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Gesundheit

Diese Menschen spüren deinen Schmerz in ihrem Körper

Menschen mit dieser seltenen neurologischen Verfassung sind nicht einfach nur sehr empathisch für Empfindungen von Anderen – sie spüren sie, als wären sie ihre eigenen.

von Layla Haidrani
12 Oktober 2017, 7:32am

Foto: Science Photo Library | imago

"Als ich sah, wie mein Welpe sich ihr Bein brach, spürte ich einen stechenden Schmerz an meinen Armen und Beinen", sagt C.C. Hart. Ihre Reaktion auf die Verletzung eines Tieres mag dir vielleicht etwas extrem erscheinen – für die 52-jährige Massagetherapeutin aus San Francisco sind solche Empfindungen jedoch Alltag.

Sie gehört zu einer kleinen Gruppe von Menschen, die von der sogenannten Mirror-Touch Synästhesie (MTS) betroffen sind, der sensorischen Nachempfindung von beobachteten Berührungen. Manchen Betroffenen kann der Anblick von Gewalt – oder sogar Sex – das Gefühl geben, als würden sie das Beobachtete am eigenen Leib erfahren.

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Von den klassischeren Formen der Synästhesie, wie der Wort-Farb-Synästhesie oder der Musik-Farb-Synästhesie, dürftest du schon mal gehört haben. Die MTS oder Berührungs-Synästhesie spielt aber dann doch in einer ganz anderen Liga. Menschen mit dieser äußerst seltenen neurologischen Verfassung können die gleichen Empfindungen fühlen wie die Menschen, die sie beobachten – sei es auf dem Bildschirm oder im Alltag.

Wenn Hart Serien wie Game of Thrones oder Kriegsfilme schaut, kann sie den Schmerz der anderen ganz real bei sich fühlen: "Die Folter, das Verstümmeln und Töten lassen mich hyperventilieren. Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie Menschen aufgeschlitzt und niedergeknüppelt werden. Komödien kann ich auch nicht wirklich gucken, weil es da einen Hang zu 'Verletzungs-Witzen' gibt – Menschen, die sich dumm anstellen und sich mit dem Fahrrad auf die Nase legen oder so. Das ist für mich überhaupt nicht witzig. Es tut mir weh."


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Auch wenn es keine offiziellen Zahlen dazu gibt, wie viele Menschen tatsächlich von MTS betroffen sind, schätzt Dr. Jared Median vom Fachbereich Psychologie und Gehirnforschung an der Universität Delaware, dass etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Die Zahl könne sogar noch höher sein, da nur selten eine formale Diagnose für MTS gestellt wird.

Spiegelneuronen im Gehirn – die aktiv werden, wenn Menschen das Verhalten anderer beobachten – sind wahrscheinlich die Ursache dieses Zustands. Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass MTS-Betroffene über überdurchschnittlich viele dieser Spiegelneuronen verfügen.

C.C. Hart ist eine Massagetherapeutin mit Berührungs-Synästhesie | Foto mit freundlicher Genehmigung der Abgebildeten

Es wundert kaum, dass viele Menschen diesen Zustand mit extremer Empathie in Verbindung bringen. Wenn Hart zum Beispiel eine Freundin schluchzend vor- und zurückschaukeln sieht, fühlt sie, wie sich ihr eigener Körper in Bewegung setzt und die Bewegungen imitiert. Sie erinnert sich, wie "elektrische Blitze" durch ihre Beine, Rücken und Arme schossen, als eine Freundin sich ihre Hand am Herd verbrannte.

Bei der 43-Jährigen Nicola kann die Synästhesie viele unterschiedliche Formen annehmen: "Wenn ich sehe, wie sich eine Person verletzt, spüre ich einen stechenden Schmerz an der gleichen Stelle. Und wenn jemand erkältet ist, fühlt es sich an, als hätte ich in meiner Nase und meinem Mund kleine beißende Insekten. Ich kann aber auch fühlen, wenn Menschen etwas streicheln oder halten. Wenn du eine kalte Banane in deiner Hand hältst, fühle ich sie, auch wenn meine Hand leer ist. Deswegen schaue ich auch keine Pornos."

Die Filmdozentin aus South Wales, die aus Gründen der Privatsphäre ihren Nachnamen nicht nennen wollte, erzählt, dass sie wegen dieser besonderen Eigenschaft einige Vorkehrungen in ihrem Alltag treffen muss. "Damit ich nicht überfordert bin, muss ich über Orte recherchieren, bevor ich dorthin gehe, und Filme, bevor ich sie sehe. In Menschenmassen ist zu viel los und auf Partys, bei denen Menschen essen und Getränke halten, kann es mir auch schnell zu viel werden. Tendenziell vermeide ich solche Situationen also lieber."

Hart geht es ähnlich, das Ballett besucht sie allerdings gerne. "Es fühlt sich an, als würde ich gleichzeitig Sport machen." Auch auf solche Aufführungen kann die Berührungs-Synästhesie anspringen. "Ich spanne mich an und ziehe meine Muskeln zusammen, als würde ich selbst auf dieser Bühne tanzen", erklärt sie. "Wenn ich nicht aufpasse, trete ich versehentlich gegen den Sitz vor mir. Deswegen versuche ich immer, in der ersten Reihe zu sitzen. Ich störe andere Menschen nicht gerne mit meinen unabsichtlichen Bewegungen."

Da es sich um einen psychischen und physischen Extremzustand handelt, ist es nicht unüblich für Berührungs-Synästhetiker mit Menschen aneinander zu geraten, die generell die Existenz ihren Zustands anzweifeln oder herausfordern. Nicola klagt: "Es kann sehr ermüdend sein, Leuten das zu erklären." Es gäbe immer wieder Menschen, die es lustig fänden, eine mit irgendwas zu überraschen. "Die machen dann extra etwas Bescheuertes, damit du es fühlst."

Da die Mehrheit der MTS-Betroffenen, mit denen ich gesprochen habe, weiblich ist, habe ich den Neurologen Dr. Joel Salinas gefragt, warum anscheinend mehr Frauen von dieser Form der Synästhesie betroffen sind. Doktor Salinas hat selbst MTS. Der Autor von Mirror Touch sagt: "MTS scheint recht gleichmäßig auf Männer und Frauen verteilt zu sein." Allerdings vertritt er die Hypothese, dass Frauen ihre Berührungs-Synästhesie häufiger und freiwilliger mit anderen Menschen teilen und über ihre Erfahrungen sprechen als Männer – und deswegen mehr Fälle von Frauen im Privaten besprochen werden.

"Es hat mich gelehrt, nicht bloß zu überlegen, wie es wohl in den Fußstapfen von jemand anderem ist, sondern mich wortwörtlich darin zu fühlen."

Salinas betont auch, dass MTS keine Krankheit ist. "Treffender würde man es als neurologisches Phänomen oder eine Wahrnehmungseigenschaft beschreiben." Aber warum entwickeln manche Menschen diese besondere Fähigkeit? Salinas führ das auf genetische Faktoren zurück: "Wenn du Synästhesie hast, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es zumindest ein weiteres Familienmitglied mit Synästhesie gibt. MTS ist außerdem wesentlich häufiger unter Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung verbreitet als in der allgemeinen Bevölkerung." Salinas weist auch auf den Willen von Menschen hin, sich auf diese Erfahrungen einzulassen, sowie die Fähigkeit des Gehirns, diese Erfahrungen als bedeutsam einzuordnen.

Wenn man bedenkt, dass Berührungen einen dermaßen zentralen Bestandteil unseres Lebens darstellen, dann ist es kein Wunder, dass diejenigen mit einer Berührungs-Synästhesie sich alleine zu Hause zurückziehen. Auch Hart bestätigt, dass sie alltägliche Interaktionen schnell überfordern können: "Es kann anstrengend sein, ständig mit anderen Menschen zu interagieren, wenn ich ihre Körper so wie meinen fühle."

Nicola sieht das genauso: "Du kannst manchmal an wirklich düstere Orte kommen. Wenn ein Freund Schmerzen hat oder depressiv ist, kann das wie ein Fluch auf dich über gehen. Du spürst seinen Schmerz – körperlich wie emotional."

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Aber trotz der dunklen Abgründe, die sich durch die Berührungs-Synästhesie auftun, heißt das nicht, dass die Wahrnehmungen nur negativ sein müssen. Nicola sagt, dass MTS ihr erlaubt habe, andere Menschen besser zu verstehen und die Welt aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen: "Bei all den furchtbaren Schmerzen gibt es auch schöne Gefühle wie das Streicheln von Haaren, einen Kuss auf's Gesicht und Händchenhalten."

Hart führt sogar ihren beruflichen Erfolg als Massagetherapeutin auf ihre besondere Fähigkeit zurück: "Es fühlt sich an, als wäre ich diejenige, die massiert wird. Ich fühle mich warm und etwas kitzelig, beinahe als würde meine Haut leuchten. Meine angenehmen Erfahrungen mit MTS haben zu der Langlebigkeit meiner Karriere beigetragen, sowie zu meiner Fähigkeit, Vollzeit in einem körperlich so fordernden Bereich zu arbeiten."

Obwohl der Neurologe Salinas einräumt, dass die Berührungs-Synästhesie ihn anfälliger dafür macht, reflexhaft die dunkelsten Gefühle anderer wie seine eigenen zu empfinden, würde er mit niemandem auf der Welt tauschen wollen. "Es hat mich gelehrt, nicht bloß zu überlegen, wie es wohl in den Fußstapfen von jemand anderem ist, sondern mich wortwörtlich hinein zu versetzen", sagt er. "Und dieses Empfinden habe ich in Barmherzigkeit, Güte und Hoffnung verwandelt."

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