Der Berliner Nacktkalender, zwei Frauen mit nacktem Oberkörper; Diese Fotografin lichtet Berliner Alltagsmenschen für ihren Nacktkalender ab
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Diese Fotografin lichtet Berliner Alltagsmenschen für ihren Nacktkalender ab

"In Berlin ist es den Leuten entweder egal oder sie finden es geil. Einmal haben sich drei Männer zu uns gestellt, um beim Shooting zuzuschauen."
18.11.20

"Es gab keinen Nacktkalender mit Menschen, die ich sexy finde", sagt die Fotografin Lara Verheijden. Also machte sie ihren eigenen. In Zusammenarbeit mit dem Stylisten Mark Stadman sind schon Kalender aus zwei Städten entstanden. 

Drei Ausgaben gab es bereits vom De Amsterdamse Naaktkalender. Mit ihrem neuen Projekt Der Berliner Nacktkalender trifft sie den Nerv einer Stadt, die mit ihrer FKK- und Klubkultur sehr gerne nackt zu sein scheint. Diese sexuelle Offenheit sei auch Teil des Grundes gewesen, warum ihre Wahl auf Berlin fiel, als sie darüber nachdachte, das Konzept in eine andere Stadt zu bringen. 

Ein nackter Mann trägt eine nackte Frau

"Was diesem Kalender gut tut, ist, wenn die Stadt schon eine Art Marke hat. Jeder hat ein bestimmtes Bild von Berlin. Der Kalender fängt die Atmosphäre einer Stadt ein. Der Berliner Kalender ist deshalb anders als der aus Amsterdam. Amsterdam ist süß und Berlin ist edgy und dreckig", sagt Verheijden.


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Das Bild für Oktober zeigt ein Mädchen in einem Jeanskleid, der Reissverschluss ist so weit runtergezogen, dass ihre linke Brust sichtbar ist. Neben ihr sitzen eine ältere Frau und ein älterer Mann. Alle drei lachen dem Betrachter entgegen, als gäbe es kein selbstverständlicheres Familienporträt. Auf der nächsten Seite steht die Legende: Anne und ihre Eltern. Wie bei allen Bildern will man sofort wissen, wie die Szene zu Stande gekommen ist. 

Anne und ihre Eltern

"Ich mag es, wenn Leute nicht wissen, wie und warum ein Bild entstanden ist. Viele denken ich würde Menschen an Ort und Stelle fragen und fotografieren. Das ist normalerweise nicht so. Aber damit spiele ich. Das regt die Fantasie der Betrachter an", sagt Verheijden.

Ihre Models finde sie meistens auf Instagram: "Ich mache einen Casting Call auf Instagram: Looking for Nude Models. Weil ich das in Amsterdam schon dreimal gemacht habe, kennen Leute dort das Konzept schon. In Amsterdam sprechen mich Leute auch auf Parties an, um mir zu sagen, dass sie gerne im Kalender wären oder eine Freundin haben, die süß sei und passen würde. In Berlin war das anders. Ich habe Leute, die ich in Berlin kenne, gebeten, den Post zu teilen. Am Ende hatte ich dann mehr Rückmeldungen als in Amsterdam."

Eine Frau sitzt in der U-Bahn, man sieht ihre rechte Brust

Einige spreche sie aber auch persönlich auf der Straße an, sagt Verheijden. Das Model für den Monat Oktober sei ihr in der U-Bahn aufgefallen. Auf Instagram dokumentierte sie dann, wie sie die Frau angesprochen hat.

Instagram Screenshots

Wenn man durch den Kalender blättert, fällt auf wie verschieden die Menschen aussehen. Viele Bilder scheinen sich keinem Schönheitsideal unterordnen zu wollen. Lara versucht aber nicht bewusst, divers zu casten:

"Wenn es um Diversität geht, ist es am besten, sie zu leben. Ich finde ja nicht nur einen Typ Mensch attraktiv. Ich sehe Schönheit in vielen verschiedenen Menschen. Ich bin kein Fan von Editorials, die eine andere Art der Schönheit propagieren wollen. Sowas bestätigt doch nur die existierenden Schönheitsstandards. Ich glaube, viele Leute finden die Models in meinem Kalender wirklich schön und nicht auf eine andere Art schön."

U-Bahn, Verkehrsinsel, Bahnhof, Park. An den Orten, die sich Lara Verheijden für ihre Bilder aussucht, ist man selten alleine. Wie reagieren Vorbeikommende auf die Szenen?

"In Amsterdam fühlen sich Passanten angegriffen oder versuchen, Sprüche zu klopfen. In Berlin ist es den Leuten entweder egal oder sie finden es geil. Viele gehen vorbei und merken nichts. Andere starren, ohne sich dafür zu schämen. Einmal haben sich drei Männer zu uns gestellt, um beim Shooting zuzuschauen."

Von den 40 bis 50 Shootings, die Lara draußen durchgeführt hat, seien fast alle ohne Zwischenfälle geblieben, sagt sie. Trotzdem habe man ihr auch schon mit der Polizei gedroht.

Ein nackter Mann gießt Bier über seinen Körper

"Wenn das Model ein Mann ist, sind die Leute wütender. In Amsterdam wollte ein Passant dann die Polizei rufen. Jeder mag es, eine nackte Frau zu sehen. Leute sind nicht daran gewöhnt, einen nackten Mann zu sehen."

Wie gehen ihre Eltern mit ihrer Kunst um? Lara Verheijden sagt, sie sei nicht in einer übermäßig offenen Familie aufgewachsen. Sie sprachen nicht mehr über Sex als andere Familien, findet sie. 

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"Wir waren nie Nackt-Campen oder sowas. Wir sind keine Hippie-Familie." Trotzdem unterstützen ihre Eltern sie in ihrer Kunst. "Meinem Vater ist egal, was Leute über mich sagen. Meine Mutter nimmt es auch locker, aber ist etwas prüde. In einem meiner Kalender gibt es ein Foto, auf dem ein Mann zu sehen ist. Seine Jacke ist offen und man sieht seinen riesigen Penis. Er sieht aus wie ein Blitzer. Als der Monat mit diesem Foto dran war, hat meine Mutter einen anderen Kalender darüber gehängt."

Nach Amsterdam und Berlin: Wie soll es weitergehen für Lara Verheijden und ihre Nacktkalender? "Im ersten Jahr in Amsterdam hatten wir eine Auflage von 100 Kalendern. Nachdem sie dann ein Jahr lang bei Leuten zuhause hingen, konnten wir die Auflage auf 1.000 erhöhen. Das Projekt wächst sehr schnell. Ich möchte, dass der Nacktkalender ein weltweites Projekt wird. Mein Traum ist es, viele verschieden Orte zu besuchen. Seoul, Japan, Brasilien, LA. Ich habe mich noch nicht entschieden, wo ich als nächstes hingehe."

Aber auch wenn sie das Konzept auf weitere Städte erweitert, ihr Ziel für den Kalender bleibe dasselbe:
"Mir geht es nicht darum, Tabus zu brechen. Ich will schöne Bilder machen von Menschen, die ich mag."

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