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Hod Lipsons Roboter betreiben Evolution

24.6.10

Wenn man sein Geld in Aktien in Form von Anteilen an menschlichen Lebewesen anlegen könnte, dann würde ich mein Sparbuch schließen, all das Geld zusammen nehmen, das mir meine Großeltern gegeben hatten seit ich ein Kind war, einen sehr hohen Kredit aufnehmen und alles in Hod Lipson investieren. Er ist der Kopf des Computational Synthesis Laboratory an der Cornell University und arbeitet an Zeug, das vielleicht 0,003 Prozent der Weltbevölkerung verstehen kann, Zeug, das aber letzlich auf vermutlich jeden von uns Auswirkungen haben wird.

Neben weiteren Themen forscht er auch an evolutionsfähigen Robotern, was ein Zweig von künstlicher Intelligenz ist, die sich auf die Entwicklung von Robotern spezialisiert, die durch einen darwinistischen Krieg zwischen den ganzen Algorithmen in ihrem Gehirn in der Lage sind, sich und ihr eigenes Design selbst weiterzuentwickeln. Lipson repräsentiert ein weites Feld, dass das Potenzial hat die Art und Weise, in der Menschen mit Robotern kommunizieren in ihren Grundfesten zu erschüttern - genau wie es all deine Lieblings-Science-Fiction-Romane ja schon längst prophezeit haben. Ein Großteil der Forschung bzgl. evolutionärer Robotik bezieht sich auf praktische Innovation, eben ausgehend davon, dass wir menschliche Wesen in unseren schöpferischen Fähigkeiten beschränkt sind. Auf einer viel philosophischeren Ebene jedoch, könnte evolutionäre Robotik eines Tages den Robotern die Möglichkeit geben, komplexe soziale Eigenschaften zu entwickeln, die unmöglich zu programmieren sind und als tatsächliche Folge ein paar Gesetze der Natur einfach neu geschrieben werden müssten.

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Eines Tages wird er vielleicht als Vater der Moderne in die Geschichte eingehen. Oder eben auch-wenn das Projekt eine krankhafte Wendung nimmt-als der Typ, der mit seiner Roboterarmee die ganze Menschheit versklavt hat. In der Zukunft, wenn Hood in seiner Erhaltungskammer eingefroren liegt, werden die Roboter an ihren Feiertagen Hymnen auf ihn singen, für rassistisch konservative Politiker stimmen um damit ihre kompromisslose Bekenntnis zu Hods Ideologie darzulegen und Jahrzehnte lang ihre Zeit damit verbringen , Kriege gegen andere Roboternationen zu gewinnen, Roboternationen die nicht dazu bereit sein Hod als das anzuerkennen, was er für sie bedeutet.

In diesem Fall würden meine Hod Lipson Aktien durch das Dach schießen und ich könnte meine Zeit damit verbringen in verflüssigten Diamanten zu baden und Geld für meine Schneeleopardenfarm auszugeben. Das hier war möglicherweise das wichtigste Gespräch meines Lebens.

VICE: Ich finde alles, was sich hinter evolutionärer Robotik verbirgt unglaublich einschüchternd. Kannst du mir das erklären?

Hood: Also zunächst einmal ist es ein sehr weites Feld. Es gibt viele Leute und viele Gruppen wie uns. Im Grunde nehmen wir die Idee der biologischen Evolution als Grundlage dazu Körper und Hirn der Roboter zu entwickeln und die Methodik der Robotik zu kontrollieren. Wie viele andere Bereiche der AI hat auch diese Studie ihre zwei Gesichter. Die eine ist die sehr nützliche, wo wir nur bessere Maschinen entwickeln wollen, in der Hoffnung, dass die biologische Evolution uns hier inspiriert und sich optimieren lässt. Wir können Roboter entwickeln, die ein Mensch nicht programmieren kann. Die andere Seite ist viel philosophischer und beruht auf dem Gedanken, dass diese Evolution der Weg zu intelligenten Robotern ist, die wir uns ja schon seit 40 Jahren vorstellen können, aber noch nicht realisiert haben. Vielleicht ist es eine alternative Art der Gestaltung  dieser sehr komplexen Verhaltensweisen in Maschinen, die wir nicht wirklich selbst erstellen können. Das ist eine längerfristige Vision und das viel philosophischeres Ziel, dass Forscher in diesem Bereich verfolgen.

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Konzentrierst du dich persönlich mehr auf die philosophische Sci-Fi Seite der evolutionären Robotik oder arbeitest du an einem Zusammenschluss beider Seiten?

Beide, absolut. In manchen unserer Projekte ist es unser Gesamtziel, Roboter zu bekommen, die in der Lage sind einen Weg schneller zu finden, als sie es mittels menschlicher Programmierung könnten.

Sieh mal, ich finde die Robotikindustrie wirklich faszinierend, weil es noch nicht so kommerzialisiert ist. Aber da ist etwas in Arbeit, oder? Ich habe gehört es gibt da ähnlich große Projekte, wie die von Asimo, dem Typen von Honda. Aber es klang nicht unbedingt so, als ob die auch nur irgendwie damit zu vergleichen wären.

Nun, es gibt eine Menge Roboter um uns herum, von Honda, Toyota und anderen Firmen. Aber wissen wir wie sie programmiert sind? Es sind Maschinen. Sie sind nicht lebendig. Es fehlt ihnen etwas grundlegendes. Evolution ist so interessant, weil hier auf lange Zeit sehr komplizierte Vorgänge entwickelt werden können. Aber auch, weil du dem Roboter freie Hand lässt, du weißt nie genau was dabei rauskommt - ein Mysterium des Lebens. Wenn du dir einen Roboter von Honda ansiehst, dann weißt du, dass jedes einzelne Teil von einem Team von Menschen entwickelt und genehmigt wurde. Da ist überhaupt nichts geheimnisvolles daran. Es ist offensichtlich und transparent. Wenn du es mit einem evolutionären Roboter zu tun bekommst, dann weißt du überhaupt nicht, was bei dem innen los ist. Es gibt ein paar Dinge, die du vielleicht wissen könntest, aber es ist ein wenig wie eine  Black Box. Du kannst es von außen beobachten, weißt aber nie ganz was auf der Innenseite passiert. Dies ist der Teil von Robotern, der und fasziniert.

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Also wenn das der Fall ist und du nie ganz genau weißt was in einem Roboter vor sich geht, wie funktioniert das dann? Ist es alles auf zufälligen Algorithmen aufgebaut? Klingt wie ein super kompliziert komplexer Prozess.

Eigentlich ist es viel einfacher als die Entwicklung eines herkömmlichen Roboters. Sagen wir, wir entwerfen mal das Gehirn eines Roboters. Dann ist alles was du zu tun hast, ihm ein paar tausend miteinander konkurrierende Programme zu geben. Manche Programme werden bessere Folgen haben als andere und sich so auch durchsetzen. Das Original wird dadurch verstärkt und es entstehen immer mehr Kopien des originalen, erfolgreicheren Programms.

Ist das also ein Mechanismus, frei nach dem Motto "survival of the fittest" oder eine implizierte Funktion des Roboters?

Nein, dieser Prozess ist etwas, was wir einbauen. Die Idee ist, dass er sich alles nimmt, was funktioniert und so mehr und mehr Kopien der erfolgreichen Prozesse entstehen. Mit der Zeit bekommst du mehr und mehr Kopien und der Roboter verbessert sich im Durchschnitt. Du verwendest dieses simple Prinzip um sie immer schneller und effizienter zu machen. Deshalb ist die Sache, an der wir derzeit arbeiten, ein recht interessantes Feld. Es ist ein Programm, das den Körper und Geist eines Roboters von selbst entwickelt. Es geht auch nicht nur um solche normalen "Roboter". Ich denke dabei zum Beispiel auch an mit Aktien handelnde Roboter, die mithilfe von evolutionären Prinzipien und tausenden Programmen sehen, was die beste Option ist.

Seit Isaac Asimovs Büchern scheint mir auch die Überlegenheit von Robotern gegenüber Menschen ein wichtiger Punkt. Seid ihr schon an dem Punkt angelangt, mit Leuten zu reden, die Animatronics entwickeln? Das scheint mir der nächste Schritt der Entwicklung zu sein.

Hmmm … ich persönlich habe in die Richtung noch nicht gedacht. Es gibt viele Leute in der Robotik, die sich darum kümmern, dass die Roboter auch gut aussehen. Das sind die Typen, die die Bewegungen so lange feinjustieren, bis es wirklich aussieht als würde ein Violine gespielt werden. Oder sie lassen einen Dinosaurier so laufen, dass es wirklich ganz genau so aussieht, wie ein Dinosaurier nun mal laufen würde. Das sind sehr spezifische Choreografien und auch wenn es eine große Leistung ist, so ist es doch immer noch immer nicht echt. Wir suchen nach der Maschine, die von alleine lernfähig ist. Viele unserer Roboter laufen nicht wirklich gut und sind auch stilistisch nicht gerade auf dem höchsten Stand der Künste, im Hinblick darauf wie sie aussehen. Wir könnten theoretisch Roboter machen, die schneller laufen, besser aussehen und bei all so was zuverlässiger werden, aber darum geht es uns nicht. Es geht uns darum, dass die Roboter das selbst übernehmen. Unser Ziel ist es, dass die Roboter eines Tages selbst entwickeln und dann um einiges mehr erschaffen als wir Menschen mit unseren Limits und Tücken.

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Von all den Eigenschaften, die du in diese riesige Waagschale der Möglichkeiten wirfst - ist dir eine untergekommen, die besonders stark dominiert, genau wie in der normalen Evolution?

Nun, unsere Leute sind mit vielen verschiedenen Dingen beschäftigt. Was uns aber am meisten interessiert ist Fortbewegung. Ich kann jetzt nicht so genau erklären, wo der Unterschied ist, wenn ein Roboter läuft oder kriecht, das macht im Großen und Ganzen nicht so viel her. Allerdings gibt es eine interessante Sache, die manchmal passiert, wenn du Robotern die Möglichkeit gibst Modelle von sich selbst zu erstellen. Manchmal erstellen sie falsche oder völlig übertriebene Modelle. Das wirft eine ganze Menge von psychologischen Fragen darüber auf, warum Menschen manchmal Abbilder von sich selbst erstellen, die nicht unbedingt der Realität entsprechen. Manchmal ist das Selbstbild aufgebläht, manchmal eher dürftig. Und manchmal ist es an einem Punkt so falsch, dass das eine ganze Reihe von Problemen verursacht.

Du beginnst also wirklich soziale Probleme deiner Roboter auszumachen? Ich vermute du hältst da eine wirklich tiefgreifende Entdeckung in deinen Händen.

Na ja, wir sind noch nicht wirklich dort angekommen, aber wir können erkennen, dass die Roboter immer komplexer in ihren Verhaltensweisen und Denkmustern werden und du lässt sie daraus lernen, anstatt sie einfach umzuprogrammieren, du beginnst Probleme zu erkennen, die sich mit unseren psychologischen Eigenschaften vergleichen lassen. Von diesen Verhaltensmerkmalen ausgehend glaube ich fest daran, dass wir einen erstaunlich cleveren und rationalen Roboter erschaffen könnten.

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Glaubst du wirklich?

Ich denke, je anspruchsvolle wir werden und je mehr Leute an diesem Zeug arbeiten, desto mehr werden wir auch mit solchen Themen konfrontiert, Themen, die aus der Komplexität eines Roboters heraus entstehen, genau wie diese ungenauen Selbst-Modelle, die falsche Annahmen und weitere soziale Probleme zur Folge haben.

Siehst du, das ist für mich der interessanteste Teil im gesamten Bereich der Studie. Du beginnst Dinge auszumachen, die möglicherweise Probleme einer gesellschaftlichen Weltanschauung lösen können und du siehst sie hyperbolisch dargestellt, in Form dieser Roboter.

Wir sehen diese Roboter als das Weg zum Ziel irgendwann in der Lage zu sein die Fragen beantworten zu können, die wir über und Menschen wissen wollen-zum Beispiel was die Ursachen von Schizophrenie sind. Und wir wollen Wege finden Kommunikationsmuster und -probleme zu verstehen. Es ist ziemlich schwierig diese Fragen über Menschen zu beantworten, weil wir Menschen so komplex sind. Wir können die Roboter als Plattform zur Beantwortung und Stellung von Fragen ansehen. Es ist nicht genau so wie bei einem Menschen, aber es ist viel transparenter und wir können es als ein Werkzeug zum besseren Verständnis verwenden.

Hast du es geschafft diese Verhaltensmerkmale mit einer externen Umwelt zu verweben? Wo du den Robotern spezifische soziale Merkmale entlocken kannst?

Das haben wir noch nicht geschafft, ist aber mit Sicherheit etwas, was wir tun wollen. Das ist ein ganzes Feld der Robotik-wo erforscht wird wie Roboter mit Menschen interagieren und umgekehrt und wie jeder von ihnen den Gegenüber empfindet.

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Was weiß man darüber wie Roboter mit Robotern interagieren?

Das ist etwas woran wir derzeit arbeiten, genau jetzt wo wir beide uns unterhalten. Wir forschen sehr angestrengt danach, wie Roboter ein mentales Bild von sich selbst erstellen können. Es gibt da durchaus Möglichkeiten der gegenseitigen Präsenz.

Alles in allem ist doch gerade dieses Feld besonders spannend, aber auch unglaublich beängstigend. Sollten die Menschen Angst haben, vor der Zukunft der Robotik?

Als einer der da mitten drin steht kann ich sagen, dass wir noch sehr weit davon entfernt sind Angst haben zu müssen. Allerdings ist es eine sehr leistungsstarke Technologie, also bin ich bis zu einem gewissen Grad sehr vorsichtig. Das ist einer der Gründe warum ich es für wichtig halte danach zu forschen, es publik zu halten und es öffentlich zu diskutieren, damit sich jeder der Sache bewusst ist und Meinungen ausgetauscht werden können. Niemand sollte diese Arbeit hinter verschlossenen Türen betreiben.

Gibt es Leute, die das hinter verschlossenen Türen tun?

Ich glaube, wenn es die gäbe würde ich es auch nicht wissen, aber soweit ich weiß handelt es sich hier und eine riesige, öffentliche Community. Wie ich aber auch schon sagte sind die Roboter, die wir derzeit bauen können, weit davon entfernt ihren Erschaffern überlegen zu werden. Wir sind noch nicht bei Mainstream-Robotern angelangt, bei denen es um Fähigkeiten der Überlegenheit geht. Es ist auch immer noch die Frage ob es sich überhaupt lohnt in dieser Richtung zu gehen.

BEN MAJOY