Ikke Hüftgold und sein Markenzeichen: Der Stinkefinger.
Ikke Hüftgold und sein Markenzeichen: Der Stinkefinger | Fotos: Viktoria Grünwald
Popkultur

Ikke Hüftgold: Wie aus einem Schlager-Hasser ein Ballermann-Star wurde

Wir haben den Mann besucht, der durch "Dicke Titten, Kartoffelsalat" berühmt wurde.
28 Februar 2020, 4:30am

Es ist nicht leicht, ihn auf Anhieb zu finden. Ikke Hüftgold, den Schlagerstar, der auf dem Plakat der "Karnevals-Fiesta" in einer Kölner Eventlocation beworben wird. Denn neben ihm, dem Original-Ikke, haben sich am Karnevalssamstag ein gutes Dutzend junge Männer in "sein" Kostüm geschmissen (schwarze Perücke, Fussball-Trikot) und trinken sich als Ikke-Double neben Jet-Piloten, Königspinguinen oder Sangria-Eimern warm.

Das 10-Liter-Kölsch-Fässchen kostet heute 90 Euro und an den Stehtischen neben der Bühne wird bereits ordentlich gebechert. Ein junger Mann, dessen T-Shirt ihn als "Bierkapitän" ausweist, schenkt freudig aus. Es ist 19:30 Uhr. Zweieinhalb Stunden noch bis zum Auftritt von Ikke Hüftgold. Neben ihm stehen am heutigen Abend Szenegrößen wie Lorenz Büffel ("Johnny Däpp") und Frenzy Blitz ("20 Zentimeter") auf der Bühne.

Ikke Hüftgold ist eine Kultfigur in der deutschen Partyschlagerszene, der mit Songs wie "Dicke Titten, Kartoffelsalat", "Modeste", "Saufen ist scheiße, doch wir machen's trotzdem" und nicht zuletzt seinem politisch nicht ganz korrekten Song zur Fußball-WM 2014, "Die Gauchos gehen so", auf sich aufmerksam machte. Mit seiner schwarzen Zottelperücke, Fußballtrikot und einer nach außen getragenen Alles-eh-egal-Haltung verkörpert er so etwas wie die letzte Entwicklungsstufe des deutschen Ballermannproleten.


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Doch wer steckt eigentlich hinter der Bühnenfigur Ikke Hüftgold? Und warum feiern ihn so viele?

Schuld ist eine Wette um einen Ballermann-Hit und einen Kasten Bier

19:30 Uhr. Zweieinhalb Stunden vor seinem Auftritt. Ikke Hüftgold sitzt im grau gestrichenen Backstage-Bereich und hält eine halbleere Flasche San Miguel in der Hand. Mit der anderen Hand pult er einzelne Konfetti-Schnipsel aus seiner Perücke heraus.

Die kam bereits am Vormittag zum Einsatz. Bei einem Karnevalsumzug in der Nähe von Köln, wo er auf einem Umzugswagen stand und das gemacht hat, was Ikke Hüftgold eben am besten kann: Lieder über das Trinken und Feiern zum Besten geben und die Leute damit unterhalten. Ein "Riesenspaß" sei das gewesen sagt Ikke, der sich als Matthias vorstellt und dessen hessischer Akzent unüberhörbar ist.

Matthias Distel ist die Person hinter Ikke Hüftgold. Ein netter, kahlköpfiger Mann mit sanfter Augenpartie, der mit einer sonoren Stimme spricht und im Gespräch eher so wirkt, als würde er Sonntags in einer Stadtbücherei Kindern Abenteuergeschichten vorlesen, als angetrunkenen Junggesellen vorsingen, wie geil Saufen und Party ist.

So sieht Ikke Hüftgold aus, wenn er Matthias Distel heißt und keine Perücke trägt

Dieser Vergleich ist gar nicht mal so weit hervorgeholt. Distel hat tatsächlich früher mal Kinderhörspiele produziert. Eines dieser Hörspiele führte schließlich zu der Wette, die den Grundstein für seine spätere Bühnenkarriere legte. Ein Freund fragte ihn, ob er sich auch zutrauen würde, einen Ballermann-Hit zu schreiben. Distel, der damals noch in einer Rockband aktiv war, verachtete Partyschlager aufs Äußerte. Er könne das natürlich, sagte er. Wolle aber nicht. Er wette totzdem, um einen Ballermann-Hit und um einen Kasten Bier. Das Bier und die Wette wurden gewonnen, der Hit war fertig und jetzt sei man eben hier, sagt Matthias. Die Konfetti-Schnipsel sind mittlerweile aus der Perücke herausgepult.

Geplant sei das alles nicht gewesen. Nach Abitur und Studium gründete Matthias Distel zunächst einen Gartenbaubetrieb in seiner Heimatstadt und ist bis heute als Geschäftsführer tätig. "Das ist eben mein Vorteil", sagt er und nimmt einen Schluck von seinem Bier. "Ich habe immer meine Arbeit im Betrieb. Mein Back-Up." Wenn der ganze Ballermann-Rummel von heute auf morgen wegfällt, würde er eben den Job machen, den er außerhalb der Saison sowieso machen würde.

Seine Figur sei aber eben oft auch eine Gratwanderung, sagt er und schaut durch den Raum. Als Schlagerstar ist er viel unterwegs und hat immer die Aufgabe und auch den Anspruch die Leute zu unterhalten. Ohne Rücksicht auf Verluste. Da sei es schon schwierig eine private Balance zu finden, sagt der mittlerweile geschiedene zweifache Familienvater und schweigt. Dann sagt er: "So, können wir jetzt saufen oder was?" Verwandlung abgeschlossen.

"Wer von euch ist schon besoffen?"

Mit erhobenem Mittelfinger betritt Ikke gegen 22 Uhr schließlich die Bühne und poltert den etwa zweihundert verkleideten Zuschauern zu: "Na?! Wer von euch ist schon besoffen?!" Anschließend fragt er eine Zuschauerin, ob sie sich live auf der Bühne ausziehen will. Die Menge tobt und klatscht Beifall. Sie will allerdings nicht.

Niemand weiß in diesem Moment, wogegen genau hier eigentlich rebelliert wird

So erinnert der Auftritt von Ikke Hüftgold in den ersten Minuten an die Instagram-Story von Michael Wendler. Eigentlich will man nicht hinsehen aber muss es dann irgendwie doch, auch weil das schrecklich Schlimme eine seltsam faszinierende Anziehung ausübt.

Das kölsch-beseelte Publikum streckt dem Schlagerstar ebenfalls die Mittelfinger entgegen. Allen voran der Bierkapitän, der das 10-Liter-Kölsch-Fässchen mittlerweile wie einen kleinen Goldschatz bewacht. Daraufhin streckt Ikke den Zuschauern ebenfalls wieder seinen Mittelfinger entgegen. Niemand weiß in diesem Moment, wogegen genau hier eigentlich rebelliert wird und wem diese Anti-Haltung, in diesem verwinkelten Kölner Club gilt, aber das ist gerade auch egal. Der Abriss, die Party, der wummernde Sound der aus den Boxen dröhnt, das ist jetzt wichtig. Ikke stimmt seinen bekanntesten Song an. " Dicke Titten Kartoffelsalat".

Stellvertreter der deutschen Ballermänner, die menschgewordene Weihnachtsfeier

Ikke Hüftgold verkörpert die Art von ausuferndem Exzess, den seine Fans im echten Leben nicht ausleben können, weil sie werktags in einem Großraumbüro arbeiten und in einem grauen C&A-Anzug irgendwelche Akten bearbeiten müssen. Er nimmt so eine Stellvertreterrolle für die deutschen Ballermänner ein. In ihm sehen seine Fans, was ein Mensch auf einer Bühne alles machen kann, wenn ihm einfach alles egal ist. Er ist Projektionsfläche unerfüllter Sehnsüchte von vornehmlich jungen, alleinstehenden Männern. Die menschgewordene Weihnachtsfeier, bei der sich alle Mitarbeiter morgens um 3 Uhr schunkelnd in den Armen liegen und kurz vergessen haben, dass sie eigentlich Kollegen sind.

Und vielleicht kann Ikke Hüftgold diese Rolle deshalb so gut erfüllen, weil er eben genau weiß, wie es ist, in einem Büro zu arbeiten.

Ikke spielt noch einen weiteren Song, dann noch einen. Die Menschen hüpfen auf und ab, sie schwitzen, tanzen, zeigen ihre Mittelfinger und scheinen alles um sich herum vergessen zu haben. Selbst der Bierkapitän hat sein Fass mittlerweile aus den Augen verloren und stimmt beim nächsten Ikke-Hit, der Fußballer-Hommage "Modeste" vollends ein.

Und so verkörpert Ikke Hüftgold den Geist der deutschen Schlager-Szene wie kaum ein Zweiter. Außerhalb der Saison hat er einen spießigen Bürojob in einer Gärtnerei und abends gibt er seinen Fans den Ikke, den sie sehen wollen. Ein Konzept, das er enorm authentisch verkörpert, weil er es selbst lebt. Und vielleicht hat der bürgerliche Matthias Distel mit seiner Figur Ikke Hüftgold damit das Konzept Partyschlager als einziger so richtig verstanden.

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