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Wir waren bei der Generalprobe des ESC-Vorentscheids und es war desillusionierend

Dank des Xavier-Skandals waren alle Augen auf den ESC-Vorentscheid gerichtet. Wir waren so ungeduldig, dass wir uns die Show bereits vorher angeguckt haben. Das war ein Fehler.
26.2.16

Und? War der ESC-Vorentscheid nicht genial!? So viele Dinge sind passiert! Leider habe ich ihn nicht gesehen und werde das auch nicht nachholen. Dafür ist mein guter Freund Lukas zur Generalprobe gegangen, bei der der Ablauf des Abends schon einmal vollständig durchgespielt wurde:

Köln, Donnerstagnachmittag, ich stehe am Eingang des Studios Köln-Mülheim. Ein Paar in der Schlange unterhält sich eine halbe Stunde lang über Bodenbeläge. Sie sagt, dass Fliesen nicht geeignet sind, weil sie zu kalt wären und möchte lieber Parkett. Das ist verständlich, warme Füße sind ein wichtiger Komfortfaktor in den eigenen vier Wänden. Diese mitgehörte Konversation soll sich überraschend als ein guter Gradmesser für den Rest des Abends darstellen.

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Bei den Sicherheitskontrollen vor Einlass bleibt genug Zeit, die geduldig wartenden ESC-Fans intensiv zu studieren: Sonnenbank-lederne Haut, Formel-1-Jacken. Als alle ihre Feuerzeuge abgeben müssen, sinkt die Laune ein bisschen. Es gilt scheinbar, fiese Attentatsversuche abzuwehren. Auch die Regieanweisungen des Anheizers entsprechen allen denkbaren Klischees. Er macht halblustige Kommentare über potentielle Spaßbremse im Publikum („Das erlebt man selten, dass das Publikum gut mitmacht!“) und übt intensiv das richtige Applaudieren mit den anwesenden Gästen der ganz gut, aber nicht komplett gefüllten Halle.

Bevor die Kandidaten ihre Werke präsentieren dürfen, singt Barbara Schöneberger ein ESC-Medley und macht dabei wahnsinnig lustige Anspielungen, zum Beispiel auf Xavier Naidoo. Das Publikum ist leicht zu erheitern und gackert an den richtigen Stellen. Leider ist der Sound beschissen—scheinbar sind nur die Hochtöner aufgedreht. Eigentlich schade auf so einer Musikveranstaltung. Stets im Hinterkopf bleibt die Frage, warum zur Hölle man eigentlich 15 Euro bezahlen sollte, um sich ernsthaft an einem Donnerstagnachmittag die Generalprobe des ESC-Vorentscheids anzutun, ohne dafür wie ich „fürstlich“ entlohnt zu werden.

Dann betritt mit Ella Endlich die erste Kandidatin die Bühne. Die Wahlberlinerin trägt in ihrem Vorstellungsvideo eine hochmodische Bomberjacke, zeigt ansonsten viel Haut und passt damit gut zu ihren oberkörperfreien Tänzern. Einer hat ein verruchtes Tattoo auf dem Arm und trägt Schlaghosen. Damit bleibt er mehr in Erinnerung als das eigentliche Lied. Erstmal kein sehr gutes Zeichen.

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Danach kommen Joco mit Full Moon. Wie Schnipo Schranke treten sie in der Besetzung „Klavier und Schlagzeug“ auf. Das ist ungewöhnlich, funktioniert aber. Endlich wird auch der Sound besser, der Tontechniker hat also endlich sein redlich verdientes Wurstbrötchen aufgegessen und die Tieftöner dazugeschaltet. Die ablaufende Aufnahme klingt nach Studioproduktion—oder ist das etwa ihr echter Livesound? Das wäre verblüffend. Ihre Show ist angenehm minimalistisch. Trotzdem fällt langsam auf, dass die Halle nicht gut beheizt ist. Vielleicht hätte man die Halle doch mit Parkett auslegen und nicht fliesen sollen. Die ersten Zuschauer beginnen, nicht nur innerlich zu frösteln.

Etwas weniger minimalistisch geht es bei den Klosterbrüdern von Gregorian zu. Schon im Intro-Video setzen sie auf harte Fakten: 16 Alben, international über 10 Millionen mal verkauft. Wie konnte das passieren? Niemand hat je von ihnen gehört. Wie sollen die anderen gegen solche internationalen Stars noch eine Chance haben? Folgerichtig landen sie auch im inszenierten Generalproben-Finale. Im echten später leider nicht. Daran können auch ihre pompösen Spezialeffekte nichts ändern: Feuer und Nebel erinnern eher an einen düsteren Actionfilm als an eine Musikperformance. Spätestens, als sie grüne Laser und Funken aus ihren Händen abfeuern, ist das Publikum restlos begeistert. Die Anrufer scheint das aber nicht überzeugt zu haben.

Dann treten Luxuslärm an—auf die Tatsache, dass sie als erster Act eine tatsächliche Fanbasis mitbringen, wird viel Wert gelegt. Das Introvideo ist asynchron, dem geneigten Schnitttechniker rollen sich die Fußnägel ins Fleisch. Die Stimmung wird sehr euphorisch und emotional, kurz habe ich Angst, dass die Zuschauerin neben mir losheult. Wäre für alle Beteiligten ein trauriger Moment. Der Song ist endlich vorbei, die Halle bebt vor Jubel. Haben wir hier etwa schon die Gewinner gesehen? Nein. Die Fanbase wird enttäuscht sein. Dabei war die Bühne so schön dekoriert! Dafür steckt leider im Keyboard kein Kabel. Das Wort „Live“ scheint hier also doch ein ziemlich dehnbarer Begriff zu sein. Zumindest der Gesang soll ja in Echtzeit eingesungen werden—trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass hier gewaltig geschummelt wird.

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Die folgenden drei Acts sind die späteren Final-Kandidaten der „echten“ Vorrunde. Als einzige „Metal“-Band macht Avantasia wahnsinnig belanglose Rockmusik, Alex Diehl ist sichtlich emotional und hat eine Gitarre aus Holz. Der Reflex, sein Feuerzeug herauszuholen, ergreift unweigerlich vom leicht zu begeisternden Publikum Besitz. Die Ausweichlösung Handylampe funktioniert aber auch einwandfrei. Und die spätere Siegerin Jamie-Lee Kriewitz tritt auch noch auf.

Während eine erste Publikumsabstimmung inszeniert wird, gibt es ein wenig Rahmenprogramm: Der Song der Ukraine für den ESC heißt „1944“. Passend dazu wird eine Seniorin interviewt, die aber nur verdächtig vage Antworten liefert. Sowohl auf die Frage, wen sie am besten findet, als auch auf die nach dem schönsten Outfit, antwortet sie keck mit „Hm, weiß nicht, ich finde alle toll.“ Hoffentlich haben sie bis zur Abendshow eine bessere Interviewpartnerin rangeschafft.

Die Telefon- und SMS-Abstimmung ist fertig ausgewählt. Gewonnen haben Avantasia (korrekt), Jamie-Lee Kriewitz (korrekt) und Gregorian (falsch). Der Hype um die klassischen Sänger scheint nicht auf das TV-Publikum übergesprungen zu sein. Dass zwei Drittel der Finalteilnehmer mit dem tatsächlichen Ergebnis übereinstimmen, lässt ziemlich tief blicken. Eigentlich hätte man sich die Show auch sparen können, und die Gewinnerin einfach küren können. Aber damit haben die vom ESC ja nicht so gute Erfahrungen gemacht.

Da die drei Finalkandidaten alle relativ unangenehme Lieder mitgebracht haben, verlasse ich die Halle vor ihrer zweiten Performance. Später erfahre ich, wer denn diese Show bei der tatsächlichen Show gewonnen hat. Zwei Fragen schieben sich unweigerlich in mein desillusioniertes Bewusstsein: Ob Jamie-Lee in diesem Jahr beim richtigen ESC Punkte holen wird und ob Gregorian gerade mit leeren Blicken in ihrer Klosterzelle hocken? Hm, weiß nicht, ich finde alle toll.

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