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Warum Eisenstadt zum Freiluft-Seniorenheim wird

FPÖ und ÖVP haben ein Alkoholverbot für Eisenstadt verabschiedet. Ein weiterer Schritt, die Stadt zur Seniorenresidenz zu machen.
24.5.16

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In der Eisenstädter Innenstadt herrscht seit Montag, dem 23.5.2016, Alkoholverbot. Mit den Stimmen von FPÖ und ÖVP wurde am Montag vom Gemeinderat ein Verbot verabschiedet und damit soll die Landeshauptstadt wohl weiter in eine übergroße Seniorenresidenz verwandelt werden. Eisenstadt wird tatsächlich immer mehr zum Freiluft-Seniorenheim. Die Jugendlichen flüchten in Scharen nach Wien, das Nachtleben in Eisenstadt liegt seit Jahren im Sterben. Das Magistrat der ÖVP-geführten Stadt macht seit Jahren mit Auflagen und Repressalien einem Lokal nach dem anderen den Garaus.

Vor kurzem musste das Biker-Beisl Zum Sünder dran glauben, davor waren schon das Geco und das Ricky mit behördlicher Repression überzogen worden. Natürlich kann man nun argumentieren, dass das Ricky einfach nur tief war und der Wiener Neustädter-Flair des Geco in Eisenstadt nicht gerade mehrheitsfähig war—zurecht.

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Aber trotzdem konnte man, wenn nach dem gefühlt tausendstem Mal "I got a feeling" (Woohoo) der Hass auf den Stamm-DJ kaum mehr zu unterdrücken war, sich einfach schleichen und in das jeweils nächste Lokal schauen, wo bereits andere Patienten über andere Musik flamten.

Aber gut, so richtig floriert hat das Nachtleben in Eisenstadt schon seit dem Ende des Mendez nicht mehr. Drei Bier unter 10 Euro und Spritzer um 1,50 (ja, liebe Wiener, ihr lest richtig), da konnte sich noch jeder eine anständige Eskalation leisten. Naja, Vergangenem soll man nicht nachweinen. Aber ein bisschen muss ich das schon. Bestes Beispiel: Schulschluss.

Früher das absolute Highlight im Eisenstädter Veranstaltungskalender—zumindest für die U18-Benziner, die im Burgenland omnipräsent sind. Wer zu spät aus hatte, fand keinen Chiller-Platz mehr im Schlosspark und wenn die Cops mit Ausweiskontrollen anfingen, vernichteten die Minderjährigen schnell ihren Vorrat an Malibu Orange oder sonstigem Grind.

Klassisch Burgenland eben—haufenweise Teenies und solche, die es gern wären, beim kollektiven Saufen im öffentliche Raum. Du warst mal so cool, Eisenstadt. Und heute? Alles hin, was es an Strukturen gab, alles im Arsch, was früher mal identitätsstiftend war. Mendez? Zu. Jugenzentrum? Der neuen ÖVP-Bude gewichen. Cselley-Mühle? Trauriger Schatten ihrer selbst. Doch woran liegt das? Nur an den Bemühungen der schwarzen Stadt- und rot-blauen-Landesregierung, mehr reiche Pensionisten anzuziehen? Dafür müssen Jugendliche ohne viel Kohle natürlich weichen. Oder sind wir nicht auch ein bisschen selber Schuld, wenn wir uns nicht organisieren?

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Als das Großstadt-Pendant zur Blauen Lady Ilse Benkö—die ehemalige Innenstadt-Chefin Ursula "hicks" Stenzel—ihren Bezirk zur Erholungsmeile für gut betuchte Senioren verwandeln wollte, formierte sich Widerstand. Mit einem Schulterschluss von apolitischen Punks bis zu Kultur-Größen wurde Stimmung gemacht und die Pläne der Dame, die sich gern mal auf Staatskosten in ein Fünf-Sterne-Hotel umbuchen lässt, verhindert. In Eisenstadt?

Gut gemeinte, aber im Sand verlaufende Initiativen wie "Armes Eisenstadt" oder meinetwegen auch "rebeleb" von frustrierten EisenstädterInnen sind das höchste der Gefühle. Breiter Protest? Fehlanzeige. Man zieht lieber nach der Matura in gentrifizierte Gegenden Wiens, um den Puls der Zeit hautnah mitzuerleben und macht sich dann über "die Scheiße, die dort am Land passiert" lustig. Leider gibt es aber auch Menschen, denen diese Option nicht gegönnt ist, sei es aus beruflichen, finanziellen, familiären Gründen oder einfach nur, weil sie sich in den Kopf gesetzt haben, diese Scheiße hier weniger beschissen zu machen.

Nicht jedem können die Eltern eine WG zwischen dem 6. und 9. Wiener Gemeindebezirk für die Zeit ihres Studiums finanzieren, viele sind gezwungen, ihre Arbeitskraft seit der Lehre hier im Burgenland zu verkaufen. Und davon mal abgesehen: Kann denn bitte einmal jemand an die Kinder und ihren Wunsch nach Teilhabe am öffentlichen Raum (und einen Vollrausch ebendort) denken?

Um auf das in der selben Sitzung verabschiedete Bettelverbot explizit einzugehen, fehlen mir leider Zeit, Zeilen und Nerven. Eins ist jedoch klar, nämlich der Grund für diese für den Gemeinderat zusammenhängenden Verbote: Das Stadtbild soll fein, säuberlich und bürgerlich sein—und Menschen mit realen Problemen haben darin keinen Platz. Motiv ist nicht der angeblich "aggressive" Charakter der Bettlerei (Ich wohne neben und arbeite in der Fußgangerzone. Mein Urteil: absoluter Bullshit), sondern die Tatsache, dass der Anblick von Menschen, die mit nur drei Zähnen den ganzen Tag vor einem schlecht gefüllten Münz-Becher knien, den gehobenen Einwohner, Touristen und—vor allem—Senioren ihren Einkaufstrip durch die FuZo vermiest und ihre Kauflust mindert.* Ebenso das nie artikulierte Argument der Verantwortlichen im Gemeinderat für das Alkoholverbot. Kurz um: Wer kein Geld da lässt, soll sich auch von der Hauptstraße verpissen. Ganz einfach.

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Ich lebe seit 22 Jahren in Eisenstadt und täglich wird mir vermittelt: Reiche Pensionisten und Touristen sind wichtiger, als ihr Jugendlichen, die ihr hier wohnt. Weil ich mir nun aber ein Bier in der FuZo reinstellen muss, um nicht gänzlich in Frust über und Hass auf meine geliebte Heimatstadt zu verfallen, hier nur grob umrissen eine Auswahl der jugend- und unterschichtenfeindlichen Politik in Eisenstadt. Prost, wir sehen uns!

Abriss des ehemaligen Jugendzentrums und des Kinos, Errichtung der ÖVP-Zentrale an dessen (zentral gelegener) Stelle. Als Ersatz wurde der e_cube aus dem Boden gestampft. Miete für den ganzen Würfel: 800 Euro exklusive Reinigung und Security. Zum Vergleich: Das alte JUZ konnte jeder um 50 Euro mieten.

Die Stadt hat ein Buch im Umfang von über 100 Seiten mit dem Titel "Eisenstadt—Stadt der Senioren" erstellen lassen. Vor kurzem folgte die entsprechende Publikation zum Thema Jugend in Eisenstadt. Die Broschüre war ganze sechs Seiten lang—tolles Angebot.

In Eisenstadt gibt es nach wie vor keinen öffentlichen Fußballplatz und kaum Freiräume, an denen sich Jugendliche ohne Konsumzwang aufhalten können.
Last but not least: Nach Jahren, in denen die Eisenstädter Skateboarder sich um neue Rampen bemüht hatten, wurde eine Miniramp finanziert und ein Platz zur Verfügung gestellt.

Im letzten Moment gab es jedoch einen Rückzieher, da Anrainer, die zuvor bei der Bauverhandlung keine Bedenken geäußert hatten, ihre Meinung änderten. Der Platz wurde nicht genehmigt und nach einer andere Stelle für die angeschaffte Miniramp wurde gar nicht erst gesucht. Letztendlich vergammelte die unzusammengebaute Rampe im Keller des Jugendzentrums, bis die Witterung sie unfahrbar machte. Die Kosten der sinnlosen Anschaffung wurden auf 10.000 Euro geschätzt. Lieber Geld zum Fenster heraus werfen, als Jugendlichen Freiräume zur Verfügung zu stellen. Daumen hoch!

*: Das Problem ist dabei natürlich nicht der Altersunteschied. Für einen Mindestpensionisten hat Eisenstadt dasselbe zu bieten wie für finanzschwache Jugendliche: Schöne Gegend, aber sonst nix.

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