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Interviews

„Normaler Samt ist unser Popalbum“—Audio 88 & Yassin im Interview

Audio88 & Yassin hatten die letzten Jahre einfach Besseres zu tun. Aber jetzt, entsprungen aus tiefer Freundschaft und wildem Produktions-Rudelbumsen, veröffentlichen sie endlich ein neues Album.
20 März 2015, 10:00am

Audio 88 und Yassin haben es sich in ihrer eigenen Deutschrap-Nische bequem gemacht: Zwischen Berliner Untergrund, Akademiker-Props, Kritiker-Lob und Szene-Fame veröffentlichten die beiden verkopfte, sperrige, teils holprige Anti-alles-Rapmusik im DIY-Prinzip. Mit neuem Label, einer Booking-Agentur, guten Festival-Slots und einer fast-ausverkauften Großstadt-Tour im Rücken wurden die Abläufe nun professionalisiert. Ihr seit vier Jahren angekündigtes Album Normaler Samt macht vieles anders, normaler, zugänglicher und hält Rapdeutschland noch immer durch zynische Meta-Punchlines die Fratze vor. Während HipHop in der Mitte der Gesellschaft angekommen scheint und durch Limitierte-Boxen-Gimmicks Umsätze generiert, stellen die Wahlberliner mit einer sarkastischen #promophase ein Gegengewicht dar. Wir trafen die beiden Lieblings-Grantler des deutschen Raps, ihren Produzenten Torky Tork und DJ Breaque, um über die Feuilletontauglichkeit ihres Album, Hassliebe zu ihren Fans und den Überbau ihrer Texte zu sprechen.

Noisey: Das ist eure erste richtige Promophase. An welchen Vorbildern habt ihr euch orientiert?
Audio 88: Kollegah.
Yassin: Wir haben ja die längste Promophase der Welt: vier Jahre. Leider war Amazon damals noch nicht so weit, sonst hätten wir den Vorverkaufslink schon ewig freigeschalten.

Auf der Intro zu Normaler Samt heißt es, dass ihr Besseres zu tun hattet. Was denn?
Yassin: Wir haben durchgehend Musik veröffentlicht und hatten nebenbei noch Fulltime-Jobs zu bewältigen. Haben dann aber im letzten Jahr realisiert, dass es uns zu viel Bock macht, als dass man die Musik noch nebenher machen könnte.
Audio 88: So wie andere in Elternzeit gehen, sind wir in Albumzeit gegangen. Um es erziehen zu können, bis es Laufen lernt.
Yassin: Um das erste Jahr noch mitzurkiegen, das soll ja die interessanteste Zeit sein. (Gelächter)

Das Baby enstand aber durch einen Dreier mit Torky Tork.
Audio 88: Ein Vierer sogar, mit Breaque als DJ. Normaler Samt ist also ein Patchwork-Kind.
Yassin: Das war ein wildes Rudelbumsen diesmal. Alles davor war konvetioneller One-on-One-Sex. Aus unserer Sicht ist das Album schon ein Band-Werk.

Das heißt, einige der Tracks sind auch vier Jahre alt?
Audio 88: Es gab eine lange Soundfindungsphase, in der wir vier uns erstmal einig werden mussten, was wir denn genau machen wollen. Vor allem ging es darum, menschlich auf ein Level zu kommen, dass man überhaupt zusammen ein Album machen kann (Gelächter). Roman (Breaque, Anm. d. Red.) kenne ich sogar schon länger als Yassin. Bei Torky stellten wir irgendwann fest, dass er zwei Minuten entfernt wohnt und weil er keine Beats verschickt, mussten wir da immer hin gehen. Das war aber super, dann konnte er uns immer direkt in den Arsch treten, dass wir schreiben sollen.

Wieso verschickt Torky keine Beats?
Torky Tork: Ich arbeite einfach viel lieber mit den Künstlern vor Ort zusammen. Mit Yassin übernehme ich zum Beispiel gerade das Producer-Game.
Yassin: Ja, da kam ganz viel romantisches Zeug bei rum. Bevor das Album gemischt wurde, habe ich mit Torky noch viel ausproduziert und arrangiert. Die Musik war einfach immer ein schöner Anlass, um sich treffen zu können. Irgendwann ist die Freundschaft schneller gewachsen als der Output. Das war der Sache aber eher zuträglich.

Dann lag es an eurer guten Freundschaft, dass es so lange mit dem Album gedauert hat?
Yassin: Wir kamen mit der Zeit unseren Vorstellungen immer näher, weil sich ein Grundvertrauen entwickelt hat. Wenn man sonst übers Internet zusammenarbeitet und sich Sachen hin- und herschickt, weiß man nie, ob man dem Produzenten sagen darf, dass man die Snare scheiße findet. Sowas passiert einfach nicht bei Kumpels. Da heißt es: „Diggi, was soll der Scheiß?"
Torky Tork: Was sehr oft vorkam.
Yassin: Man kann auf einer anderen Ebene kommunizieren und das hat dem Album wahnsinnig gut getan. Weil keiner Rücksicht auf den falschen Stolz des anderen nehmen musste.

Hatte Torky auch einen Anteil daran, dass das Album zugänglicher geworden ist?
Yassin: Sag' ruhig poppig. Das war der Running-Gag, dass das unser Pop-Album ist.

Vieles reimt sich ja sogar und ihr habt gesungene Refrains drauf.
Audio 88: In der Relation zum Rumpelkram von vorher, ist es unser Popalbum. Das macht es aber noch lange nicht zu Popmusik.
Yassin: Es sind auch viele Beats dabei, die wir früher nicht gepickt hätten.
Audio 88: Torky hat uns schon mehr zu Experimenten gedrängt, als wir sie von uns aus eingegangen wären.
Torky: Und umgekehrt genau so. Yassin hat ja viel co-produziert, z.B. den Titeltrack „Normaler Samt"—eine Nummer, die wir erst kurz vor Abgabe fertig gemacht haben. Das sind ja meistens die besten Songs.

Für das Album-Gesamtwerk erscheint die Trap-Intro ja total wichtig.
Yassin: Wir wussten, wir hatten noch eine Woche Zeit und etwas probiert, das so richtig intromäßig klang, mit E-Gitarren und Stadion-Stimmung. Dann sind wir auf so einem Piano-Lick hängen geblieben. Ich wollte etwas trappiges mit 808-Drums draus machen. Wir sind da alle sehr direkt miteinander. Da spielt aber auch wieder die Vertrautheit eine Rolle—wenn man weiß, man verletzt den anderen nicht, wenn man sagt: „Das ist scheiße". Das erleichtert einfach alles.
Torky: Am Anfang macht man ja Beats für sich selbst. Aber sobald man anfängst, zusammen zu produzieren, merkt man erst, was passieren kann, wenn mehrer Köpfe benutzt werden. Und wenn du dann vier Leute hast, die auf verschiedenen Ebenen wirken, kann das nur besser, interessanter und vielseitiger werden.

Ihr seid also eine Art Songwriter-Team? Sowas hättet ihr früher wahrscheinlich nicht so cool gefunden.
Yassin: Das ist nie aus krasser Überzeugung passiert, sondern den Umständen geschuldet. Man kannte halt in Berlin ein paar Leute, die Beats gemacht haben. Es wurde aber kein gemeinsames gesamtheitliches, musikalisches Werk geschaffen. Jeder hat seine Zutat abgegeben und am Ende wurde gerührt. Ich fand das früher schon schade, wenn man dachte: „Ah, der Beat ist cool, aber die Drums sind noch nicht ganz so geil". Und dann kennt man den Produzenten nicht gut genug, um ihm das sagen zu können.

Das scheint ja ein richtiges Trauma bei dir zu sein.
Audio 88: Bei uns allen.
Yassin: Ich kann das aber nachvollziehen. Als Rapper will ich ja auch nicht, dass der Produzent zu mir sagt, der Reim ist kacke. Obwohl er wahrscheinlich meistens Recht hat (Gelächter). Wenn jemand von mir einen Beat pickt und sich über die Drums beschwert, dann soll er sich doch woanders hingehen. Ich denke, es braucht da eine Ebene mehr als nur die Musik, um das richtig zu kommunizieren.
Audio 88: Es ist etwas anderes, wenn der Produzent Dienstleister ist. Es gibt schon bestimmte Gründe, warum das Album so klingen soll und nicht anders. Diese Ebene mussten wir erstmal finden. Als die Soundästhetik definiert war, lief alles auch flüssiger. Das war dann keine Kritik mehr an einer einzelnen Snare. Um bei der Drum-Metapher zu bleiben: Wir mussten erst unsere Album-Snare finden.

In früheren Interviews und Tracks äußert ihr oft Kritik an eurem Publikum. Würdet ihr die Beziehung immernoch als Hassliebe bezeichnen?
Audio 88: Du hast das Album ja gehört (grinst).
Yassin: Unser Publikum hat sich verändert und wir sind auch in irgendeiner Form weitergekommen. Die Erkenntnis haben wir erst mit der Zeit gewonnen: Du gibst dem Publikum etwas und bekommst dafür etwas zurück. Du bist also erstmal in der Bringschuld. Und je besser unsere Shows wurden, umso weniger schlimm wurde das Publikum (Gelächter). Wir haben das Glück, nicht nur eine Sorte Mensch im Publikum stehen zu haben. Das hat sich zu einer Art Spiel entwickelt: Wie weit kann man gehen, was kann man dem Publikum zumuten? Früher haben wir Sprechchöre gemacht: „Wir sagen ihr, ihr sagt Spasten". Es macht uns schon Spaß, einen Dialog mit dem Hörer zu führen.

Gerade findet wieder Rap in den Feuilletons statt, sei es Haftbefehl, die Antilopen Gang oder Zugezogen Maskulin. Ihr wurdet schon früh in Akademiker-Kreisen als Alternative gefeiert, habt durch diese Vereinnahmung aber eine noch größere Antihaltung entwickelt.
Audio 88: Ich denke, unser letztes Album Nochmal zwei Herrengedeck', Bitte wäre Feuilleton-tauglicher gewesen. Normaler Samt ist irgendwo auch politisch und kritisch, in erster Linie aber ein unterhaltenwollendes Rap-Album. Jetzt in der taz eine Blase aufzumachen, über Weltpolitik reden und einen dritten Boden reininterpretieren, damit es in den Feuilleton passt, finden wir eher schwierig.

Man kann schon sagen, dass ihr eure Musik jetzt ernster nehmt. Denkt ihr, wenn alle gerade an Rap verdienen, steht euch jetzt auch ein Stück vom Kuchen zu?
Yassin: Dass wir unsere Jobs gekündigt haben, war wirklich eher Fügung und Zufall. Klar, geht es uns darum, zu schauen, wo die Obergrenze ist, die wir erreichen können. Wir haben die Möglichkeiten nie voll ausgeschöpft. Die Entscheidung, bei einem Label zu signen, lag auch an den Veränderungen des Marktes und unserer völligen Überforderung damit. Wir wollten uns den Vorwurf nicht gefallen lassen, es nicht probiert zu haben.
Audio 88: Was wir vorher unter Labelarbeit verstanden haben, war auch nie etwas, das uns Spaß gemacht hat. Es musste halt gemacht werden. Jetzt sind wir in der Lage, diese Arbeit in fähige Hände abzugeben und uns auf das konzentrieren zu können, was wir am besten können: Musik machen und Interviews geben.

Ihr spielt ja auf sarkastische Weise mit dem Wort #promophase. Gleichzeitig verfolgt ihr den ganzen Promo-Zirkus, Video-Interviews und Rapupdate.
Yassin: Wir finden es natürlich kacke, dass sich alles in so eine Richtung entwickelt.
Audio 88: Ich finde es nur schade, dass wir dort nicht stattfinden.
Yassin: Die Promophase-Blaupause für Deutschrap-Alben gibt es jetzt und funktioniert seit circa drei Jahren: Fang Beef an, mach Sport- und Album-Vlogs. Das muss man ja einfach nur noch nachmachen.
Audio 88: Man muss ja nicht mehr rappen, nur noch twittern.
Yassin: Klar ist das bescheuert. Aber früher gab es halt die Bravo, die dir den Job abgenommen hat. Heute kann sich jeder seine eigene Boulevard-Berichterstattung machen.

Der Boulevard triggert ja gezielt die „niederen" Instinkte an. Habt ihr kein schlechtes Gewissen, wenn ihr das Animus-Interview dann doch wieder in ganzer Länge anschaut?
Audio 88: Gar nicht. Du würdest ja auch in deinem Alter noch durch eine Bravo blättern, wenn die hier rumliegt und schauen, was bei Dr. Sommer mittlerweile so geht.
Yassin: Es ist immer noch unterhaltsam und solange die Musik immer schlechter wird, ist es doch cool, wenn immerhin die Promo Spaß macht. Es gibt viele Rapper, von denen ich nie einen Song angehört habe, denen ich aber auf Twitter folge.

Audio hat auf Facebook Russisch Roulette als sein Album des Jahres gefeiert und hinzugefügt, dass er das ernst meinst. Passiert es euch immer noch, dass ihr euch dafür rechtfertigen müsst, Hafti zu hören?
Audio 88: Ständig. Wir müssen das natürlich nicht. Da war es mir aber ein Anliegen, weil es Menschen gibt, die denken, wir meinen das ironisch. So: „Haha, die machen sich über den Kanacken lustig, der nicht richtig deutsch kann. Und weil die genau so schlau sind wie ich, müssen die das auch scheiße finden.“ Der Unterschied ist aber: Wir sind keine Spatis. Das ist ja nichts anderes als Rassismus. Hafti hat das beste Album des Jahres geliefert. Punkt.

Kam es mir nur so vor, oder werden auf Normaler Samt mehr Namen genannt als früher.
Audio 88: Das haben wir schon immer gemacht. Ich wusste, dass diese Frage häufiger kommen wird und Medien danach fragen müssen, deshalb habe ich mich extra darauf vorbereitet und abgezählt.
Yassin: Vielleicht fällt das jetzt mehr auf, weil es sonst einen Themenüberbau für die Songs gab. Und da haben bestimmte Leute eine Rolle für den Überbau gespielt. Jetzt ist der Überbau nicht mehr so wichtig, Kritik wird klarer geäußert, oder die Namen sind Metaphern für bestimmte Zeitabschnitte oder Szenen im Deutschrap. Wir haben vorher aber genauso damit gespielt. Früher hat sich halt keiner beschwert, wenn wir Madonna erwähnt haben. Deswegen klickt keiner auf einen Noisey-Link.
Audio 88: Oder Sarah Kuttner, Guido Westerwelle oder wen wir nicht schon alles beleidigt haben. Warum ist es interessanter, Rapper negativ zu erwähnen, anstatt Sarah Kuttner. Das find' ich viel spannender. Das macht ja sonst keiner.

Wo du den Überbau erwähntest, mir ist aufgefallen, dass nicht mehr jeder eurer Texte auch auf der Metaebene funktionieren muss und eure Geschichten eher normal geworden sind.
Yassin: Wir haben den Schwerpunkt verlagert. Bei den anderen Alben hatten wir den gleichen Spaß und uns für irgendwelche Punchlines gefeiert. Diesmal wollten wir einem geilen Beat nicht die Schlagkraft rauben, indem man so Lexikon-Gebabbel loslässt (Gelächter). Wir sind unmittelbarer geworden und es wird wohl seltener vorkommen, dass Leute kommen und meinen: „Mit der und der Zeile meint ihr doch eigentlich den Konflikt zwischen Christentum und Judentum.“
Audio 88: Es kommt dann auch keiner und fordert: „Macht doch mal Feature mit xy.“
Yassin: Wir haben also nicht ganz ohne Grund Stellung bezogen.

Am 8.10. spielen Audio 88 & Yassin in Wien, B72.

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