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Bomben in Kampala

13.7.10

Eine Bombe explodierte am Sonntag während des Weltmeisterschaftsfinale knapp zwei Minuten neben meinem Haus. Alles geschah in einem kleinen äthiopischen Restaurant, an dem ich eine Stunde zuvor noch vorbei gegangen war. Insgesamt starben 13 Menschen. Eine Stunde danach gingen noch mal zwei Bomben los, diesmal in einem anderen Teil von Kampala, Uganda. Bis jetzt sind dadurch 74 Menschen ums Leben gekommen.

Zu der Zeit, als die erste Bombe losging, war ich gerade in einer anderen Bar und schaute mir mit ungefähr hundert anderen, das durch seine Intensität ermüdende Finale an. In den Straßen um mich herum ging es genauso zu. Irgendjemand hörte die erste Explosion und meinte zu meinen Freunden und mir, dass es besser wäre, wenn wir jetzt gehen würden, doch wir dachten uns nichts dabei, weil so etwas in Kampala einfach nicht passiert. Es war erst nach der zweiten und dritten Explosion, als wir merkten, dass etwas nicht stimmt, und die Leute anfingen das Lokal zu verlassen.

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Wir warteten, bis alle ein Taxi nach Hause gefunden hatten, bevor ein Kollege und ich losgingen, um zu sehen was passiert ist. Wir gingen dorthin, wo die erste Bombe hochging - einem südlichen Vorort, der Kabalagala hieß, einenm Rotlichtbezirk, der als Ausgehviertel beliebt war. Als wir nach vielen Diskussionen durch die Polizeisperre kamen, trafen wir auf eine weitere Gruppe verwirrter Journalisten. Niemand konnte verstehen was passiert war. Es wurde gemunkelt, dass Al-Shabab (der dominierenden militante Islamische Gruppe aus Somalia) im Streit mit Uganda, aufgrund der Involvierung in die Friedensbemühungen in der Region liege,  deshalb drohte Uganda anzugreifen. Und dennoch konnte niemand glauben, dass so etwas in, wie ein Freund von mir ausdrückte „unserem kleinen Kampala" passieren könnte.

Nach einer Weile kam ein Lastwagen aus dem Restaurant gefahren, auf dem die Leichen transportiert wurden Körperteile wurden auf den Tiefenlader geworfen, einzelne Köpfe waren klar sichtbar, abgetrennte Gliedmaßen und Innereien flogen hin und her. Ich hatte an diesem Abend eigentlich erwartet etwas anderes zu sehen.

Wir gingen herum und redeten mit verschiedenen Menschen - benommenen Schaulustige von nebenan, die, als sie die Explosion hörten, einfach nur weggerannt sind - und hörten der Polizei zu wie sie versuchte die Menge zu beruhigen und gingen zum zweiten Platz, „Ruby Club" (einem Sportplatz und beliebter Bar).

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Hier ließ uns die Polizei nicht einmal in die Nähe des Geschehens. Bilder am nächsten Tag zeigten die Leichen, noch immer in ihren Stühlen sitzend, voller Granatsplitter. Ein Freund von mir, der Arzt ist, ging hinein um zu helfen, doch als er raus kam, meinte er nur, dass alle tot seien. Ich sprach mit einem Überlebenden, der nur da war um sein Auto abzuholen, da er nachdem er die Explosion hörte, auch einfach weggerannt ist. Er wurde von der Schockwelle der Bombe nach vorne geschleudert und krabbelte so schnell wie möglich in Sicherheit. Nach einer Weile merkte er, dass sein Rücken voller Splitter und er blutüberströmt war. Er konnte keinen von uns in die Augen schauen.

Ich redete später mit einigen „Boda Boda" (Motorradtaxis) Fahrern, welche auf der anderen Seite der Straße gewartet hatten. Aufgrund einer hohen Mauer hatten sie zwar nichts gesehen aber sie hatten die Explosion gehört und dann den Rauch aufsteigen sehen. Nach einer Weile kamen hunderte von verletzten und benommenen Menschen herausgestolpert. Einige bluteten heftig, andere hatten ganze Körperteile durch die Explosion verloren.

Beide Plätze waren von Aktivität erfüllt, doch keiner wusste was zu tun war, wer es war oder wie man  nun reagieren sollte. Ich schrieb mir selbest um 1.23 Uhr morgens eine kleine Nachricht in mein Handy, die mir immer noch wie die generelle Stimmung vorkommt, die zu diesem Zeitpunkt überall herrschte - „Niemand hatte das erwartet, nicht hier in Kampala".

Wir fuhren danach zum Mulago Krankenhaus - das ist das große Krankenhaus in Uganda und dorthin wurden  auch die meisten Verletzen gebracht. Es war ungefähr 2 Uhr morgens als wir ankamen und sofort wurde uns bewusst welches Ausmaß die Angriffe wirklich hatten. Ärzte und Krankenschwestern liefen scheinbar ziellos und mit blutigen Krankenbahren umher, während sie sich selber von ihren blutüberströmten Handschuhen befreiten. Wenn du noch nie in Mulago warst, dann musst du wissen, dass selbst ein normaler Besuch schon ein überwältigendes Erlebnis ist. Es ist ein unterfinanziertes, antiquarisches Relikt, dass noch aus der Zeit stammt, als die Briten hier herrschten. Gleichzeitig ist es voller Sterbender und dazu noch  kommen noch zu wenig Ärzte und kaum Arzneimittel. Das erste mal als ich herkam sah ich sofort zwei Tote, und dass war ein normaler Tag. Es gibt vorherrschende Probleme, vor allem wegen finaziellen Dingen, und daher steht Korruption und schlechter Service immer auf der Tagesordnung. Um es kurz zu fassen: das Krankenhaus ist in einem grauenhaften Zustand.

Zu diesem Zeitpunkt erreichten mich auch noch Warnungen von Freunden, kein „Boda Boda" nach Hause zu nehmen, da die Polizei patroullierte und Leute aus Autos heraus griff und jeden belästigte, der sich durch die Stadt bewegt. Dazu kamen noch Berichte - unoffiziel natürlich - dass die „Boda Boda" Fahrer zu einer Art Aufstandstruppe der Polizei moblisiert wurde, wie es manchmal passiert war, und nun bewaffnet mit großen Stöcken und geladen mit Aggression durch die Straßen zog.

Die Stimmung in der Stadt ist heute noch ziemlich unheimlich. Kampala ist eine Stadt, in der sich das Leben vor allem auf der Straße abspielt - bei den Essensverkäufern, auf den Märkten, im Verkehr, auch die Bars sind alle auf die Straße ausgerichtet. Genau wie bei den Aufständen im letzten Jahr bleiben nun alle Zuhause, vor allem nachts. Heute, zwei Tage nach den Anschlägen, sind zwar wieder mehr Menschen unterwegs, aber ich bin mir sicher, dass wenn die Nacht hereinbricht, sich die selbe, geisterhafte Leere wieder über die Stadt legen wird.