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Interviews

Dezmond Dez zeigt uns seine wichtigsten Inspirationsquellen

Welche Musik hört Dez, welche Rapalben waren für ihn die prägendsten, welche Magazine liest er und was sind seine Lieblingsfilme? Ein Gespräch über Rap, Popkultur, Literatur und Film.

von Ugur Gültekin
08 Dezember 2016, 2:42pm

Foto: Christoph Krebs

Dezmond Dez hat soeben sein neues Gratis-Tape Macondo gedroppt. Der Berner Rapper präsentiert auf dem Release zehn richtig starke Songs, die allesamt auch auf einem offiziellen Album Platz finden könnten. Es ist eine weitere beeindruckende Veröffentlichung, die sich in die Diskographie des Rappers einreiht und zweifelsohne eines der hörenswertesten Mundartrap-Werke des Jahres 2016. Es besticht vor allem durch seine textliche Reife, die auf Dezmond Dez' ausserordentlicher Beobachtungsgabe fundiert.

Der Fakt, dass Dezmond Dez die Fähigkeit hat, sich und seine Umwelt zu reflektieren und die gemachten Beobachtungen in eine ziemlich unschweizerische Rap-Ästhetik zu packen, hebt ihn bereits von ganz vielen Mundartrappern ab. Dass der Mann einer der besten Lyricist des Landes ist, ist spätestens seit seinem Album Verlornigs Paradies kein Geheimnis mehr. Auf Macondo unterstreicht er mit Songs wie "Meh blau als grüen", "Gück, Rückwärts" oder "Metropolis" einmal mehr genau diese Fähigkeiten. Aber auch in Sachen Flow und Rap-Skills bräuchte sich Dezmond Dez nicht mehr zu beweisen. Er tut es aber auf eindrückliche Art und Weise trotzdem. Zusammen mit Nativ gibt Dez auf "Bärn Zoo" den Tarif gegenüber anderen Crews durch oder killt auf "Shaka Zulu" konkurrierende Rapper. Macondo ist ein komplettes Rapalbum, das wir dir nur wärmstens empfehlen können.

Dezmond Dez—"Metropolis"


Ich habe mich mit Dezmond Dez getroffen und wollte von ihm wissen, woher das Mastermind hinter Macondo seine Inspiration herholt. Welche Musik hört er, welche Rap-Alben waren für ihn die prägendsten, welche Magazine liest er und was sind seine Lieblingsfilme? Ein Gespräch über Rap, Popkultur, Literatur und Film.

Noisey: Gibt es neben der gelebten und gesehenen Realität, eine andere bedeutende oder herausragende Inspirationsquelle für dich als Geschichtenerzähler?
Dezmond Dez:
Ich nehme meine Inspirationen von überall her: aus Musik, Büchern, Serien, Filmen und diese Inspirationsquellen lassen sich automatisch in meiner Musik wiederfinden. Das sind dann die obskuren Lines, die zwar nicht alle Hörer begreifen, aber die, die sie begreifen, feiern sie dann doppelt. Auch auf Macondo lassen sich einige solcher Zeilen finden. Auf "Metropolis" gibt es ein Sprachsample aus La Haine, auf "Bärn Zoo" eines aus Fargo und das Tape wird mit einem Zitat aus The Wire abgerundet.

Welche Alben und MCs waren für dich persönlich am prägendsten in deiner Entwicklung als Rapper?
Illmatic von Nas ist ein Album für die Ewigkeit. Nas ist rückblickend betrachtet nicht der konstanteste unter den ganz grossen MCs. Aber auf seinem Debüt hat er alles richtig gemacht. Ich frage mich, wie ein so junger Rapper so poetisch, so philosophisch und so pointiert schreiben konnte. Dann sicher auch Jay-Zs Reasonable Doubt: Mit diesem Album wurde ultimative Flyness auf Tonträger gebannt. Die Eleganz der Beats, die Zeitlosigkeit der Samples, Jays Flow, die Lyrics—alles durchwegs auf höchstem Niveau. Jay-Z ist einer der besten Flower, hat sich über Jahre an der Spitze halten können, sich immer wieder neu erfunden und Trends gesetzt wie kein anderer. Er wird als Lyricist sträflich unterschätzt: Songs wie "D'Evils", "Dead Presidents" oder "Can I Live" sind lyrische Meisterwerke, die ihresgleichen suchen.

An Biggies Life After Death mag ich den barocken Gestus, einfach mal ein Doppel-Album rauszuhauen und den Fakt, dass viele dieser Songs zu den besten Rap-Songs aller Zeiten zählen. Mehr Style als Biggie geht nicht. Er hat für mich den besten Flow aller Zeiten, eine der prägnantesten Stimmen und ist mehr oder weniger der komplette MC, er hat eigentlich keine Schwächen. Oft wird seine fehlende Deepness kritisiert, aber gerade auf Songs wie "Sky's The Limit" hat er eine Sensibilität bewiesen, die man vorher nicht von ihm gekannt hat; das war quasi sein Tupac-Song. Auch sein schonungsloser Umgang mit sich selbst war entwaffnend cool. Wer rappt schon Zeilen wie: "I'm black and ugly as ever, - how ever…" Ich weiss nicht, wie man als Rap-Fan Biggie nicht vergöttern kann.

"Innovativer und kreativer als Outkast ist kaum möglich"

Und was ist mit Tupac?
Tupac hat für mich eine ganz spezielle Bedeutung: Er ist grösser als HipHop. Bei ihm geht es mir nicht nur um Musik, obwohl er mehrere zeitlose Songs geschrieben hat. Es ist seine Geschichte, die mich inspiriert: Sohn einer Black-Panther-Familie, als Fötus im Gefängnis, nach einem Revolutionär benannt, schiesst auf korrupte Cops, um einem fremden schwarzen Mann zu helfen. Niemand hat so sehr verkörpert, was er in seinen Texten gerappt hat, wie Tupac. Er war charismatisch, intelligent und sehr einflussreich. Ich denke wirklich, dass sich das konservative Amerika vor ihm gefürchtet hat und glaube, dass Tupac mit vierzig ein politischer Leader geworden wäre.

Dezmond Dez—"Bärn Zoo"

Welche Crews oder Rapper würdest du als innovativste und kreativste bezeichnen?
Innovativer und kreativer als Outkast ist kaum möglich, sie bewegen sich in ihrem eigenen musikalischen Universum und waren der Zeit so voraus, dass Songs wie "Elevator" morgen rauskommen könnten und sich nicht veraltet anhören würden. Outkast ist für mich das beste Duo der Rap-Geschichte, Andre 3000 ein Top-3-Rapper und ich wäre niemandem böse, der ihn auf Platz 1 führt. ATLiens und Aquemini sind Alben, zu denen ich immer wieder zurückkehren werde. Lil' Waynes Tha Carter II hat mich auch komplett umgehauen. Ich habe damals monatelang nichts anderes gehört als die Platte. "Tha Mobb" ist für mich der beste erste Song auf einem Rap-Album, ich weiss nicht, ob man besser rappen kann. Auch "Hustler Music" ist ein Song für die Geschichtsbücher, sowohl von der Produktion wie von der Rap-Performance her. Überhaupt rappt sich Lil' Wayne hier auf jedem Song die Seele aus dem Leib—Carter-2-Weezy gehört ins Rap-Pantheon.

Dezmond Dez—"Shaka Zulu"

Was sind denn aktuelle Alben, die du im Moment hörst und was gefällt dir an ihnen?
Ich höre zur Zeit zum Beispiel Isaiah Rashads Album The Sun's Tirade. Ich mag eigentlich alles aus dem TDE Camp. Die können alle rappen und haben gute Produktionen. The Sun's Tirade ist ein Album, das du nicht wegen den Lyrics, sondern wegen der Musik und dem Vibe hörst. Gefällt mir sehr gut. Terrace Martin, ein Multi-Instrumentalist aus LA, hat mit Velvet Portrait ein Album gebracht, das irgendwo zwischen Jazz, G-Funk, R'n'B zu verorten ist. Er schafft es trotzdem, eine gewisse Homogenität zu erzeugen. "With You" habe ich das ganze Jahr über gehört.

Die Überraschung des Jahres ist aber Childish Gambino mit Awaken, my love. Schon lange wurde ich nicht mehr so überrascht. Ich muss gestehen, dass ich vorher kein grosser Fan von Gambino gewesen bin. Dieses Album ist jedoch ein ganz grosser Wurf und mir ist wirklich nicht klar, wie dieser Typ in einem Jahr eine solche Entwicklung durchmachen konnte. Die Produktionen, die bewusst an Funkadelic, Parliament oder Bootsy Collins erinnern, sind unglaublich! 2016 war ein gutes Musikjahr, es gab viele andere Alben, die ich mir gerne angehört habe, zum Beispiel die von Schoolboy Q, Alicia Keys, Solange, Adrian Younge, Kamasi Washington, Common, Robert Glasper & Miles Davis, Michael Kiwanuka, Badbadnotgood oder Anderson Paak.

"Du tendierst schnell dazu, nur noch Artikel zu lesen, die dich in deiner eigenen Meinung bestätigen"

Welche Musikgenres bevorzugst du, abgesehen von Rap?
Soul, Funk, R'n'B und Jazz. Rap ist aus diesen Genres entstanden und für mich gehört das eh alles zu einer grossen Familie. Soul, Funk und R'n'B habe ich von Anfang an gehört. Jazz habe ich erst in den letzten drei bis vier Jahren wirklich schätzen gelernt. Gerade wenn ich selber an neuen Songs arbeite, höre ich eigentlich fast keinen Rap, weil ich nicht zu sehr beeinflusst werden möchte. Ich höre dann eher Musik von Marvin Gaye, Curtis Mayfield, Donny Hathaway, Stevie Wonder, Isaac Hayes, Prince oder D'Angelo.

Dezmond Dez—"Sie Pt2."

Was ist das schlimmste Musikgenre und geht wirklich gar nicht?
Naja, ich versuche eigentlich möglichst offen zu sein, aber EDM, Goa, Hardcore-Techno und so richtiger lauter Schrei-Rock gehen für mich gar nicht. Allgemein habe ich eine Abneigung gegen extrem laute, lärmige Musik. Das zieht sich bei mir bis in den Rap hinein: Ich mag keine schreienden Rapper—ausser M.O.P.—oder solche, die ihre Stimmen krass verstellen. Style geht bei mir immer über Effekte.

Gibt es Zeitschriften oder Magazine, die du regelmässig liest?
Das Philosophie Magazin lese ich regelmässig, einige Literaturzeitschriften und Das Magazin vom Tages-Anzeiger unregelmässig. Literatur und Philosophie sind mein persönliches Interesse, da versuche ich immer zu verfolgen, was gerade abgeht und im Magazin lese ich einfach ausgewählte Artikel, die mich interessieren.

Über welche Medien informierst du dich—und warum?
Ich habe die WOZ abonniert, lese aber auch den Tagi, die NZZ, die ZEIT und die FAZ.
Ich versuche immer, mehrere Zeitungen zu konsultieren, damit ich mich nicht zu sehr in dieser Bestätigungsblase verliere. Du tendierst schnell dazu, nur noch Artikel zu lesen, die dich in deiner eigenen Meinung bestätigen. Das versuche ich bewusst zu vermeiden. Was ich sehr weiterempfehlen kann: Ich habe einen Twitter-Account, mit dem ich nur Zeitungen, Zeitschriften, Journalisten, Soziologen und vielen anderen schlauen Persönlichkeiten folge. Da kommt jeden Tag eine Flut an interessanten Artikeln rein.

Welche Bücher haben bei der Entwicklung deines politischen Bewusstseins eine Rolle gespielt und in welcher Form? Was haben sie in dir ausgelöst, beantwortet oder aufgeworfen?
Im Gymnasium habe ich nacheinander die Biografien von Malcolm X und Nelson Mandela gelesen. Beide Bücher haben mich sehr geprägt, weil du in diesem Alter ja auch nach Vorbildern und Fixpunkten suchst. Dieses Sich-für-eine-grössere-Sache-Einsetzen, auch in hoffnungsloser Lage weiterzukämpfen und das über Jahrzehnte hinweg, hat mich damals zutiefst beeindruckt und das tut es auch heute noch. Gerade bei Malcolm hat mich sehr fasziniert, wie er als kleiner Ganove in den Knast gesteckt wird, sein Leben komplett wandelt, Tag und Nacht liest und das Gefängnis als gebildeter Mann und äusserst charismatischer Redner wieder verlässt. Ich denke, dass diese Bücher mein politisches Interesse geweckt haben. Die Literatur war immer schon meine Hauptleidenschaft.

Dezmond Dez—"Lift"

Welches Sachbuch, das du gerade liest oder kürzlich gelesen hast würdest du weiterempfehlen?
Ich habe schon mehrmals auf Facebook auf dieses Buch und den Autoren hingewiesen, weil ich wirklich denke, dass dieses Werk Pflichtlektüre sein sollte und einen echten Wandel im Denken der Leute motivieren könnte: Karl-Heinz Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes. Brodbeck ist Wirtschaftswissenschaftler, Philosoph und praktizierender Buddhist. Brodbeck schreibt eine minutiöse Abhandlung darüber, wie das Geld unser Denken quasi von Geburt an vereinnahmt. Das Geld ist nicht einfach ein Phänomen wie jedes andere, sondern eine Denkform und über diese Denkform vergesellschaftet sich der Mensch jeden Tag. Wir können uns eine Welt ohne Geld gar nicht mehr denken, weil wir in Geld denken. Es ist ein unglaublich dichtes Buch. Wer schlicht nicht die Zeit hat, einen solchen Wälzer zu lesen, dem empfehle ich die Homepage von Herrn Brodbeck, dort versucht der Autor, seine Theorie des Geldes auf die absoluten Kernaussagen runterzubrechen.

Gamest du eigentlich auch? Was für Games sind das? Nur zur Unterhaltung—oder kannst du dem Gamen auch was anderes abgewinnen als Entspannung und Abschalten?
Ja, auf jeden Fall. Früher habe ich von Adventures und Jump'n'Runs zu Sportgames und Shootern eigentlich alles gespielt, heute fehlt mir leider die Zeit dazu. Ich beschränke mich momentan darauf, alle paar Tage ein FIFA-Match zu spielen. Ich denke, dass du gewissen Spielen sicher etwas abgewinnen kannst—beispielsweise das historische Wissen, das einem in einem Spiel wie Assassin's Creed vermittelt wird, oder die auserlesenen Musikperlen bei GTA—aber ich spiele schon eher, um abzuschalten und zu entspannen.

Was sind deine Lieblingsfilme?
Die üblichen Verdächtigen: Der Pate 1 und 2, Dark Knight, La Haine, Pulp Fiction oder Chihiro. Meine Lieblingskomödie ist The Big Lebowski. Ich habe eine Schwäche für Choleriker, darum ist Walter Sobchak eine meiner Lieblings-Film-Figuren aller Zeiten. Meine Freunde wollen den Film immer mit mir schauen, weil sie wissen, dass ich auch beim hunderten Mal wieder Tränen lachen werde. Allerdings schaue ich mir in den letzten Jahren lieber Serien als Filme an. Ich habe im Film selten bis nie mehr die ganz grossen Emotionen wie bei The Wire, Sopranos, Fargo, Breaking Bad oder Black Mirror verspürt. Ob das allerdings nur am Medium liegt, wage ich zu bezweifeln.

Bevorzugst du ein bestimmtes Genre, bestimmte Epochen oder Schauspieler?
In Bezug auf Genres und Epochen habe ich eigentlich keine bestimmten Vorlieben, allerdings bedarf es schon einer gewissen Anpassung, wenn du dir beispielsweise einen Film aus den 50ern anschauen möchtest. Meine Lieblingsschauspieler sind Robert De Niro und Al Pacino, meine Lieblingsschauspielerin Meryl Streep.

Welches Filmgenre geht bei dir gar nicht?
Es gibt eigentlich kein Genre, dem ich per se abgeneigt bin.

Wer ist der nervigste Schauspieler?  
Ich mag diese alte Garde an uramerikanischen Schauspielern wie Michael Douglas, Clint Eastwood und vor allem Kevin Costner gar nicht. Ich kann es nicht einmal genau begründen, aber die sind mir einfach unsympathisch.

Dezmond Dez—"Glück, Rückwärts"


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