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Double Pass—was eine kleine belgische Firma mit Deutschlands WM-Titel zu tun hat

Der DFB engagierte vor zehn Jahren die kleine belgische Firma Double Pass um die Jugendakademien der deutschen Vereine zu bewerten und zu verbessern. Mit riesigem Erfolg. VICE Sports hat Double Pass in einem Brüsseler Vorort besucht.
1.9.15
Witters Sport-USA TODAY Sports

Als Anfang Juni die FIFA-Weltrangliste rauskam, standen Deutschland und Belgien ganz oben. In beiden Ländern spricht man von einer „goldenen Spielergeneration", also der Tatsache, dass die Nationaltrainer auf jeder Position mit so guten Spielern wie vielleicht noch nie zuvor arbeiten können. Das hört sich vielleicht nach einem Zufall an. Ist es aber nicht.

Auf der langen Liste von Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Belgien gibt es auch einen recht obskuren Eintrag: In den letzten zehn Jahren haben beide mit einer kleinen belgischen Firma namens Double Pass zusammengearbeitet. Die prüft und bewertet regelmäßig Jugendakademien in beiden Ländern und hat ein Bonus- und Anreizsystem ins Leben gerufen, das Geld in Fußball-Leistungszentren spült.

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Und die Firma wächst und wächst. 2012 hatte man schon die besten 100 Klubs des englischen Fußballverbands an der Angel und Ende letzten Jahres unterzeichnete man einen Vertrag mit dem US-Fußballverband. Den Erfolgen in Belgien und Deutschland nach zu urteilen ist es gut möglich, dass die Zusammenarbeit mit Double Pass England schon bald wieder zu Ruhm und Ehre verhelfen könnte. Und wer weiß, vielleicht gelingt es auch mal den USA, einen echten Superstar hervorzubringen.

Als ich beim Double-Pass-Hauptquartier in Brüssel ankomme, habe ich mir irgendwie erwartet, die Büroräume in einem imposanten Glas-Tower oder einem altehrwürdigen Barock-Gebäude vorzufinden. Schließlich operiert die Firma in sieben Ländern auf drei Kontinenten und fährt einen kräftigen Expansionskurs. Zum Portfolio gehören Vereine wie Borussia Dortmund, Bayern München, Arsenal oder Manchester United. Doch anstatt im Zentrum von Brüssel liegt das Hauptquartier im Außenbezirk Dilbeek, wo es keine EU-Institutionen, sondern nur jede Menge Zahnarztpraxen gibt. Hat mich mein Navi wieder einmal fehlgeleitet?

Nein, denn Geschäftsführer Hugo Schoukens macht mir höchstpersönlich die Tür auf. Im Büro sehe ich dann eine Handvoll Mitarbeiter, die hinter großen Monitoren wortlos ihrer Arbeit nachgehen.

Er setzt mich an einen langen, u-förmigen Tisch im geräumigen Meeting-Raum der Firma, wo er mir anhand einer kurzen Power-Point-Präsentation mit viel Enthusiasmus in der Stimme—und einem leichten flämischen Akzent dazu—die Idee hinter Double Pass („neue, bessere Spieler hervorzubringen") und die Umsetzung dieser („durch strategische Optimierung") erklärt.Schoukens, 57, hat früher als Banker gearbeitet. Wenn er seine Stirn in Falten legt, wird man ein bisschen an Arsène Wenger erinnert. Doch im Gegensatz zu Wenger ist Schoukens ein sehr modisch bewusster Mann. Daran lassen sein blaues Button-down-Hemd mit Ellbogenflicken, seine eleganten Lederschuhe und die moderne Designerbrille keinen Zweifel.

Bevor ich darauf im Detail zu sprechen komme—so viel sei gesagt: Es hat mit besonders sorgfältiger Spielerbeobachtung und einer unternehmenseigenen, geheim gehaltenen Computersoftware zu tun—will ich erst den Markt erklären, für den Double Pass aus dem Boden gestampft wurde.

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Double Pass führt Audits und Akkreditierungen durch—etwas, das man vor allem mit dem US-Universitätssystem verbindet. In den USA stellen verschiedene unabhängige Organisationen sicher, dass die Unis gewisse Standards erfüllen. Sobald das der Fall ist, werden sie „akkreditiert", erhalten also ein bestimmtes Prüfzeichen. Da die meisten amerikanischen Hochschulen den Wert eines solches Qualitätssiegels verstanden haben, sehen sie zu, die unterschiedlichen Anforderungen zu erfüllen.

Auch bei Double Pass geht es um Audits und Akkreditierungen—jedoch nicht von Unis, sondern von Jugendakademien im Fußballbereich. In Deutschland gab es in den letzten zehn Jahren einen regelrechten Boom an Nachwuchszentren, was im direkten Zusammenhang mit Unternehmen wie Double Pass steht. Auslöser war das beispiellose Scheitern der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-EM 2000 in Belgien und den Niederlanden, bei der die DFB-Elf unter Erich Ribbeck schon in der Vorrunde als Gruppenletzter ausschied.

Was im Anschluss an den großen Misserfolg passierte, ist ein Musterbeispiel für vorbildliche Problembewältigung: Nach einer Phase der Selbstreflexion („Was lief schief?") wurde eine Phase gut überlegter Top-down-Managementprozesse („Wie können wir am besten das System reparieren, damit uns so etwas nicht noch einmal passiert?") in die Wege geleitet. Deutschlands Hauptproblem bestand darin, dass man nicht genügend Topspieler hervorbrachte. Um das zu ändern, beschloss der DFB, in Zukunft mehr Geld in die Jugendarbeit zu stecken. Zum Beginn der Saison 2001/02 schrieb der DFB den Profivereinen vor, Jugendakademien zu gründen (anfangs waren davon nur die Klubs der ersten Liga betroffen).

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Im Jahr 2005 wurde dem DFB langsam klar, dass man keinerlei Handhabe darüber hatte, die Qualität der mittlerweile fast auf 100 angewachsenen teils fertigen, teils noch im Aufbau befindlichen Nachwuchszentren sicherzustellen. Der DFB verfügte zwar an sich über die nötige Expertise, um zu entscheiden, ob eine Akademie einen eher guten oder eher weniger guten Job machte. Doch in Sachen Objektivität und Unparteilichkeit herrschte dringend Handlungsbedarf, da sich ein jeder DFB-Funktionär gleichzeitig mit dem einen oder anderen Verein verbunden fühlt. „Ich glaube, dass es immer gut ist, sich einen Dritten ins Boot zu holen, einen neutralen Beobachter", erzählt mir Schoukens.

Genau das ist geschehen, als sich der Deutsche Fußball-Bund die Dienste von Double Pass sicherte.

Ab der Saison 2005/06 begann die belgische Firma damit, die deutschen Jugendakademien unter die Lupe zu nehmen. Die Auswertung verläuft in Dreijahreszyklen. Als erstes müssen die Teams den Belgiern eine Menge von Dokumenten zukommen lassen: Finanzaufzeichnungen, Informationen über die Vereinsinfrastruktur und Dokumente, die die Vereinsphilosophie beschreiben sollen. Dann findet auch immer eine Besichtigung des Vereinsgeländes statt.

Wie eine solche aussieht, hat uns Armin Kraaz, Leiter des Fußball-Leistungszentrums bei Eintracht Frankfurt, verraten: „Sie kommen an zwei Tagen unter der Woche vorbei, um mit den Verantwortlichen und Spielern Gespräche zu führen, und auch an beiden Wochenendtagen, um zu sehen, wie sich der Verein am Spieltag selbst verhält. Dann sitzen sie bei dir in der Kabine und lauschen, was du vor und während eines Spiels zu deinen Spielern sagst. Sie stehen auch am Spielfeldrand und schauen sich an, wie sich der Trainerstab verhält. Ganz nach dem Motto: Machen sie das, wozu wir ihnen geraten haben? Setzen sie unsere Philosophie und unser Konzept um?"

Mit dem Gewinn der U21-Europameisterschaft 2009 setzte die deutsche Nachwuchsförderung ein erstes Ausrufezeichen. Foto: Imago/Ulmer

Double Pass benutzt dann die gesammelten Daten als wichtigste Bewertungsgrundlage. Für deutsche Akademien gibt es zwischen null und drei Sternen. In England gibt es seit 2012 ein analoges System, nur dass die Bewertungsskala dort von eins bis vier geht. Höher bewertete Leistungszentren erhalten in der Regel mehr Geld von ihren Nationalverbänden. In manchen Ländern erhalten sie zudem Entschädigungszahlungen, wenn fertig ausgebildete Talente zu einem anderen Klub wechseln.

In Belgien geht man noch einen Schritt weiter: Nicht nur, dass hier auch schon etliche Amateurklubs für ihre Ausbildungsarbeit bewertet werden. Im Jugendbereich entscheidet darüber hinaus nicht der sportliche Erfolg, sondern das Rating von Double Pass über Auf- oder Abstieg, mit zum Teil gravierenden Folgen für die Klubs. Denn je höher die Bewertung, desto besser die Liga, desto größer der akademieinterne Wettbewerb und desto größer auch der Ruhm für Spieler und Verein. Hoch bewertete Leistungszentren haben es deutlich leichter beim Werben um neue Talente, weswegen sich die Akademien in Belgien große Mühe geben, den Vorgaben von Double Pass Folge zu leisten, und es zwischen den Vereinen zu einer großen Konkurrenzsituation im Bereich der Jugendarbeit gekommen ist. Dass der belgische Fußball davon in großem Maße profitiert, wurde in den letzten Jahren mehr als deutlich.

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Das Bewertungssystem von Double Pass sorgt also für großen Wettbewerb zwischen den einzelnen Akademien und dieser Wettbewerb sorgt seinerseits für größere Investitionen. Doch es ist nicht unbedingt dieses System, was die belgische Firma so besonders macht. Das Geheimnis von Double Pass steckt in seiner Definition von einer idealen und optimal geführten Akademie.

Die „strategische Optimierung" dreht sich bei Double Pass um acht verschiedene Parameter oder „kritische Erfolgsfaktoren", wovon jeder einzelne auf Dutzenden, in manchen Fällen sogar Hunderten Datenpunkten und Beobachtungen basiert. Die acht Parameter sind: strategische und finanzielle Planung; Talententdeckung und -entwicklung; Personal; organisatorische Strukturen und Entscheidungsabläufe; sportlicher und sozialer Support; Kommunikation und Kooperation; Anlagen und Ausstattung; allgemeine Effizienz.

„Es ist mehr als nur eine Checkliste", erklärt mir David Pauwels, ein Projektmanager bei Double Pass. „Es ist ein richtiges Softwaresystem, bei dem alle Kriterien miteinander verbunden werden. Basierend auf diesem Modell geben wir unsere Empfehlungen."

Durch ihre Jugendförderung gehört die belgische Nationalmannschaft mittlerweile zu den Besten der Welt. Foto: Imago

Das Softwareprogramm verteilt in jedem der acht Parameter eine Note und der finale Mittelwert gibt dann Aufschluss über den Professionalitätsgrad einer jeden Jugendakademie. Wichtig ist Double Pass übrigens auch, dass die Leitungszentren klare Ziele haben und verfolgen, sei es bei ihrer taktischen Philosophie oder zur Art der Spieler, die sie hervorbringen wollen. Andere wichtige Leitfragen sind: Werden die vom Verein verkündeten Ziele in jeder Altersstufe umgesetzt? Stimmen die Ziele und Strategien, auf die man sich geeinigt hat, mit dem, was die Trainer auf dem Platz fordern, überein? Liegt eine gute Infrastruktur vor? Sind die Trainer qualifiziert genug? Wo herrscht noch Ineffizienz?

Als Eintracht Frankfurt zum ersten Mal bewertet wurde, erhielten sie nur zwei Sterne, dafür aber jede Menge Verbesserungsvorschläge. „Die haben uns Hunderte Sachen vorgeschlagen: mehr Plätze, besser qualifizierte Mitarbeiter, Trainer mit höheren Lizenzen, eine effizientere Organisation, eine bessere Kommunikation und vieles mehr. Die finden einfach immer etwas, was auch logisch ist, weil kein Verein perfekt ist," erklärt Akademieleiter Kraaz.

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„Anfangs waren wir sehr nervös, weil wir nicht wussten, was der DFB da mit uns vorhat. Würden sie uns vorschreiben, wie wir zu arbeiten haben? Würden sie Strukturen in unserem Verein übernehmen wollen? Wir waren sehr verunsichert. Doch schon nach der ersten Bewertung hatten wir ein sehr gutes Gefühl, denn man bekommt eine Menge Hilfe und gute Tips von Double Pass. Sie betrachten deine Arbeit und die dazu gehörenden Prozesse von außen, was sie neutral und objektiv macht."

Heute hat die Eintracht-Akademie drei Sterne und gehört zu den besten Deutschlands. Sie stellt rund 160 Spieler in Jugendnationalmannschaften von U-11 bis U-19. Die Spieler können auf den besten und modernsten Anlagen das Fußballspielen lernen und werden dabei von top ausgebildeten Trainern betreut. In der letzten Saison hatte die Eintracht vier Eigengewächse in der Startelf, nur Schalke und Freiburg hatten mit jeweils fünf Spielern noch mehr in den eigenen Reihen.

Double Pass wäre übrigens nie entstanden, wenn ihr Chef Schoukens nicht auf die Idee gekommen wäre, noch einmal die Schulbank zu drücken, und das obwohl er schon ein erfolgreicher Banker bei BNP war. Doch da er schon nebenbei 15 Jahre lang im Jugendbereich von RSC Anderlecht—wo er zwischenzeitlich auch als Leiter der Jugendakademie fungierte—mit viel Freunde gearbeitet hatte, setzte er jetzt alles auf die Fußballkarte und machte einen Master in Sportmanagement. Auf der Suche nach einem Thema für seine Abschlussarbeit wurde er von Paul De Knop, Rektor an der Brüsseler Vrije Universiteit, angesprochen. Der wollte ihn darauf hinweisen, dass Jo Van Hoecke, einer der Professoren an seiner Uni, erst kürzlich ein Softwareprogramm entwickelt hatte, mit dessen Hilfe man die Produktivität und Organisation von Turn-Nachwuchszentren messen konnte. Der belgische Fußballverband hatte von dem Programm gehört und wollte es auch für seine Jugendabteilungen anwenden können. Doch da Van Hoecke nichts von Fußball verstand, musste ein Experte her: Schoukens. Am Ende sah seine Masterarbeit so aus, dass er das Programm für den Fußballbereich übersetzte.

Kaum war die Arbeit fertig, wurde sie vom belgischen Verband mit großem Trara getestet. Schon bald war Schoukens und Van Hoecke klar, dass das Programm auch für ausländische Vereine und Verbände interessant sein könnte. Zusammen mit einem IT-Experten gründeten die Drei 2004 die Firma Double Pass, die heute im Besitz der gesamten geistigen Eigentumsrechte ist. Wieviel es genau gekostet hat, der Uni ihre Anteile abzukaufen, wollte Schoukens uns nicht verraten, auch den Wert der Firma wollte er nicht sagen. Nur so viel wurde verraten: Bis zum Ende der Saison 2015/16 werde man weltweit 56 Angestellte haben. Das Gros des Wachstums ist dabei mit dem zukünftigen Engagement in den USA verbunden, auch wenn man schon wieder mit anderen Landesverbänden in Verhandlungen steht.

Der Auftrag in den USA wird die bisher härteste Nuss für die Firma aus dem Brüsseler Vorort werden, was vor allem mit der schieren Größe der Vereinigten Staaten zu tun hat. So ist Texas allein doppelt so groß wie Deutschland und sage und schreibe 23 Mal so groß wie Belgien. In Belgien arbeitet Double Pass mit fast 600 Teams zusammen und unabhängig davon, wo sie wohnen, können alle Spieler in kurzer Fahrzeit Dutzende Vereine erreichen, was Transfers erleichtert. Nicht aber so in den USA, wo Double Pass gerade mal mit 88 Teams zusammenarbeiten wird, von denen viele nicht einmal mit den MLS-Teams verbunden sind. Eine Struktur wie in Belgien, wo Jugendvereine abhängig von ihren Akademiebewertungen auf- und absteigen, wäre in den USA aufgrund viel zu großer Reisestrapazen also gar nicht möglich.

Trotzdem hat man auch in den USA allen Grund dazu, etwas zuversichtlicher in die Zukunft zu schauen. Denn wenn jemand dafür sorgen kann, dass sich die Qualität der Jugendarbeit nachhaltig verbessert, dann scheint das die belgische Firma Double Pass zu sein. Und was gute Akademiearbeit alles bewirken kann, haben Belgien und Deutschland in den letzten zehn Jahren vorgemacht. Darum musste Eintracht-Akademieleiter Kraaz auch nicht lange überlegen, als ich von ihm wissen wollte, was Double Pass für den deutschen Fußball bewirkt hat: „Sehr viel."