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Ein Rat an die Piraten: Löst euch auf

Anstatt wie SPIEGEL ONLINE zehn Tipps zu geben, wie sich die Piraten retten könnten, möchte ich ihnen nur einen Rat geben: Löst euch auf.
18.10.12

Anstatt wie SPIEGEL ONLINE zehn Tipps zu geben, wie sich die Piraten retten könnten, möchte ich ihnen nur einen Rat geben: Löst euch auf.

Eigentlich doch unfassbar, wie schnell wir uns an die Tatsache gewöhnt zu haben scheinen, dass es wirklich eine Partei namens „Piratenpartei“ gibt, die noch dazu allen Ernstes versucht, große Politik zu machen und deren Mitglieder sich stolz Piraten nennen. Hinter dem Begriff Piraten versteckt sich natürlich auch fast eine ebenso bedeutsame politische Dimension wie hinter christ-sozial, sozialdemokratisch oder liberal. In diese Sphäre sind wir Nicht-Piraten nur noch nicht vorgedrungen. Klar gibt es auch andere seltsame Gruppierungen in Deutschland wie die „Anarchistische Pogo-Partei Deutschland“. Doch die nehmen sich selbst nicht so ganz ernst. Außer du glaubst tatsächlich, sie wollen Deutschlands Grenzen von 1237 wiederherstellen.

Ganz anders die Piraten. Man gibt sich gezwungen staatsmännisch und bieder-bitter bemüht, sich als wahre neue Volkspartei zu vermarkten. So echauffiert sich Julia Schramm wegen des angeblichen Busengrapschers von Joko Winterscheidt, der in der zdf.neo-Sendung Neo Paradise gezeigt wurde.

Schramm twitterte bekanntermaßen: „selten so widerlichen Dreck mit öffentlichen Geldern finanziert gesehen!“ Es ist ein wenig verwirrend, dass sie sich darüber so aufregt, denn in ihrem Buch Klick mich schreibt sie selbst ganz offen:

„Frauen, die an inneren Blutungen sterben, weil sie Sex mit einem Pferd haben wollten“, sind für sie eine „weniger schockierende Nachricht, als es sein sollte.“

Für ein Interview zu ihrer eigenen Doppelmoral betreffs des Urheberrechts (Schramm ließ die illegalen Kopien ihres Buches aus dem Internet löschen) steht die sonst so betont transparente Piratin selbstverständlich nicht zur Verfügung. Schramm sagte im April dieses Jahres bei der Internet-Diskussionsrunde Wir. Müssen Reden: „Du kannst doch nicht kontrollieren, dass jemand Privatkopien erstellt und das darfst du auch nicht kontrollieren. End of discussion.“ Ups! Es kam nicht einmal eine Absage zur Interviewanfrage. Übrigens: Wenn du auf Schramms Website auf „Buch“ drückst, öffnet sich nicht eine Unterseite mit Inhaltsangabe und Kritikermeinungen, sondern die Verkaufsseite auf Randomhouse, damit du es direkt kaufen kannst.

Die freiheitsliebende Schramm wollte an ihrem Buch aber sowieso keine Kritik zulassen. Denn, so formuliert sie in ihrem Textlein, Kritik käme nur von denen, die nicht nachdenken wollten. Klingt eher nach Auto-, nicht nach Demokratie.

Wie Schramm und ihr Ehemann Fabio Reinhardt generell mit Kritik umgehen, davon berichtet der Journalist Malte Welding: „Als ich einen kritischen Artikel über Julia Schramm veröffentlichte, drohte ihr damaliger Verlobter und jetziger Ehemann Fabio Reinhardt einer Bekannten von mir gegenüber, er würde mir ‚aufs Maul hauen‘.“ Schön, wie hoch hier die Demokratie und die vierte Macht im Staat gehalten wird.

Und wer sich erinnern kann: Es gab bei den Piraten schon die ein oder anderen Skandälchen wegen pädophiler oder [neonazistischer Mitglieder](http:// http://www.spiegel.de/politik/deutschland/piraten-debatte-um-rechtsextreme-und-sexistische-mitglieder-a-827120.html). Da die Piratenpartei Geld aus öffentlicher Hand erhält, erlaube ich mir nun, dazu Folgendes zu schreiben: „Selten so widerlichen Dreck (einen Hort für Pädophilie, Neonazismus, Heuchelei und Doppelmoral) mit öffentlichen Geldern finanziert gesehen!“ Eure großen Piratenbrüder in Schweden wollten ja auch erst vor ein paar Wochen den „child porn ban“ entkräften.

Ich selbst konnte den Wirbel anfangs (2006) kaum ernst nehmen—bis zur Bundestagswahl 2009. Die Piraten erreichten damals 2,0%. Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einer Kommilitonin—also Studentin, wie in: Hoffentlich nicht ganz bescheuert. Sie eröffnete mir vor der Wahl 2009 freudig, dass sie ganz bestimmt die Piraten wählen wird. Warum? „Na, weil ich mich selbst wie ein Pirat fühle.“

Ähnliche hochtrabende Ausflüsse habe ich des Öfteren aus den Mündern der Frühwähler der Piraten gehört. Damit wäre Kants Glaube an den kategorischen Imperativ wohl endgültig widerlegt. Wenn der durchschnittliche Wähler der Piraten (wohlgemerkt mit Abitur) derlei geistige Köstlichkeiten von sich gibt, dann spricht ja wirklich alles für eine Basisdemokratie, wie sie die Piraten fordern. Menschen mit einem solchen politischen Weitblick direkt mit abstimmen zu lassen—das ist dann wohl das Ende von allem.

Ich habe dieses Jahr zudem ein paar Veranstaltungen der Piraten besucht. Gerne wird dort eines betont: Nur wir wissen, was echte Demokratie ist. Ein so exklusives, also ausschließendes, Wir stellt per se schon eine Gefahr für die Demokratie dar. Denn, wenn nur ich Recht habe, dann brauche ich ja auch keinen Diskurs mehr mit Anderen zu führen. Den Piraten ist das anscheinend aber noch nicht ganz klar geworden.

Erinnert sich außerdem noch jemand an den Wahlkampf in Schleswig-Holstein dieses Jahr? Die Piraten hatten mal wieder ihren Dilettantismus und die eigene Rat- und Planlosigkeit schlechterdings zum politischen Konzept erklärt. Man hatte einfach „Copy-Paste“ gespielt und aus den Programmen anderer Parteien kopiert. Inklusive veralteter Forderungen und etwaiger Fehler. Obwohl die Piraten vorher noch geworben hatten, man hätte nun „mehr Inhalt“ und ein Jahr Zeit. Das wäre vielleicht auch gar nicht mal so schlimm, wenn die Piraten nicht so unglaublich arrogant den etablierten Parteien gegenüber auftreten würden und sich selbst nicht als Retter der Welt verstünden.

Wer sich an die Anfänge der Piraten in Deutschland nicht mehr erinnert, der kann sich bei YouTube ein Video des ORF über die Gründung der Südtiroler Piratenpartei ansehen. Dort haben sich ein paar Verlorene dieses Jahr zusammengetan, um endlich ihre Version von Politik zu verbreiten. Es gibt einen recht guten Einblick in das Politikverständnis dieser sich ausbreiteten Bewegung. Arno Parmeggiani, Jugendvertreter und Referent für Jugendkultur in der Südtiroler Volkspartei, meint dazu Folgendes: „Es ist vielleicht nicht ideal, die Gründung der Piraten in Südtirol nur durch dieses Video zu analysieren. Aber da ich sonst noch nichts anderes Ernsthaftes gehört habe, fällt mir im Moment eigentlich nur eines zur Südtiroler Piraterie ein: WTF?!“

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