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Menschen

Zwischen YouTube und Poolparty – das Leben als professionelle Meerjungfrau

Moderne Meerjungfrauen sind medienversierte Unternehmer und echte Alleskönner, die der mystischen Legende ein neues Gesicht verleihen.

von Kelly Anne Bonner
27 Oktober 2016, 1:30am

Photo by Margo Mortiz

Im Jahr 2016 eine Meerjungfrau zu sein, bedeutet nicht einfach nur, am Rand eines Pools zu sitzen, mit seiner Flosse ein bisschen im Wasser rumzuplanschen und dabei möglichst hübsch auszusehen. Sie sind medienversierte Unternehmer, die Memoiren veröffentlichen, Ratgeber schreiben, als Autoren für Buzzfeed arbeiten, Schwimmschulen gründen, Fitnesskurse geben, Wettbewerbe organisieren, TEDx Talks halten und sich auf jede nur erdenkliche Weise einen Namen zu machen.

„Ich hatte meinen Schlüsselmoment 2005, als YouTube startete. Das hat mich dazu inspiriert, mich voll und ganz auf meine Arbeit als Meerjungfrau zu konzentrieren", sagt Meerjungfrau Melissa aus Florida, deren Karriere als professionelle Freitaucherin begann. „Plötzlich gab es diese neue Plattform in den sozialen Medien, wo man seine Videos hochladen und mit der ganzen Welt teilen konnte." Sie hatte Erfolg mit ihren Videos und hat heute 300.000 Abonnenten auf ihrem YouTube-Kanal. Ihre Facebook-Seite hat sogar über eine Million Likes.

Mehr lesen: „Jeder kann eine Meerjungfrau sein"—die Welt der professionellen Meermänner

Foto: Mermaid Melissa

Professionelle Meerjungfrauen sind längst keine Seltenheit mehr. Es gibt sogar ein eigenes Netzwerk für Meerjungfrauen, das sogenannte Mernetwork, über das man Meermänner, Merpods und alle anderen Mitglieder des Meervolks buchen kann. Die Erfolgreichsten und Gefragtesten unter ihnen sind schon länger im Geschäft und haben es geschafft, sich selbst so gut zu vermarkten, dass sie nicht mehr länger nur in einer Nische stattfinden.

Das Schwerste an meinem Job als Meerjungfrau ist, dass ich nicht ernst genommen werde

Meerjungfrauen nehmen ihre Arbeit sehr ernst und leben für ihren Beruf. Trotzdem haben sie nach wie vor den Eindruck, dass das viele Menschen außerhalb der Branche anders sehen. Jeden Tag haben sie tausende Nachrichten von jungen Bewunderern in ihrem Posteingang, die auch als Meerjungfrau arbeiten möchten—eine Generation, die mit Arielle groß geworden ist und denkt, dass die Arbeit einer professionellen Meerjungfrau nur daraus besteht, sich eine Flosse anzuziehen. „Das Schwerste an meinem Job als Meerjungfrau ist, dass ich nicht ernst genommen werde", sagt die Meerjungfrau Atlantis aus der San Francisco Bay Area. Sie veranstaltet Meerjungfrauentreffen, für die sich meist tausende von Menschen interessieren. „Das liegt nicht nur daran, dass ich eine Frau bin, sondern auch daran, dass ich mich wie eine mystische Fischkreatur anziehe. Das bereitet einem oft Schwierigkeiten."

Nicht alle Meerjungfrauen sind weiblich, aber man muss sagen, dass Frauen ein besonderes Verhältnis zu der historischen Darstellung von Meerjungfrauen haben. Historisch betrachtet waren Meerjungfrauen böse Kreaturen, die Männer auf die offene See lockten. Diese Legende wurde verbreitet, „um der Weiblichkeit zu schaden und Frauen als Gefahr darzustellen", sagt Vaughn Scriber. Er ist Dozent an der University of Central Arkansas und studiert die Geschichte von Meerjungfrauen. Moderne Meerjungfrauen verleihen der mystischen Legende ein neues Gesicht, meint Scriber. Dabei nehmen sie nicht unbedingt alle Aspekte der alten Sagen mit in ihre Charaktere auf. „Ich mag die Darstellung von Meerjungfrauen als düstere Sirenen, die Menschen in die Tiefe reißen, nicht", erklärt mir die Meerjungfrau Hannah. „Ich betrachte Meerjungfrauen vielmehr als liebevolle Wesen und Ikonen der Meere. Außerdem hasse ich diese klassischen Muschel-BHs. Ich vermeide es nach Möglichkeit, mir Muschelschalen auf die Möpse zu kleben."

Wie sich eine moderne professionelle Meerjungfrau darstellt, ist ganz unterschiedlich. Melissa trägt Flossen in allen möglichen Farben—von Silber über Neonpink bis hin zu solchen, die im Dunkeln leuchten. Atlantis hat ebenfalls eine breite Palette an kreativen Outfits, von denen manche noch nicht einmal eine Flosse haben. Sie sagen, dass es äußerst befreiend ist, nicht dem klassischen Bild einer Meerjungfrau entsprechen zu müssen.

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„Vor zehn Jahren gab es nur eine Sorte Meerjungfrau und zwar die, wie sie bei Disney dargestellt wurde. Entsprechend waren Figur, Größe und Aussehen fest vorgegeben", sagt Meerjungfrau Kariel aus Hawaii, die seit sieben Jahren als professionelle Meerjungfrau tätig ist. „Heute kann man alles sein—auch das Geschlecht spielt keine Rolle mehr, genau wie die Figur oder die Persönlichkeit: Man kann einfach sein, wer man sein möchte. Ich finde es viel schöner, wenn nicht alle irgendeinem Ideal folgen."

Eine moderne Meerjungfrau ist eine Alleskönnerin. Die Erfolgreichsten unter ihnen wechseln mühelos zwischen ihren einzelnen Rollen. Jede von ihnen ist Geschäftsfrau, Schauspielerin, Sportlerin und zudem auch Botschafterin, denn fast jede, mit der ich gesprochen habe, nutzt ihre Rolle, um sich für einen guten Zweck einzusetzen: Sei es, dass sie für den Erhalt der Meere, den Umweltschutz oder einfach nur eine positivere Lebenseinstellung werben. Außerdem glaubt jede von ihnen, dass Meerjungfrauen Vorbilder für junge Menschen sein können.

Foto: Mermaid Melissa

„Ich sehe darin eine Bewegung von stolzen, starken Frauen, die für die Dinge einstehen, an die sie glauben und einen wunderschönen Weg gefunden haben, ihre eigene Sinnlichkeit zum Ausdruck zu bringen", sagt Hannah. „In meinen Augen sind Meerjungfrauen keine hilflosen, isolierten oder einsamen Wesen, die allein auf einem Felsen sitzen wie in den antiken Mythen." Dennoch haben auch ihre Rollen etwas Mystisches und Übernatürliches—das ist nicht zu übersehen. Wenn man durch den Instagram-Feed einer modernen Meerjungfrau scrollt, wird man Bild für Bild immer weiter in ihren Bann gezogen, während man zusieht, wie sie mühelos durchs Wasser gleitet. Das ist einer der Gründe, warum sie so erfolgreich sind: Sie sprechen unsere Vorstellungskraft an und lassen die Grenze zwischen Fantasie und Realität verschwimmen.

Bisher bevölkern sie einen Bereich irgendwo dazwischen und bedienen eine aus ihrer Sicht wichtige Nische im Dienstleistungssektor. „Als ich zum ersten Mal eine Flosse angezogen habe und losgeschwommen bin, blieben alle am Pool stehen und haben applaudiert", sagt Meerjungfrau Atlantis. „Eine ältere Frau kam zu mir und meinte: ‚Was du da machst, ist äußerst wichtig. Menschen brauchen diese Form von Magie. Bitte teil das mit so vielen Menschen wie möglich.'" Und genau das tut sie.

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