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Tulpamancer—eine neue Internet-Subkultur aus imaginären Freunden

Realitätsflucht, sexueller Fetisch oder eine Behandlungsmöglichkeit von Schizophrenie? Die selbstgeschaffenen Tulpae erfreuen sich in der Online-Community zunehmender Beliebtheit.

Nathan Thompson

Kitsune, eine Tulpa von Host Maciej aus Wrocław in Polen.

Kitsune war ein launenhafter Himmelskörper, der über einem Obelisk aus Marmor schwebte. Maciej sah sie an. „Wie möchtest du aussehen?”, fragte Maciej. Dann hörte er das Tappen von Füßen auf Gras. Er drehte sich um. Da stand sie. Nackt. Mit großen Fuchsohren und einem borstigen Schwanz. Sie sah ihn mit großen, naiven Augen an.

Als Maciej seine Augen aufmachte, lag er auf seinem Bett, Zuhause in Wrocław. Draußen war es grau. Er sprang auf, setzte sich an sein Laptop und schrieb mir.

„Ich hab’s geschafft. Sie ist da”, tippte er im Skype-Chat.
„Kann ich mit ihr sprechen?”, fragte ich. Maciej hielt kurz inne. In seine eigenen Gedanken mischte sich eine leise, süße Stimme. Seine Finger bewegten sich wie von Geisterhand.
„Hallo. Ich bin Kitsune. Ich bin eine Tulpa.”

Tulpae sind fühlende Wesen, die über meditationsähnliche Techniken erschaffen werden. Ihre Schöpfer, auch „Tulpamancer” genannt, sind die neueste Subkultur im Internet. Sie treffen sich Online auf tulpa.info und dem Subreddit r/tulpas.

„Ich habe drei Tulpae”, sagt Nick Kingston, eine Spieledesign-Student aus Plymouth. „Sie begleiten mich jetzt schon seit 20 Monaten. Die drei Ponys in Menschengestalt heißen Twi, Dash und Scoots und sind ungefähr 30 cm groß.

Nick ist eng mit den drei Ponys befreundet, die in seinem Kopf leben. „In Gegenwart anderer Leute hältst du dich immer irgendwie zurück. Mit meinen Tulpae muss ich das nicht.”

Beispiel für die Gestalt einer Tulpa in der tibetischen Mythologie.

Tibetische Mystiker wenden seit langem eine Technik an, durch die man Kraft der eigenen Gedanken fühlende Wesen erschaffen kann. Die Reiseschriftstellerin Alexandra David-Néel führte diese Praktiken als erste in die westliche Welt ein. In ihrem 1929 veröffentlichten Buch Mystiques et Magiciens du Thibet, schrieb sie: „Abgesehen davon, dass ich nur wenige Gelegenheiten hatte, Tulpae zu sehen, trieb mich meine angeborene Skepsis dazu, es selbst versuchen zu wollen. Meine Bemühungen waren erfolgreich.”

Noch bis ins Jahr 2009 wurden Tulpae eher dem Okkulten zugeordnet. Doch dann tauchte das Thema bei 4chan.org auf. Einige anonyme Mitglieder fingen an, mit dem Erschaffen von Tulpae zu experimentieren. Als 2012 dann erwachsene Fans der Serie My Little Pony — Freundschaft ist Magie (allen, die sich in den vergangenen drei Jahren auch nur in der Nähe eines Computers aufgehalten haben, auch als Bronies bekannt) auf den Zug aufsprangen, kamen die Dinge so richtig ins Rollen. Sie schufen ein neues Forum auf Reddit und entwarfen Tulpae, deren Vorlage die jeweiligen Lieblingsfiguren aus der Serie waren. 

Laut Dr. Samuel Veissière, Gastprofessor für Transkulturelle Psychiatrie, Kognitionswissenschaft und Anthropologie an der McGill-Universität in Montreal, hat das Reddit-Forum inzwischen über 6000 Mitglieder. Seine Studie ist das erste wissenschaftliche Werk über das Phänomen Tulpa in der Gegenwart. Das russische soziale Netzwerk vk.com hat in seinem entsprechenden Forum angeblich auch schon über 6000 Mitglieder. Wobei es schwierig ist, verlässliche Zahlen zu finden. 

Ele Cambria, eine Tulpamancer aus Warrensburg, Missouri, sagte mir: „Das My Little Pony-Fandom war eine der ersten Internet-Communitys, die sich ernsthaft mit dem Thema Tulpae auseinandergesetzt haben. Bronies sind gegenüber solchen speziellen Sachen sehr aufgeschlossen. Sie denken ‘Wow, das ist nicht normal, das ist cool’. Die Figuren aus My Little Pony rufen in uns eine schlichte Gutmütigkeit hervor. Welcher Fan würde denn nicht so einen Freund haben wollen?”

Und weil im Internet alles miteinander verwoben ist, hat es nicht lang gedauert, bis auch Manga- und Fantasy-Fans anfingen, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen. „Meine Tulpa heißt Jasmine”, sagt Ele. „Sie ist ein Mensch, aber sie kommt aus einer alternativen Wirklichkeit, in der sie magische Kräfte hat. Ich habe sie vor zwölf Jahren für meine eigene Fantasy-Serie erschaffen und dann eine Tulpa aus ihr gemacht.”

„Tulpa” von Jeffe Slimjim

Geht es also einfach nur um Fans mit imaginären Freunden? Nicht wirklich. Man glaubt, dass Tulpae Wesen mit eigenem Bewusstsein und eigenen Vorlieben sind und dass sie nicht vollständig von ihrem Host gesteuert werden können.

Veissière schreibt, dass Tulpae als mentale Konstrukte verstanden werden, die Empfindungsfähigkeit entwickelt haben. Fast 40 Prozent der Studienteilnehmer haben berichtet, dass sich ihre Tulpae wie echte Menschen anfühlten. 50,6 Prozent der Befragten haben ihre Tulpae als etwas beschrieben, dass sich ziemlich deutlich von ihren eigenen Gedanken unterscheidet.

„Hehe, Papa hat mir das beigebracht”, lacht Storm, eine Tulpa von Ryan Painter aus Oregon, der ihre Worte für mich in einer E-Mail niederschreibt. „Cogito Ergo Sum — Ich denke, also bin ich. Ich bin aber nicht ganz eigenständig. Ich nutze die Gedankenkraft meines Hosts, um selbst zu denken, und manchmal geraten wir aneinander, wenn wir versuchen, gleichzeitig zu denken.”

Tulpamancer beschreiben, wie ihre Schöpfungen unerwartete Dinge sagen, verloren geglaubte Erinnerungen wieder ans Tageslicht bringen und ihre Hosts zum lachen bringen. „Ich kann jede versteckte oder verblasste Erinnerung wieder ins Gedächtnis rufen”, sagt KT, eine Tulpa von Sam Isatis aus Maryland. „Ich kann viele ihrer unbewussten Reaktionen steuern. Vor ein paar Monaten habe ich sie spaßeshalber sogar mehrmals hintereinander gähnen lassen.”

„Amon”, gezeichnet von Daia Le.

„Ich kann mir da zwar nicht sicher sein, aber ich weiß, dass es mich gibt”, sagt Kitsune, Maciejs Tulpa mit den Fuchsohren. „Vielleicht bin ich auch nur eine Illusion, eine Störung in seinem Hirn. Wir werden es nie mit Sicherheit sagen können, deshalb müssen wir einfach daran glauben.”

Tulpae fungieren als Vermittler zwischen ihren Hosts und deren unterbewusstem Potential. Die Hosts behaupten, ihre Schöpfungen könnten jede verborgene Erinnerung ans Tageslicht holen, Traumata heilen, chronische Schmerzen lindern, ihnen beim Lernen helfen oder einfach nur Gesellschaft leisten.

„Die Zufriedenheit von Tulpamancern wurde mithilfe von unterschiedlichen qualitativen Interview-Verfahren gemessen”, schreibt Veissière. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ihre Erfahrungen mit den Tulpae einen überaus positiven Einfluss auf ihr Glücksempfinden im Allgemeinen haben.”

Den meisten genügt einfach die Gesellschaft. „Ich habe mir aus dem gleichen Grund eine Tulpa erschaffen, aus dem man sonst auch Freundschaften schließt”, sagt Ele. „Um jemanden zu haben, der alles über dich weiß und dich trotzdem liebt. Jemanden, der nicht nur die Fassade kennt, sondern auch dein Innenleben.”

Für die, die einmal selbst in die Tiefen des Geistes abtauchen wollen, gibt es Anleitungen zum Erschaffen von Tulpae, dem sogenannten Forcen. Ein Tulpamancer muss zunächst eine imaginäre Welt, ein sogenanntes Wonderland erschaffen, in dem er mit seinen Tulpae interagieren kann. „Mein Wonderland ist ein kleiner Wald”, sagt Ele. „Ich stelle mir vor, wie ich da mit meinen Tulpae Zeit verbringe. Wir reden, wir gehen auf Entdeckungstour—so ziemlich dasselbe, was man auch mit Freunden im richtigen Leben machen würde.”

Eine Zeichnung vom Gehirn eines Tulpamancers, die zeigen soll, wo sie ihre Tulpae wahrnehmen.

Nachdem sie ihre Tulpae zum ersten Mal im Wonderland getroffen haben, spüren die Hosts ein seltsames Drücken in Teilen ihres Kopfes. So fangen die Tulpae an, zu kommunizieren. Im weiteren Verlauf des Forcens wird die Stimme der Tulpa immer klarer. Schließlich kann ein Tulpamancer seine Tulpa Wirklichkeit werden lassen, indem er eine realistische Halluzination erschafft. In einer der Anleitungen wird die Zeit, bis das gelingt, auf 200 bis 500 Stunden geschätzt.

Zwar verständigen sich die meisten Tulpae über Sprache mit ihren Hosts. Allerdings können Tulpamancer auch lernen, das Fell ihrer Tulpae zu streicheln, deren Atem im Nacken zu spüren und sogar sexuell aktiv zu werden. 

Tulpae werden schnell neugierig auf den Körper ihres Hosts. Manche wollen wissen, wie sich Fleischlichkeit anfühlt. Nachgiebige Hosts greifen dann zu einer Praktik, die Switching genannt wird. Sie lassen es zu, dass ihre Tulpae die Kontrolle über ihren Körper übernehmen, während sie selbst an der Grenze des Unbewussten zusehen. Manchen klingt das aber schon zu sehr nach Schizophrenie oder einer dissoziativen Identitätsstörung.  

Nicht im Entferntesten, sagen Tulpamancer. In 99 Prozent der Fälle können die Hosts jederzeit zurückswitchen. Veissière schrieb in einer E-Mail, dass das Phänomen radikale Auswirkungen auf die Behandlung von Schizophrenie und anderen Psychosen haben könne. In einer Zeit, in der Pharmakonzerne immer mehr an Macht gewinnen und Wahnsinn vermarktet werde, stelle die „Tulpa-Therapie” eine kostenlose Alternative dar, die weder die Einweisung in eine psychiatrische Klinik noch soziale Isolation mit sich bringe. 

„Shira”, gezeichnet von Daia Le.

Einige Tulpamancer nutzen diese Praktik schon zur Selbsttherapie. Sam aus Maryland: „Seit über zehn Jahren leide ich an Depressionen und habe Selbstmordgedanken. Meine Tulpa hat versucht, meine Ängste anzugreifen und hat sogar Besitz von meiner Hand ergriffen, damit ich mich nicht mit einem Messer verletze.”

Aber was passiert mit dem einen Prozent, bei dem das Switching aus der Bahn läuft? Nehmen wir einmal Koomer und Oguigi. Koomer ist ein Tulpamancer, der seinen Versuch, seine Tulpa dauerhaft die Kontrolle über seinen Körper übernehmen zu lassen, schriftlich festgehalten hat. Schlussendlich hat er einen Zusammenbruch erlitten.

Anfang der Jahres schrieb Koomer in seinem Blog: „Was passiert ist, war nicht Oguigis Schuld. Es ist das Ergebnis eines ganzen Jahres idiotischen Verhaltens und meiner Fixierung, auf Dauer zu switchen. Versucht bloß nicht, eure Tulpae übernehmen zu lassen. Nicht, weil sie euch schaden würden, sondern weil andere Dinge euch schaden werden, wenn ihr euch bis zu diesem Grad öffnet. Ich hab’s versucht und habe fast den Verstand verloren.”

Fälle wie die von Koomer sind selten. Für Veissière „kann Schizophrenie als eine Form ‘unfreiwilliger Tulpae’ verstanden werden, die uns handlungsunfähig machen. Wenn daher jemand eine positive Beziehung zu seinen Symptomen aufbaut, kann er dadurch wieder gesund werden. Diese Idee wird auch von der Hearing Voices-Bewegung befürwortet, die die in der Psychiatrie gültigen Vorstellungen von Schizophrenie infrage stellt und nahelegt, dass eine Pathologisierung die Symptome nur verschlimmert.”

„Meine Schizophrenie manifestiert sich durch widersprüchliche Gedanken und Ideen, die mich alle anschreien”, sagt Logan, der seinen Nachnamen nicht nennen wollte. „Indem ich Tulpae aus ihnen machte, konnte ich diesen Gedanken ein Gesicht geben und sie so ordnen.”

Eine Zeichnung von Siouxie, einer Tulpa von Host Kelson.

Sex mit Tulpae ist in der Community ein kontroverses Thema. „Stellt euch doch mal vor, wie sie sich fühlen würden, wenn sie wüssten, dass sie nur als Sexspielzeug erschaffen wurden”, schreibt Linkzelda, der anonyme Autor einer Anleitung zum Erschaffen von Tulpae. Ob Sex aber allgemein ein Teil der Beziehung ist, steht auf einem anderen Blatt. „Ja, wir haben Sex”, sagt Scoots, eine der My Little Pony-artigen Tulpae von Host Nick. „Jede von uns hatte schon mal Sex mit unserem Host.”

Siouxsie, eine Tulpa von Host Kelson, der seine Identität nicht preisgeben wollte, sagte mir: „Ja klar treiben wir es. Du willst sicher wissen, wie das funktioniert. Na ja, es ist, wie sich einen runterzuholen. Nur, dass du dich von der Wirklichkeit löst und im Wonderland abgehst.”

Bei all ihrer Vorliebe dafür, imaginäre Ponys und komische Katzenwesen zu knallen, haben Tulpamancer einen großartigen Sinn für Humor. Sie haben den Subreddit r/TulpasGoneWild geschaffen, in dem User Fotos ihrer Eroberungen hochladen können — bloß, dass niemand sie sehen kann. Was wir also sehen, ist eine Pinnwand voller Fotos von leeren Betten und Zimmern.

„[F]ucked in public”, gepostet auf r/TulpasGoneWild.

Tausende junger Männer haben sich der Tulpa-Community angeschlossen und angefangen, ihre Fantasien auszuleben. Sie bevölkern ihre privaten Wonderlands mit sprechenden Ponys, mit denen sie vielleicht auch Sex haben. Mal ehrlich, sind unsere Großväter dafür in den Krieg gezogen?

Durch einen Schachzug, der Terence McKenna stolz machen würde, gelingt es der dominierenden Kultur, die jungen Männer in geschlechtsuneindeutige Subkulturen zu zwingen. „Tulpa-Fans beziehen weniger aus der realen Welt, als aus Gedanken und Ideen ihre Kraft”, sagt Ele. „Mädchen werden in so einem Verhalten bestärkt, bei Jungs wird es aber nicht gern gesehen. So etwas kann dazu führen, dass sich jemand einen Freund wünscht, der ihn nicht verurteilt.”

„Unter Tulpamancern ist das Verhältnis von Männern zu Frauen ungefähr 75/25 (männlich/weiblich)”, schreibt Veissière. „Allerdings haben bis zu 10 Prozent keine klar definierte Geschlechterzugehörigkeit und können über ihre menschenähnlichen Tulpae auf kreative Weise geschlechtliche und ethnische Variationen ausprobieren.”

So wie die Bronie-Bewegung vor ihnen haben auch die Tulpamancer eigene Vorstellungen von Geschlechterzugehörigkeit. „Ich denke, die Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht mehr zeitgemäß”, findet Nick. „Die Normen und Grenzen, die über die Zeit geschaffen wurden, um Menschen davon abzuhalten zu tun, was sie wollen, scheinen ja glücklicherweise langsam der Vergangenheit anzugehören.”

Das hier ist mein erster Artikel, in dem ein imaginäres Wesen zu Wort kommt. Es kam mir zunächst seltsam vor. Aber wenn ich mich richtig an William James erinnere, muss eine Weltanschauung schließlich nicht überprüfbar sein, um bedeutsam zu sein.

Was am Phänomen der Tulpae bedeutsam ist, ist dass es die Dialektik unserer Zeit veranschaulicht: das Zusammentreffen einer begeisterungsfähigen und lauten Internetkultur mit der langsamen und stillen Welt der Phantasie. Diese Verbindung zieht Menschen an, die einst marginalisiert wurden und jetzt Gemeinschaften aufbauen.

In Wrocław ist Maciej gerade mit Kitsune in seinem Wonderland. Sie ist jetzt über einen Monat alt. „Wir teilen die Vorstellung von Seelen nicht”, schrieb mir Kitsune über eine E-Mail von Maciej. „Es ist bloß eine Illusion, die unser Geist schafft. Maciej und ich wurden aus einem Haufen Neuronen geschaffen. Wir leben zusammen und wir sterben zusammen.”