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Fotos

Wunderschöne Fotos von Tieren, die sich gegenseitig fressen

In ihrer Fotoserie Food Chain zeigt die New Yorker Künstlerin Alison Chalmers den grausamen Kreislauf des Lebens.
15.7.14

Catherine Chalmers hat kein Problem mit dem Tod. Die New Yorker Künstlerin hat kürzlich eine Fotographie-Serie mit dem Titel „Food Chain" veröffentlicht, die sich mit dem Zyklus des Lebens in all seiner Grausamkeit beschäftigt. Für die Serie platzierte Chalmers jeweils ein Raubtier neben seine natürliche Beute und fotografierte das Unvermeidbare: eine Raupe, die an einen Paradeiser knabbert, eine Gottesanbeterin, die eine Raupe verschlingt und eine Kröte, die wiederum die Gottesanbeterin frisst. Chalmers parallel dazu veröffentlichte Serie „Pinkies" funktioniert nach einem ganz ähnlichen Prinzip. Das erste Foto zeigt einen Wurf frisch geborener Mäuse, die auf den folgenden Bildern von einer Schlange oder einer Kröte gefressen werden.

Chalmers fotografiert ihre Protagonisten vor einem schlichten, weißen Hintergrund. Eine sterile Fläche, die schnell mit Blut und herausgerissenen Organen besudelt wird. Zeigen möchte sie damit schlichtweg, wie Tiere sich verhalten. Chalmers selbst stört sich nicht daran und argumentiert, dass auch wir keinen Anstoß daran nehmen sollten. Es ist einfach das, was Tiere tun. Und was wir Menschen genauso tun. Ich habe mich mit Catherine Chalmers getroffen, um mit ihr über ihr Projekt und ihre Motivation hinter Food Chain zu sprechen.

VICE: Wie bist du auf die Idee zu Food Chain gekommen?
Catherine Chalmers: Ich hatte gerade eine Schwarz-Weiß-Serie über Stubenfliegen fertiggestellt. Ich habe hunderte, ja tausende, von ihnen herangezüchtet und sie dabei fotografiert, wie sie in ihrem Glasterrarium ganz wundervolle Dinge machten. Weil sie aber am Boden fraßen und am Ende starben und meine Kamera nach oben gerichtet war, verpasste ich zwei essentielle Bestandteile ihres Lebens: das Essen und das Sterben. Als ich mir Gedanken über mein nächstes Projekt machte, ließen mich diese zwei Begriffe nicht los. Mir wurde klar, was sie eigentlich sind: die Kehrseite derselben Medaille und der Schlüssel hinter unserem Ökosystem. Also dachte ich mir: Ich will eine echte Nahrungskette nachbilden.

Hast du zu Anfang gezögert oder dich sofort in die Arbeit gestürzt? Ich kann mir vorstellen, dass man bei so einem Projekt einige Zweifel hat.
Es war der Horror für mich. Ich meine, würdest du ein Tier großziehen, nur um es beim Sterben zu fotografieren? Ich bekam Bauchschmerzen von dem Gedanken. Aber je länger ich darüber nachdachte, und vielleicht gerade weil mich das Ganze so durcheinander brachte, erkannte ich die Faszination, die dieses Projekt auf mich ausübte. Ist es nicht ein schlechtes Zeichen, dass eine gebildete Person vom Prozess des Lebens auf der Erde so vollkommen losgelöst ist?

Heutzutage leben die meisten von uns in einem urbanen Umfeld, wo der Supermarkt das ist, was einer Nahrungskette am nächsten kommt. Wenn Natur und Zivilisation aufeinandertreffen, produziert das oft einen Zustand von Verwirrung und Angst. Nimm zum Beispiel Insekten. Ohne Insekten wären wir alle tot. Pflanzen würden nicht bestäubt, die erde würde verrotten und in ein paar Monaten wäre unser gesamtes Ökosystem zusammengebrochen. Und wie danken wir ihnen ihre Hilfe? Indem wir sie hassen.

Ich habe ein wirklich schlechtes Gewissen, weil ich Angst vor Spinnen habe. Versuchst du unsere Meinung über Insekten zu ändern?
Das Ziel meiner Arbeit ist es, die Fülle, aber auch die Brutalität und die Gleichgültigkeit abzubilden, die unser Verhältnis zu Tieren kennzeichnet. Mein größter Wunsch ist es, den nicht-menschlichen Lebewesen auf dieser Welt eine größere kulturelle Signifikanz zu verleihen.

Du hast erwähnt, dass die Arbeit für deine Projekte Jahre in Anspruch nimmt. Wie lange hast du für die Fotos in Food Chain gebraucht? Hast du für manche Bilder mehr als ein Exemplar des jeweiligen Tieres benötigt?
Die meiste Zeit habe ich für die Aufzucht der Tiere gebraucht, das Füttern, das Wässern, das Saubermachen. Ich hatte schon Generationen von Raupen herangezogen, bis die ersten Gottesanbeterinnen überhaupt geschlüpft waren. Das Verhältnis zwischen einem Raubtier und seinem Opfer kann sich durchaus umdrehen, wenn das Opfer größer ist. Eine große Gottesanbeterin kann ohne Probleme einen kleinen Frosch fressen, aber eine meiner großen Raupen hat—zu meiner großen Enttäuschung—eine von meinen kleinen Gottesanbeterinnen vernichtet.

Gab es seitens von Tierschützern irgendwelche negativen Reaktionen auf deine Arbeit, weil du dich mit dem Tod von Lebewesen beschäftigst?
Ich wurde bei einer Signierstunde bedroht. Und ich habe Hassbriefe und „Ich hasse dich"-Mails bekommen, aber diese extremen Reaktionen waren sehr selten. Organisationen, die für Tierrechte eintreten, sind sich sehr wohl dessen bewusst, dass Schlangen keinen Tofu essen, und dass das Jagen ein Teil der Natur ist. Ich ziehe ein Tier heran, damit ein anderes überleben kann. Entweder stirbt die Maus, oder die Schlange verhungert. Es gibt keinen anderen Weg. Die Maus will leben und die Schlange will essen und wir nehmen uns heraus, darüber zu urteilen und ergreifen meist Partei für den Unterlegenen. Aber warum sollten wir das tun? Wenn wir für eine Sache eintreten sollten, dann für ein gesundes Ökosystem.

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