der Straße auf die Kino-Leinwand. Als Regisseur wollte David damit das rechtsextreme Milieus Deutschlands zeigen, statt einfach nur wieder den Zeigefinger zu heben. Und dafür bekam er einen Preis nach dem anderen.

In Kriegerin geht es um Marisa, einen weiblichen Neonazi. Sind Sie bei der Recherche tatsächlich auf so jemanden gestoßen, also Mädchen, die durchaus zuschlagen?
Ja. Ein wesentlicher Teil der Recherche waren Gespräche mit Frauen aus der rechten Szene. Das waren Mädchen, die selbst auch zugeschlagen haben. Oft richtet sich ihre Aggression gegen andere Frauen. Gegen Frauen oder Mädchen, die sie als Mitläuferinnen empfinden, die nur dabei sind, um sich an die Männer ranzumachen. Alle Frauen waren zugleich Opfer von Gewalt. Sie wurden selbst von ihren jeweiligen Freunden geschlagen oder Nazi-Gegner haben sie auf der Straße wegen ihrer Kleidung erkannt und verprügelt. Bei manchen spielt Missbrauch in der Kindheit oder zumindest Gewalterfahrung durch die Eltern eine Rolle. Hat es Sie nach Ihren Recherchen überrascht, dass auf einmal die reale Figur Beate Zschäpe aufgetaucht ist?
Die genauen Umstände haben mich überrascht. Mich hat überrascht, dass man so viele Banken überfallen kann, ohne erwischt zu werden. Mich hat nicht überrascht, dass es Neonazis gibt, denen Demos oder Konzerte nicht mehr reichen. Viele Rechtsextreme predigen „Taten statt Worte“ und das schon seit Jahren. Sie sammeln Waffen, organisieren sich in Wehrsportgruppen. Da kann es doch niemanden überraschen, wenn irgendwo irgendwann mal jemand ernst macht. Und Frauen stehen Männern in nichts nach, was Gewalt oder ideologische Verblendung angeht. Frauen können genauso zuschlagen, genauso radikal, genauso rassistisch sein wie Männer. Das Frauenbild von Neonazis ist ja extrem reaktionär und rückwärtsgewandt. Warum fühlen sich Mädchen zu so einer Ideologie hingezogen?
Dieser Widerspruch war es, der mich von Anfang an interessiert hat. Dem nachzugehen, war für mich ein starker Anreiz, den Film zu machen. Die Frauen in der rechten Szene geben keine einheitliche Antwort. Manche fordern Gleichberechtigung, die meisten hassen „Emanzen“. Manche sind für das Recht auf Abtreibung, andere lehnen diese ab.
Eine der Frauen, die ich konkret gefragt habe, hat gesagt, dass sie das Frauenbild der Rechten im Prinzip richtig findet. Frauen sollten sich vor allem um Küche und Familie kümmern. Sie selbst lebe zwar ganz anders, sie hat wechselnde Freunde, ist politisch aktiv usw., aber sie kann sich vorstellen, dass sie sich in ein paar Jahren, wenn sie den richtigen Mann gefunden hat, ganz auf ihre Mutterrolle konzentriert. Das heißt, die biegen sich die Ideologie so zurecht, wie sie es gerade brauchen. Der Widerspruch zwischen eigenem Leben und Ideologie wird verdrängt. Das können Menschen, ob rechtsextrem oder nicht, ja ziemlich gut.   Jetzt mal angenommen, Sie müssten sich keine Gedanken darüber machen, wie pc oder konstruktiv Sie rüberkommen, was wären Ihre Top-3-Strategien, um ein für alle Mal mit dem deutschen Neonazi-Problem fertig zu werden?
Genau diese Sehnsucht nach einfachen Antworten oder Strategien ist es, wonach Neonazis sich sehnen. Eine rechte Frau, die ich interviewt habe, hat ihre politischen Wünsche so erklärt: Am liebsten wäre ihr, wenn wir einen Führer hätten, der eine ganz klare Linie vorgibt, ohne dieses Hin und Her, wie wir es mit Regierung und Opposition erleben. Es wäre ein Ende der scheinbar endlosen Debatten und Kompromisse zwischen den Politikern und Parteien. Es würde endlich vorangehen. Gleichzeitig dürfte dieser Führer aber nicht in seinem Privatinteresse handeln, sondern er sollte genau das umsetzen, was das Volk will.
Dahinter steckt für mich die Vorstellung, dass es ganz klare, einfache Lösungen zu den heutigen Problemen gibt. Und dass es ein einheitliches, fest umrissenes Volk ist, das auch einen einheitlichen Willen hat.
Ich kann diese Sehnsucht nach den einfachen Dingen verstehen, sie bringt uns aber nicht weiter. Die Welt ist komplex, die Probleme sind vielschichtig und die Lösungen ambivalent. Es gibt nicht mal ein klar umrissenes, einheitliches deutsches Volk.
Debatten und Konflikte gibt es auch in jeder Diktatur. Nur werden die Kämpfe dort hinter verschlossenen Türen ausgetragen. Dort werden nicht nur Argumente ausgetauscht, sondern gerne auch Kugeln. In der Demokratie sind Machtkämpfe mehr oder weniger transparent, das ist ein Vorteil und kein Nachteil. Ich bezweifle, dass uns mehr direkte Demokratie helfen würde. Abstimmungen zu bestimmten Themen würden vielleicht benutzt werden, um die Regierung wegen etwas Anderem abzustrafen. Wer hat außerdem die Zeit, sich wirklich intensiv in komplexe Sachverhalte einzuarbeiten und dann wirklich sachorientiert abzustimmen? Aber man könnte die Nazis mit ihren eigenen Mitteln schlagen. Das Dritte Reich war eine Diktatur. Das heißt aber nicht, dass es dort keine Wahlen gab. Die Nazis haben einen Riesenzirkus gemacht und jede Menge Volksabstimmungen gemacht. Sie haben Bürgerbeteiligung als Show betrieben. Das hat aber funktioniert. Vielleicht sollte man mehr Volksabstimmungen durchführen. Nicht als Show, aber im lokalen Rahmen. Dass Leute dort mehr mitbestimmen können, wo sie wirklich ihre Umgebung, ihre Gemeinde, ihre Stadt und damit ihr Alltagsleben mitprägen können. Ich weiß, das ist schon wieder total konstruktiv und pc, aber das ist mir relativ egal.

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Mehr über die rechten Abgründe in Deutschland könnt ihr am Mittwochabend bei Die Welt von Vice im Rahmen des zdf.kultur-Themenabends „Kopf der Woche: Neonazi" sehen.

Bernd Wagner (EXIT)
Wenn man sich Themen wie Rechtsextremismus zuwendet, ist der Zugang von beiden Seiten wohl der beste Ansatz. Das sieht auch Kriminalist und Rechtsextremismusexperte Bernd Wagner so, der zusammen mit dem ehemaligen Neonazi Ingo Hasselbach die Organisation Exit gegründet hat, um Aussteigern aus der Neonazi-Szene auf ihrem Weg zu helfen.

Wie funktioniert so ein Ausstieg aus der Nazi-Szene? Können die Aussteiger einfach so wieder zurück in die Mehrheitsgesellschaft?
Der Ausstieg aus militanten Gruppen ist nicht leicht. Verrat wird bestraft, Gruppenmitglieder haben wenig empathische Kontakte in die nicht rechtsradikale Welt, sie werden nicht mit offenen Armen empfangen. Die eigene innere Struktur war meist lange auf rechtsradikal getrimmt. An all den Abschnitten muss hart gearbeitet werden: Sicherheit, Kontakte, Weltanschauung, Arbeit und Lernen. Belastungen aus Strafen und Lebensversäumnisse müssen gestemmt wer den. Ein harte Zeit. Sie lohnt sich jedoch, sagen die allermeisten Aussteiger.
 
Was sind Gründe dafür, dass Leute aussteigen wollen?
Die Weltanschauung stimmt nicht mehr, das Leben ist eine Abwärtsspirale, das Nazitum ist moralisch und emotional eine Last geworden. Das Ganze stimmt nicht mehr.
 
Denken Sie, dass der NSU-Terror tendenziell eher zu mehr oder weniger Aussteigern geführt hat und warum ist das so?
Das ist schwer zu beurteilen. Ich fürchte, NSU heißt eher Aufwind, er zeigt die arrogante Schwäche des Staates. Die Reaktionen in der Szene zeigen in diese Richtung. Jetzt mal angenommen, Sie müssten sich keine Gedanken darüber machen, wie “politically correct” oder “konstruktiv” Sie rüberkommen, was wären Ihre Top 3 Strategien um ein für alle mal mit dem deutschen Neo-Nazi-Problem fertigzuwerden?
Das gibt es nicht. Es gilt es sehr gering zu halten. Diese Tendenz ist angesichts der allgemeinen Entwicklung jedoch nicht realistisch. Der klassische hitlersch`e Nationalsozialismus mag dabei sogar schlecht abschneiden. Es entwickeln sich neue rechtsradikale Richtungen.

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Mehr über die rechten Abgründe in Deutschland könnt ihr am Mittwochabend bei Die Welt von Vice im Rahmen des zdf.kultur-Themenabends „Kopf der Woche: Neonazi" sehen.

Marcus Staiger
„Das gute Gewissen des deutschen Rap“ trifft es wohl am besten, wenn man Marcus Staiger beschreiben soll. Er hat Royal Bunker groß gemacht, auf seinen Freestyle-Veranstaltungen Künstlern wie Sido und Kool Savas ein Zuhause gegeben und war Chefredakteur von rap.de. Dort machte er einigen Rappern das Leben gerne mal so ungemütlich, dass er neben verbalen auch manchen körperlichen Attacken ausgesetzt war. VICE: Es hat in der Musikszene Geschichte, mit Nazi-Symbolik/-Ästhetik zu provozieren. Zum konkreten Politikum wird das natürlich, wenn sich ein deutscher Künstler so etwas herausnimmt. In der Rap-Szene gab es vereinzelte Fälle des Kokettierens mit Deutschtümelei. Wo siehst du persönlich die Grenze zwischen künstlerischem Ausdruck und ideologischer Einflussnahme? Was hältst du von „künstlerischen“ Äußerungen dieser Art, die sich in einer Grauzone zwischen Ästhetisierung, politischem Bewusstsein und Marketingstunt abspielen?
Marcus Staiger: Es kommt immer auf die Intention solcher Aktionen an. Wenn es ein provokanter Witz ist, soll er auch als solcher gesehen werden. In Deutschland gibt es ja auch einen gut einstudierten Reflex auf diese Hitlerei und manchmal macht es ja auch einfach Spaß, auf einen Knopf zu drücken, bei dem man genau weiß, dass dann sofort der Alarm losgeht. Wenn offensichtlich nicht arische Jugendliche mit diesen Klischees spielen, kann das Ganze auf eine bitterböse Art auch wirklich sehr lustig sein. Aufpassen muss man dann, wenn sich der Sinn verkehrt und das lustige Spielen mit dem Hitlergruß mit antisemitischen oder andersartigen rassistischen Gedanken vermischt. Dann sind das eben keine Witze mehr, sondern geht vielmehr in Richtung Test: Was kann ich ausprobieren? Welche Gedanken kann ich aussprechen? Wie weit kann ich gehen? Da muss man als wehrhafter Demokrat, als Radikal-Liberaler und als Mensch, der eine gewisse Toleranz zu verteidigen hat, recht schnell einen Riegel vorschieben und sagen: Bis hierher und nicht weiter! Das ist wichtig.    Du hast dich mit den Aktionen deines früheren Labels Royal Bunker oft in linker Tradition positioniert. Inwiefern war dir damals die Aktion gegen Rechts wichtig und war diese Einstellung durch bestimmte persönliche Erlebnisse motiviert?
Ich komme aus einer anderen Zeit und fühle mich eben einer linken Tradition verpflichtet, wie ich sie in den 80er Jahren kennengelernt habe. Das ist vielleicht überholt und anachronistisch, aber ich selbst fühle mich tatsächlich als Teil einer über hundertjährigen Arbeiterbewegung, die für Chancengleichheit, Freiheit, Frieden und gerechte Güterverteilung kämpft. Abgesehen davon: Was ist falsch an diesen Positionen? Genauso mag ich die Antifa. Kampf den Faschisten, egal wo ihr sie trefft. Wie, denkst du, kann man auf eine „coole“, Aufmerksamkeit erregende Art und Weise und möglichst ohne erhobenen Zeigefinger im Musikbereich auf das Thema hinweisen? Funktionieren solche Ansätze, wie man sie bei K.I.Z. sieht, bzw. funktioniert die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema, wenn Ironie im Spiel ist?
Für die öffentliche Diskussion funktionieren solche Ansätze und Journalisten können sich gegenseitig gute und schöne Artikel darüber schreiben. Vielleicht bekommt der eine oder andere dadurch auch einen originellen Gedanken in seinen Kopf. Auf einer anderen Ebene funktioniert es aber vielleicht sogar noch besser. Vielleicht fühlt sich der ein oder andere Nazi-Mitläufer sogar davon angesprochen, weil er die Ironie nicht ganz peilt, geht dann zum Konzert und stellt fest: Hey, die haben die besseren Autos, die besseren Weiber und auch noch die bessere Musik. Scheiß mal auf die Nazis. Ich will hier mitmachen. Ich glaube, das Ganze funktioniert sowieso nur über Vereinnahmung. Genau wie bei den Islamisten. Umarmen, dem Hedonismus zuführen und Nazi-Religionen können einpacken.   Wie hast du die Debatte um die NSU-Morde aufgenommen? An welcher Stelle versagt deiner Meinung nach das politische und gesellschaftliche System beim Kampf gegen Neonzis?
„Uuuuhhhhh. 10 Nazimorde. Was tun? NPD verbieten. Beste Taktik im Kampf gegen Rechts.“ Freunde. Ihr schließt Jugendclubs, verlagert einfache Arbeitsplätze ins Ausland und kümmert euch lieber um Banken und Staaten, anstatt um die Leute. Dann wundert ihr euch, wenn diese sich ihre eigenen Ersatzgesellschaften in radikalen Religionsgemeinschaften, Rockerclubs oder Nazikadern suchen.
Deutschland geht es wirtschaftlich so gut wie schon lange nicht mehr und trotzdem haben die Menschen das Gefühl, dass sie abgehängt werden und nicht mitmachen dürfen. Das ist doch die eigentliche Ursache und der Ursprung für alle den Hass und das „Wir gegen die“, abgesehen von einer konstanten unterschwelligen Hetze gegen den Islam an sich. Insofern versagt das System deshalb, weil es eine solche Vorgehensweise auf die unterschiedlichste Art und Weise begünstigt. Insofern versagt das System, weil es an sich falsch ist und wir ja wissen, dass es im Falschen nur sehr selten etwas Richtiges gibt.      Jetzt mal angenommen, du müsstest dir keine Gedanken darüber machen, wie „politically correct“ oder „konstruktiv“ du rüberkommst, was wären deine Top-3-Strategien, um ein für alle Mal mit dem deutschen Neonazi-Problem fertig zu werden?
Ich frage mich ja immer, in was für einer Welt diese Neonazis denn gerne leben würden, und stelle mir das natürlich als ziemlich grau, düster und biertrunken vor. So rein deutsch. Ohne Farbe, ohne Buntheit, ohne kulturelle Vielfalt. Insofern. Gebt ihnen doch, was sie sich wünschen. Ein Stadion nur für sie. Gut bewacht, damit keiner raus kommen kann, um seine Welteroberungspläne in die Tat umzusetzen, und Freibier für alle. Dann könnte man mal kucken, wie die sich entwickeln und ob ihnen eine Naziwelt dann immer noch so gut gefällt.
Zweitens sollte man großflächig einen der letzten Sätze Hitlers plakatieren: „Wenn das deutsche Volk den Krieg verliert, hat es sich als meiner nicht würdig erwiesen und sein Existenzrecht verwirkt“—zusammen mit der Aufforderung: „Dann haltet euch doch dran!“
Drittens: Nazis sind scheiße—überall! Das Neonazi-Problem ist eben kein rein deutsches Problem. Das Problem sind Dummheit, Trägheit und Missverständnisse, denn eins ist sicher, dass Dummheit „Missverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als List und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltener.“ (J.W. von Goethe)

  Manuel Möglich
Manuel Möglich fährt durch Deutschland, um die Themen zu suchen, von denen deine Großmutter lieber nichts wissen möchte. Vom Chrystal-Meth-Zentrum in Bayern über Satanismus bis hin zum Bugchasing durchforstet Manuel die Untiefen der deutschen Kultur. Zu sehen gibt es die dann in seiner Sendung Wild Germany auf ZDFneo. VICE: Jetzt mal angenommen, du müsstest dir keine Gedanken darüber machen, wie „politically correct“ oder „konstruktiv“ du rüberkommst, was wären deine Top-3-Strategien, um ein für alle Mal mit dem deutschen Neonazi-Problem fertig zu werden? Manuel Möglich: Mein Dreistufenplan: 1. Alle deutschen Neonazis auf die Insel Helgoland quetschen und dort eine Art modernes Alcatraz errichten. 2. Täglich Valium (morgens, mittags, abends). 3. Rund um die Uhr läuft auf der ganzen Insel von Heino „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ in Endlosschleife. Du hast bei den Drehs für Wild Germany die unterschiedlichsten Facetten Deutschlands kennengelernt, denkst du jetzt nach all diesen Erfahrungen, wir haben ein Toleranzproblem in Deutschland?
Nein, das würde ich nach den Erfahrungen, die ich im Kontext von Wild Germany gesammelt habe, nicht behaupten. Die meisten in Deutschland lebenden Menschen, die ich im Norden, Süden, Osten und Westen getroffen habe, wirkten auf mich eigentlich offen und tolerant. Leider gibt es natürlich hierzulande, wie überall auf der Welt, ewig gestrige Hohlbirnen.
 
Ästhetisch gesehen sind ja viele Musiker oder Designer inspiriert von dieser klassischen „Nazi-Ästhetik“. Wie siehst du das?
Jeder Künstler strebt nach einem Publikum und Beachtung. Aufmerksamkeit kann man durch gute Arbeit bekommen, aber ein bisschen schneller kann es z.B. mit nackten Tatsachen (Stichwort „sex sells“) gehen oder eben dem Spiel mit Tabus und dem Überschreiten von Grenzen. Also, Provokation als Motivation. Gerade die Punks haben begriffen, wie wirkungsvoll die Nazi-Symbolik doch sein kann. Sid Vicious war alles, nur kein Nazi. Was ist dir durch den Kopf gegangen, als die NSU-Morde ans Licht kamen? Wie siehst du seitdem die NPD?
Als klar wurde, welche und wie viele Morde die Täter begonnen hatten, ist es mir schwer gefallen zu glauben, dass weder der Verfassungsschutz noch die Polizei über einen so langen Zeitraum keinen Schimmer gehabt haben sollen, wer für diese Verbrechen verantwortlich ist. Es ist wirklich beängstigend, wie die Behörden so versagen konnten, bzw. welche Verbindungen es da scheinbar zur rechtsextremen Szene gibt. Dass die NPD eine absolut widerliche Partei ist, war leider schon vor den NSU-Morden klar. Ich erinnere mich an euren Beitrag aus dem Jahr 2011, in dem das NPD-Bürgerbüro in der Nähe von Jamel zu sehen ist. Auf dem Hof dieses Hauses sieht man einen Grill mit der Inschrift „Happy Holocaust“—mehr muss man zur NPD wohl nicht sagen.

Mehr über die rechten Abgründe in Deutschland könnt ihr am Mittwochabend bei Die Welt von Vice im Rahmen des zdf.kultur-Themenabends „Kopf der Woche: Neonazi" sehen.

Ayzit Bostan
Ayzit Bostan ist unsere Lieblings-Münchner-Modedesignerin. Abgesehen davon ist sie auch noch Kostümbildnerin, DJ und Filmemacherin. Auf unserer Liste von Beschreibungen, die ihre Arbeit ausmachen, stehen solche Wörter wie minimalistisch, romantisch und schön.

VICE: In deiner neuen Kollektion gibt es Bomberjacken, die früher von Skinheads und Nazis getragen werden. Denkst du, wir alle haben es in der Hand, den Nazis ihre „Klischeeklamotten“ wegzunehmen und neu zu besetzen?
Ayzit Bostan: Die Bomberjacken sind ja ursprünglich nicht für Nazis entworfen worden. Indem ich sie interpretiere und in eine Normalität setze, trage ich dazu bei, dass den Nazis das alleinige Tragerecht entzogen wird. In einem aktuellen Video zeige ich arabische Bäcker aus meinem Viertel, die bei ihrer täglichen Arbeit meine Bomberjacken tragen.

Ästhetisch gesehen sind ja viele Musiker oder Designer inspiriert von dieser klassischen „Nazi-Ästhetik“. Wie siehst du das?

Designer suchen in ihrer Arbeit nach einer Aussage, unter anderem auch nach Provokation. Die Nazi-Ästhetik kann eine Inspiration sein. Das Aufgreifen dieser Ästhetik stellt die politische Aussage, in diesem Fall die des Nazi-Codes in Verhaftung mit einem Kleidungsstück, in Frage. Die Ästhetik der Jacke gefällt mir sehr, außerhalb des politischen Kontextes.

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Du hast die türkische Flagge für Designs benutzt. Wie haben Leute darauf reagiert?

Die Leute reagieren unterschiedlich. Ich benutze das türkische Flaggenlogo aus ästhetischen Gründen, das Logo finde ich extrem elegant. Designaffine Träger des Shirts mögen es aus diesem Verständnis heraus. Unter Türken wird es manchmal nationalistisch gelesen.

Jetzt mal angenommen, du müsstest dir keine Gedanken darüber machen, wie „politically correct“ oder „konstruktiv“ du rüberkommst, was wären deine Top-3-Strategien, um ein für alle Mal mit dem deutschen Neonazi-Problem fertig zu werden?

Bomberjacken- und Alkoholverbot, außerdem Kopftuchpflicht für alle Nazis.

Mehr über die rechten Abgründe in Deutschland könnt ihr am Mittwochabend bei Die Welt von Vice im Rahmen des zdf.kultur-Themenabends „Kopf der Woche: Neonazi" sehen.