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Sulaya blickt anhand von "LMS", "Limmatplatz Hustlers" und "Fucking Problems" auf die Songs zurück, die für sein Leben stehen—und für seine vergebenen Karrierechancen.
5.7.16

Foto zur Verfügung gestellt von Sulaya

Der Name Sulaya geisterte jahrelang wie ein Phantom durch das kollektive Gedächtnis der Schweizer Rapszene. Bereits vor über 15 Jahren brannte er sich unwiderruflich in die DNA der Mundartrapkultur. Der Schaffhauser MC hatte zu dieser Zeit an Freestyle-Battles bleibende Spuren hinterlassen und lieferte sich legendäre Battles, aus denen er fast immer als Sieger hervorging. 2006 veröffentlichte er sein Erstlingswerk Mamibumserstyle. MBS gilt als Untergrundklassiker des Genres und Sulaya spätestens seit diesem Release als einer der meistunterschätzten MCs des Landes. Nicht nur Rapkonsumenten, sondern auch Sulayas Mitkonkurrenten, die normalerweise mit Lobeshymnen an andere MCs eher geizen, sprachen ihm spätestens nach MBS aussergewöhnliches Talent, Eloquenz und einen unverwechselbaren Style zu.

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Seine Folgereleases De Tüfel & ich und Dä Sunne entgege konnten die Erwartungen nach dem Debut nicht ganz erfüllen. Sulaya bekam den Stempel des ewigen Talents aufgedrückt. Dennoch brachen die Sympathiebekundungen aus der Szene nie ganz ab. Suly wurde zum verlorenen Sohn der Szene. In seinen Werken reflektierte er oft auch sich selbst, seinen persönlichen Struggle, der ihn möglicherweise daran hinderte, auch in Sachen Erfolg einer der ganz Grossen zu werden.

Trotz persönlichen Krisen, Alben, die er, wie er sagt, “selbst nicht mehr cool findet“ und Phasen von Frust über die Subkultur, kann er sich offenbar nicht von seiner grossen Liebe Hip Hop trennen. Zusammen mit Piment hat Sulaya in den vergangenen Monaten ein Album produziert, das sich hören lassen kann. Suly ist zurück und frischer denn je. Er scheint den Tritt wieder gefunden zu haben.

Obwohl es nie ganz deutlich in dieser Form ausgesprochen wurde, stelle ich die These auf, dass Sulayas Rapkarriere nach einem fulminanten Start ein wenig ins Stocken geriet und er sich dabei vor allem selbst im Weg gestanden ist. Wie sonst erklärt es sich, dass einer der talentiertesten Rapper des Landes, nie auf den Schirm der Mainstream-Medien kam, keine grossen Festivals gespielt hat und nur in Fachkreisen den Respekt erhält, der ihm eigentlich zusteht? Vielleicht spielten jedoch auch andere Faktoren eine Rolle, die sich mir nur erschliessen, wenn ich Sulaya damit konfrontiere. Um Sulayas Weg besser verstehen zu können, habe ich ihn gebeten, mir seine ganz persönlichen Milestones aus seiner inzwischen über 20-jährigen Beziehung zu Hip Hop zusammenzustellen. Zudem wollte ich von ihm wissen, was genau er an dem jeweiligen Track so anziehend fand, wo er zu jenem Zeitpunkt als Rapper stand und wie es ihm dabei menschlich und persönlich erging. So will ich mehr darüber erfahren, ob meine These stimmt, wer hinter dem Mensch Sulaya steckt und wie dieser Mensch zu dem geworden ist, was er heute ist.

1994 // Method Man—“All I need”

"Eigentlich könnte man meinen, zwischen einem Mittelschicht-Kid aus der Schweiz, das in einfachen Verhältnisen aufwächst, und einem Afroamerikaner aus den New Yorker Ghettos gibt es keine Berührungspunkte—aber Method Man bewies mir das Gegenteil. Dieser MC hat mich 1995 mit Hip Hop infiziert. Sein Album Tical ist für mich eine der ersten Hip Hop-Erinnerungen. Mit diesem Album fand sozusagen meine Hip Hop-Sozialisation statt. Was mich an Method Man schon als 12-Jähriger fasziniert hat, war das entspannte Feeling, das er transportierte. Ich verstand ja zu dieser Zeit praktisch kein Wort Englisch, aber mir sagte das einfach aus dem Bauch heraus zu."

1999 // Kool Savas—“LMS”

"Von Savas hatte ich, soweit ich mich erinnern kann, etwa 1997 zum ersten Mal gehört. Er rappte genau so, wie wir zu dieser Zeit sprachen. Anfänglich kamen Vorwürfe, dass ein Song wie 'LMS' nicht real sei und dem Grundgedanken von Hip Hop widersprach. Dabei gibt es doch nichts Echteres und Unerverfälschteres als so zu rappen, wie man auch im Alltag spricht. Das Faszinierendste an Savas zu dieser Zeit war, dass man sich dadurch, dass man seine Songs hörte, automatisch von der Erwachsenenwelt und von der Gesellschaft an sich abrgenzte. Als 13-, 14-jähriger Jugendlicher war dies wohl die Hauptmotivation Savas zu hören. Rückblickend stelle ich fest, dass es eine Art von Rebellion und ein Infragestellen von herrschenden Moralvorstellungen war."

1999 // Gleis Zwei—“Limmatplatz Hustlers”

"Zu dieser Zeit lebte ich in Schaffhausen und war 17 Jahre alt. Ich war ein kleiner, angefressener Hip Hopper, wie er im Bilderbuch steht. Unser 'Rüümli' war zwar immer noch der Mittelpunkt meines Lebens, doch langsam aber sicher hatten wir begonnen andere Städte zu erkunden, an Jams zu fahren und Verbingungen zu anderen Crews aufzubauen. Mich hat zu dieser Zeit nichts anderes interessiert als Rap und Marihuana. Ich habe zwar eine Ausbildung an einer Handelsschule absolviert, aber das war für mich wirklich nur nebensächlich. Zürich war unser Hip Hop-Eldorado. Ich habe mir zu dieser Zeit nichts sehnlicher gewünscht, als dass ich im Zürcher Kreis 4 oder 5 aufgewachsen wäre.

Es gab eigentlich nichts Cooleres als Zürich. Ein wenig hatten wir Schaffhauser vielleicht sogar einen kleinen Züri-Komplex, der sich dadurch äusserte, dass wir uns gegenüber den Leuten aus Zürich etwas unterlegen fühlten, oder irgendwie hofften, dass wir akzeptiert werden, auch wenn wir nicht aus Zürich waren. Gleis Zwei war zu dieser Zeit das grosse Zürcher Rap-Aushängeschild. Der Song 'Limmatplatz Hustlers' ist meiner Meinung nach einer der ersten richtig coolen Schweizer Rap-Songs. Zum ersten Mal war Rap aus der Schweiz nicht verkrampft und konnte sich mit Rap aus Amerika vergleichen lassen. Der Song ist einfach cool. Auch heute noch."

2003 // Juelz Santana—“Monster Music”

"2003 hatte ich mich als Konsument von Rap aus der Schweiz losgelöst. Mir war die Szene und die Heransgehensweise der MCs in der Schweiz zu versteift. Ich selbst hatte mir bereits einen Namen als Rapper gemacht und zog mit den Jungs im ganzen Land herum, um Konzerte zu geben. Zusammen mit DJ Pfund 500 und den Jungs aus meiner SHS-Crew bereisten wir die ganze Schweiz, spielten Konzerte und rockten Partys. Das Problem war, dass wir es uns mit vielen Veranstaltern etwas verspielten. Ein bisschen übertrieben gesagt: Wer uns einmal buchte, buchte uns nie wieder.

Wir waren bekannt dafür, verbrannte Erde zu hinterlassen, weil wir so richtig auf den Putz hauen konnten. So gab es oft versprayte Backstages, ab und zu Reibererein mit anderen Crews und ausschweifende Nächte. Die Dipset-Bewegung und ihr grosses Aushängeschild Juelz Santana lieferte den Soundtrack zu unserem Leben: Immer schön sich selbst feiern, rumswaggen und die Coolsten sein. Inspiriert von unseren amerikanischen Vorbildern droppten wir zu dieser Zeit unzählige Songs übers Internet. Praktisch jede Woche releasten wir Freetracks, in denen es thematisch vor allem darum ging, uns selbst zu feiern."

2006 // Sulaya—“Life’s a bitch”

"Fuck, das ist schon zehn Jahre her! Ich bin rückblickend stolz auf Mamibumserstyle. Ich glaube das Album hat bleibende Spuren in der Szene hinterlassen. Durch dieses Release kam ich in Berührung mit der Zürcher Szene. Mein Homie DJ Pfund 500 war zu dieser Zeit Tour-DJ von EKR. Deswegen und eben durch die Veröffentlichung von MBS kam es zu ersten Begegnungen mit Steezo, Mike Hunter und Piment, mit dem ich seitdem eine Freundschaft pflege und auch immer wieder zusammenarbeite. Gegenüber der Rap-Szene der Schweiz war ich langsam aber sicher ziemlich abgeneigt.

Ich hörte nur noch Street-Rap aus den Staaten und konnte mich nur noch mit sehr wenigen Schweizer MCs identifizieren. Ich habe zu diesem Zeitpunkt eigentlich ein ganz normales Leben geführt. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich im Büro eines grossen Uhrenherstellers, lebte seit einigen Jahren mit meiner damaligen Freundin zusammen und hatte mich gerade entschieden, die BMS nachzuholen, damit ich beruflich einen Schritt weiterkommen konnte."

2010 // The Game feat. Lil Wayne—“My Life”

"An diese Zeit habe ich keine schöne Erinnerungen. Mir ging es 2010 nicht gut. Ich war 28 Jahre alt und wusste nicht genau, wohin ich wollte und was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich driftete ab und konnte meinen eigenen und den Erwartungen von aussen nicht gerecht werden.

Im Bezug auf Partys und Drogen war es eine sehr exzessive Phase, wobei ich Glück hatte und mit einem blauen Auge davonkam. Die zwei Releases, die ich um diese Zeit herum veröffentlich habe, kann ich mir fast nicht anhören. Ich war zu dieser Zeit zu fest mit mir selbst beschäftigt und nicht fokussiert genug, um hochstehende Arbeit abzuliefern. Die Melancholie des Songs 'My Life' von Game und Lil Wayne beschreibt sehr präzise mein damaliges Lebensgefühl: Ich hatte meine erste grosse Lebenskrise. Zu diesem Song habe ich einige Joints geraucht."

2012 // Asap Rocky—“Fucking Problems”

"2012 ging es mir schon bedeutend besser. Ich hatte versucht, mich von allem zu lösen, was mir schadete. Was bedeutete, dass ich weniger an Partys war, mich von einigen Leuten aus meinem Umfeld distanziert hatte und mich darauf konzentrierte, mein Leben, das mir entglitten war, zu ordnen und wieder in den Griff zu bekommen. Meine Karriere als Rapper war mir zum ersten Mal nicht so wichtig. Ich musste mich um mich als Mensch und um meine persönlichen Probleme kümmern. Das war eine sehr prägende Phase in meinem bisherigen Leben.

Ich bildete mich beruflich weiter, schaffte es, meine Kräfte zu bündeln und ging gestärkt aus der Krise heraus. Seit vier bis fünf Jahren geht es mir sehr gut und ich habe mich zu einem erwachsenen Mann entwickelt. Durch diese Entwicklung habe ich mich vom Druck befreit, den ich mir selbst als Rapper gemacht habe. Ich war ab 2012 für längere Zeit beruflich in Südafrika, Panama und Kolumbien. In dieser Zeit habe ich persönlich einen grossen Schritt nach vorne gemacht."

2016 // Sulaya—“D’HipHopHäx”

"Ich bin seit einigen Jahren gefestigt und stehe mit beiden Beinen im Leben. So konnte ich völlig ohne Druck an diesem Album arbeiten, ohne jemandem gefallen zu müssen. Mein aktuelles Album SHS ist innerhalb von drei Monaten entstanden. Was ich dabei gelernt habe: Wenn dich die Inspiration packt, lass sie nicht vorbeiziehen, geh auf sie ein und pack deine Chance. Ich liebe es mit Worten und mit Sprache zu spielen. Bei der Produktion des Albums konnte ich das endlich wieder tun und habe mit Piment einen detailverliebten Produzenten gefunden, mit dem die Arbeit Spass macht.

Ich bin wieder zurück und es bedeutet mir etwas, dass ich wahrgenommen werde und meine Tracks beachtet werden. Und wer weiss, vielleicht spielen meine Songs im Leben anderer Person auch eine Rolle oder begleiten sie durch eine bestimmte Phase in ihrem Leben. Es wäre natürlich schön, für einen jungen Menschen eine prägende Rolle in seiner Entwicklung zu spielen, wie es bei mir Method Man, Kool Savas, The Game oder andere taten."

Meine These, dass Sulaya sich selbst im Weg gestanden ist, kann ich nicht vollends bejahen. Vielmehr offenbart sich aus seiner Songauswahl und den Anekdoten, dass er einerseits zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war, ihn persönliche Krisen daran hinderten, vollends auf die Karte Rap zu setzen und ihm andererseits womöglich das nötige Management und die passenden Leute im Rücken fehlten, um sich als Musiker auch ausserhalb der überschaubaren Schweizer Rapszene einen Namen zu machen. Wenn ich mir aber die gescheiterten Existenzen einiger Rapper aus der Schweiz vor Augen führe, kann Sulaya eigentlich ganz glücklich darüber sein, dass er den Weg gegangen ist, den er nunmal gegangen ist.

Sulayas Album "SHS" ist seit dem 17.6. überall im Handel erhältlich.

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