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15.000 Euro Kopfgeld aus der Homo-Hölle

Seit letzter Woche ist ein Kopfgeld auf die Betreiber von kreuz.net ausgesetzt. Wir sprachen mit David Berger, dem Koordinator dieser Aktion, der einer der wichtigsten deutschen Theologen aus dem erzkonservativen Lager war, bevor er sich geoutet hat.

von Stefan Lauer
11 Oktober 2012, 12:26pm


Foto: Grey Hutton

Nachdem Dirk Bach gestorben ist, gab es die üblichen Berichte und Beileidsbekundungen in allen Medien. Gleichzeitig erschien auf kreuz.net aber auch ein Nachruf mit dem Titel „Jetzt brennt er in der ewigen Homo-Hölle“ (wenn ihr den Text unbedingt lesen wollt, hilft euch Google. Wir wollen diesen Leuten nicht noch weitere Klicks schenken). Jedenfalls war das offensichtlich der letzte Tropfen, der das pinkfarbene Fass der Empörung, das in den Räumen der schwulen Mafia steht, zum Überlaufen gebracht hat. Seit letzter Woche hat der Bruno Gmünder Verlag ein Kopfgeld auf die Betreiber der Seite ausgesetzt. Wir haben uns mit David Berger getroffen, dem Koordinator dieser Aktion, der einer der wichtigsten deutschen Theologen aus dem erzkonservativen Lager war, bevor er sich geoutet hat. Seitdem wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen und er ist auch nicht mehr der Herausgeber von Theologisches, einer Zeitschrift für konservative Theologie, die er jahrelang geleitet hatte.

VICE:  Wie ist es zu diesem Kopfgeld gekommen?
David Berger: Ich war, ohne mir darauf etwas einbilden zu wollen, der erste Theologe überhaupt, der auf kreuz.net aufmerksam gemacht hat. Man hat immer gesagt: „Lass die Spinner doch.“ Aber ich war damals schon der Meinung, das sollten wir jetzt so schnell wie möglich machen, denn irgendwann wird es eine Dimension erreicht haben, bei der Schweigen auch bedeuten wird, dass man nichts unternimmt und indirekt zustimmt. Dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen.

Geht es bei der ganzen Aktion um Aufmerksamkeit oder werdet ihr tatsächlich was erreichen?
Es sind einige Hinweise dabei, die sehr erfolgsversprechend klingen. Zu denen will ich natürlich jetzt noch nichts Genaueres sagen. Uns ist sehr wichtig, dass zeitgleich mit der Veröffentlichung des Täters auch der Staatsanwalt vor der Tür desjenigen steht, der hinter dem Computer sitzt, bevor die ihre Computer wegräumen können und die Website dann drei Wochen später von irgendeinem anderen Ort aus von irgendwelchen Spezis weitergeführt wird.

Was sind das für Leute?
Es sind Einzeltäter und es gibt ganz wenige, die davon wissen. Ich war selber bis 2010 aktiv im traditionalistischen Lager und da wusste auch keiner wirklich, wer dahinter steckt. Nur wenige wussten etwas darüber, aber es ist jemand, der sich sehr gut damit auskennt, wie man das technisch anstellt, ohne aufzufliegen, das heißt, er muss aus dieser Branche kommen. Und da kommen innerhalb des traditionalistischen Lagers nur ganz wenige in Frage. Es gibt z.B. welche, die für die GEMA gearbeitet haben und dann mit ihrer Arbeit aufgehört haben, als Kreuz.net angefangen hat. Er ist wahrscheinlich kein Kleriker, aber er steht im kirchlichen Dienst.

Und es ist jemand in Deutschland?
Die Chancen, dass derjenige in Deutschland sitzt, liegen bei 60 - 70 %. Wir haben auch schon bestimmte Namen, die wir natürlich noch nicht preisgegeben haben. Wir wollen warten, bis wir eine so große Summe an Beweisen haben, dass wir dann wirklich zum Staatsanwalt gehen können, der mit uns zusammenarbeitet. Erst danach wollen wir an die Öffentlichkeit gehen.

Das klingt vielversprechender, als ich dachte.
Ich nehme mit großer Sicherheit an, dass das Kopfgeld wirklich ausgezahlt werden wird. Es haben sich sogar noch welche gefunden, die etwas drauflegen wollen, sodass sich das Kopfgeld in der kommenden Woche erhöhen wird.

Wer sind die Informanten?
Es sind wirklich ernstzunehmende Leute, die aber einfach eine Riesenangst davor haben, dass es Racheakte geben wird. Das hängt wiederum damit zusammen, dass kreuz.net nicht nur für fanatische Katholiken steht, sondern, dass auch deutliche Verbindungen zu Pro-NRW, Pro-Köln, zur NPD und zu anderen Nazi-Gruppen bestehen. Auch zur Lebensrechtsbewegung, die unter Umständen sehr fanatisch sein kann. Und es gibt erstaunlicherweise ganz viele Querverbindungen zu Islamisten. Wenn man mal bei kreuz.net genauer schaut, sind die zwar antisemitisch, frauenfeindlich, homophob und überhaupt menschenverachtend, aber in keiner Weise antiislamisch.

Ganz interessant, wenn es dann diese Verbindung zu Pro-Deutschland und Pro-NRW gibt.
Was ja dann auch eigentlich schizophren ist, weil Pro-NRW ja mit aller Gewalt gegen den Bau von Moscheen kämpft. Deswegen bin ich auch der festen Überzeugung, dass die nicht die Macher von kreuz.net sind.

Man geht auch davon aus, dass es starke Verbindungen zur Pius-Bruderschaft gibt.
Klar ist das alles Pius-Bruderschaft, weil ja offensichtlich wichtige Leute aus diesem Milieu zu den wichtigsten Lieferanten für kreuz.net gehören. Ich denke, aus diesem Umkreis kommen pro Woche fünf bis acht Artikel für kreuz.net, das heißt aber nicht, dass die Pius-Bruderschaft dahintersteht.

Es gib also auf alle Fälle Verbindungen direkt in die Kirche.
Ja, von daher muss ich meiner Freundin Uta, die gesagt hat, kreuz.net hätte mit der Katholischen Kirche gar nichts zu tun, widersprechen. Natürlich ist kreuz.net kein offizielles Unternehmen der Kirche, aber es vertritt doch in vielen Positionen in radikaler Weise die benediktinische Wende, die Papst Benedikt eingeleitet hat. Das heißt, Spitzeltum, traditionelle Liturgie, Homophobie, das sind alles Anliegen des Papstes. Kreuz.net macht das natürlich in einer Extremform und gebraucht eine Sprache, die so kein Bischof und kein Papst benutzen würde.

Die Bischofskonferenz distanziert sich ja auch offiziell davon.
Spätestens seit kreuz.net angefangen hat, Interna aus der deutschen Bischofskonferenz zu veröffentlichen, die sie nur von irgendeinem Bischof oder einer anderen undichten Stelle erfahren haben können. Ein internes Dokument zum sexuellen Missbrauch, beschlossen unter strikter Geheimhaltung vom Ständigen Rat der Bischofskonferenz, taucht zwei Stunden nach dem Beschluss eins zu eins auf kreuz.net auf. Entweder hat es jemand direkt aus Rom an kreuz.net geschickt oder einer aus der Bischofskonferenz hat geplaudert.

Weißt du, was der hohe Klerus über die Seite denkt?
Ich war von 2005 - 2010, also in einer Zeit, in der es kreuz.net schon gab, noch in der Traditionalistenszene sehr aktiv. Wenn ich Leute in Rom, durchaus auch höher gestellte Monsignori, gefragt habe „Warum macht ihr nichts gegen kreuz.net?“, habe ich ganz oft zwei Antworten bekommen. Die erste Antwort war: „Was wollen Sie denn? Die sagen doch nur in radikaler Ehrlichkeit, wo in Deutschland die Probleme liegen.“ Die zweite Version, die auch deutsche Bischöfe stark beeinflusst, ist: „Kreuz.net hat eine wichtige Funktion, denn solange es kreuz.net gibt und wir uns als konservative Bischöfe daneben stellen, sieht unserer Konservatismus ja gerade zu nach Mitte oder gar Liberalität aus.“

Stefan Lauer auf Twitter

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