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In Afghanistan bekommen Kinder Haschisch damit sie die Klappe halten

Um ungestört am Webstuhl arbeiten zu können, geben afghanische Mütter ihren Kindern zur Beruhigung seit langer Zeit Haschisch zu essen. Ein Babysitter namens Haschisch. Die Folge ist ein Kreislauf aus Arbeit, Abhängigkeit und Drogenkonsum, den...
23.7.13

Wie das Leben der meisten Frauen in Afganistans Qualizal-Distrikt, lässt sich auch Bebehajas Leben anhand der Fäden eines Webstuhls erzählen. Das Teppichknüpfen ist der Brotwerwerb von Frauen turkmenischer Herkunft, die im jungen Alter von sieben Jahren damit beginnen und nicht aufhören, bis sie 70 oder älter sind. Der Arbeitsablauf ist so linear und straff wie die Schnüre, die sie weben. Sie spulen Garnknäule ab, minuten-, stunden-, tagelang, für Dekaden, um meisterhafte Motive zu erschaffen, während sie gleichzeitig ihre eigene Schönheit verlieren, die sie in die Dinge stecken, die sie herstellen.

Bebehaja ist jetzt 60. Sie trägt eine fleckige, blaue Burka, so dass ich ihr Gesicht nicht sehen kann. Aber ich höre die Müdigkeit in ihrer Stimme. Sie erzählt mir von dem schmutzigen Geheimnis, dass jeder kennt: das wichtigste Material bei der Herstellung von Teppichen ist nicht Wolle, sondern Haschisch.

„Wenn wir das Haschisch nicht essen, sind wir wie tot“, sagt sie. „Wenn wir es essen, können wir härter und länger arbeiten.“

Frauen wie Bebehaja nutzen das Haschisch regelmäßig, drei mal am Tag. Sie rauchen und essen es zum Frühstück, zu Mittag, zum Abendbrot. Es ist in der Region so verbreitet, dass Frauen es heimlich von jedem Ladenbesitzer zusätzlich zu den alltäglichen Lebensmitteln oder anderen Haushaltsmaterialien kaufen können.

In Qualizal führte die beruhigende Wirkung des Cannabis zu einem schrecklichen Missbrauch, der gewissermaßen die Versklavung einer neuen Generation von Teppichwebern garantiert. Um stundenlang an den Webstühlen arbeiten zu können, geben die Mütter auch ihren jungen Kindern regelmäßig Haschisch zu essen.

„Wir geben es den Kindern, weil sie ruhig sein müssen, damit wir arbeiten können“, sagt mir Bebehaja.

Vor vielen Jahren hatte ihre Mutter das Gleiche mit ihr getan. Beamte der afghanischen Drogenbehörde sagen, diese Methode wird seit mehr als 100 Jahren angewendet und das es keine Anzeichen dafür gibt, dass damit bald Schluss ist. Geschätzte 30.000 Menschen in der Region Kunduz sind chronische Haschischkonsumenten und mehr als die Hälfte von ihnen stammt aus Qualizal.

Die Armut treibt das Teppich- und das Drogengeschäft an. Die Ehemänner tendieren dazu, den ganzen Tag als Bauern auf den Feldern zu arbeiten und die einzige Einkommensmöglichkeit für Frauen, die üblicherweise nur von Zuhause aus arbeiten können, ist das Teppichknüpfen. Aber wer kümmert sich um die Kinder, während die Frauen den Tag am Webstuhl verbringen? Ein Babysitter namens Haschisch.

Eine andere Frau aus der Region, Gohar, erzählt uns, dass sie ihren vier Kindern während der ersten Zeit Haschisch gab. Sie davon loszukriegen, als sie älter wurden, war ein Albtraum für die Kinder und ein langwieriger Prozess, der für ihre schwache Gesundheit verantwortlich ist.

„Als sie zu laufen begannen, habe ich damit aufgehört, ihnen Haschisch zu geben“, sagt Gohar.

In diesem Moment beginnt das Kind in ihren Armen, die 2-jährige Zarifullah, zu weinen. Es ist fast Mittag und normalerweise gibt sie dem Mädchen zu dieser Zeit das zweite kleine Kügelchen Haschisch. Ohne es ist sie ruhelos, weint und ist leicht reizbar—so ähnlich wie bei Erwachsenen, die gerade einen Haschisch-Entzug durchmachen.

Ich habe beide Frauen im Haus von Malika Gharebyra, der Direktorin für Frauenangelegenheiten in Qualizal, getroffen. Da es kein Geld für Behandlungsprogramme oder gar Bildung gibt, versucht sie Aufmerksamkeit zu erwecken, in dem sie süchtige Frauen hierher holt und sie dazu bringt, ihre Geschichten mit den Medien zu teilen. Obwohl das hilft, Aufmerksamkeit für die Probleme zu schaffen, ändert es wenig an der Lage in Afghanistan selbst. Sie erzählt uns die Geschichte einer neunköpfigen Familie, in der alle chronische Haschischnutzer waren, die Kinder mit eingeschlossen. Um an mehr Geld zu kommen und so mehr Drogen kaufen zu können, versuchte der Vater, seine 8-jährige Tochter in die Ehe zu verkaufen.

Für viele der Frauen hier ist der Teufelskreis unerbittlich. Ihre Drogengewohnheiten kosten etwa 200 Afghanis, oder 4 US-Dollar am Tag. Das ist üblicherweise mehr als sie mit dem Weben von Teppichen verdienen.

Auch auf nationaler Ebene gibt es keine wirkliche Hilfe. Der Leiter der Anti-Drogenbehörde der Provinz Kunduz, Abdul Bashir Morshid, sagt, dass er nach NGOs und Spendern von außerhalb sucht, um die Behandlungsprogramme in Qualizal zu finanzieren. Momentan gibt es nur eine Behandlungsklinik in der gesamten Provinz mit  20 Betten für 30.000 potentielle Patienten. Aber am meisten Sorgen macht er sich um die Kinder.

„Ich würde gerne ein Babysitting-Programm aufbauen, in dem wir die Kinder tagsüber von den Eltern trennen, damit diese arbeiten können“, sagt Morshid. „Das ist ein Anfang. Doch es ist gut möglich, dass dieses Problem bereits seit zehn Generationen besteht.“

Auch ist es unmöglich zu sagen, wieviele Generation diesem Problem bereits zum Opfer gefallen sind. Bebehaja kann zumindest ein anekdotenhaftes Indiz dafür liefern. Sie erzählt uns, dass sie neun Kinder zur Welt gebracht hat. Aber nicht eines davon ist heute noch am Leben.

„Ich hab in dieser Zeit sehr viel Haschisch gegessen und auch meinen Kindern davon gegeben“, sagt sie. „Alle starben nach etwa einem Monat. Keines meiner Kinder lebte mehr als ein paar Monate.“

Obwohl es nicht sicher ist, ob sie an den Folgen des Haschischkonsums starben, zeigt die medizinische Forschung, dass Marihuanakonsum während der Schwangerschaft die Wahrscheinlichkeit für einen plötzlichen Kindstot (engl. SIDS) erhöht. Der schwächende Einfluss von THC auf den Atmungstrakt der Neugeborenen, selbst in kleinsten Mengen, spielt dabei eine wichtige Rolle.

„Ich bin sehr traurig, dass ich alle meine Kinder verloren habe. Wenn ich daran denke, fühle ich mich noch schlechter und esse mehr Haschisch. Ich bin süchtig“, sagt Bebehaja.

Sie wünscht sich heute, dass sie viele Dinge anders gemacht hätte. Manchmal, so sagt sie, besucht sie die Gräber ihrer Kinder. Aber ihre Zeit mit ihnen war kurz und es gäbe nicht viele Erinnerungen. Die, die sie noch hat, werden immer verschwommener und sind genau so schwer auszumachen, wie die Stunden ihrer Tage oder die Fäden in ihrem Webstuhl.

Kevin Sites ist einer der Journalisten, die am besten in den Wirren des Krieges gedeihen. Als Yahoos!erster Kriegsberichterstatter zwischen 2005 und 2006 wurde er in diesem Jahr berühmt, nachdem er über mehrere größere Konflikte berichtet hatte. Er ist bekannt für seine multimedialen, selbstständigen Ein-Mann-Reportagen, die die „Backpacker-Bewegung“ einleiteten. Kevin reist momentan durch Afghanistan und berichtet über das chaotische Land und die Kämpfe, während sich internationale Kräfte, wie Deutschland und die Vereinigten Staaten, allmählich zurückziehen.