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You Need to Hear This

Gottes Werk und Ja Rules Beitrag

Wir betrachten Ja Rules Biographie anhand seines gottgleichen Kinofilms 'I’m In Love With a Church Girl'. Amen.

von Toni Lukic
30 Juli 2013, 3:00pm

Vor ein paar Tagen stieß ich auf diesen Filmtrailer. Natürlich schaute ich ihn mir an, weil ich mich fragte, wie grausam ein Film sein muss, der I’m In Love With a Church Girl heißt. Die Frage wurde sofort beantwortet, als Ja Rules dümmliche Maulwurf-Gesicht zum ersten Mal im Bild auftauchte. Dieser Trailer könnte genauso gut eine Saturday Night Live-Verarsche auf Tyler-Perry-Filme sein. Ich befürchte aber, dass in dieser Freakshow alles ernst gemeint ist.

Im Prinzip ist I’m In Love With A Church Girl ein Biopic von Ja Rules Leben—verdammt klischeebeladen und lächerlich, aber doch irgendwie putzig und mit einigen überraschenden Momenten. Deswegen wollen wir anhand dieses 2:48-Minuten langen Heißmachers detailliert auf das Leben Ja Rules schauen, der, man kann es kaum glauben, mal ein echter Rap-Superstar war. Zwar kommt der Streifen erst am 18. Oktober in die Kinos, doch der Trailer erklärt uns eh schon den ganzen Film.

Er beginnt mit dieser rauchig, hauchenden Trailerstimme, die jede Silbe am Ende des Satzes langzieht:

„Miles Montego had it aaaaaaall. Including a paaaaast”

Ein DEA-Agent, gespielt von Stephen Baldwin (der übrigens mal drohte, nach Kanada auszuwandern, falls Barack Obama Präsident werden sollte) erklärt uns, mit wem wir es zu tun haben: „He’s smart, he’s rich and he’s goodlookin‘.“

Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass sich Ja Rule beim Lesen des Drehbuchs dachte „Baby, that’s all me. That’s a fuckin‘ great script.“ So wie Miles der größte Drogendealer Kaliforniens ist, gehörte Ja Rule Anfang der 2000er-Jahre zur Belle Etage der erfolgreichsten Rapper. Allein sein 2001 erschienenes Album Pain Is Love verkaufte sich weltweit fast zehn Millionen Mal. Eine Zahl, die wir uns heute kaum noch vorstellen können.

Das waren jene HipHop-Zeiten, als man bei MTV Cribs noch seine Sneaker ablecken konnte und die Kids das als „From Rags to Riches“-Geschichte missinterpretierten. Ja hatte genau zwei Kernkompetenzen, um in dieser Zeit erfolgreich zu sein: Er wusste, wie er den großen Macker markieren konnte und hatte dazu die Stimme, die dieses harte Image untermauerte. Mehr noch, er proklamierte sich selbst als Nachfolger Tupacs, was natürlich an Lächerlichkeit kaum zu überbieten war. Leider musste man damals nur so laut Bullshit schreien, bis die Leute es einem glaubten. Und Ja war einer der Lautesten. Allerdings haute er ab und an ein paar wirklich gute Songs wie „Murder Reigns“ oder „Clap Back“ raus.

Quasi im Alleingang machte er Murder Inc. zu einem der heißesten Labels und eine ähnlich untalentierte Dame zum Fast-Superstar…

… Ashanti.

Also das hier ist nicht Ashanti, sondern Adrienne Bailon, die das fromme Mädchen Vanessa von der Bibelstunde spielt, in das sich Miles natürlich verlieben wird. (Was soll er machen, wenn das Licht so perfekt auf ihre karamellfarbene Haut fällt?!)

Aber eigentlich übernimmt Vanessa nur Ashantis Rolle, die immer die Frau an Jas Seite war. Sie war seine Refrain-Schubse, höchstwahrscheinlich Sexualpartnerin und bildete den halbwegs süßen und unschuldigen, weiblichen Counterpart zu seinem rauen Hustler-Image. Der Ja war an Ash‘s Seite wirklich ein ganz Lieber.

Dahinter verbarg sich natürlich die listige Strategie, das „Arschloch-Heilen-Wollen-Gen“ der weiblichen CD-Käuferinnen auszubeuten. Klappte wunderbar, gemeinsame Songs wie „Always on Time“, „Mesmerize“ oder „Wonderful“ verkauften sich als Singles wie blöd.

Blöder sind nur noch dieser Gesichtssausdruck und die dazu gehörige Aussage. „I’m kind of in between churches.“ Was genau soll das heißen? Ist er gerade auf dem Weg von einer Kirche zur anderen? Dumme Aussagen waren schon immer Teil in Ja Rules Repertoire: „Lass uns über all diese Scheiß-Sendungen auf MTV reden, die für Homosexualität werben. Meine Kinder dürfen diesen Dreck nicht sehen“, erklärte er 2007 gegenüber dem Complex-Magazine. „Da gibt es Dating-Shows, die zwei Typen oder zwei Mädchen im Nachmittagsprogramm zeigen. Lass uns über diese Scheiße reden. Wenn das nicht Amerika versaut, dann weiß ich nicht.“ Ich hätte eher gesagt, dass die von Ja Rule eingeführten, umgedrehten Nike-Stirnbänder Amerika versaut hätten, aber jedem seine freie Meinung. Jedenfalls wird klar, warum er einen so plumpen Christenfilm dreht.

Natürlich schweben Miles und „V“ auf Wolke Sieben. Mit seinem Privatjet fliegen sie zur Kirche, auch wenn Miles noch nicht so ganz überzeugt ist von Gottes Wort. Aber auch Vanessa hat einige Fragen: „So did the stock-market get you all of this, the house, the cars, the jewelry, or did you, like, ran into some amazing family-fortune?” So ähnlich, Schatz, er hat damals darauf gewettet, dass der alte Haudegen Noah mindestens 800 Jahre alt wurde. Es sind ja erwiesenermaßen 950 geworden. Da hast du deine Erklärung.

Zeit das neue Glück zu genießen.

„But…

… his past is catching up with hiiiiiiiiiim.”

Wie wir alle wissen, können wir aus dem Ghetto, aber das Ghetto nicht aus uns. Genauso ist das bei Miles Montego, der sich seinen Gangster- und Drogendealer-Freunden verpflichtet fühlt und auch bei Ja Rule, der seine Hood in Queens eigentlich nie verlassen hat. Das war schön blöd, denn Ja war schon ein weltbekannter Popstar als er begann, es sich mit den Größten im Game zu verscherzen.

Mit 50 Cent stritt er sich darüber, wer denn jetzt der neue Tupac sei (ich sag es euch: keiner von euch beiden), und angeblich darüber, dass Fiddy es nicht akzeptieren konnte, dass die „Neighborhood“ Ja Rule so viel „Love“ entgegenbringen würde, so ist jedenfalls Ja Rules Version. Weil 50 vor Get Rich Or Die Tryin‘ noch ein leichter Gegner war, stürzte er sich auf dessen Ziehväter Eminem, den er „Feminem“ nannte und Dr. Dre, dem er unterstellte, transsexuelle Nutten zu bumsen. Dass dieser Kreuzzug himmelschreiend dämlich war, zeigte sich spätestens, als die Shady-Records/Interscope-Posse ihre weitaus gefüllteren Arsenale in seine Richtung abfeuerten und ihn dabei ganz schnell dem Erdboden gleich machten. 2003 verkaufte 50 mit GRODT über zwölf Millionen Platten und damit 20 Mal mehr als Jas Album Blood in My Eye.

Das war nur der Anfang vom tiefen Fall.

Mittlerweile sind auch die Behörden Miles auf die Schliche gekommen, die hier von zwei Bad-Ass Google-Praktikanten gespielt werden.

Und auch Ja Rule geriet nach seiner erfolgreichen Zeit mehr und mehr mit dem Gesetz in Konflikt. Bis Mai 2013 saß er zwei Jahre wegen Steuerhinterziehung und weil er bei einer Polizeikontrolle eine geladene Waffe dabei hatte. Deswegen erscheint I’m In Love With a Church Girl erst im Oktober diesen Jahres, obwohl der Film schon 2010 abgedreht wurde.

Doch für Miles kommt es jetzt erst knüppeldicke.

„Faced with tragedyyyyyyyyy“

Seiner Mutter stirbt, was die ganze Gott-Sache ziemlich in den Hintergrund rückt. Miles stürzt sich ins Nachtleben, um seine Trauer zu betäuben.

„Fighting temptatiiiiiiooooon“

Halt, ist das J. Los Arsch? Gleich zwei Mal betrog Ja Rule Ashanti mit den J. Lo-Features „Always on Time“ und den Remix zu „I’m Real“, der irgendwie verdammt sexy war. Ich kann mich sogar daran erinnern, damals in der Bravo gelesen zu haben (ja, es gab auch eine Zeit vor dem Internet, liebe Kids), dass die beiden mal was miteinander hatten.

Na also, Miles, worauf wartest du? Vergiss diese langweilige Kirchen-Ashanti, ääh, Vanessa und treib mit diesem Hintern davon. Das wär doch mal ein unerwarteter Plot-Twist.

Leider hat Gott Miles Nummer auf Speed-Dial und erklärt ihm, dass Vanessa einen schrecklichen Autounfall hatte.

Was hurst du auch rum, Miles? An deiner Stelle würde ich jetzt mal schleunigst die Bibel durchpauken, das hilft bestimmt gegen Plötzlicher-Freundinnen-Tod, den du quasi mit deiner Untreue (Todsünde!) verschuldet hast.

Fazit: Ich finde es schön, dass uns der Film zeigt, wie man ganz ohne Zwang zu Gott finden kann ohne dass man ehrfürchtig vor ihm knien muss, um sich mit ihm verbunden zu fühlen.

„Brought to his kneeeeeeeees“

Achso. Aber was weiß ich schon?

**

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