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Aphex Twins stürmischer US-Auftritt ermahnt uns wieder einmal, dass er in keine Schublade passt

Sein erstes Konzert in Amerika seit acht Jahren war ein fröhlich-militaristischer Rave im Regen.
22.12.16
Photo by Roger Ho/Courtesy Day for Night Festival

Das Day for Night in Houston, Texas, ist ein ambitioniertes Festival: Es ist der Versuch, experimentellen Künstlern eine Bühne zu bieten, die traditionell kommerzielleren Acts vorbehalten ist. Die Organisatoren vertrauen darauf, dass junge Menschen, die für Kaskade und Travis Scott kommen, auch Lightning Bolt und Kamasi Washington eine Chance geben; dass Leute S U R V I V E nicht nur als "die Stranger Things-Band" wahrnehmen und dass Kunstinstallationen ein zentrales Element eines Musikfestivals werden können.

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In diesem Rahmen war der stets überraschende, stets verblüffende und immer wieder für Irritationen sorgende Aphex Twin der perfekte Headliner für die zweite Ausgabe des Festivals, die am 17. und 18. Dezember in einem alten Postgebäude stattfand. Der britische Produzent, der mit bürgerlichem Namen Richard D. James heißt, befriedigte sowohl das Bedürfnis nach einem großen Namen—einem äußerst exklusiven noch dazu (die Show am Samstag war seine erste in den USA seit acht Jahren)—, als auch das Verlangen nach einem echten Innovator; einem Headliner, der nicht dem normalen Headliner-Schema entspricht.

Und jetzt hat er gezeigt, dass er es immer noch drauf hat.

Foto: Julian Bajsel, mit freundlicher Genehmigung von Day for Night Festival

Zu Richard D. James' Genialität gehört, dass keine Aphex Twin-Platte klingt wie die andere. Als Syro 2014 erschien—James' erstes Studioalbum als Aphex Twin in fast zehn Jahren—war es weder retro noch progressiv. James ist nicht der Typ, der seine größten Tracks—"Windowlicker" oder "Come To Daddy"—in seine Sets einbaut. Und das erwarten seine Fans auch nicht von ihm. Sie sind nicht gekommen, um seine Hits zu hören. Sein Set beim Day for Night spiegelte wider, wie er an seine Tracks herangeht. Es klang wie Aphex, ohne sich dabei auf einen bestimmten Punkt in seiner Karriere zu beziehen.

Cheetah, seine letzte Veröffentlichung vor der mysteriösen Platte, die exklusiv auf dieser Show verkauft wurde, ist für seine Verhältnisse relativ geradlinig und clubbig. Es war also nicht unwahrscheinlich, dass auch sein Set in diese Richtung gehen würde.

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In gewisser Weise kam es dann auch so. James wusste, dass er ein tanzwütiges Festivalpublikum vor sich hatte. Aber es war auch klar, dass er mit uns spielen würde. Direkt zu Beginn reihte er einige Visuals aus einem neuen Teaser-Video aneinander—Bilder von Karten (mit Houston im Mittelpunkt), die mit Smiley-Gesichtern bombardiert werden. Es erinnerte mich ein bisschen an Vatican Shadow, Dominick Fernows tiefschwarzes Technoprojekt, das von undurchsichtigen Intrigen und internationalen Konflikte inspiriert ist. Nur wenige andere Produzenten oder DJs haben den Mut, Krieg, Gewalt und Chaos im kollektiven Eskapismus einer Festivalumgebung zu thematisieren, aber genau das machte James in seinem angriffslustigen Set.

James ist schon immer ein großer Spaßvogel gewesen und die hämische Freude, mit der er den plötzlichen Schauer willkommen hieß, erweckte den Eindruck, die Kontrolle des Wetter wäre sein neuster Streich.

James bediente sich für seine zweistündige Bestrafung bei vielen verschiedenen Quellen: von den Bass-Explosionen in Andy Stotts "Posers", über das virtuose Drum-Programming seines früheren Mitstreiters μ-Ziq bei "Brace Yourself Jason", bis zu seinen vielschichtigen Squarepusher-Kollaborationen. Letzterer spielte übrigens am folgenden Festival-Abend. Findige Reddit-User haben bereits eine ziemlich detaillierte Setlist https://twitter.com/BITTER_TEEN/status/810880312402182145 herausgearbeitet. Es ging bei seiner Show allerdings gar nicht so sehr darum, was er spielte—sein Set war so breit gefächert, wie du erwarten würdest—, doch die Zurschaustellung seiner umfangreichen Plattensammlung war einfach ein Weg, wie er er selbst sein konnte.

In der Mitte seines Sets durchbrach ein stärkerer Wind die ungewöhnlich warme Dezembernacht und das Publikum brach in den lautesten Jubel der Nacht aus—und James spielte hier, wie schon erwähnt, immerhin seine erste US-Show in fast zehn Jahren. Daraufhin öffnete der Himmel Pforten. Der Regen war nicht stark, aber unangenehm genug. Viele suchten drinnen Schutz.

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Mit den Naturgewalten im Rücken steigerte sich James noch weiter in seine böses-Genie-Anwandlungen hinein, die seine Visusals suggerierten. Er nahm das Wetter zum Anlass, acidlastige Neuronenbomben auf das Publikum loszulassen, die er unter einem seiner anderen Namen, AFX, veröffentlicht hatte. James ist schon immer ein großer Spaßvogel gewesen—er verbreitete in seinen Interviews Fehlinformationen, lange bevor der Begriff "Postfaktisch" überhaupt geboren war—und die hämische Freude, mit der er den plötzlichen Schauer willkommen hieß, erweckte den Eindruck, die Kontrolle des Wetter wäre sein neuster Streich. James live zu sehen—für viele zum ersten Mal—reichte aber aus. Das Wetter war eine Probe für die wahren Jünger und wurde zu einem Teil der Festivalerfahrung wie die Musik selbst.

this shot of Aphex in Houston is exceedingly enjoyable — DJ Wes Borland (@gabrielszatan)December 18, 2016

James ist eine zurückgezogen lebende Figur, die es liebt ihr Gesicht auf ihre Alben (und manchmal in Wave-Formen) zu packen. Er ist jemand, der das Geheimnisvolle schätzt aber nicht die Anonymität. Für Fans experimenteller Musik ist James' Gesicht, mit seinem übertrieben breiten Grinsen, das Äquivalent zu dem gigantischen Nagetierhelm von Deadmau5: comichaft, maßlos überzogen und ein Symbol für das, was dich erwartet. Während der Regen anhielt, wechselten die Visuals von militärischem IDM-Kommandozentrum zu Bikinischönheiten, deren Gesichter mit James' verzerrt-grinsende Visage ersetzt worden waren.

Weiter ging es mit ein paar lokalen Seitenhieben: Die verzerrten Gesichter fragwürdiger texanischer Politiker wie Governor Greg Abbott, Ex-Governor Rick Perry und Senator Ted Cruz flimmerten über die Leinwand und selbst Houston-Legenden wie Beyoncé bekamen James' markante Fratze aufgedrückt. Houstons berühmte Rapper-Clique blieb interessanterweise von dieser digitalen Tortur verschont. Auch wenn "Windowlicker" vor allem als Parodie von Rapvideo-Klischees berühmt geworden war, krümmte er Screwed Up Click kein Haar.

Dann mutierten die Visuals zu einem unendlichen Strom psychotischen Gegrinses. Die letzte Stunde—vor allem die letzten 30 Minuten—fühlte sich wie ein Stresstest an. Wenn du es durch Regen, Wind, Kälte und zwei Stunden angriffslustigen Techno und Acid geschafft hattest, standest du am Ende als Sieger dar. James gab uns eine Stadion-Erfahrung gepaart mit der Intimität experimenteller Musik—ein Balanceakt, der selten gemeistert wird. Nachdem sich die Wolken endlich gelichtet hatten, wurde man den Eindruck nicht los, als hätten wir bei diesem Auftritt ein paar neue Seiten von James gesehen. Aber eigentlich war er immer schon so, nur niemals ganz der gleiche.

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