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YouTube hilft jungen Menschen dabei, zu ihrer sexuellen Identität zu stehen

Auf YouTube geht es nur um Make-up und Videospiele? Falsch. Immer mehr YouTuber wie Melina Sophie sprechen offen über ihr Coming-Out – und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz von LGBTQ.

von Jessica Bateman
06 April 2017, 9:01am

Photo by Guille Faingold via Stocksy

In dem verwackelten Video seines Vaters sieht man, wie Jacob Rudolph auf die Bühne kommt, um den Preis als bester Schauspieler seiner Schule entgegenzunehmen. "Mein Leben ist ein einziges großes Schauspiel", sagt er. "Denn ich spiele jeden Tag den heterosexuellen Jacob, obwohl ich in Wirklichkeit ein queerer Teenager bin."

Das Video dauert nur eine Minute und 52 Sekunden, wird aber von tausenden Menschen angeklickt, nachdem es Jacobs Vater Jonathan Anfang 2013 ins Netz hochlädt. Der Clip ist eines der ersten Coming-out-Videos, das über YouTube zum viralen Hit wurde. Mittlerweile findet man unter dem Suchbegriff mehr als 50 Millionen Ergebnisse – auch in Deutschland. Das Coming-out der deutschen YouTuberin Melina Sophie hat über fünf Millionen Views und auch die Videos von YouTubern wie manniac oder Michael Buchinger, die im Netz offen über ihre Sexualität und ihr Coming-out sprechen, wurden von tausenden Menschen gesehen. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr.

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"Der Grund, weshalb die Videos so beliebt sind, liegt daran, dass junge Menschen auf der Suche nach Informationen und Unterstützung sind, die sie sonst nirgendwo finden", sagt Professor Ed Rosenberg, Direktor des Instituts für Soziologie an der Appalachian State University in North Carolina. Personen, die sich öffentlich im Internet outen, seien ein Vorbild für all jene Menschen da draußen, die sich selbst noch nicht trauen. "YouTube bietet vielen jungen Menschen die Möglichkeit, in einer sicheren Umgebung über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen. Schulen oder das familiäre Umfeld können ihnen das nicht immer bieten."

Jacob Rudolph erzählt mir, dass sein Vater das Video mit einer Botschaft ins Netz gestellt hat: Er wollte andere Eltern dazu ermutigen, ihre Kinder zu unterstützen. "Ich glaube, als das Video viral ging, war er noch aufgeregter als ich", lacht er. "Ich dachte mir damals, dass es jungen Menschen, denen es genauso geht wie mir, helfen könnte, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie sind. Nachdem wir das Video dann ins Netz gestellt haben, bekamen wir hunderte Nachrichten, die unsere Vermutung bestätigt haben." Mittlerweile hat es über 2,1 Millionen Views.

Die allerersten Coming-out-Videos sehen so aus, dass jemand in einem Take in die Kamera spricht. Die meisten von ihnen erzählen, wie sie sich ihrer Familie und ihren Freunden anvertraut haben. Shereen Jenkins, 21, war 15 Jahre alt, als sie ein Video über ihr Coming-out drehte. "Ich hatte damals ziemlich viele Follower auf Tumblr und einer von ihnen fragte mich anonym, wie ich mich vor meiner Familie geoutet habe", erinnert sie sich.

"Ich hatte zuvor noch kein vergleichbares Video gesehen und dachte mir, dass es mit Sicherheit vielen Menschen helfen würde. Nicht nur der Person, die mir geschrieben hat, sondern auch vielen anderen." Schon nach kurzer Zeit hatte das Video mehr als 100.000 Views – und somit bedeutend mehr als alles, was sie davor gedreht hatte. "Ich wurde fast zu so einer Art Therapeut", erzählt Shereen. "Ich wurde immer wieder um Rat gefragt und werde auch heute noch oft angeschrieben."

Dass sich die Videos im Netz wie ein Lauffeuer verbreiten, zeigt auch, wie viele junge Menschen vor ihrem Coming-out auf der Suche nach Hilfe sind, die sie in ihrem direkten Umfeld und in den meisten anderen Medien nicht finden. Mit der Zeit wurde das Genre immer größer und immer mehr YouTuber begannen, Kameras aufzustellen, wenn sie sich vor ihrer Familie outeten – sei es persönlich oder am Telefon. Eines der bekanntesten Videos stammt von den beiden US-Vloggern Rhodes Bros, die sich dabei filmten, wie sie sich telefonisch vor ihrem Vater outeten. Das Video ist sehr emotional und hat mittlerweile mehr als 23 Millionen Views. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Reaktionsvideos, die davon inspiriert wurden.

"Homosexuelle Menschen, die Angst davor haben, sich zu outen, sehen sich diese Videos an und bekommen neuen Mut", ist Adam Monastero überzeugt. Der 23-Jährige hat 2014 ein Video veröffentlicht, in dem sein Zwillingsbruder Luke und er sich vor ihren Eltern outen. Über 3,5 Millionen Mal wurde es bis heute aufgerufen. Er glaubt, dass es gerade die Offenheit in den Clips ist, die sie so beliebt machen. "Man macht sich sehr verwundbar, wenn man zeigt, wer man wirklich ist und stolz darauf ist."

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Luke erinnert sich, dass seinem Bruder und ihm immer wieder eine ungläubige Frage gestellt wurde: "Was sagen eure Eltern dazu, dass sie zwei schwule Zwillinge haben?" Dabei hatten sich die beiden YouTuber mit diesem Gespräch bewusst Zeit gelassen. "Wir haben ihnen damals noch gar nichts davon erzählt. Wir hatten uns gerade mal vor unseren Freunden geoutet. Letztendlich haben wir dann aber beschlossen, es ihnen zu sagen. Wir wollten nicht, dass sie es aus dem Netz erfahren."

Sie stellten eine versteckte Kamera in der Küche auf und warteten, bis ihre Eltern vom Einkaufen nach Hause kamen. "Wir waren so nervös und haben bestimmt zehn Minuten lang gezögert, es ihnen zu sagen. Das haben wir aber rausgeschnitten", erzählt Adam. "Unsere Eltern haben sehr positiv reagiert. Als wir ihnen später gesagt haben, dass wir das Video online stellen wollen, meinten sie nur: 'Macht das. Wir sind stolz auf euch.'"

Das Video wurde zu einem viralen Hit, nachdem es von einigen LGBTQ-Webseiten aufgegriffen wurde. Die Followerzahl der Zwillinge machte innerhalb eines Monats einen Sprung von 1.000 auf 20.000 Abonnenten. "Wir haben unzählige Kommentaren von anderen homosexuellen Männern bekommen, die unser Video sehr inspirierend fanden", sagt Luke. "Wir bekamen sogar Nachrichten von Mitschülern, mit denen wir uns eigentlich noch nie zuvor unterhalten hatten. Die meinten auch alle, wie unglaublich mutig sie uns fänden."

Die Monastero-Zwillinge beim Coming-out vor ihren Eltern. Screenshot von YouTube aus dem Video "Twins Coming Out to Parents Live" von TheMonasteroTwins

Weniger weit verbreitet sind hingegen Videos von Menschen, die sich als transgender oder nicht-binär outen. "Ich habe zuvor schon einige Videos von Menschen gesehen, die sich als schwul oder lesbisch geoutet haben. Allerdings habe ich noch kein Coming-out von einem transsexuellen Menschen gesehen", sagt Chandler Wilson, 18. Das Video, in dem xier [ein geschlechtsneutrales Personalpronomen, ähnlich they/theirs im Englischen]sich vor seiner Mutter als nicht-binär outet, hat mittlerweile mehr als 1,8 Millionen Views. "Das Coming-out-Video [der transsexuellen Beauty-Vloggerin] Gigi Gorgeous war das einzige, an dem ich mich orientieren konnte."

Genau wie Shereen und die Monastero-Zwillinge wurde auch Wilson von anderen Nutzern dazu ermutigt, sich öffentlich zu xies sexuellen Identität zu bekennen. "Ich habe in einem Video erklärt, was es bedeutet, nicht-binär zu sein. Kurz darauf kamen alle möglichen Menschen auf mich zu und fragten, wie mein Coming-out war. Bis dahin hatte ich mich aber noch gar nicht geoutet", erklärt Chandler. "Meine Schwester hat meinen Eltern mit 16 Jahren gesagt, dass sie transsexuell ist. Ich war damals 12 und die Reaktion meiner Eltern fiel nicht besonders positiv aus. Als ich schließlich feststellte, dass ich selbst nicht-binär bin, war ich der festen Überzeugung, dass ich meinen Eltern ganz sicher niemals davon erzählen würde. Ich dachte, dass es genauso schlimm werden würde wie bei meiner Schwester."

Dass Chandler sich doch zu diesem Schritt entschlossen hat, liegt auch an der YouTube-Community. "Als ich mich mit all diesen Menschen im Netz unterhalten habe, die meine Identität unterstützen, beschloss ich, den Schritt zu wagen und anderen zu zeigen, wie man sich als nicht-binärer Mensch vor seinen Eltern outen kann. Meine Mutter war etwas aufgeschlossener und toleranter gegenüber meiner Schwester und der Verwendung von geschlechtsneutralen Pronomen, deswegen beschloss ich, zuerst mit ihr zu sprechen. Mein Vater war zu der Zeit gerade nicht zu Hause."

In dem Video sieht man, dass Wilson sichtbar nervös ist, während xier xies Mutter von einem Traum erzählt, in dem der Vater versuchte, xier umzubringen, weil xier transsexuell ist. "Ich hatte Angst, das Video ins Netz zu stellen, weil ich noch nicht so lange auf YouTube aktiv war und keine persönliche Beziehung zu meinen Followern hatte. Ich wollte die Aufnahme aber auch nicht schneiden, weil es so authentisch wie möglich sein sollte."

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Chandler sagt, dass die positive Reaktion xies Mutter und der Online-Community xier dabei unterstützt haben, xies Identität anzunehmen. "Ich hatte lange Zeit über das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden", erklärt Wilson. "Wie bei vielen anderen Coming-out-Videos habe ich auch bei meinem eigenen festgestellt, dass wir alle das Gefühl haben, uns andauernd beweisen zu müssen. Wir sind andauernd gezwungen zu zeigen, wer wir sind und unsere Identität zu bestätigen. Wir sind so sehr damit beschäftigt, Geschichten und Erklärungen zu finden, dass wir komplett vergessen, dass wir auch einfach sagen könnten: 'Hey, ich bin trans und so ist es eben.'"

Letztendlich bieten die Videos jungen LGBTQ sehr viel mehr als nur eine Orientierung. YouTube stellt vielen Teenagern einen sicheren und positiven Rahmen, der ihnen die Möglichkeit bietet, ihre Sexualität und ihre geschlechtliche Identität zu erforschen und zu hinterfragen. "LGBTQ wird in den meisten Medien noch immer nicht als so normal dargestellt, wie es eigentlich sein sollte", sagt Wilson. "Dafür bieten uns die Plattform und die bekannten YouTuber die Möglichkeit, unseren Identitäten mehr Sichtbarkeit zu verleihen."


Foto: Pixabay | Pexels | CC0