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Flow Festival-Macher Lil Tony wünscht sich mehr Outdoor-Events in Finnland

Lil Tony spricht über seine zahlreichen Clubs, Helsinkis Szene und den Underground.
11.12.14

Kristiina Männikkö

Für die letzte Station unserer Interviewreihe bleiben wir noch einmal in Europa und widmen uns einer Szene, die zumeist im großen Trubel über die Explosion der elektronischen Musik vernachlässigt wird: Finnland. Und wie bei allen anderen Gesprächen haben wir uns wieder einen Charakter der Szene gepickt, um den man nicht vorbei kommt. Ohne Toni „ Lil Tony" Rantanen würde Finnland heute anders aussehen—wahrscheinlich trister, weniger unterhaltsam und deutlich unmusikalischer. Als Produzent veröffentlichte er nicht nur selbst auf Labels Running Back, Innervisions oder Versatile, sondern ist vor allem als mehrfacher Clubbetreiber in Erscheinung getreten. Selbst tauchte er in den späten Achtzigern in House und Techno ein, als er von einem Schulfreund einen Acid-House-Mix erhielt—„das klang wundervoll, wie ein einziger Song." Heute zitiert Lil Tony in seiner Mail-Signatur nicht nur den Godfather Juan Atkins, sondern gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten, die in einem der entlegensten Ecken Europas die elektronische Musik nach vorne brachte.

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THUMP: Du gestaltest die elektronische Musikszene in Helsinki bereits seit mehreren Jahren maßgeblich mit. Demnach ist es natürlich nicht so einfach, aber kannst du vielleicht drei Highlights oder Projekte der letzten Jahre herausstellen?
Lil Tony: Alles begann mit illegalen Warehouse-Partys, meine erste Clubnacht hatte ich in dieser Location names Nylon. Ich glaube es ist okay, wenn ich sage, dass ich den Deep House in die Szene Helsinkis gebracht habe Anfang der Neunziger mit meiner wöchentlichen Party im Nylon. Ich glaube Dixon war 17 Jahre jung als er hier spielte, was wirklich etwas illegal war. Aber könnte mich auch über sein Alter irren. Mir wurde dann auch ein unbekanntes französisches DJ-Duo angeboten. Ihr Name war Daft Punk, aber ich konnte mir damals die Flüge für zwei Menschen nicht leisten, also habe ich abgesagt. Das Soundsystem von Electro-Voice im Nylon war total ausgebrannt und der Eigentümer hat sich nicht darum gekümmert. Zum dem Zeitpunkt war ich in jedem wichtigen Club auf Ibiza, in New York, London und Berlin, demnach wusste ich, dass es ohne richtigen Bass nicht funktionieren würde, also musste ich meinen eigenen Club starten. So erblichte Kerma das Licht der Strobos und lief über insgesamt sieben Jahre. Viele Leute aus Detroit und Chicago haben dort gespielt, aber das DJ-Set von Matthew Herbert war einfach unvergesslich—fucking incredible. Ich habe immer noch die Aufnahme, aber ich darf sie niemanden geben, ha.

Wie ging es nach Kerma weiter?
Nach Kerma habe ich Rose Garden gestartet. Den habe ich ein paar Jahre betrieben, so zwischen 2004 und 2006 glaube ich, und gleichzeitig auch das etwas weniger bekannte Kuudes Linja. Läuft immer noch gut und ich hatte so ziemlich jeder, von Ricardo Villalobos bis Masters At Work, hat dort gespielt. Aktuell ist es mehr ein Live-Ort, mit gutem Techno ein paar Mal im Monat. Danach kam dann auch noch Redrum hinzu, wo es darum ging, den Sound auf ein neues Level zu heben: Wir hatten eine Funktion One und das, wofür sie steht. Außerdem haben wir ein Restaurant und eine Musik-Bar namens Siltanen im selben Block wie Kuudes Linja aufgebaut, und vor ein paar Jahren kam auch noch Kaiku hinzu, der nun ein legendärer House-Club in Helsinki ist. Nicht zu vergessen: Ääniwalli, ein Warehouse-ähnliches Gebäude, in dem es viele Techno-Nächte gibt. Es ist nur sporadisch offen und unsere Sommer-Partys sind das Beste, was Helsinki seit einer langen Zeit in der Clubszene zu bieten hat. 2004 haben wir das Flow Festival begonnen und es hat sich von einem kleinen Event mit 2000 Leuten zu einem Festival mit 60.000 Besuchern gemausert.

Ich habe mit zwei Finninnen studiert. Sie haben mir immer erzählt wie teuer doch Helsinki sei im Vergleich zu Deutschland. Treten dadurch vielleicht sogar Probleme für die Musikszene auf? Können es sich die Leute zum Beispiel leisten, Platten zu kaufen?
Helsinki ist so dermaßen teuer, es ist verrückt. Eine ziemlich heterogene Menge kommt in unsere Clubs – einige haben Geld, andere nicht. Wir haben uns aber definitiv nicht nur an die Reichen orientiert. Die Leute haben scheinbar Geld, das sie auszugehen, aber sie sehnen sich nach Berliner Preisen. Aber das Gehaltsniveau und die Steuern sind ähnlich hoch, deswegen ist es auch teurer. Es gibt eine handvoll Plattenläden und keiner davon ist auf DJs ausgerichtet. Digitale Musik und das Online-Shopping haben den letzten auch noch gekillt. Die Preise sind wie überall sonst auch, aber neue Platten sind immer ein bisschen teurer als in Berlin, besonders die US-Importe.

Ist Helsinki bereits der Hotspot? Gibt es hier eine Szene?
Helsinki ist die einzige Stadt in Finnland mit Weltklasse-Techno-Clubs. Espoo und Vantaa sind de facto Vororte von Helsinki, kulturell gesehen und in beiden Stäten gibt es keine wirkliche Clubszene. Auch wenn es in Turko und Tampere keine regulären Clubs gibt, die Szenen sind nett und aktiv mit Partys in unterschiedlichen Locations.

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Nach dem Gespräch mit deinen Kollegen Jonas Kopp, DJ Nobu oder Eduardo de la Calle gehört es zur Erkenntnis dieser Serie, dass auf einigen Kontinenten Probleme gesehen werden, auch jüngere DJs und Produzenten zu pushen. Hat die neue Generation dafür in Finnland genügend Plattformen? Der jungen Generation geht es hier gut. Eine Menge neuer Produzenten und Promoter, und wir versuchen Shows zu buchen für Leute, die gut sind und gerade anfangen. Wir versuchen sie zu unterstützen. Die jungen Leute sind gerade stark an Techno und House interessiert, sie organisieren eine Menge Underground-Partys, aus denen diese interessanten neuen Leute hervorgehen.

Selbst Seth Troxler hat beim ADE gesagt, dass er sich selbst nicht mehr als Underground bezeichnen würde. Was ist in deinen Augen Underground in Finnland und welche Form existiert er heutzutage?
Underground ist definitiv ein schwieriges Konzept. Viele glauben, wir sind Underground. Persönlich denke ich, dass wir abgesehen davon, dass wir Underground-Musik spielen, ein kommerzielles Unternehmen sind, deswegen würde ich unsere Venues nicht als Underground bezeichnen. Es gibt illegale Underground-Partys in vielen Locations jede Woche. Als die House-Kultur nach Finnland kam, war alles Underground. Niemand hatte genug Glauben in House Music, um einen offiziellen Club zu eröffnen.

In Europa sind Techno und House anerkannter Teil der gesamten Musikkultur. Wie würdest du den Status Quo in Finnland beschreiben? Haben deine Clubs mit Auflagen zu kämpfen?
Die Clubs schließen für gewöhnlich um 3.30 Uhr und Leute kommen so um Mitternacht in die Clubs. Demnach sind die Sets recht kurz. Persönlich vermisse ich diese langen Sets, genauso wie die Partys am Morgen oder während des Tages. Finnlands Alkoholgesetz ist viel zu streng und macht die Dinge nur viel komplizierter. Und die Steuern sind unverschämt, das wirkt sich auch direkt auf die Preise aus. Außergewöhnliche alte Gebäude, von denen es in Berlin viele gibt, in Musik-Venues zu verwandeln ist wegen der Regulierung im Allgemeinen unmöglich. Ich würde auch gerne mehr Outdoor-Partys in Finnland sehen.

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Sind dir 2014 vielleicht irgendwelche spannenden Trends aufgefallen?
2014 war musikalisch sehr interessant. Viele Dinge passieren im Techno und Techno war der Big Deal in Finnland in diesem Jahr. In den House-Clubs war das größte Ding eindeutig der Innervisions-Sound, und ich bin ein wenig gelangweilt von den Leuten, die ihn kopieren wollen. Ich bin schon gespannt, was nächstes Jahr alles passieren wird, und auch, was Innversions 2015 machen wird. Sie sind immer allen anderen Meilen voraus. Aktuell packe ich meinen Koffer mit viel melodischen Techno für meine Gigs.

Teilst du mit uns bitte diesen einen Track, den du seit Jahren in deinem Plattenkoffer dabei hast und häufig spielst?

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