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Ich habe einen Tag lang 'Radio Stephansdom' gehört und meine Gedanken niedergeschrieben

'Radio Stephansdom' ist die substanzlose Flucht, die jeder irgendwann braucht. Aber nur für ein paar Stunden.

von Fredi Ferkova und Fredi Ferkova und Stefanie Katzinger
25 Januar 2018, 11:59am

Foto von Samantha Tobisch.

Ach, welch' ungebildeter Dolm ich doch sein muss, mir Radio Stephansdom nie bewusst zu Gemüte geführt zu haben! Ich kannte Radio Stephansdom zwar schon von den Autofahrten mit meinem Vater, aber wie so oft: Aus dem Gehör, aus dem Sinn. Nach dem Feiern höre ich manchmal eine random Spotify-Playlist mit dem Schlagwort “Klassik“ (eine ähnlich deepe und prätentiöse Beziehung habe ich auch zu Jazz) und ich stehe auf das Chef’s Table-Intro: Ein sehr bekanntes Stück von Vivaldi, dessen berühmten Songtitel ich immer wieder vergesse.

Folgende Eigenschaften machen vielleicht sogar zu einer guten Radio Stephansdom-Hörerin: Ich komme mir nach dem Hören drei klassischer Lieder extrem gebildet vor und ich bezeichne Klassik als "beflügelnd". Außerdem kann ich gut so tun, als wären die äußerst gemäßigten, ruhigen und monotonen Gespräche erleuchtend, was sie wahrscheinlich auch sind. So wie Uni-Vorträge. Es konzentriert sich trotzdem nur ein Bruchteil der Zuhörer darauf. Und ich bin gerade traurig, wütend und sonst auch emotionalisiert, was wohl der perfekte Zustand zum Hören klassischer Musik ist (ihr wisst schon, wegen dem ganzen Drama).

Vormittag

10:00 Uhr: Ich bin unschlüssig, ob www.radioklassik.at auch wirklich Radio Stephansdom ist. Meine Kollegen wissen auch nicht genau, ob das jetzt Radio Stephansdom ist, weil niemand jemals den Namen Radio Klassik Stephansdom gehört hat. Ich google es und Tatsache: Das Radio der Erzdiözese Wien und hat sich im Juni 2015 umbenannt.

10:05 Uhr: Ich klicke auf den Reiter "Live-Stream". Dann klicke ich auf den schwarzen, dicken Satz "Live Stream (128kbit MP3)". Eine schwarze Seite öffnet sich im Tab. Ein einsamer Player ist in der Mitte platziert. Ich klicke auf den Play-Button. Ein imposantes Orchester, eine Liebelei an Instrumenten beginnt in meinem Ohr zu kopulieren. Ich lächle ein bisschen über den Live-Stream, der mich stark an 2005 und die MSN-Zeit erinnert. "kbit MP3" – Ach, ihr lustigen Menschen, mit den angenehmsten Stimmen in ganz Österreich. Aber die Zielgruppe wird wohl nicht regelmäßig im Cyberspace surfen.

10:10 Uhr: Ich merke, dass ich immer wieder auf den ominösen schwarzen Play-Knopf drücken muss, damit ich etwas höre. Ich lächle weiter und freue mich über die Musik, die meine Seele küsst.

10:40 Uhr: Ich bin draufgekommen, dass die Datei ein Lied enthält, welches ich die ganze Zeit restarte. Ich weiß nicht, wie dieser orchestrale Orgasmus heißt, ich weiß nur, dass ich ihn gerade zirka eine halbe Stunde gehört habe. Nochmal: Ich habe eine halbe Stunde einen Track gehört, ohne zu checken, dass es ein Track ist. Sei Dank haben mich meine slawischen Eltern zehn Jahre Klavier spielen lassen.

10:45 Uhr: Ich wollte schon livestream@radioklassik schreiben, aber ich habe – wie ein richtiger Digital Native, der sich regelmäßig mit älteren und nicht so digital-affinen Menschen herumschlägt – einfach runtergescrollt. Schließlich ist das ein ernstzunehmendes Radio, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich erkenne mir in der selben Minute den Digital Native-Status ab, weil das Anhängsel (128kbit MP3) wohl ein kleiner Datei-Hinweis war. LOL.

10:48 Uhr: Ich klicke ganz am Ende der Seite "Radio Stephansdom" an. Ein Pop-Up erscheint und eine männliche Stimme redet sich sanft und sofort in mein Herz. Das folgende Lied ist wohl von einem Spanier, der Moderator spricht das Lied und den Komponisten in lächerlich perfektem Spanisch aus. Ich glaube, ich habe mich in seine Stimme verliebt. Meine Kollegin sagt, ich soll googeln, ob es das richtige Radio ist. Ich google es nicht, weil ich schon zu tief in Radio Klassik Stephansdom und seiner Stimme bin. Seine Stimme fühlt sich wie Zuhause und Liebe an.

Aber könnte ich damit leben, wenn es nicht Radio Stephansdom ist und ich etwas anderes hören müsste?

11:00 Uhr: Ganz großartige Musik wechselt sich mit seiner Stimme ab. Ich muss unweigerlich an die Person hinter dieser Stimme denken. Hat der Mann Kinder? Muss er manchmal seiner Frau Sachen ins Ohr flüstern, weil sie danach giert? Mit seinem Talent wäre es eigentlich ganz einfach möglich, ein Telefonsex-Dienst für Frauen zu eröffnen. Oh Gott, wie gern würde ich diesen Mann jetzt anrufen. Vielleicht ist er auch einfach 20 und gehört zu der Spezies der Henning May-Männer. Also der Typ, der bei AnnenMayKantereit singt und eher aussieht, als würde er gerade mit der Matura fertig sein. No offense, tho. Ich mag Henning May und sein Gesicht.

11:03 Uhr: Es spielt die orchestrale und intelligente Version der James Bond-Titelmusik. Vielleicht ist es auch das Original. Ich weiß es nicht, immer wenn der Moderator spricht, verschwinde ich in meiner Seele. Ich fange an zu googeln, wer er wohl sein könnte. Ich hoffe auf Jan Nikolaus Cerha, glaube es aber nicht ganz. Jan Nikolaus Cerha ist trotzdem meine beste Google-Bilder-Suchanfrage heute.

11:05 Uhr: Eine Frau spricht, ich bin bestürzt und am Boden zerstört. Ich habe mich an den Mann gewöhnt und bin sehr traurig, dass er weg ist. Oh, welch’ Leid mich trifft! Sie hat einen ausländisch klingenden Menschen bei sich, der ein Stück erklärt. Ich glaube, der Dialekt kommt aus meinem Ostblock-Grätzl. Ich muss an den vorherigen Moderatoren denken. Komm zurück, ich brauche dich.

11:10 Uhr: Es spielt jetzt wieder ein extrem bekanntes Orchester-Lied, es gefällt mir. Ich mag es, wenn ich Sachen erkenne. Ich beschließe, dass alle Moderatoren, die für Radio Stephansdom arbeiten, die angenehmsten Stimmen in ganz Österreich haben. Ich stelle mir so die Wirkung von Valium vor. Es ist unmöglich, dass sich diese Stimmen jemals unangenehm anhören – ganz im Gegensatz zu Ö3, Kronehit und ähnlichen Kameraden.

11:14 Uhr: Es war "Claire De Lune" von Debussy. Das Lied von Twilight! Mein Ohr erkennt das zweite Lied in Folge – stellt mir diverse Master-Titel aus. Es fällt der Name Anna Netrebko.

11:20 Uhr: Der Live-Stream geht immer wieder aus. Ich versuche auf Muster zu achten und suche das Wort MP3. Auf der Seite finde ich das Programm. Bald höre ich "Klassik um 12", danach kommt "Klassik um 1", gefolgt von "Klassik am Nachmittag". Das ist auch das Programm für morgen. Und übermorgen. Die Musik gibt mir mehr Kraft gibt als Bey und RiRi zusammen.

11:50 Uhr: ES SPIELT DAS HARRY POTTER-INTRO! Ich halte Radio Stephansdom für die Lösung aller innerstaatlichen Probleme.

12:00 Uhr: Es kommen die Nachrichten, es ist nicht mein Moderator. Die Musik hilft mir, einen klaren Kopf zu bewahren und nimmt mir die Schwere. Sie heilt. Ich liebe Radio Stephansdom. Ich nehme beflügelt die Mittagspause wahr.

Nachmittag

12.50 Uhr: Ich poste auf Facebook "Claire de Lune", um meinem persönlichen Schmerz Ausdruck zu verleihen. Und auch weil es ein toller Track ist.

12:51 Uhr: Ich reagiere auf meinen eigenen Post traurig. Ich muss lachen. Ich denke an den Moderator und ob er wohl heute wiederkommt. Oder jemals. Der Verlust macht mich langsam und unkonzentriert.

13:02 Uhr: Ich bin mir sehr sicher, dass es wieder einen Harry Potter-Track spielt. Ich kann mein Glück kaum fassen.

13:30 Uhr: Mir kommen die Stücke immer wirrer, lauter und schriller vor. Ich muss einsehen, dass nicht jede Klassik automatisch mit der Laune geht. Ich glaube, Radio Stephansdom sucht die Musik je nach Tageszeit aus, deshalb stelle mich auf schlimme Zustände in drei bis vier Stunden ein. Der Moderator ist noch immer nicht da.

14.00 Uhr: Ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich würde jetzt gern dummen und monotonen Trap hören, in dem es um Hustensaft und Bitches geht. Die Musik wird immer imposanter, aber ich bräuchte jetzt etwas Dummes, wie "Me, Myself and I". Ich fange an zu leiden und mir KroneHit herbeizusehnen.


Hanuschplatzflow Teil 1:


14:52 Uhr: Ich erkenne Lieder wieder - es spielt wieder Harry Potter. Und andere Tracks vom Vormittag, glaube ich zumindest. Ich setze einen dramatischen Instagram-Post ab, für den ich mich spätestens nach der Verknüpfung von Instagram und Tinder schämen werde. Ab 16:00 Uhr gibt es "Allegro am Nachmittag" – vielleicht kommt der Moderator wieder. Lichtblick.

16:13 Uhr: Es spielt jetzt ruhige Musik, aber ich bin gerade wütend. Wo ist das Chef's Table-Intro, wenn man es braucht. Ich erkenne die gespielte Musik immer besser – entweder, weil ab irgendwann alles gleich klingt, oder weil es tatsächlich die Musik von einer der Klassik-Sendungen ist. Ich stumpfe seit 13:30 Uhr ab, emotional und musikalisch. Ich fange an, hysterisch über Witze zu lachen, die keine sind. Der Moderator spricht nicht, ich schaue nach, ob ich nicht wieder ein und dasselbe Lied immer wieder höre.

16:15 Uhr: Ich höre nicht ein und dasselbe Lied immer wieder. Erleichterung.

17 Uhr: Oh mein Gott! Radio Stephansdom ist das Kronehit für Klassik. Oder, es kommt mir immer mehr repetitiv vor. Ich achte ab jetzt auf Harry Potter-Musik. Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung ist da. Ich verabschiede mich von der Hoffnung, die Stimme des Moderators zu hören.

17:45 Uhr: Ich freue mich nicht auf dem Heimweg. Es wird schwer, meinen emotionalen Zustand bei diesen Geigen und Gedudel vor Freunden auszubreiten. Jetzt singt eine Frau zu den Streichinstrumenten.

20:00 Uhr: Ich höre jetzt bei meiner besten Freundin den "Opernabend". Das ist furchtbar anstrengend, weil Opern-Gesang einfach wahrlich das Schlimmste ist. Die Sänger wechseln virtuos und laut die Tonleiter. Manchmal lassen sie ihre Stimme und somit auch meine Nerven vibrieren. Klassik ist OK, solange nicht menschliche Stimmen reinpfuschen, finde ich. Ich denke an den Moderator, aber wenn er bis jetzt nichts hat von sich hören lassen, wird er das wohl gar nicht. Vielleicht höre ich ihn nie wieder, vielleicht war er nur ein kleines Fragment in meinem prächtigen Leben – außerdem wer weiß, welch angenehme Stimmen sich zum Beispiel auf Ö1 tummeln. Meiner Trauer und meinem Hass über den Verlust weichen Akzeptanz, Erleichterung und der Vorfreude auf andere Stimmen in anderen Radiosendern.

22:00 Uhr: Wir haben den Operngesang auf die mindeste Lautstärke gedrosselt, ich denke noch manchmal an meinen Moderator. Ich wünsche ihm ein angenehmes Schaffen, aber mich hat leider Radio Stephansdom als Hörer verloren. Ich könnte nicht jeden Tag einschalten, um auf seine Stimme warten – es würde mich nur verrückt machen und ihm geht das am Arsche vorbei. Er hat genug andere Hörer. Und ich genug andere Radiostationen.

23:00 Uhr: Ich will mich in ein Erdloch graben. "Opernabend" geht noch bis 00:00 Uhr. Ich entscheide mich, früher schlafen zu gehen.

Fredi auf Twitter: @schla_wienerin

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