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Politik

Frauensolidarität in der Politik? Geht so.

Die deutsche Politik ist nach wie vor männerdominiert. Das liegt allerdings nicht nur an alten, weißen Männern, sagen Nachwuchspolitikerinnen.

von Yasmina Banaszczuk
20 Juni 2017, 7:15am

Collage: Rebecca Rütten

Titelfoto: J. Howard Miller | Wikimedia | public domain ; Wolfgang Pehlemann | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

"Man kann sich nicht darauf verlassen, dass selbst befreundete Frauen in Parteien solidarisch sind", sagt Stephanie Müller*. Sie ist Ende 20, seit ein paar Jahren Mitglied bei der SPD und klassisch das, was viele als junges Polittalent bezeichnen würden. Sie hielt bereits verschiedene Ämter inne, konnte auf unterschiedlichen Parteiebenen ihre Interessen durchsetzen und hat sich in ihrem Themenbereich einen Ruf als Expertin erarbeitet.

Jung, engagiert, ambitioniert – genau das, was viele vor Augen haben dürften, die sich mehr Frauen in der Politik wünschen. Die Erfahrungen, die die Jungpolitikerin mit Geschlechtsgenossinnen gemacht hat, haben sie allerdings ernüchtert. "Ich hab's selbst erlebt", erzählt Müller und will aus Angst vor möglichen Konsequenzen lieber anonym bleiben. "Da werden bei Kandidaturen persönliche Angriffe auch unter der Gürtellinie gestartet."

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Als Jenna Behrends 2016 in einem offenen Brief den Sexismus innerhalb der CDU anprangerte, hagelte es überraschend deutliche Kritik von Parteikolleginnen. Ein "Machtkampf" sei ihr Text, hieß es von einer Kollegin, "Selbstüberschätzung" unterstellte ihr eine andere, und "mangelndes Demokratieverständnis" eine dritte. Und das bei einem Thema, bei dem sich Frauen eigentlich recht einig sein sollten – oder?

Klar: Wie in vielen Bereichen des Lebens ist auch die Politik ein Bereich, in dem Macht- und Konkurrenzkämpfe an der Tagesordnung sind. Geschenkt bekommt hier niemand etwas – egal, welchem Geschlecht sie oder er angehört. Selbst wenn Politikerinnen es noch nicht selbst erlebt haben, äußern viele junge Frauen gegenüber Broadly zumindest Wissen darüber, dass diese Art des Konkurrenzkampfes existiert. Wo Männer in der deutlichen Überzahl sind, so der feministische Konsens, sei es allerdings umso wichtiger, sich als Minderheit zumindest gegenseitig zu helfen und zu fördern. Weibliche Solidarität ist hier so wichtig wie eh und je.

"Stutenbissigkeit" – ein Begriff, der in den Gesprächen mit verschiedenen Politikerinnen mehrfach fällt.

Der höchste Frauenanteil bei den Mitgliedern der etablierten Parteien in Deutschland beträgt laut Statista 38,6 Prozent bei den Grünen. Noch weit entfernt von der Hälfte. Bei der SPD ist knapp jedes dritte Parteimitglied weiblich, bei der CDU jedes vierte, bei der CSU sogar nur jedes fünfte. Und nach aktuellen Schätzungen könnten im nächsten Bundestag erstmals seit 20 Jahren wieder weniger als 30 Prozent Frauen sitzen. Für diese geringen Quoten wird häufig der Sexismus in Parteien angeführt. Spricht man aber mit jungen politisch aktiven Frauen, dann bekommt man immer wieder auch Klagen darüber zu hören, dass die geringe Frauenquote in Parteien nicht nur daran liegt, dass mächtige Männer die wichtigen Positionen unter sich aufteilen.

Politikerin Katinka Mitteldorf ist Fraktionsvize der Linken in Thüringen und wollte ihre politische Karriere eigentlich langsam angehen. Sie kandidierte für ein Direktmandat "zur Übung" für die nächste Wahl, gewann dieses dann aber überraschend und zog in den Landtag ein. Sie berichtet einerseits von "politischen Ziehmüttern", andererseits weiß sie auch, dass es Konkurrenzkämpfe unter Frauen in Parteien gibt. "Gerade wenn es darum geht, wer im Zweifelsfalle über einen Listenplatz abgesichert ist, kann man 'Stutenbissigkeit' nicht ausschließen." Man sei fast gezwungen, an sich selbst zuerst zu denken, das präge.


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"Stutenbissigkeit" – ein Begriff, der in den Gesprächen mit verschiedenen Politikerinnen mehrfach fällt. Zwar wird er stets in Anführungszeichen gesprochen, und dennoch: Es scheint, der sexistische Jargon, der häufig gegenüber Politikerinnen genutzt wird, färbt auch auf Frauen ab. Einerseits wird von vielen Frauen tunlichst vermieden, als "Zicke" zu erscheinen, vielleicht aus Angst davor, sich durch solche Assoziationen nicht nur politische Karrieren zu verbauen. Andererseits finden sich solche Worte dann doch im Wortschatz schon junger Politikerinnen. Womöglich kein Wunder, wenn auch heute noch das Vorurteil der "emotionalen Frau", mit der keine sachliche Diskussion zu führen sei, hochgehalten, oder beim Aufeinandertreffen von Angela Merkel und Renate Künast ein "Zickenkrieg" antizipiert wird.

Aufgrund solcher Stereotype berichtet Müller etwas zögerlich davon, wie junge und alte Frauen sie bei Kandidaturen hintergingen, im Geheimen Kampfkandidaturen planten und dann plötzlich gegen sie antraten. Das klingt nach House of Cards, ist in der deutschen Politik aber tatsächlich nicht allzu ungewöhnlich. Im Fall von Müller wurde der vermeintlich normale Wettbewerb allerdings zu einer regelrechten Schlammschlacht.

"Eine Frau, mit der ich eigentlich auch befreundet war, ist bei einer Kandidatur überraschend gegen mich angetreten", erzählt die Politikerin. "Als sie im Vorfeld darauf angesprochen wurde, fing sie an, Geschichten über private Freundschaften und sogar mein Sexualleben an Parteimitglieder zu erzählen." Zweck der Angriffe: Müller über ihre privaten Kontakte als moralisch verwerfliche Kandidatin abzustempeln. Sie zog ihre Kandidatur schließlich zurück.

Katinka Mitteldorf | Foto: Katinka Mitteldorf

Es geht natürlich auch anders. Bei den Grünen sprachen sich laut Spiegel 2013 die Grand Dames Renate Künast, Katrin Göring-Eckardt und Claudia Roth ab, "nicht zu aggressiv gegeneinander Wahlkampf zu führen". Bei der SPD stärkte die zum damaligen Zeitpunkt noch amtierende Familienministerin Manuela Schwesig der sich damals im Wahlkampf befindenden Hannelore Kraft den Rücken, indem sie mit ihr zusammen einen Gastbeitrag in einer wichtigen Regionalzeitung NRWs veröffentlichte.

Um Einzelfälle scheint es sich bei fehlender Unterstützung zwischen politisch aktiven Frauen trotzdem nicht zu handeln – gerade an der Basis. Das könnte auch daran liegen, dass junge Politikerinnen sich von ihren älteren Parteigenossinnen oft nicht abgeholt fühlen. Die zweckorientierte Nutzung von Netzwerken, wie Männer dies untereinander tun, ist eher selten.

"Als Frau muss man oftmals straight durchgehen, mit Ellbogen."

In 2012 stellten zwei österreichische Forscherinnen fest, wie wichtig Sympathie für eine gemeinsame Zusammenarbeit ist. "Für Frauen ist die Beziehungsebene sehr wichtig und dadurch entwickeln sich für Frauen in Netzwerken oft auch Freundschaften", sagen Cäcilia Innreiter-Moser und Claudia A. Schnugg. Sympathie sei ein wichtiger Faktor, wenn es darum gehe, Netzwerke für die Karriere zu nutzen.

"Es ist nicht unbekannt, dass in der FDP sehr wenig Frauen sind. In diesem begrenzten Pool habe ich einfach niemanden gefunden, wo es persönlich gepasst hat", bestätigt Ann Cathrin Riedel. Bei der stellvertretenden Bezirksvorsitzenden der FDP in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg waren es bisher immer Männer, die sie gefördert und mit anderen vernetzt haben, Mentorinnen hat sie nicht. Zu wenig Lebenserfahrung hätten viele jüngere Frauen in der Partei, als dass Riedel dort Rat suchen würde. Ihr Fall ist ein gutes Beispiel für den Wunsch nach einer persönlichen Bezugsebene.

Ann Cathrin Riedel (li.), Laura Dornheim (re.) | Fotos: Ann Cathrin Riedel, Laura Dornheim

Riedel beklagt, dass man als Frau "oftmals straight durchgehen" müsse, "mit Ellbogen. So funktioniert das halt." Linken-Politikerin Mitteldorf präzisiert das Dilemma, in dem ihrer Meinung nach viele andere junge Politikerinnen stecken: Man könne Politik als reine Männerdomäne sehen und "als Frau knallhart sein." Wer da nicht mitspielen möchte, brauche einen langen Atem und würde langsamer aufsteigen.

Politikerinnen hätten noch nicht verinnerlicht, dass sie versuchen sollten, sich gegenseitig zu unterstützen, wird gegenüber Broadly immer wieder geäußert. Das sei je nach Person unterschiedlich stark ausgeprägt. Ist Solidarität unter Frauen also vor allem eine Frage der Haltung?

Diese Haltung war es einst, die zur Gründung verschiedener Frauenorganisationen in Parteien führte. In der Theorie sorgen die Arbeitskreise und -gemeinschaften innerhalb der Parteien dafür, dass sowohl mehr Frauen gefördert werden, als auch frauenpolitische Interessen sich in den Parteiprogrammen wiederfinden. "Othering" nennt das hingegen die Soziologie. Dadurch, dass vor allem Frauen sich mit Diversitätsthemen befassen, wird der Themenbereich ausgelagert und nicht als etwas verstanden, was alle angeht. Diejenigen, die benachteiligt werden, müssen sich wieder selbst darum kümmern, dass die Benachteiligung aufhört.

In der Praxis scheint der Ansatz von innerparteilichen Frauenorganisationen in den Augen junger Politikerinnen aus der Zeit gefallen. "Ich will nicht sagen, dass ich es schlecht finde, wenn Frauen zusammen was machen. Ich finde das gut. Ich finde aber gerade an der FDP gut, dass wir geschlechterübergreifend Inhalte voranbringen wollen", sagt FDP-Mitglied Riedel.

"In der Frauenorganisation der SPD herrscht ein Alice-Schwarzer-Feminismus."

Involvierte Männer lobt auch Laura Dornheim, die für die Grünen in Berlin für den Bundestag kandidiert. Sie hatte mit den Grünen schon in ihrer Jugend Berührungspunkte und kehrte zu ihren politischen Wurzeln nach einem Abstecher zur Piratenpartei zurück. Dornheim glaubt, dass Feminismus für ihr männlichen Mitstreiter selbstverständlich sei. Das ändere die Parteikultur. (Trotzdem müssen auch die Grünen mit zu wenigen sichtbaren Frauen in Spitzenpositionen und Sexismusvorwürfen kämpfen. In Riedels FDP wurde mittlerweile eine Männerorganisation gegründet, die sich gegen "Genderideologien" stellen und für Männerquoten einsetzen will.)

Darüberhinaus wird an dieser Stelle die Überalterung der Parteien zum Problem. "Die Frauenorgas in der SPD sind definitiv überholt. Da herrscht ein Alice Schwarzer-Feminismus, den du da auch so nicht raus bekommst", seufzt Müller, und klingt dabei ähnlich wie ihre Kolleginnen aus der Linken und der FDP. Bei dem Versuch, sich gegen rassistisch motivierte Äußerungen infolge der Silvesternacht in Köln zu positionieren, erklärten Müller einige ältere Frauen, dass es ja doch eigentlich darum gehen müsse, Frauen auf der Straße vor Flüchtlingen zu schützen.

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Immer wieder werden Frauenorganisationen in Parteien gegenüber Broadly ähnlich zusammengefasst: Viele weiße, gut gestellte Frauen in politischen Ämtern, die kein Verständnis für intersektionellen Feminismus haben. Da fällt es schwer, gemeinschaftlich an einem Strang zu ziehen. Grünen-Politikerin Dornheim räumt ein, dass es durchaus "immer Generationenthemen" innerhalb der Parteien gäbe. Für Riedel liegt das Problem auch darin begründet, dass sie sich im Feminismus ihrer Parteikolleginnen nicht wiederfindet: "Das ist nicht so meine Welt. Ganz andere Altersstruktur. Da bin ich zu links, zu progressiv."

Das Problem, sich als Frau zu vernetzen und eigene Projekte voranzutreiben, kennt auch Ex-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Öffentlich verkündete sie, dass die Stimmen von Frauen nie wichtiger waren als im aktuellen weltpolitischen Klima. Ihr Motto: trotz aller Widrigkeiten nicht aufgeben. "Selbst bei uns, wo man als Frau dabei unterstützt wird, sich gegen den männlichen Mainstream durchzusetzen, braucht man ein paar Monate Durchhaltevermögen", gibt auch Dornheim zu. Dass dieses Durchhaltevermögen nicht nur in Bezug auf mögliche sexistische Parteikollegen gilt, sondern auch auf den Konkurrenzkampf mit anderen Frauen, wird nur selten thematisiert und trifft viele Quereinsteigerinnen unerwartet.

So wundert es vielleicht auch nicht, dass von Grüne bis FDP alle unserer Gesprächspartnerinnen einen ähnlichen Tipp an jene Frauen haben: Durchhalten sollen sie. Schaut man auf die Geschlechterverhältnis innerhalb der Parteien, kann man es ihnen nur wünschen.

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*Name von der Redaktion geändert.