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The Noisey Guide to

Wenn Fans über das Liebesleben von Musikern fantasieren—Die Welt der Fan Fiction

Hast du dir schon mal vorgestellt, dass Casper dein Bruder ist oder Kollegahs Freundin ausspannt?

von Zora Beer
09 Juni 2015, 2:00pm

Fans sind ein Phänomen für sich. Sie lungern tagelang vor Hotels und stehen stundenlang vor verschlossenen Türen herum, um nach verwackelten Foto oder krakligen Unterschriften zu jagen. Sie saugen einfach alles Konsumierbare ihrer Lieblinge auf. Wie sonst könnten Ryan Gosling-Geschirrtücher existieren? Oder ein Edward Cullen-Dildo? (Und ja, er glitzert.)

Doch die reale Welt ist nicht der einzige Zugang, den ein fanatischer Fan wählen kann, um das wahnsinnige Verlangen nach seinem Idol zu stillen. Ein anderer Weg ist die Fiktion, genauer gesagt die Welt der Fan Fiction. Im Fantasy-, Film- und TV-Bereich gibt es sie schon lange, aber auch in der Musikwelt gibt es einen kleinen Kosmos, in dem alles Mögliche über die Lieblinge zusammenfantasiert wird. Ein Phänomen so wunderbar, merkwürdig und wahnsinnig, dass wir mit einem halb-eleganten Kopfsprung in sie eingetaucht sind.

Was ist Fan Fiction eigentlich?

Wahrscheinlich ist Fan Fiction die sonderbarste Form kreativen Ausdrucks, die in der fantastischen Welt des World Wide Web zu finden ist. Es ist eine komplett neue Form des Geschichtenerzählens, eine Ansammlung pornographisch angehauchter Ideen in absurden Settings, versehen mit Rechtschreibfehlern und abenteuerlicher Grammatik. Fan Fiction ist mehr als die Summe der anzüglichen, Fremdscham-auslösenden und laienhaft geschriebenen Fantasien einer Horde minderjährigen Fans und Pop-Kultur liebenden Verrückten, von denen das Internet bevölkert ist. Fan Fiction ist so alt wie das Fantum selbst, so zahlreich und vielfältig wie Nicki Minajs Perückenauswahl und so übersichtlich wie der Nahost-Konflikt.

Es funktioniert ganz einfach: Die Autoren packen ihre fanatisch geliebten und hochverehrten Stars in jede Situation, die sie sich erträumen—und wovon sie träumen, ist oft schweinisch, zum Sterben langweilig oder völlig absurd. So kann es schon mal passieren, dass Cro von Zombies gejagt wird oder Casper und Thees Uhlmann r-rated Spaß zusammen haben. Habt ihr schon mal davon geträumt, dass sich Casper in euch verliebt oder ihr mit den Jungs von Kraftklub auf Tour seid? Dank Fan Fiction werden eure sehnlichsten Wünsche—zumindest auf Papier—wahr.

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Foto: Aljoscha Redenius | VICE

Die Heimat der Fan Ficton

Fan Fiction findet man meist auf diversen von Fans erstellten Seiten oder aber auch in speziellen Foren. Von diesen relativ privaten Plattformen verlagerten sich die Geschichten in den letzten Jahren auf größere Seiten wie wattpad.com, myfanfiction.net oder aber auch fanfiktion.de. Amazon fing mit Kindle Worlds sogar an, Fan Fiction einem noch breiterem Publikum näherzubringen und Profit daraus zu schlagen. Der Kreis der Geschichten, die musikbezogen sind, ist dabei noch relativ klein und überschaubar. Über Cro und Co. gibt es auf fanfiktion.de und wattpad.com zwischen 50 und 100 Geschichten, die meist dem klassischen „Musician meets Girl"-Thema entsprechen.

Die Helden der Fan Fiction

Die Fan Fiction-Community wird hauptsächlich von Frauen und Mädchen regiert, kommentiert und genutzt. Vielleicht sind eben deshalb die Protagonisten der Fan Fiction meist weiblich. Natürlich gibt es da draußen auch Typen, die Fan Fiction produzieren wie auch konsumieren. Dennoch wird die Szene vom weiblichen Geschlecht dominiert.

Dadurch ist die typische Hauptfigur einer Fan Fiction meist hübsch, heiß und schüchtern. Natürlich ist ihr nicht bewusst, dass sie attraktiv und begehrenswert ist. Trotzdem hat sie mindestens einen anderen Typen an der Hand, den sie neben unserem berühmten Musiker haben könnte. Tollpatschig ist sie auch, aber dennoch oder gerade deswegen unendlich liebenswert. Irgendwann kommt in fast jeder Fan Fiction-Story der Punkt, an dem sie betrunken, auf Drogen oder überwältigt von ihren Problemen in irgendeine Situation stolpert, aus der sie gerettet wird. Von wem? Natürlich von Cro, Casper, Felix oder Bill. Meist weiß sie jedoch nicht, wem sie da begegnet und steht dem Typen in unendlicher Naivität gegenüber. Liebe, Liebe und ein bisschen Drama.

Die Storytelling-Formel

Wie genau der Aufbau einer solchen Geschichte beschaffen ist, veranschaulicht die wohl weltweit erfolgreichste Fan Fiction überhaupt: 50 Shades of Grey. Kennen wir alle, haben wir offiziell alle nicht gelesen und auch wenn man über die realistische Darstellung von SM in Büchern und Film viel und gerne streiten kann, lassen sich doch die Eckpfeiler einer typischen Fan Fiction hier am besten erkennen: Attraktive, schüchterne Sie trifft auf selbstbewussten, mysteriösen Ihn und sie haben Sex. Fan Fictions sind in dem Sinne ein bisschen wie Feuerwerke, sie machen Spaß, aber kennt man eines, kennt man alle. Doch es gibt Ausnahmen:

Die Geschichte um Tracy und Cro ist beispielsweise etwas düsterer. Tracy wird hier zu Anfang vergewaltigt und leidet infolgedessen unter starken Depressionen, schottet sich von der Außenwelt ab und spricht mit niemandem mehr. Als der Vergewaltiger dann geschnappt wird, kommt der Junge mit der Pandamaske ins Spiel.



Weniger nachdenklich und tragisch, aber doch drastisch sind dagegen die Geschichten von blacky. Diese Dame spezialisierte sich auf Joko Winterscheidt und lässt ihn in allen möglichen Szenerien mit diversen Männern schlafen. So auch mit Cro. Nicht irgendwo natürlich, sondern auf einer Aftershow-Party der 1live Krone.

Sehr sensibel wird dann die Geschichte einer fiktiven Beziehung zwischen Felix und Casper erzählt. Es hat schon fast etwas von Brokeback Mountain. Die beiden verlieben sich nicht einfach nur, sondern werden mit all den Problemen der Homosexualität in der deutschen HipHop-Szene konfrontiert und müssen damit umgehen—in dem Sinne, dass sie ihre Beziehung verheimlichen müssen. Interessant ist daran besonders, dass die Geschichte nicht einfach von einem auktorialen Erzähler vermittelt wird, sondern die Autorin mal aus Caspers und Mal aus Felix' Sicht schreibt.

Weniger romantisch, sondern ziemlich dreckig, wird es in einer kurzen Geschichte, die von einer Nacht zwischen den beiden erzählt. Die Autorin dieser Fan Fiction wiederum hat sich auf Slash-Fiction spezialisiert, aber auch an der typischen Blümchenromatik fehlt es bei Geschichten um den Rapper nicht. Mal wird es mit einem Mädchen dramatisch und mal sehr Fan Fiction-typisch. Mal spannt Casper Kollegah die Freundin aus und Mal ist er der Vater der Hauptfigur oder ihr Bruder.

Grundsätzlich gilt bei Fan Fiction: Alles kann, nichts muss, und wenn ihr es euch irgendwie auch nur ansatzweise vorstellen könnt, hat jemand mit Sicherheit schon darüber geschrieben. Der Schreibschlager unter den deutschen Musikern sind natürlich Tokio Hotel, aber auch zu Frei.Wild, Kraftklub, den Beatsteaks, den Onkelz und sogar zu K.I.Z, Trailerpark und Karate Andi gibt es Geschichten.

Was sagen eigentlich die Künstler dazu?

Ihr merkt schon, es gibt keine Schamgrenze oder gar eine (wenn auch fantasierte) Intmisphäre der Künstlers, die respektiert werden sollte. Stellt euch vor, fremde Leute fantasieren sich detaillierte Sexszenen darüber zusammen, wie ihr mit einem eurer Kollegen schlaft. Das könnte durchaus unangenehm sein. Doch die meisten Musiker ignorieren die Fiktion komplett, jedenfalls sind solche Geschichten eigentlich nie ein Thema. Bill von Tokio Hotel bekommt aber dennoch mit, dass es eine aktive Welt der Fan Fiction gibt: „Ich werde immer mal wieder in irgendwelchen Fotos getaggt, auf denen dann in Photoshop irgendwas zusammengemorpht wurde oder auf denen selbstgezeichnete Porno-Comics zu sehen sind und all das." Eine ganze Geschichte hat aber selbst er noch nie gelesen, auch wenn er die Bemühungen seiner Fans anerkennt: „Das ist krass, das muss ganz schön viel Arbeit machen." Fans sind eben das Größte für Musiker.

Das ewige Problem der Fan Fiction

Ein anderes großes Problem der Fan Fiction-Community ist die Berichterstattung. Viele Medien sorgten und sorgen immer noch dafür, dass Fan Fiction als etwas gesehen wird, was nicht nur lächerlich ist, sondern auch ein paar schnelle Lacher bringt: „Irgendwie scheint es immer nur darum zu gehen, dass man verrückt sei, wenn man etwas aufschreibt, dass einem Mal in den Sinn gekommen ist. Dass wir alle psychisch labil wären. Das sind ganz eindeutig die Menschen, die sich nicht ein wenig für Fan Fiction interessieren und auch noch nie eine Geschichte geschrieben haben", sagt Lisa, die früher sehr aktiv in der Community war. (Wir legen euch besonders das Weihnachtsspecial über Kraftklub ans Herz.) Nach solcher Berichterstattung und zu viel Aufmerksamkeit braut sich regelmäßig ein kleiner Shitstorm zusammen, Accounts und Geschichten werden gelöscht und Schreiber verschwinden wieder in die Tiefen des Internets.

„Wenn man mit Kritik gar nicht klar kommt und einfach noch nicht gefestigt genug ist in seinem Schreibstil, dann sollte man sich überlegen, ob man etwas hochstellt oder nicht. Das ist einfach genau so, wie Nacktfotos ins Internet zu stellen und dann Theater zu machen, dass jemand sie als Wichsvorlage benutzt." Die Tatsache, dass einige der Autoren gerne übertreiben, finde sie dagegen gar nicht mal so schlimm. Das ist künstlerische Freiheit und macht sie und die Werke auch aus: „Umso mehr man liest und schreibt, umso mehr ändert sich auch das Niveau."

Andere Stimmen in der Community sehen das etwas anders: „Autorinnen und Autoren erwarten tatsächlich von anderen Rücksichtnahme auf ihre Gefühle. FanFiktion.de ist keine private Spielwiese, sondern eine öffentliche Plattform. Wer da veröffentlicht, sollte auch das Rückgrat haben, hinterher nicht rumzuheulen, nur weil es anderen nicht gefällt. Das beginnt bei Kommentaren und endet bei Artikeln in der Presse", erklärt eine anonyme Userin und fasst damit die unterschiedlichen Standpunkte und das größte Problem der Community zusammen.

Denn die Musik-Fan Fiction, die nur einen kleinen Teil der ganzen Fantasiewelt im Internet ausmacht, scheint ganz abgesehen davon, was die betreffenden Künstler dazu sagen, selbst in der Community noch nicht besonders angesehen zu sein. Die anonyme Fan Fiction-Schreiberin schließt das Ganze ab: „Mal im Ernst, gerade bei den ganzen Star-Geschichten fällt mir immer wieder auf, dass ich sowas auch mit 14 geschrieben habe. In mein Tagebuch."

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