War Falco ein Arschloch?
Foto: CC0 Public Domain | Collage via VICE Media
Popkultur

War Falco ein Arschloch?

Österreichs größter (und einzig echter) Popstar rühmte sich stets mit Arroganz und Überheblichkeit. Verdient so jemand unsere posthume Verehrung überhaupt?

Ein Punker, ein Superstar, ein Virtuose, ein Rockidol, der Grund, warum "exaltiert" in unserem Wortschatz besteht, der einzige Künstler, der es jemals mit einem deutschsprachigen Song an die Spitze der amerikanischen Charts geschafft hat, ein Nationalheiliger, ein Genie, ein Poet, eine Ikone, die Blaupause für die Wandabücher dieser Welt, quasi die österreichische Version von Lady Di – Falco war so viel und noch viel mehr. Vielleicht war Falco aber auch nur ein egoistisches Arschloch. Lasst mich ausreden!

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2018 ist es bereits 20 Jahre her, dass Johann "Hans" Hölzel im Alter von 40 Jahren bei einem tragischen Autounfall in der Dominikanischen Republik ums Leben kam. In der Zeit rund um seinen Todestag wird man dieses Jahr also verstärkt von ORF-Themenabenden, Gedenkgottesdiensten im Stephansdom, nostalgischen Fotostrecken und 20-stündigen Radiosendungen erschlagen.

Und irgendwie scheint diese Huldigung auch vollkommen gerechtfertigt – Falcos musikalisches Vermächtnis sind die wahrscheinlich großartigsten Popsongs, die dieses Land jemals gesehen hat. Aber wollen wir wirklich eine Kunstfigur glorifizieren, die in ihrem Kern einfach nur ein mieser Typ war?

Falco vereinte Eigenschaften auf sich, die objektiv betrachtet nicht gerade als erstrebenswert gelten: Arroganz, Überheblichkeit, Narzissmus, Egoismus, Machismus, Chauvinismus. (Böse Zungen würden vielleicht sagen, er trifft damit genau den Zeitgeist von 2018 und war einfach nur seiner Zeit voraus.)

1992 tritt er in der NDR Talk Show auf und muss sich dabei einige zugegeben schnippisch formulierte Fragen anhören. Fans kritisieren den Interview-Stil des Moderatoren-Paars, bewundern Falco für seine vermeintliche Contenance. Er nennt die Moderatorin aber "Schatzi", bietet ihr auf ihren Einspruch hin an, sie stattdessen "Mausi" zu rufen und kommentiert im Gespräch mit ihr zuallererst ihre schwarzrote Kleidung, die sie aussehen lasse "wie ein Teufelchen".

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Wisst ihr noch, als dieser eine Big Brother-Bewohner plötzlich eine eigene CD aufnehmen durfte und alle fanden, dass "Es ist geil ein Arschloch zu sein" irgendwie sehr nach einem Falco-Song klingt? Inhaltlich erinnerte es jedenfalls stark an "Egoist". So widerlich die Message des Songs war, so viel Erfolg hatte sie aber auch. Aus irgendeinem Grund scheinen wir Sängern einen miesen Charakter nicht nur zu verzeihen; wir feiern sie für ihre Arschlochhaftigkeit auch noch. Aber warum wird schäbiges Verhalten (und bewusstes Prahlen damit) als etwas Gutes angesehen?

Eine Erklärung dafür könnte der vermeintliche Zusammenhang zwischen Genie und Niedertracht sein – viele einflussreiche und erfolgreiche Persönlichkeiten waren oder sind bekanntermaßen Arschlöcher. T. S. Eliot galt als Antisemit, Picasso war ein sadistischer Tyrann und Harvey … ihr merkt schon, wo das hingeht. Im Allgemeinen scheint die Annahme zu herrschen, Arschlochsein bringe einen im Leben weiter.

Die gute Nachricht: Es besteht zumindest neurowissenschaftlich kein Zusammenhang zwischen Genie und Arschlochhaftigkeit. Und nein, es gibt leider kein anderes Wort dafür. Die schlechte Nachricht: Arschloch-Genies merkt man sich irgendwie leichter. Weil sie Arschlöcher sind.

Also: War Falco ein Arschloch? Ja, und was für eines! War er aber auch ein Virtuose und ein Rockidol? Ja und ja! Falco war all das. Vieles davon darf meinetwegen gerne in einem mehrtägigen Falco-Festival auf er Donauinsel enden, wo alle Bands nur Falco-Songs spielen, verkleidet als Falco. Aber die Sache ist die: Wir sollten Falco nicht wegen, sondern trotz seines Arschloch-Wesens verehren. Ein mieser Charakter ist keine Tugend. Und ein Arschloch zu sein ist nicht geil. Seht nur, wohin es den Typen aus Big Brother gebracht hat.

Franz auf Twitter: @FranzLicht

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