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Antisemitismus

In der Schweiz darf man als Fußball-Fan noch einen verkleideten Juden durch die Stadt jagen

So geschehen bei den Fans vom FC Luzern. Die Schweizer Staatsanwaltschaft hielt es nicht für nötig, Anklage zu erheben.
08 Juli 2015, 8:10am
Foto: fan-fotos.ch

Stell dir vor, du sitzt in deiner Wohnung, hörst draußen Rufe und Geschrei, du schaust aus dem Fenster und was siehst du? Eine Meute von Fußballfans, die einen als Jude verkleideten Mann durch die Stadt jagt, ihn mit einem Stock schlägt und skandiert „Und sie werden fallen, die Juden aus St.Gallen". In Deutschland würde ein kollektiver Schrei durch die Gesellschaft gehen, und es würde Strafen geben, die sich sowas von gepfeffert haben—nicht so in der Schweiz. Dort hält man es nicht für nötig, dagegen juristisch vorzugehen.

Doch von vorne: Am 15. Februar spielte der FC Luzern auswärts gegen den FC St. Gallen. Beim Marsch der Luzerner Fans zur AFG Arena in St. Gallen ließen sie einen als orthodoxen Juden verkleideten Mann mit Schläfenlocken, Hackennase, Bart, Brille, Hut und Anzug vor sich herlaufen. Dazu trug er einen FC St. Gallen-Schal. Auf Höhe eines Trennzauns in Sichtweite zu den St.Gallen-Fans führte der verkleidete Jude einen Tanz auf und wurde von hinten mit einem Stock geschlagen.

Nachdem ein mittlerweile wieder gelöschtes Bild auf einem Fanportal ins Internet gelangte, wurde die ganze Geschichte von der breiten Masse zur Kenntnis genommen. Die Stadtpolizei St.Gallen konnte mit Hilfe von Videoaufnahmen mehrere Beteiligte identifizieren und befragen. Ein weiteres Beweismaterial ist fast schon kurios und zeigt tiefgründigere Motive des verkleideten Fans: Den Beamten lag ein anonymer Brief vor, wo sich der verkleidete Jude ohne einen Namen für seine Tat entschuldigte. Er beharrte darauf, dass er auf keinen Fall die jüdische Glaubensrichtung diskriminieren wollte und die Verkleidung alles Teil der „Fastnachts-Fahrt" nach St.Gallen gewesen ist. Laut Aussage des verkleideten Fans sei der Stock-Schlag allerdings nicht mit ihm abgesprochen.

Die Ermittlungen der Polizei hätten ergeben, dass sich ein Luzerner Fan lediglich als Jude kostümiert habe, um die St.Galler Fans zu provozieren. Die Staatsanwaltschaft entschied nun, dass sie auf die Eröffnung eines Strafverfahrens gegen die Luzerner Fans verzichtet, weil die Grenze zur Strafbarkeit nicht überschritten wurde. Während des grössten Teils des Fanmarsches sei der verkleidete Fan als Anführer und nicht als Getriebener aufgetreten. Sie schreibt dazu, dass gegen die Rassismus-Strafnorm derjenige verstosse, der den Begriff „Jude" so verwende, dass er im ideologischen Sinn ein Klischee als Bestandteil nationalsozialistischer oder faschistischer Ideologie bediene und den Juden die Existenzberechtigung abspreche. Weiter heisst es: „Das war hier nicht der Fall und von den Betroffenen auch nicht beabsichtigt."

Der Staatsanwaltschaft sei aber trotzdem klar, dass die Aktion und der Sprechchor auf Juden verletzend wirken mussten. Die drei Luzerner Fans mussten deshalb die Kosten der polizeilichen Ermittlung von je 300 Franken übernehmen.

Was so klingt wie ein einziger schlechter Scherz, ist bittere Realität und eine klare Ansage. Denn der Begriff „Jude" und seine Darstellung wurde nicht nur bei diesem Vorfall offenkundig als Beleidigung benutzt, sondern ist scheinbar so tief in der schweizerischen Kultur als negatives Attribut verwurzelt, dass die Justiz offenen Antisemtismus nicht erkennt und die Menschen sich darüber nicht mal im Klaren sind. Sie sprechen von einem Fastnachts-Scherz, die schweizerische Justiz von einer Provokation. Alleine die Tatsache, dass eine Provokation erkannt und nicht belangt wurde, zeigt, dass es bis zur schweizerischen Justiz scheinbar absolut normal ist, dass ein „Jude" etwas schlechtes ist und andere Menschen provoziert.

Die beiden Clubs aus der Schweiz pflegen schon länger eine Rivalität, welche ihren Ursprung scheinbar nicht nur im Fußball hat. Nach diversen Aussagen muss entrüstet festgestellt werden, dass den meisten Fans und Beteiligten ihr offener Antisemitismus nicht im Klaren ist. „Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Der FCL ist politisch neutral", sagte ein Fan dem schweizerischen Nachrichtenportal watson. Zwischen den Luzernern und den St. Gallern bestehe eine alte Feindschaft. „Die St. Galler Fans wurden schon immer als Juden bezeichnet", erklärt er weiter. „Die St. Galler nehmen dies teilweise sogar selber auf, indem sie Israel-Flaggen auf Spiele mitnehmen", so der Fan. Juden wollte er damit nicht beleidigen.

Auch der anonyme Brief des verkleideten Juden lässt tief blicken. „Die Rivalität zwischen St.Gallen und Luzern besteht seit Generationen. In Fankreisen aller Vereine gelten St.Galler als Juden, Luzerner gelten als Bauern und Aarauer als weiße Sockenträger." Der latente Antisemitismus ist dem Verfasser kaum klar. „Die Verkleidung sollte auf keinen Fall gegen die Jüdische Glaubensrichtung zielen sondern gegen das Klischee der St.Galler Fanszene", teilte der Verfasser weiter mit.

Wenigstens ist für andere Beteiligte die Sachlage klar. „Hier wird ein Jude zum Feindbild stilisiert, um den Gegner zu beleidigen", sagte Jonathan Kreutner, Generalsekretär des größten jüdischen Dachverbands der Schweiz zu watson. „Ein Jude als Beschimpfung ist weder witzig, noch akzeptabel und hat schon gar nichts mit Fasnacht zu tun", erklärte er weiter. Die beteiligten Fußballvereine distanzierten sich ebenfalls von den Vorfällen. „So etwas hat im Sport nichts zu suchen. Wir haben bereits Kontakt mit den Fanarbeitern aufgenommen", sagte Kommunikationschef Max Fischer sagt zu storyfilter.com: „Das ist rassistisch und diskriminierend", erklärte FCSG-Medienchef Daniel Last.

Die Hoffnung, dass die Vereine ihre Anhänger und somit Teile der Gesellschaft sofort erreichen, stirbt erstmal. Eine perfide Racheaktion der Fans vom FC St.Gallen geht nämlich ebenfalls in eine ähnliche Richtung. Anfang Mai standen sich beide Mannschaften wieder gegenüber und im Block der Fans prangte ein Banner in Richtung der Luzerner Fans. Auf dem Transparent stand „Fussball macht frei". Mal sehen, ob die schweizerische Justiz diese eklige Abwandlung eines Satzes aus Zeit der Nationalsozialisten erkennt.

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