Ich bin ein Wochenende lang ohne Handy und Facebook ausgegangen
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Ich bin ein Wochenende lang ohne Handy und Facebook ausgegangen

Da gehe ich ein Wochenende lang aus, ohne erreichbar zu sein und komme voller philosophischer Ergüsse wieder nach Hause.
17.11.16

Wir schreiben das 21. Jahrhundert. In unseren Händen halten wir täglich und gern ein Gerät, das uns unter anderem Essen, Unterhaltung, Navigation, Neuigkeiten, Musik und Pornos liefert – alles äußerst essenzielle und überlebensnotwendige Dinge. Dieser Luxus ist uns unter der Bezeichnung "Smartphone" bekannt. Unser aller Leben ist seit der Erfindung dieser klugen Nokias nicht nur einfacher (Google), sondern auch aufregender (Tinder?).

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Ganz logisch, dass es für viele daher eine Katastrophe wäre, plötzlich ohne diesem Komfort auskommen zu müssen. Trotzdem hatte ich das Bedürfnis, mich mal wieder daran zu erinnern, wie es ist … komfortlos zu sein. Ganz ohne Handy und ohne Facebook – weil Facebook funktioniert ja auch auf Tablets, Notebooks und PCs.

Ich möchte erwähnen, dass ich schon unter der Woche vor dem Wochenende recht fleißig war und ein paar Mal über den Durst getrunken habe. Manchmal gibt es eben diese Tage, Wochen, gar ganze Epochen, in denen du trinken musst – na ja, möchtest. Durch den daraus resultierenden Schlafentzug hatte ich also meine Surrealistenbrille auf – ihr kennt das, wenn euch alles so unwirklich vorkommt. Könnte aber auch diese Sache mit Trump gewesen sein. Wie dem auch sei: Die Mischung aus alkoholbedingtem Schlafentzug und Smartphone-Entzug ergaben ein recht belangloses Wochenende. Sowas hatte ich noch nie erlebt.

Freitag

Es war Freitagabend, ich hatte mein Handy ab 19:00 Uhr abgedreht und erst am Sonntag um die gleiche Zeit sollte es wieder aktiviert werden. Zu Gast war ein Freund, der nur auf eine Tschick vorbeikommen wollte – aber samt Weinflaschen angetanzt ist. Gott sei Dank, sonst wäre mir wahrscheinlich elendig langweilig geworden. Mein Mitbewohner war nämlich ganz heftig im Tinder-Modus und der andere WG-Buddy war arbeiten. Es ist schon so, dass ich sehr gut mit mir alleine auskommen kann – ich hätte auch genug zu tun gehabt, aber bestimmt nicht an einem Freitagabend, während alle anderen Spaß haben, versteht ihr mich?

Durch das WG-Leben habe ich mich zudem daran gewöhnt, nicht mehr nur für mich zu sein. Ich verstehe nun irgendwie, warum Menschen in Beziehungen verharren, auch wenn die schon für den Arsch sind – na, damit ihnen nicht fad wird. Menschen ohne Hobbys eben.

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Also: Irgendwann später ist mein anderer Mitbewohner mit Freunden aufgekreuzt. Der Wein, der Schlafentzug und diese Männerrunde, die gegackert hat wie die Hühner im Stall, haben mich gut unterhalten und mein Telefon und Facebook haben mir dadurch nicht gefehlt. Es war dann zu späterer Stunde, als wir zu dritt übergeblieben sind, die Gehirne schon etwas verbraucht und nur mehr auf visuelle Stimulation aus waren, als es passierte: Die zwei Burschen haben auf ihren Smartphones wahllos durch die Social-Mediaplattformen gescrollt. Während ich in die Luft starren musste, denn was ist mir schon übrig geblieben – das Seitenblicke-Magazin lesen? Da ist mir dann Folgendes bewusst geworden: Die Technologien, die uns eigentlich zusammenbringen sollten, bringen uns auseinander, wenn wir zusammen sind. Und: Bist du alleine und ohne Handy und ohne Facebook – dann bist du wirklich alleine.

Wir haben alle Angst, etwas zu verpassen, wenn wir das Handy einmal zur Seite legen beziehungsweise offline sind. Wir sind wohl alle Besucher eines Running Sushi Restaurants. Wir alle starren aufs Laufband, um abzuchecken, was wir verschlingen könnten. Niemand achtet auf den Teller vor sich. Die Tatsache, dass die Speisen ohnehin öfters ihre Runden machen, reicht uns nicht mehr aus. Es könnte nämlich jemand schneller sein als wir. Dass aber so manche Fügungen nichts damit zu tun haben, wer als erstes da war, sondern Dinge einfach passieren und andere wiederum nicht – daran sollte man denken, während man sein Sushi isst.

Ich hatte ja kein Handy parat, um diese Quasseltanten zu fotografieren.

Samstag

Alle meine Freunde haben geplant, in die Forelle zu gehen, geglüht wird bei uns. Das war mehr als praktisch und wurde alles durch einen meiner Mitbewohner auf die Beine gestellt. Bis auf meine Mutter, habe ich kaum Freunde über meine handyfreie Zeit unterrichtet. Es ist auch nur einer wirklich aufgefallen, dass ich "fehle".

Die erste Hürde: Gästeliste checken? Keine Chance. Die Zweite: Ich wusste nie, wie spät es ist. Ich musste auch ständig nachfragen, wer denn jetzt aller kommt. Jetzt stellt euch mal Folgendes vor: Ihr steht heimlich auf jemanden und müsst durch rein detektivische Leistungen, die am Stand der 90er sind, alles eruieren. Also wann und ob euer Objekt des Herzens am Start ist. Warum sagen wir alle nochmal so oft, dass früher alles leichter war? Das war es nämlich ganz gewiss nicht.

Außerdem musste man sich für eine Gruppe entscheiden. Bleibe ich bei der Gruppe, die erst später in den Club geht, sofern sie es auch tut, oder gehe ich gleich mit der ersten Charge mit? Das hatte alles gar nichts mehr mit Spontaneität zu tun, das war alles nur mehr Drangzwang, für den man sich in Lichtgeschwindigkeiten entscheiden musste.

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Auch im Club war die Sache, keine Uhr zu haben, reichlich seltsam. Außerdem wurde ich auch etwas paranoid, weil man mir die Idee in den Kopf gepflanzt hatte, dass ich ohne Handy verwundbar wäre. Ein großer Typ, der mich ständig anstarrte, hat mich dann tatsächlich kurz paranoid gemacht. Ziemlich sicher tat ich ihm aber Unrecht und er wollte nur – wie ich – vorne am Floor abgehen oder auch einfach nur Freundschaft mit uns schließen, weil er alleine war.

Mir war auch oft langweilig. Die Gruppe hatte sich stets verstreut und der Raucherbereich war ewig eine verrauchte Qual für mich gewesen – und wenn einem das Gefühl für die Zeit entnommen wird, dann wird einem dafür das Gefühl der Ewigkeit geschenkt. Ohne konkrete Aussichten (und Ablenkung) vergeht diese Ewigkeit extrem langsam, fast gar nicht. Dieses endlose Sein hat sich angefühlt, als wäre ich gefangen. Kann auch daran gelegen haben, dass meine liebsten Freundinnen an dem Abend nicht mit waren.

Sonntag

Gefühlte Lichtjahre später waren wir dann bei der ersten Afterhour. Die Location war kleiner, ich war betrunkener und die Stimmung instant auf Tanz-Modus. Auch da war ich eigentlich wieder so gut beschäftigt, dass mir mein Telefon und die Möglichkeit auf sozialen Kontakt nicht gefehlt haben, denn den hatte ich da ja.

Trotzdem musste ich irgendwann mal den Hut an den Nagel hängen, um mit einem meiner Mitbewohner die Reise heimwärts anzutreten. Auch dafür waren meine Fähigkeiten beschränkt gewesen, ich konnte nämlich kein Taxi rufen. Ich konnte sonst auch nicht Musik hören und ich konnte nicht schnell irgendeine Adresse herausfinden. Ich hätte mir keine Notizen machen können, hätte ich mein Notizbüchlein nicht mitgehabt. Leute, ohne Telefon sind wir einfach aufgeschmissen. Aber ist es gut, dass wir solche Ansprüche haben oder es brauchen, sie zu haben? Dieser ständige Bedarf an Information, Kommunikation und Stimulation. Kennen wir die Ruhe denn noch?

Kopf: "Mündlicher Face 2 Face Content?" Life: "Trololol"

Zuhause habe ich mir ein paar Stunden dieser Ruhe in Form von Schlaf erlaubt. Später sind dann die Nimmermüden von der ersten Afterhour in die zweite Afterhour eingetrudelt. Dann war es auch schon 19:00 Uhr und ich konnte mein Telefon wieder einschalten. Außer den Abermillionen Facebook-Notifications (eh nur Events, verstehst?), dürfte ich scheinbar kaum vermisst worden sein. Was auch ganz logisch ist, da ich die meiste Zeit mit Leuten zusammen war. Ich weiß noch, dass ich mich gefragt habe, ob ich über die Tatsache, dass dieses telekommunikative Abhandensein nicht mehr ausgelöst hatte, enttäuscht bin – natürlich, während ich gedankenlos und wahllos durch Facebook gescrollt habe.

Eines steht aber fest: Wer es ganz ohne Social-Mediaplattformen lebt, dem kann es passieren, dass der Kontakt ausbleibt (außer du bist da jetzt vollends ein heavy Telefonnetz-User). Wie gesagt: Wir schreiben das 21 Jahrhundert, wer nicht mitläuft, darf sich nicht wundern, dass er stehen bleibt – alleine.

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