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You Need to Hear This

Jon Hopkins, ich habe keine Ahnung wer du bist

Jon Hopkins ist ein international erfolgreicher DJ und Produzent, der obendrein noch verflucht gut aussieht. Scheiße, und der ist jetzt in deiner Skype-Kontaktliste und auch noch den ganzen Tag online!

von Lara Muhn
29 Mai 2013, 1:00pm

Wie bereitest du dich auf ein Interview mit einem international erfolgreichen und dennoch nahezu gänzlich unbekannten DJ und Produzenten vor, den du vergötterst, seit du sein neues Album zum ersten Mal gehört hast und mit dem du gedenkst, via Skype die Unterhaltung deines Lebens zu führen? Richtig: Indem du zum zweihundertsten Mal besagtes neues Album hörst und den zugehörigen Pressetext mal kurz überfliegst. Ärgerlich nur, wenn besagter Künstler mit den Fakten, mit denen du ihn anhand des Infosheets konfrontierst, so gar nichts anfangen kann. Das ist nicht nur peinlich für dich, sondern beweist ihm auch, dass du nicht mal den Wikipedia-Artikel über ihn gelesen hast.

Jon Hopkins hat nämlich schon vor Ewigkeiten angefangen, Musik zu machen und wurde schließlich Keyboarder von Imogen Heap, produzierte für Coldplay, Brian Eno und King Creosote und war an mehr Filmsoundtracks beteiligt, als du Filme gesehen hast. Darüber hinaus waren seine Alben „Opalescent“ und „Insides“ unterschätzte Meisterwerke und er sieht obendrein auch noch verflucht gut aus. Scheiße, und der ist jetzt in deiner Skype-Kontaktliste und auch noch den ganzen Tag online!

YNTHT: Hi Jon, wo steckst du gerade?
Jon Hopkins:
Ich bin in meinem Studio in London, das ist nur zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt, und arbeite an meinem Live-Set für die Tour, die nächste Woche startet.

Du bist also gerade an dem Ort, an dem dein Album entstanden ist. Wie sieht es da aus?
Hier ist ein ziemliches Durcheinander. Während ich arbeite, kümmere ich mich nicht so sehr um Ordnung.

Stimmt es, dass deine Vision von dem Album eine „perfekte“ Partynacht war?
Nein, nicht so richtig. Das Album hat einen Spannungsverlauf, der an viele Lebenssituationen angepasst werden kann. Am Anfang klingt alles sehr aufgeregt und nervös, zur Mitte hin wird es dann echt verrückt und ein bisschen hypnotisch und gegen Ende dann sehr friedlich und emotional, vor allem mit dem letzten Track „Immunity“. Die Tatsache, dass es elektronische Musik ist, legt den Gedanken ans Feiern natürlich nahe, das war aber nicht meine Idee dahinter.

Gehst du denn viel aus?
Nicht wirklich. Wenn ich in Clubs bin, dann meistens um selbst zu spielen und so gut wie nie als Partygast. Wenn du weißt, du spielst um drei ein Set, dann versuchst du dich vorher ein bisschen vorzubereiten und gehst anschließend total kaputt ins Bett.

Wo hat dir denn das Auflegen bisher am meisten Spaß gemacht? Kannst du das sagen?
Ich mag die Vielseitigkeit auf Tour, auch wenn es unglaublich anstrengend ist. Zum Beispiel den Kontrast: Ich habe mal in Bologna gespielt und ganz kurz danach in Berlin im Berghain. Das ist wirklich irre, wie unterschiedlich die Menschen sind und wie verschieden sie feiern. Und es ist großartig, das aus so einer Position zu verfolgen, weil sie einfach immer unterschiedlich auf deine Musik reagieren.

Was machst du denn nachts wenn du nicht gerade durch die Welt tourst?
Ich würde sagen essen! Wenn du die ganze Zeit unterwegs bist und so spannende Sachen erlebst, fängst du an in deiner Freizeit nur noch langweiligen Kram zu machen, so ist zumindest bei mir.

Ich höre das Album immer, wenn ich nachts durch Berlin laufe. Das ist ein ganz besonderes Feeling, das ich sonst nur mit etwa „Rabbit in your Headlight“ von UNKLE oder „Porn Piece Or The Scar Of Cold Kisses“ von Ulver hatte und funktioniert auch wirklich nur im Dunkeln.
Das kann ich mir gut vorstellen. Ich wollte, dass das Album sehr urban klingt, habe auch viele Geräusche von der Straße benutzt.

Besonders am Anfang des Openertracks „We Disappear“…
Genau! Dafür habe ich vorbeifahrende Autos und auch Hupen benutzt, die ich direkt vor meinem Studio auf der Straße aufgenommen habe.

Du bist dafür nur vor deine Tür gegangen? Das hatte ich mir spektakulärer vorgestellt.
Ja, so einfach war das. Ich wollte Geräusche anfangen, die mich täglich begleiten und die Leute, die meine Musik hören, so auch ein Stück weit in meine Welt eintauchen lassen.

Welche Geräusche hast du sonst noch benutzt?
Ich habe jemanden beim Abwasch aufgenommen, dann trampel ich mal mit dem Fuß auf ein Klavierpedal, zum Beispiel in „Immunity“. Im ersten Track „We Disappear“ habe ich den Rhythmus mit einem Salzstreuer gemacht. Das ist so organisch und klingt viel tiefer als Beats aus dem Computer.

Sollen das jetzt alle machen? Haushaltsgegenstände und Spielzeug benutzen, um ihren Sound damit zu unterstreichen?
Ich verfolge gar nicht wirklich, was gerade so die musikalischen Trends sind. Und es muss jetzt auch nicht jeder meinem Beispiel folgen, aber es wäre schön, wenn sich die elektronische Musik wieder ein Stück weit in diese Richtung bewegen könnte, in der nicht einfach ein paar Tasten am Computer gedrückt werden und ein fertiger Song entsteht.

Das neue Album „Immunity“ erscheint am Freitag, 01.06.2013, bei Domino.


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