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Der Angriff auf Jennifer Weist und das deutsche Rassismus-Problem

Ein Freund der Jennifer-Rostock-Sängerin wird in Berlin niedergestochen, der rassistische Mob rastet aus, und niemand redet über die konkrete Gefahr.
20.8.15

Jennifer Weist, die Sängerin der Band Jennifer Rostock, wurde zusammen mit einem Freund bei der Revaler Straße in Berlin überfallen. Nach einem Handgemenge mit am Ende fünf Angreifern wurde ihr Begleiter mit einem Messerstich in den Hals lebensgefährlich verletzt, hat aber knapp überlebt.

Die Geschichte, die die Sängerin in einem Facebook-Post am Montag erzählt hat, ist schockierend. Ähnlich schockierend ist aber die Diskussion, die dieser Post ausgelöst hat: Innerhalb kürzester Zeit tobte in den Kommentaren ein rassistischer Shitstorm, in dem von „Scheiß-Asylanten" über „Alle abschieben" bis zu Forderungen nach einer „Bürgerwehr" und „Selbstjustiz" so ziemlich alles dabei ist. Auf der anderen Seite wurde Jennifer Weist bald auch als „Pegida-Jenny" beschimpft und massiv kritisiert, weil sie Stammtischparolen verbreite—offenbar einfach nur, weil sie den Vorfall öffentlich gemacht hat. Worum es sich bei der ganzen Diskussion von Anfang an ausschließlich dreht: die Herkunft der Täter.

Der Witz ist: Die Sängerin hat in ihrem Post überhaupt keine Aussage dazu gemacht, welcher Herkunft die Angreifer waren. Tatsächlich enthält der Post, der eigentlich als Warnung gedacht ist, so gut wie gar keine Beschreibung der Täter.

Und da liegt vielleicht auch das eigentliche Problem.

Ob Jennifer Weist die Täter aus Angst vor Rassismusvorwürfen nicht beschreibt, oder ob sie einfach zu aufgeregt war (oder die Angreifer gar nicht richtig gesehen hat), wissen wir nicht. Tatsache ist aber, dass auch alle darauffolgenden Zeitungsberichte die Täter nur als „Taschendiebe", „Angreifer" oder „Diebe" bezeichnen, obwohl zumindest einige Journalisten mit der Polizei gesprochen haben und nach einer genaueren Beschreibung hätten fragen können. Aber selbst die Polizei hat mittlerweile einen längeren Katalog mit Warnungen für Ausgehende in der Revaler veröffentlicht, in dem so ziemlich an alles gedacht ist—außer an eine Beschreibung der Täter.

Dabei wäre das durchaus nützlich, denn diese Leute sind wirklich gefährlich. Zwei Stunden vor dem Fall ist zwei Niederländern etwas Ähnliches passiert: Zwei Jungs versuchen, ihnen die Brieftaschen zu stehlen, und als sie sich wehren, werden sie von plötzlich auftauchenden 15 „Personen" brutal zusammengeschlagen. Und in diesem Fall erfahren wir zumindest im Tagesspiegel, die Angreifer hätten in „einer fremden Sprache" nach der Verstärkung gerufen. Und das war's.

Der Ort des Geschehens: Das RAW-Gelände an der Revaler. Foto: imago/Olaf Wagner

Das ist nicht nur in dem Fall so: In der Berichterstattung über Verbrechen, die von Menschen mit Migrationshintergrund verübt werden, wird schon seit geraumer Zeit darauf verzichtet, die Herkunft der Täter zu benennen—weil man keine rassistischen Ressentiments bedienen möchte. Eine Richtlinie des deutschen Presserats macht klar: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht." Denn es besteht ja immer die Gefahr, dass „die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte."

Bei allem Respekt für den Presserat: Das ist leider völlig falsch, und das illustriert genau dieser Fall deutlich.

Es ist erstens falsch, weil eine genaue Beschreibung der Täter hier dringend nötig wäre. Dazu gehört nun mal die Ethnie der Angreifer, genauso wie ihre Sprache, ihre Kleidung, Tattoos, ihre Vorgehensweise und die Orte, an denen sie überall gesehen wurden. Jede Einzelheit ist wichtig. Auch die Nennung der ethnischen Herkunft soll keine Erklärung für die begangene Tat sein—sie ist einfach nur ein Teil der relevanten, in diesem Fall möglicherweise lebenswichtigen, Informationen über diese ganz konkreten Arschlöcher. Aber aus Angst vor „Vorurteilen" gleich auf jegliche Beschreibung zu verzichten, ist eine sehr eigenartige deutsche Erfindung. Deniz Yücel hat das zurecht mal „Antirassismus auf Knigge-Niveau" genannt.

Mal abgesehen davon, dass die Glaubwürdigkeit von Medien darunter leidet: Falsch ist es natürlich außerdem, weil es offensichtlich nicht funktioniert. Opfer, Behörden und Medien verzichten ausdrücklich auf jede Beschreibung, und der Mob rastet trotzdem wie automatisch aus. Bei n-tv heißt es zu den Kommentaren: „Einige nutzten das Forum jedoch auch, um über die mögliche Nationalität der Täter zu spekulieren". Ist das nicht irgendwie klar? Dadurch, dass offiziell fast nie berichtet wird, wo der Täter herkommt, können die Rassisten ja erstmal pauschal bei allen Straftaten annehmen, dass es Ausländer gewesen sein müssen (da sind Rassisten naturgemäß Meister drin, im pauschalen Annehmen).

Dann folgt unweigerlich die Gegenreaktion der Linken, die reflexartig die gesellschaftlichen Umstände und Fehler bei der Integration verantwortlich machen. Im Ergebnis reden trotzdem alle wieder über das Kollektiv, ob „Ausländer" oder Flüchtlinge. Als wäre es undenkbar, dass ein messerstechendes Arschloch zuerst einmal ein messerstechendes Arschloch ist.