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Geburtenkontrolle in Indien: Fruchtbarkeit gegen Handy

Indien strebt nach einer niedrigen Geburtenrate, tritt Menschenrechte mit Füßen und tauscht Mobiltelefone gegen Eileiter.

von David Whelan
17 November 2014, 3:44pm

In Indien ist das Leben einer Frau 2500 Euro wert.

Zumindest für den Fall, dass ein staatlich zugelassener Arzt eine Sterilisierung verpfuscht, heißt es in offiziellen staatlichen Richtlinien. Das war vor Kurzem im Nemi-Chand-Krankenhaues in Chhattisgarh der Fall, wo mindestens 12 Frauen starben und weitere 60 schwer erkrankten, nachdem ein Arzt versucht hatte, 80 Operationen an einem Tag durchzuführen.

Die höchsten Sozialleistungen erhalten nur Paare, die sich haben sterilisieren lassen. Möchtet ihr mehr Land haben? Zeit für eine Vasektomie. Braucht ihr einen Kredit? Lasst euch die Eierstöcke abbinden. Im Rahmen eines staatlich geförderten Projekts werden armen, entrechteten Frauen lediglich zwischen umgerechnet 10 und 17 Euro für ihre Fruchtbarkeit gezahlt. Indiens Methoden der Familienplanung haben einen Touch von Emma Goldmans Pamphlet Why and How the Poor Should Not Have Children. Höchste Zeit, dass damit Schluss gemacht wird.

Im Februar 2013 veröffentlichte New Delhi Television Limited Aufnahmen einer großen Gruppe von Frauen, die auf einer Freifläche neben dem Manikchak-Krankenhaus in Westbengalen ohnmächtig geworden waren. Das war der Überlauf einer Massensterilisierungsaktion, bei der 103 Frauen an einem Tag operiert worden sind.

Das ist der Stoff, aus dem Albträume gemacht werden. Es geht dabei nur um Zahlen, darum, Indiens Geburtenrate so schnell wie möglich in einen akzeptablen Bereich zu drücken. Die Superzahl ist 2,1. So viele Kinder sollte eine Frau im Durchschnitt haben. Zurzeit sind es 2,4. Im Jahr 2000 hat Indien offiziell seine Geburtenratenziele aufgegeben, allerdings hat das die einzelnen Bundesstaaten nicht davon abgehalten, eigene Ziele zu setzen.

Langfristige Klimaziele werden als Gründe genannt, die kurzfristig den Menschen, die zurzeit die Erde bevölkern, das Leben schwer machen. Dabei würde es genauso viel bringen, ein bisschen mehr Geld für Gleichstellung und Chancengleichheit auszugeben. Es wäre auch weniger tödlich.

Indiens Streben nach der Wunschgeburtenrate reduziert Menschen zu ganzen Zahlen, Kinder zu Bruchzahlen und Eileiter zu Mobiltelefonen. Die Bundesstaaten konkurrieren miteinander um die niedrigste zusammengefasste Geburtenziffer, die berechnet, zusammengefasst und eingestuft wird. Rajasthan erklärte, dass es 2011 1 Prozent seiner Bevölkerung im Austausch gegen Mobiltelefone und Lotteriescheine für Autos sterilisieren würde. Wie ein abscheulicher Eugenik-Weihnachtsmann.

Grundlegende Menschenrechte werden mit Füßen getreten. 2012 führte ein einziger Chirurg, Dr. Rajendra Prasad, in Bihar 53 Sterilisierungen durch und das ohne Zuhilfenahme von solchen Belanglosigkeiten wie fließendem Wasser oder sterilen Instrumenten. Eine der Frauen war offensichtlich schon im dritten Monat schwanger und erlitt 19 Tage später eine Fehlgeburt. In Uttar Pradesh kann man im Austausch gegen Vasektomien und Sterilisierungen eine Waffe erhalten, was wohl die zynischste Maßnahme zur Geburtenkontrolle ist, die sich je jemand ausgedacht hat: Haltet die Menschen davon ab, sich fortzupflanzen, und gebt ihnen Waffen, damit sie sich gegenseitig umbringen können. Wer auch immer sich das ausgedacht hat, sollte den verdammten Friedensnobelpreis verliehen bekommen.

Was in Indien geschieht, ist Teil einer zweifelhaften und verabscheuenswerten Politik, in der Sexismus und Klassismus fest verwurzelt sind und die als landesweites Ziel ausgegeben wird. Allerdings bleibt dieses Problem nicht auf Indien beschränkt. Es betrifft uns alle.

Großbritannien hat Indien angeblich 166 Millionen Pfund (etwa 208 Millionen Euro) Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt, die von Indien für Maßnahmen zur Familienplanung verwendet wurden. Auch die USA stellen Gelder zur Verfügung. 2013 wurden Berichten zufolge allein in Indien 4,6 Millionen Menschen unfruchtbar gemacht, über 12.500 pro Tag.

Wenn wir davon ausgehen, dass die indische Regierung jeder Frau, die sich der Operation unterzieht, 1400 Rupien (18 Euro) zahlt, dann gibt die Regierung jährlich fast 85 Millionen Euro aus, damit Frauen sich sterilisieren lassen, was nur unwesentlich mehr ist als der Betrag, den die Regierung dafür ausgegeben hat, um einen riesigen Pferch bauen zu lassen, um ihre wertvollen und wunderschönen Rinder vor Schaden zu schützen.

Devika Biswas, die das Health Watch Forum in Indien einberufen hat, war bei der Massensterilisierung in Bihar anwesend und betonte mir gegenüber, dass—wenn man Indien helfen will—„man dafür eintreten sollte, dass medizinische Einrichtungen umfassende Gesundheitsfürsorge einschließlich der Gesundheitsfürsorge für Mütter gewährleisten, damit die Müttersterblichkeit dank effektiver Anästhesie und der Reduzierung anderer Hochrisikofaktoren gesenkt wird." Die medizinischen Einrichtungen in Indien entsprechen einfach nicht den Standards und besonders Frauen seien einem hohen Risiko ausgesetzt.

Die letzte Umfrage zum Thema Familiengesundheit, die zwischen 2005 und 2006 in Indien durchgeführt wurde, zeigte, dass das Verhältnis von Abbinden der Eileiter zu Vasektomie ungefähr 37,3 zu 1 beträgt und das obwohl die Operation am Mann sicherer, einfacher und weniger invasiv ist. Männer lassen einfach niemanden an ihr Gehänge, melden aber liebend gern ihre Frauen für die Operationen an, die dann für einen Betrag, der einem oder zwei Wochenlöhnen entspricht, mit Medikamenten vollgepumpt und operiert werden. 2003 bekam eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesen, die in Chhattisgarh Familien besuchte, fast immer dieselbe Antwort zu hören: „Nimm meine Frau."

Lediglich 8,3 Prozent der indischen Bevölkerung benutzen Kondome oder die Antibabypille als Mittel zur Familienplanung, obwohl es im ganzen Leben Initiativen gibt, die die Mittel zur Empfängnisverhütung unentgeltlich zur Verfügung stellen wollen. „Der Aufklärungsunterricht lässt zu wünschen übrig", sagt Biswas. „Es gibt ihn nur in höheren Schulen. In vielen Schulen auf dem Land gehen Mädchen selten zum Unterricht und kommen nur zu den Prüfungen. Viele Kastenmitglieder und Mitglieder von Stammesgemeinschaften verlassen die Grundschule im Alter von elf Jahren, also werden sie überhaupt nicht aufgeklärt."

Um das Problem zu lösen, muss man Informationen und Gesundheitsfürsorge zugänglich machen, doch anscheinend verbreitet die Regierung lieber Propaganda. Frauen mit mehr als zwei Kindern werden in einigen Bundesstaaten beispielsweise davon ausgeschlossen, sich für den Panchayati zur Wahl zu stellen, und das obwohl sie keine wirkliche Kontrolle über ihren Körper haben. Eingängige Mottos wie „One is Fun!" oder „We Two, Our Two!" findet man überall. Laut Biswas ist es üblich, dass Frauen sich „nur widerwillig und unter Druck gesetzt" einer Operation unterziehen.

Indiens Vorschriften zur Sozialversicherung sind auch alles andere als hilfreich. Es gibt nur wenig Rente, was arme Paare dazu zwingt, viele Kinder zu bekommen, welche sie dann im Alter versorgen können. Das ist das Dilemma: Männer unterziehen sich keiner Vasektomie, Frauen sind kulturell und wirtschaftlich minderwertig. Männer haben Sex, Frauen gebären.

Frauen, die zu viele Kinder haben, können sich nicht für Ämter bewerben. Also kämpft in der Politik auch niemand für ihre Rechte. Es ist ein Teufelskreis.

Im Juli 2012 verkündete die indische Regierung beim Gipfel zu Familienplanung in London, dass sie einen Paradigmenwechsel hin zu einer großen Auswahl an Verhütungsmitteln eingeleitet habe. 860.000 Gesundheitsarbeiter wurden eingestellt, um die frohe Botschaft zu verbreiten. Das erscheint fortschrittlich, ist es aber nicht.

Es gibt Beweise dafür, dass zugelassene Mitarbeiter aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, diejenigen, die Familien besuchen und Operationen als Mittel zur Familienplanung anpreisen, pro Person, die sie zu einer Operation überreden können, einen Bonus bekommen. Das ähnelt entfernt den Call-Center-Vertrieblern, die euch immer mal wieder anrufen und versuchen, euch einen neuen DSL-Vertrag aufzuschwatzen. Sie sind superfreundlich und klingen so, als ob sie aufrichtig wegen eurer miesen Internetverbindung besorgt wären, aber eigentlich wollen sie nur euer Geld.

Ein Arzt gab zu, dass er zusätzliche einen Euro für jede Operation erhielt, bei der er ein billigeres, schwächeres Betäubungsmittel verwendet hatte. Derselbe Arzt hatte ausführlich davon berichtet, dass er von der Regierung danach beurteilt wurde, wie viele Operationen er am Ende eines Fiskaljahres, im März, durchgeführt hatte. Es ging um Arbeitsplätze. Es ging um Geld.

Das trifft allerdings nicht auf die Opfer zu.

„Arme und des Lesens und Schreibens unkundige Frauen werden überredet oder dazu gezwungen, sich sterilisieren zu lassen", sagt Biswas. Es geht dabei nicht in erster Linie um Geld. „Die Frauen sind von den Gesundheitsarbeitern abhängig, wenn es um ihre gesundheitliche Versorgung geht. Sie bauen eine Beziehung zu ihnen auf und unterziehen sich dann der Operation, um ihnen eine Freude zu machen."

Normale Menschen nötigen also die ärmsten und entrechtetsten Mitglieder der indischen Gesellschaft dazu, sich sterilisieren zu lassen, und das für den Preis eines Mars-Riegels.

Kerala wird häufig als einer der Bundesstaaten mit beispielhaft niedriger Geburtenrate genannt. Das hängt aber wahrscheinlich nicht mit Sterilisierungen zusammen, sondern mit der Tatsache, dass 87,7 Prozent der Frauen in Kerala lesen können—mehr als in jedem anderen Teil des Landes. „Die empfängnisverhütenden Pillen werden in allen staatlich Gesundheitszentren kostenfrei ausgegeben, sogar in ländlichen Gegenden. Aber niemand wirbt richtig dafür", sagt Biswas. „Einnahme und Vorsichtsmaßnahmen werden den Frauen nicht richtig erklärt."

In einem Artikel aus dem Jahr 2001 beschrieb die New York Times, wie der Politiker Chandrababu Naidu sich vor den Bewohnern eines Dorfes aufbaute und sie davon überzeugte, sich sterilisieren zu lassen. „Niemand unterstützt dich", sagte er einem Mann aus der Menge. „Lass dich sofort operieren."

Versetzt euch in die Lage dieser Frauen. Ihre Ehemänner werden das mit Sicherheit nicht tun. Der Staat wird euch keine Alternativen aufzeigen. Euch werden Konsumgüter angeboten, die ihr euch sonst nicht leistet könntet: Mixer, Kühlschränke, Handys. Alles im Austausch gegen einen kleinen Eingriff. Ihr könnt Geld verdienen. Eure Familie unterstützen. Eurem Vaterland dabei helfen, seine Geburtenratenziele zu erreichen. Es euren Freunden recht machen.

21 Monate lang zwischen 1975 und 1977 wurden in Indien 8 Millionen Menschen zwangssterilisiert. 2013 wurden 4,6 Millionen Menschen sterilisiert.

Anscheinend gibt es keine Alternative.