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Reviews

Spin Me Round

Hier sind die besten und beschissensten Vinyl-Neuerscheinungen des Monats!
15.6.12

s

AMALTHEA

The World Ends With You 12"

Moment of Collapse

„ Amalthea“—bekam ich von der fragend dreinblickenden Frau hinter der Theke zu hören und ich erwiderte: „Nein, lieber ein mal Kaffee.“ Haha … ja … ähm. Einer muss die Flachwitze ja machen, wenn die Band ihre Lieder eher mit gravitätischem Stirngerunzel ausarbeitet. Hier sind zwei davon zu finden, die im Postrock-Spektrum von zart vertonter Selbstbesinnung bis zum wütenden Furor die wesentlichen Nuancen bedienen. Also: Bestell das hier und du bekommst so eine Art Neurosis entkoffeiniert, mit Sojamilch, auf transparentem Vinyl.

BALDUR BARSTUCKS

MIO

Jedes Wort eine Lüge 12"

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Moment of Collapse/Shark Men

Im besten Sinn orthodoxer, deutschsprachiger Screamo mit überdeutlichem 90er-Aroma. Da werden die brennenden Existenzialismen noch naiv kunstvoll in Sprache verpackt, um sie schließlich erbittert gegen die Welt zu röcheln. Die Instrumente sind entsprechend temperiert und pendeln zwischen Denkpausen und rauschenden Gefühlsausbrüchen. Also alles ganz genau wie damals. Wenn sich jugendlicher Weltschmerz in den Nischenmilieus noch immer so anfühlt wie vor 15 Jahren, dann hat er hiermit neue Hymnen. Diejenigen, die seitdem von der Welt gefressen wurden, dürften hiernach mal wieder ihre Indian Summer und Yage-Platten rauskramen und ein bisschen weinen, nur für sich.

EMO THERAPIE G

LA PANTHER HAPPENS

Solid Gold Buzz LP

Red Lounge Records

Wer soll denn heutzutage noch wissen, wo oben und unten ist, bzw. wann gestern aufhört und wann morgen anfängt und ob das nicht alles ein großes Missverständnis ist? Ich meine, Joey Ramone bringt fleißig neue Platten raus, obwohl er sich seit über zehn Jahren den Pet Sematary von unten anguckt und nun das hier. Ein angeblich zwei Jahre altes (nun aber auch endlich diesseits des Atlantiks auf Vinyl verfügbares) Album, das mit seinen stilechten „Shanananana“- und auch ansonsten eher unbekümmerten Lyrics und einem sowohl mit Memphis-Erbe als auch mit „Eis am Stiel“-Trash flirtenden Sound daherkommt wie etwas, das Ende der Sechziger mal jemand im Keller von Hi Records hat stehen lassen.

BEACH BOIEEE

HANNE KOLSTØ

Riot Break

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Karmakosmetix Music

Auf dem letzten by:larm-Festival in Oslo wurde Hanne Kolstø als die neue Björk angepriesen und man hatte laut Programm drei Tage lang das Gefühl, sie würde alle dreißig Minuten in irgendeinem Club der Stadt auftreten. Ich kann das sagen, denn ich war dort. Da ich aber die meiste Zeit damit beschäftigt war, auf den historischen Pfaden des einzig wahren Black Metal zu wandeln, den Holmenkollen herunter zu rodeln oder mir einfach andere Bands anzugucken, habe ich sie immer wieder verpasst. Obwohl, wenn ich mir nun ihren nur selten überraschenden Mix aus modernistisch-reflexivem Geplucker und Streicherpathos anhöre, könnte ich vielleicht doch nicht allzu viel verpasst haben.

MAYHEM WERNICH

RUINED FAMILIES

s/t 7"

Adagio830

Die Klischees über Kunstschöpfung unter prekären Bedingungen haben eine lange Geschichte. Um das zu wissen, muss man noch nicht mal eine billige Replik des armen Poeten über dem Schreibtisch hängen haben. Auf ganz besonders beeindruckende Resultate hofft man da natürlich in den Wut kochenden Nischen des HardcorePunk. Darum hier die quasi gute und den Bandnamen gleich mit noch mehr Bedeutungsgewicht aufladende Nachricht: Diese Band kommt aus Griechenland. Mit dem Wissen lässt sich sagen: Man hört es dieser sich problemlos zum Olymp aufschwingenden und von dort beherzt herunter kotzenden Macht aus Thrashcore, Grind und metallischem Hassgemetzel auch jederzeit an.

NOT JUST ZEUS FUN

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DAS BIERBEBEN

Der Letzte Pinselstrich 7"

Shitkatapult

An anderen Orten wird gerade die letzte Tinte verkleckert, hier setzt man orakelnd an zum letzten Pinselstrich. Es ist wohl wirklich bald alles vorbei. Dann kann man sagen: Das Bierbeben gehörten zu den wenigen, bei denen man nicht gleich aus Prinzip weghörte, wenn sie zu ihrem Parolengeballer sogar noch den billigsten 4/4-Beat politisierten. Das ist bei diesen beiden Stücken nicht anders. Im Sinne der diesem Release beigefügten Presseinfo, die da lautet: „Liest doch sowieso niemand.“, kann man sich aber trotzdem mit Recht fragen: Wen interessiert das alles schon.

NORBERT NICHTIG

THE DAD HORSE EXPERIENCE

Kingdom It Will Come 7"

Off Label Records

Es soll ja Leute geben, die mit Mitte zwanzig schon ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie noch nicht drei verschiedene private Rentenversicherungen abgeschlossen, noch kein Haus angezahlt und noch keine zwei kleine Hosenscheißer in die Welt gesetzt haben. Warum aber sich dem öffentlichen Druck beugen? Dad Horse Ottn macht es richtig. Der hat mit vierzig begonnen, Songs aufzunehmen, die er mit seinem ungestimmtem Banjo, seiner ungestimmten Stimme und einer sich an umfallenden Küchenschränken orientierenden Klangkulisse ausschmückt. Er tourt, bringt—wie in diesem Fall—hübsch anzuschauende Platten raus … kurz: Er hat einfach noch ein bisschen Spaß, bis der auch durch vorbildlichste Bürgerpflichterfüllung längst nicht mehr aufzuhaltende Scheißeregen auf uns niederprasselt.

COSA NOSTRADAMUS

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BUM KHUN CHA YOUTH/

DONKEY PRINCESS

Cliquenedition #3 7"

self released

Erneut Post von Linus Volkmann. Innenseitig viele nette Worte und der Umschlag ist sogar mit einem Collien/Gülcan-Sticker verziert. Bin gerührt und nunmehr auch befangen. Dusche kalt, um klaren Kopf zu bekommen. Widme mich nun der Platte. Bum Khun Cha Youth gehen trotz unverbesserlichem Electroclash-Fimmel diesmal äußerst zartfühlend vor. Herzwärmende Lyrics, Killer-Hook—alle Achtung. Auf der Flipside hält es Donkey Princess für eine gute Entscheidung, Culture Beat zu covern. Ist es nicht, denn so etwas wirkt, von Pop-Intelligenzlern ausgehend, immer übertrieben ironisch und drückt in diesem Fall auch noch die Gesamtnote. Die Krux des Split-Releases—man weiß nie, was sich auf der anderen Seite gerade für ein Unsinn ausgedacht wird.

ANUS KÖPFIG