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Jugendstudie deckt auf: Mainstream plötzlich wieder cool!

Fragen, die sich zur neuen Sinus-Studie aufdrängen: Was ist das nur für 1 Distinktion? Und wer, bitte, sind die Experimentalistischen Hedonisten?
27.4.16
imago/Future

Die schlechten Nachrichten hören nicht auf. Nachdem Anfang April bekannt wurde, dass die deutsche Jugend „langweilig" wird, sprich: immer weniger legale und illegale Substanzen konsumiert, wird nun berichtet, dass eine wachsende Zahl Jugendlicher im Alter von 14-17 sieht „Mainstream" nicht mehr als Schimpfwort. Das geht aus der neuen Sinus-Studie hervor. Noch dramatischer: Sie streben sogar an, von ihm akzeptiert zu werden. Was ist das nur für 1 Distinktion?

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Im Vergleich zu früheren Generation gebe es auch immer weniger Subkulturen, die den Mainstream in Frage stellen, so die Auswertung der Studie, die der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) seit 2012 jährlich in Auftrag geben, um daraus Schlüsse für die Bildungsarbeit zu ziehen.

„Eine Mehrheit der Jugendlichen ist sich einig, dass gerade in der heutigen Zeit ein gemeinsamer Wertekanon von Freiheit, Aufklärung, Toleranz und sozialen Werten gelten muss, weil nur [dieser] das 'gute Leben', das man in diesem Land hat, garantieren kann", heißt es in der Pressemitteilung zur Studie. Viele der Befragten identifizieren sich mit den Werten ihrer Eltern und grenzen sich nicht wie in klassischen Jugendkulturen bislang üblich, von diesen ab. Sie seien anpassungsbereit und akzeptieren Leistungsnormen. Ebenso identifizieren sie sich mit den sogenannten Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin. Die Ergebnisse über die Einstellungen von Jugendlichen gelten auch für diejenigen mit einem Migrationshintergrund. Religiöse Toleranz und Vielfalt werden in allen Milieus als wichtige Norm betont, Muslimisch geprägte Befragte distanzieren sich zudem demonstrativ von religiösem Fundamentalismus.

Die Studie ist jedoch nur bedingt verallgemeinerbar. Die Stichprobe besteht lediglich aus 72 Probanden, mit denen man allerdings mehrstündige Interviews führte. Die Fragen waren offen, also nicht nach einem Schema von „Ja", „Nein", „Weiß Ich nicht" aufgebaut. Stattdessen stellte man anhand der Aussagen der Jugendlichen neue Fragen, in denen die Begriffe und Schlüsselaussagen der vorherigen Antworten verwendet wurden.

Konservative Patrioten und prekäre Hedonisten

Nach Auswertung der Interviews erstellten die Forscher sieben Arten von Milieus, also Lebenswelten, von Jugendlichen. Diese sind sehr heterogen. Es gibt zum Beispiel die Konservativ-Bürgerlichen. Laut Studie sind dies die „familien- und heimatorientierten Bodenständigen mit Traditionsbewusstsein und Verantwortungsethik." Das klingt offen gestanden nach CSU und AfD. Letztere ist bei 13- bis 15-Jährigen ja durchaus beliebt: In Sachsen etwa gaben 15 % einer Befragung des Sächsischen Verbands für Jugendarbeit und Jugendweihe 2015 an, sie zu wählen, wenn man sie ließe. Rebellion gegen das Elternhaus wäre hier durchaus wünschenswert. Die Jugendlichen aus diesem Milieu sind offene Patrioten, zeigen gerne die deutsche Fahne und haben kein Verständnis für Kritik an diesem Verhalten. Vermutlich trinken sie im Sommer dann auch den EM-Shot. Hoffentlich zu viel davon, damit Schwarz-Rot-Gold ihnen endlich mal Kopfzerbrechen bereitet. Pardon.

Dann sind da noch zwei Arten von Hedonisten. Erstens, die Experimentalistischen, „die spaß- und szeneorientierten Nonkonformisten mit Fokus auf Leben im Hier und Jetzt." Sie wollen das Leben genießen und „sich den Ernst des Lebens möglichst lange vom Hals halten", so die Studie in einem an dieser Stelle dann plötzlich etwas abfälligen Jargon. Das zweite hedonistische Milieu ist das Materialistische, „die freizeit- und familienorientierte Unterschicht mit ausgeprägten markenbewussten Konsumwünschen." Der Name dieser Lebenswelt mutet etwas komisch an, weil die unteren Klassen der Gesellschaft selten in Zusammenhang mit Hedonismus und Materialismus genannt werden. Es klingt dann so, als ginge es da eigentlich ganz lustig zu. (Klar, wir wissen genau wie du, dass man auch ohne viel Geld Spaß haben kann.)

Die Entwicklung hin zum Mainstream kommt einem aus der elektronischen Musik-Kultur der letzten Jahre sicherlich bekannt vor. Viele Produzenten finden den Weg in die oberen Verkaufsränge und feiern sich für diese Anerkennung durch die Massen, nicht nur im EDM. Wer sich die Club-Szene in Deutschland über die vergangene Jahre hinweg anguckt, der wird feststellen, dass die verschiedenen Szenen und Subkulturen immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden. Und nun scheint nicht gerade einen Konsumentenschicht nachzuwachsen, die das ändern will. Stattdessen feiert sie lieber landauf, landab die kommerzielle Entleerung des Holi Festivals, eines religiösen Brauchtums des Hinduismus.

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